Bruchstücke III

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Otto Lenk

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ge(r)dicht

heute bereiten wir uns ein ge(r)dicht zu. dazu benötigen wir einen beutel buchstabennudeln (oder die buchstaben ihres scrabble), einen kleingehäckselten duden (wenn nicht vorhanden tut es auch ein musenalmanach oder ähnliches), ein oder zwei blicke in die werke ihres lieblingspoeten, je nach bedeutungsschwangerschaftigkeit eine tüte melancholie, einen fingerhut liebe (halt was das ganze seelenleid so hergibt)…und nicht zu vergessen: etwas hiervon und etwas davon. man gebe die zutaten in einen topf und rühre mit einem taktstock im rythmus ihres metronoms (oder das ihres nachbarn) gleichmäßig hierum und darum.
da dies nun ein ziemlich trockenes (kaum zu rührendes) gemisch ist, gebe man einen - oder zwei - oder drei - liter château lafite-rothschild in den topf.
so, das gibt dem ganzen die nötige schwere und tiefe.
nun müssen wir dem ge(r)dicht nur noch den nötigen klang verleihen. zerbröseln sie (die kaffeemühle eignet sich hierzu sehr gut) ein bis zwei lp´s ihrer wahl. sie sollten dabei bedenken, dass die wahl der musik einen wesentlichen einfluss auf das spätere werk hat. stellen sie sich nur vor:
ihr gedacht, in anlehnung an das spätwerk rilkes geschrieben – unterlegt mit hansi hinterseer. oh graus!
alles gerichtet? gut! fertig ist das ge(r)dicht. nur eines noch…
da solch ein lyrisches ge(r)dicht schnell fade schmeckt oder gar im schwülstigen ertrinkt (sollten sie nicht vorher schon im château ertrunken sein), ist es ratsam, mit reich-lich ranicki zu würzen. das bindet ihr wort im geiste der ahnen.

bon appétit
 

Otto Lenk

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wirklichkeiten.

gegen mittag ging ich mit meinem hund spazieren. ich mache das immer so. alleine bin ich so müde…mit meinem hund, auch wenn er tot ist, ist es ganz ok. wir gehen immer den gleichen weg. der tod ändert nichts daran…
…wir gehen also, wie immer, an den gärten vorbei. vorbei am garten der alten chinesin, die dort stets auf dem boden kniet und vor sich hinmurmelt. spricht man sie an, hebt sie den kopf und lächelt. dabei nickt sie unablässig mit dem ganzen körper.
sie hält mich für einen buddha, denke ich.
ich fragte sie mal, warum sie ständig auf dem boden kniet und murmelt. sie sagte, man müsse dem reis gut zusprechen, sonst könne er nicht wachsen. aber hier wächst kein reis, antwortete ich ihr. das könne nur daran liegen, dass ihre ansprache nicht gut genug sei, meinte sie.
gegenüber ist der garten vom alten mayer. ja, genau…ar*chloch-mayer. in stalingrad hat ihn ein schrapnellsplitter am hirn gekitzelt. die russen haben ihm ´ne metallplatte in den kopf gemeißelt. von da an war er ar*chloch mayer. alle menschen, denen er begegnet, schreit er an:
du ar*chloch, ar*chloch du!
na ja…für die, die ihn nicht kennen, ist es schon blöd, aber wir hier im dorf haben uns daran gewöhnt. alle sind ar*chlöcher für ihn. auch die tiere. nur die hunde nicht. die hunde lieben ihn und er die hunde. auch meinen hund.
ich stehe also da und grüße ar*chloch-mayer… und er antwortet direkt: du ar*chloch, ar*chloch du!
dann sieht er meinen hund und kommt zum zaun. mein hund beginnt wie krank mit dem schwanz zu wedeln und mayer registriert das und lächelt. ich frage mich wirklich, wie mayer einen toten hund sehen kann.
ein stück weiter des weges sitzt ´ne einsame krähe auf einem einsam dastehenden baum und erkrächzt uns was von der melancholie des herbstes. mein hund mag weder herbst noch krähen. wütend bellt er herbst und krähe an, worauf sich der vogel verzieht. der herbst bleibt.
hier draußen im feld hat die sonne keine chance gegen den wind. die spuren der störche sind längst verweht. vom himmel winkt eine drachenwolke. ein stattlicher bursche. mit seinem schwanz ersticht er die sonne, worauf sie vom maul des drachen verschluckt wird.
ohne sonne macht es hier echt keinen spaß. mein hund meint, wir sollten gehen.
zwischen den fachwerkäusern lässt es sich gut vor dem wind verstecken. winfried steht am briefkasten und unterhält sich mit ihm. das macht er immer so. er hat sonst niemanden zum sprechen. seine mama ist bei der geburt gestorben. er beinah auch. sein hirn hat zu wenig sauerstoff gekriegt, irgendwie. dann hat ihn oma großgezogen. aber oma ist nun auch schon lange tot.
winfried ist knecht. er hilft den bauern. mist wegmachen und so. der bechtebauer hat mal gesagt, wenn der winfried mit den kühen spreche, wäre die milch noch mal so gut. er hätte so eine beruhigende stimme. na…ich weiß ja nicht. winfried stottert wie blöde. bis der guten morgen gesagt hat, ist es guten abend. mir soll´s recht sein. kühe sind eh blöd.
ich frage winfried, mit wem er denn spreche. mit dem brief von der hübschen jungen frau dort, antwortet er. das sei ein liebesbrief für ihn und er beantworte ihn gerade. der winfried hat echt einen hau, sage ich euch.
mit seiner linken hand öffnet und schließt winfried den deckel des briefkasten und spricht dabei mit verstellter stimme, die wohl die frau sein soll. anschließend antwortet er ihr mit seiner stimme.
>ich geh dann mal lieber>, sag ich, schnapp mir meinen hund und geh.
so! jetzt habe ich euch alles wichtige von heute erzählt. nun gehen wir schlafen. gute nacht bild. gute nacht gummibaum und gute nacht mein lieber stuhl. und all ihr anderen…schlaft auch gut.
gut, dass ich nicht alleine bin, denke ich für mich und schließe die augen.
 

Otto Lenk

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Il cimento dell'armonia e dell'inventione op.8 no 1 - 4

sonnensplitter auf der zunge.
die seele voller busstationen.
auf und davon -
aus und vorbei und gut so.
im hintergrund – weiß,
mit einem hauch von bald.
 

Otto Lenk

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Herbstwindkind

Herbstwindkind, mein Herbstwindkind,
schenke mir ein buntes Blatt,
schick´ es auf die Reise.
Lass es tanzen, lass es fliegen,
in mein Seelchen, in mein Herzchen,
auf dass es dort ein Licht entfacht.
Es ist so herbsten trüb in mir,
so gräulich grau, so weh und ach.

Mir ist, als wär´ der Horizont,
der sonst so fern, zum Greifen nah,
dass keine Weite in mir bliebe.
Kein Traumland mehr,
das ich mit meinen Träumen
könnt´ bereisen.

Herbstwindkind, mein Herbstwindkind,
schenke mir ein buntes Blatt.
Es wird mir lichte Insel sein,
in dieser Zeit, die steht und steht,
in der so alles ist und ist
im Hier und Jetzt. Kein Morgenrot,
kein Land, kein Horizont, nur Grau
dort draussen und in mir.
 

Otto Lenk

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pssst.

mir wird ganz
ich

es ist
als lege sich
ein alter brauner bär
zum schlaf
über mein land

er träumt mich
über ´s winterweiß
hinweg

mir wird ganz
ich
 

Otto Lenk

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netzhaut.

immer wieder
tätowiere ich
bilder
auf meine netzhaut,
um ein leben lang,
spinnengleich,
über sie hinweg
zu tasten.
 

Otto Lenk

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es ist zeit.

es ist zeit. die kraniche ziehen.
in meinen träumen bin ich am meer. sammle muscheln.
gebe ihnen namen. die schönste benenne ich nach dir.
am morgen schwimme ich zurück, in deine arme.
erzähle dir von spuren im sand, von verzauberten muscheln.
zeige dir die eine, die nun deinen namen trägt. halte sie an dein ohr. sie ruft dich.
am himmel ziehen kraniche.
es ist zeit.
 

Otto Lenk

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mir ist

mir ist so
…anders.
mir ist,
ich weiß nicht recht.
mir ist nach
horizont
und
weit, weit weg,
zu mir.

mir ist
nach dir.
 

Otto Lenk

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wenn

wenn ich eines tages groß bin
werde ich die welt verändern
sie runder machen – so ohne ecken halt
und nicht so schnell werde ich sie machen
mehr so wie ´ne welt sich halt dreht
langsam und mit bedacht
und die ecken werde ich auf den mond schießen
dort können sie dann mit den runden kratern
tic tac toe spielen
und sollten sie sich einigen
- dort oben auf dem mond -
sagen wir auf quadratisch
dürfen sie wieder auf die erde kommen
da machen wir ´ne schokolade aus ihnen
und die lutschen wir dann
ganz langsam - grad so
wie die welt sich dreht
 

Otto Lenk

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im moment.

im moment.
rechtes ohr tinnitus.
links:
marienhof!
darüber geräusche,
die weder worte kennen
noch gedanken.
die sich verfühlen,
im hirnquantenkissen.
hätte ich ein waffe,
mein spiegelbild wäre längst tot.
herzlich willkommen
in meinem rausch.
gott hat mich erfunden.
ich höre ihn. rechts.
ein zeichen.
von gnade.
hätte ich eine waffe…
ist gott sterblich?
bin ich es?
diesen einen ring
des saturn
gibt es nicht wirklich.
ich habe ihn gemalt.
meine schuld.
mea culpa.
wenn es dich gibt,
hasse mich.
gibt es mich,
bleibt nur liebe.
du bist,
sagt mein hirn.
ja, sagt mein spiegelbild.
du mich auch.
draußen
erniedrigt der herbst die natur.
alles ist nackt und kalt
und müde.
nur du lächelst.
wirst du nie müde?
nie!
schlaf,
schlaf doch endlich!
du ich du!
 

Otto Lenk

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zurück.

zurückkehren? warum?
wohin – zurück?
ich trank alles bier,
weinte jede gottverdammte träne.
fickte mit jeder abgefuckten hure der stadt.
ritzte herzen in meine haut.
eins ritzte ich in den baum,
an dem du dir das leben nahmst.
warum sollte ich kommen?
kennst du den laut deiner schritte in der nacht?
ich schon.
warum sollte ich deren nachhall hören wollen?
um der vergangenheit willen? vergiss es!
zu viele zeichen – überall.
kein fenster aus dem ich nicht geblickt.
ich spie die leere aus den räumen dahinter
ins freie – löschte alle flammen.
wäre ich dort, die fenster sähen mir nach,
aus toten dunklen augen -
wissend um den dieb.
der ort ist in mir.
habe seine seele aufgefressen.
egal wo ich auch bin.
ich bin immer dort.
manchmal lache ich darüber,
doch meistens sitze ich in einer ecke
und weine. ritze mir mit wunden händen
herzen in die haut.
 

Otto Lenk

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das braucht es nicht.

ich wollte dir eine rose bringen.
nicht mit leeren händen vor dir stehen.
doch ich bin immer nackt vor dir.
vor diesem stein, der deinen namen trägt.
 

Otto Lenk

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inaniel

ein dumpfer glockenton,
der nicht verklingt.
ein bild,
aus asche auferstehend,
sich immer wieder
selbstverbrennend.
ein hoffnungsschimmer,
der im traum beginnt
und stirbt.
eine träne,
die ihren weg nicht findet.
eine trauer,
die das leben bindet.
ein sterben,
das nie wirklich endet.
ein ich,
das leise ist.
dessen wesen
in all jenem mündet,
das ihn geformt
und still beweint.
 

Otto Lenk

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ausklang

nachts, wenn die träume ihre kulissen aufbauen, der mond, sich hinter wolken versteckend, nach gründen für sein halbes gesicht sucht, jeder schlag der kirchturmuhr ein tiefes oommm hinter sich herzieht, der efeu sich nach und nach durch unser zimmer rankt, licht und schatten, von vorbeifahrenden autos in den raum geworfen, „ich fang dich“ spielen, das ticken und tacken des weckers, schon längst nicht mehr nervend, mehr willkommener schlaftrunk, das grüne standby des receivers an einen leuchtturm in den tiefen des grau und schwarz erinnert…lausche ich heimlich der spinne beim bau ihres netzes, beobachte glühwürmchen beim irrenden-wirrenden flug und erzähle dir still von meiner liebe.
 

Otto Lenk

Mitglied
ausklang II

voll des weines
die zunge angespitzt
federn gedankengänge
übers lose mundwerk
in die dunkelheit

alles schweigt
und lauscht – selbst du
geliebte nachtigall
bist still



ich beobachtete den alten mann nun schon seit einigen wochen…
erst vor kurzer zeit war ich der arbeit wegen an diesen ort gezogen. abends, kurz vor sonnenuntergang, zog es mich zu den klippen. dort konnte ich den tag, meine gedanken, mich selbst an mir vorüberziehen lassen.
…er kam, ging über den steg zu seinem kleinen boot, kletterte hinein und ruderte hinaus aufs meer. auf seinem rücken trug er einen rucksack. sein tun wiederholte sich immer wieder aufs neue. er ruderte hinaus, öffnete den rucksack, entnahm ihm zehn unterschiedlich große steine und warf sie ins meer.
eines abends setzte ich mich auf den steg und wartete auf ihn. als er schließlich kam, fragte ich ihn, warum er immer hinausrudere und steine ins meer werfe.
„ich baue mir eine insel“, antwortete er. „schon seit vierzig jahren komme ich hier her, rudere hinaus, wann immer es das wetter zulässt. nun ist sie beinahe fertig, meine insel.“
ich sagte ihm, dass seine insel doch unter wasser sei, er sie nie berühren, nie auf ihr wird laufen können. er lächelte mich an und sagte, dass es darauf nicht ankäme.
inzwischen sind einige wochen vergangen. ich habe den alten mann beim bau seiner insel beobachtet. anfangs belächelt, ihn einen spinner getauft. doch mit der zeit…
heute früh kaufte ich eine tüte grassamen. ich werde sie dem alten mann schenken. er soll sie mit hinaus aufs meer nehmen. ein wenig grün sollte seine insel schon sein.
 

Otto Lenk

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still crazy

"still crazy after all these years" klingt es aus dem radio.
ich denke an den letzten abend…wir zwei bei reinhard mey.
er, der so gerne an gesterntüren klopft. wir sitzen da,
in diesem raum, der erfüllt von erinnerungen, zum kino im kopf wird.
maikäfer fliegen und die welt ringsherum wird nichtig und klein.
...paris, wir beide, hand in hand. geliebte menschen gehen…
ja, es gibt kein heimkommen mehr.

dann…diese melodie, die erste zeile:

wie vor jahr und tag liebe ich dich doch, vielleicht weiser nur und bewußter noch.

ich spüre deine hand, die zärtlich meinen rücken hoch- und runterstreichelt und die träne in meinem auge sagt mir...

alles ist gut.
 

Otto Lenk

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Ausklang VI

Es beginnt zu schneien. Im Schein der Kirchturmbeleuchtung tanzen Fledermäuse und Schneeflocken um eine unsichtbare Mitte. Der Baum vor unserer Tür sucht Halt in seiner Kargheit. Das Land vor meinem geistigen Auge erscheint bereinigt. Es atmet aus, wartet auf den Schnee, der Stille bringt. Aus leeren Augenhöhlen fließen schwarze Tränen. Die Erde fleht um einen letzten Trost. Ich ritze mein Handgelenk auf, schenke ihr mein Blut. Im nächsten Frühling werden hier Vergissmeinnicht blühen. Die Nacht spricht ein letztes Gebet.

Ein Leben.
Aus-
gedacht
für die Zeit
danach.
 

Otto Lenk

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freiheit

in dieser nacht
wuchsen schatten
aus ihren träumen
sie lag da wie tot
wie leichenstarr
wachte
dem ersten licht
entgegen
fragte sich
ob sie das ist
das ihr so fühlbar nah
so dunkelschön
so traurighell und klar
dann stand sie auf
tanzte den tanz
der letzten tage
ganz frei von allem
was sie einmal war
und ist und wird
fühlte sich - dachte
ja
ich bin
ja
 

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