Brachland

Ciconia

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Welch schönes altes deutsches Wort: brach liegen. Talente können brach liegen. Eine Wiese auch.

Die Feuchtwiese hinter dem Ort war eine Brache, aber innerhalb dieser Brache gab es allerhand Leben. Dann kam die chemische Keule. Das Gras verfärbte sich braun. Entsetzen beim Spaziergang.
Darf der Bauer das? Ja, er darf. Der Hobbygärtner darf nicht. Das Herbizid Glyphosat, gemeinhin als Round-up bekannt, darf auf Freiflächen nur angewendet werden, wenn diese landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt werden. Welch ein Irrsinn!

Tagelanger Lärm von weither. Die Monsteregge, so groß wie drei Traktoren, vergewaltigt die Wiese und legt hässliche blanke Erde frei.
Nichts bleibt, was es mal war: Brutplatz für die Lerchen, Heimat für zahllose Mäusekolonien, Futterstelle für die Störche, Rastplatz für durchreisende Zugvögel.
Wo sollen sie denn alle hin: die Grillen, die jeden Sommerabend für ihre Konzerte nutzen, die Feldhasen, die die riesige Spielwiese schamlos als Rummel- und Rammelplatz verstehen, die flatternden Falter, die schwirrenden Libellen, die summenden Hummeln?
Haben sie den Großangriff überlebt? Sind sie ganz einfach weitergewandert? Ich stelle mir eine riesige Karawane kleiner Lebewesen vor, wie sie mit Sack und Pack ... ach Quatsch, es ist ja gar nicht mehr genug Quartier vorhanden. Auch auf den letzten Äckern wächst jetzt Mais, damit die Menschheit weiter ungebremst Gas geben kann.

Heute Schmunzeln beim Spaziergang: Auf dem geschändeten, langweilig braunen, leblosen Acker ein paar aberwitzige Häufchen, akkurat aufgereiht in gerader Linie: Der Maulwurf hat offensichtlich überlebt.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Diesen Text schrieb ich im Herbst 2013. Zwischenzeitlich ist aus der einstigen Brache zwar kein Maisfeld, sondern ein sattes Biograsfeld geworden (nein, nicht das Gras, sondern Gras für Biogas). Es strahlt ein gesundes Grün aus. Aber es lebt nicht.
 

onivido

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Guten Abend Cicona,
man wird wuetend, wenn man das liest. So zerstoert der Mensch sein Umfeld. Sehr gut erzaehlt.
Gruesse///Onivido
 

Ciconia

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Hallo Onivido,

danke für Dein Interesse an diesem Text.
Ja, der Mensch hat schon viel von seiner Welt zerstört. Und das fängt hier im Kleinen an mit dem Insektensterben.
Aber momentan haben die Menschen ja sowieso andere Sorgen.

Gruß, Ciconia
 

John Wein

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Hallo Ciconia,
Brache, Bruch, Broich oder Moor, Heimat u.a. des Storchen! Man merkt du fühlst dich hingezogen. Diese "unwirtlichen " Gegenden sind ja voller Leben im Gegensatz zu den "kultivierten".
Die feuchten, düsteren, morastigen Gelände animieren für die heimeligsten Gruselgeschichten. Ich sehe Eulen, Elmsfeuer, Gnome und Elfen. Ich schau mal nach in meinem Fundus, da gibt's auch was.
Gruß, John
 

Ciconia

Mitglied
Hallo John,

es war ja „nur“ eine Feuchtwiese, kein großes düsteres Gelände. Aber dennoch: Die Störche sind – glaube ich - mit am meisten betroffen von den immer weniger werdenden Futterplätzen rundherum. In dem Biogras ist ja für sie nichts zu holen.
Ich bin gespannt, wann diesmal der erste Storch in der Gegend auftaucht. Durch die milden Winter kamen sie in den letzten Jahren immer früher.
Danke fürs Reinschauen!

Gruß, Ciconia
 

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