Bruchstücke III

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Otto Lenk

Mitglied
Das Licht im Keller ersetzt die fehlende Sonne.
Meine Akkus werden per Kabel aufgeladen.
Alles nur ein Spiel. Allein die Maskerade zählt.
Jeder kann sein was er will.
Scheiß auf's Herz. Es spielt keine Rolle.
Ich bin wer ich will, wer ich will.
Und du, du aufgehübschstes Bild?
Welcome to the land where nobody gives a fuck,
spricht es zu mir. Und wir beginnen zu spielen.
Ein jeder ein Spiegelbild keines selbst.
Wir wissen es. Und es tut gut.
Weil niemand mehr wirklich ist,
wirklich sein will. Alles ein Abziehbild.
Wir erscheinen auf dem Catwalk der Phantasie.
Jeder ein darstellender Künstler.
Keine Wirklichkeit, alles Phantasie.
Und wir berauschen uns daran.
Entsprechen einem idealen Bild von uns selbst,
von dem wir wirklich glauben, dass es ist.
Und so haben wir uns einen neuen Gott erschaffen.
Einen Gott, der uns durchschaut.
Uns verplant und lebt.
Und wir huldigen ihm. Jeden Tag.
Weil wir gläubig sind.
Immer schon gläubig waren.

Es denkt uns.
Schau ins Licht!
 

Otto Lenk

Mitglied
Ich stehe still

Folge den Gedanken
verlorener Tage...


Auf den Feldern liegt die Traurigkeit des Oktobers.
Selbst die zwischen dem Grau hervor gepressten Sonnenstrahlen vermögen nichts.
Diese seltsame Kontrastlosigkeit zwischen Himmel und Erde.
Was soll sein, wenn man sich nach dem Winter sehnt?

...wie langsam
sie kommen und gehen
 

Otto Lenk

Mitglied
Bei dir

Willst du mir folgen
ganz tief
in mich hinein
auch auf die gefahr hin
alles
wirklich alles von mir zu sehen

Willst du sehen
was ich meinem spiegelbild nicht anvertraue
dem gesicht hinter dem gesicht

Ich reiche dir den schlüssel
für alle koffer, den geheimen safe

Sei gewiss
was auch immer du findest
ist nur der grund
warum ich heute hier
genau hier
an deiner seite stehe
 

Otto Lenk

Mitglied
Du!
Ich meliere ja nun langsam ins Gräuliche.
Da wächst das innerliche Grauen ins Äußerliche.
Wenn ich nur irgend was von einem Gigolo hätte.
Aber denkste!
Der gigolone Anblick bleibt spätestens am Bauch hängen.
Im Liegen gleiche ich einem Horizont bei Sonnenuntergang.
Da kannste keinen Blumentopf ernten, höchstens bedauernswerte Blicke.
In der Art: Mein Gott, wie hast du dich verändert.
Helfen dann auch keine erläuternden Hinweise auf Stoffwechsel und Sarkopenie.
Alt, grau und fett, steht in den Augen deines Gegenübers.
Am Ende bleibt dann nur noch seismisches Runterreden, wie:
Ja, ich geh auf die 60 zu. Ha, ha. Und ja, Opa bin ich auch!
Und nix wie ab.
Zu Hause suchste eine Erhöhung, um dir die Schnürsenkel aufzubinden.
Das Problem...haste eine gefunden, musste irgendwie über die künstliche Sonne blicken.
Verzweiflung pur!
Ja, das Alter hat ganz neue Abenteuer im Gepäck.
Aber natürlich nur wenn du Mann.
Ei die weil Frau auf einem anderen Planeten lebt.
Dem Planeten der Erfüllung.
Faltet sich bei ihr das Gesicht, kommt die Anti-Aging-Agentur.
Wheight Watchers wachen über ihr Gewicht, ganze Konzerne widmen sich gesplisstem Haar.
Vom Schönheitschirurgen werden Bäuche in den Hintern verpflanzt.
Spricht Mann Frau auf das Missverhältnis der Möglichkeiten an, heißt es lapidar:
Ein Mann ohne Bauch ist wie ein Himmel ohne Sterne. Du bist schön, so wie du bist. Es blablablaht.
Und schon sehe ich wieder den Horizont und meinen Stern.
Dabei klimpert mein Engel liebevoll mit ihren künstlichen Wimpern, die sie sich angeklebt hat,
um in ihrer reinen Frauen-Nordic-Walking-Gruppe darzustellen.
Trekkingstöcke, Haarteile, Klämmerchen und Döschen.
Längst ist der Name Alibert ad absurdum geführt.
Ganze Arsenale von Second-Hand-Artikeln lagern darin.
Damit einhergehend sehr eingeschränkte Nutzungszeiten des
Bades.
Na ja!
Längst hat Mann sich in sein Schicksal ergeben.
Es ist halt wie es ist.
Ich werde weiter vor mich hin melieren und versuchen
gleich einem Inka die Sonne anzubeten.
 

Otto Lenk

Mitglied
Ich bemühe mich.
Es mag sein,
aber nie.
Mein müdes Herz geht.
Früher.
In den Herbst. Hinein.
Mein. Sein.
Wo der Wind den Spinnen ein Netz webt.
Hinein.
Mein Sein.
Schließ es ein, spinn es ein.
Mein Herz.
Damit es nicht zerbricht.
Am Sein.
 

Otto Lenk

Mitglied
Es ist Herbst.

Und schon sind wir mittendrin.
Im Dilemma.
Ist doch alles schon gesagt.
Da gibt’s nix mehr.
Die Melancholie lacht sich längst tot,
über die immer gleichen Phrasen.
Noch ein ‚Ach‘?
Ach lieber nicht.
Das Licht und Schatten fangen spielen.
Ja, ach ja.
Vögel Süden, Wind aus Norden.
Blätter bunt, Blätter ab.
Raben, Krähen.
Herz. Liebe. Seele. Grau.
Viel Schmerz, kein Haus.
Und Nebel, Nebel, Nebel.
Dazwischen Licht.
Goldene Oktobertage.
Dann wieder nicht.
Und noch ein Ach und Oh,
und Schmerz und Wind und Vogel weg
und Krähe da und sieh das Licht
beziehungsweise sieh es nicht.
Melancholie Melanchola,
es ist schon wieder Herbst,
und ich, ich spür ihn nicht.

(Danke für die 3, du blinde Nuss)
 

Otto Lenk

Mitglied
Herbstwindkind, mein Herbstwindkind,
schenk mir ein buntes Blatt,
schick´ es auf die Reise.
Lass es tanzen, lass es fliegen,
in meine Seele, in mein Herz,
auf dass es dort ein Licht entfacht.
Es ist so herbsten trüb in mir,
so gräulich grau, so weh und ach.

Mir ist, als wär´ der Horizont,
der sonst so fern, zum Greifen nah,
dass keine Weite in mir bliebe.
Kein Traumland mehr,
das ich mit meinen Träumen
könnt´ bereisen.

Herbstwindkind, mein Herbstwindkind,
schenk mir ein buntes Blatt.
Es wird mir lichte Insel sein,
in dieser Zeit, die steht und steht,
in der so alles ist und ist
im Hier und Jetzt. Kein Morgenrot,
kein Land, kein Horizont,
weder dort draußen, noch in mir.

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Otto Lenk

Mitglied
Natürlich ist es
Liebe
Ein wenig anders
In ruhigeren Bahnen
Einem bunten Herbst gleich
Warten wir auf den Wind
Der uns in den Winterwald trägt
Wo sie schon auf uns warten
 

John Wein

Mitglied
Lesevergnügen

Was ich dir schon immer einmal sagen wollte: dass ich bei deinem Tagebuch gern vorbeischaue und darin lese. Es ist für mich ein richtiges Lesevergnügen. Dein "Herbstwindkind" kenne ich schon aus früheren Jahren. Ich kann es fast auswendig, weil ich es immer wieder einmal nachgelesen habe. Ich mag einfach, wie du schreibst und grüße.
 

Otto Lenk

Mitglied
Ich sitze vor einem Haufen Chicken McNuggets und versuche zu ergründen welchen Einfluss diese auf die permanente Ausdehnung des Universums haben.
'Vergiss nicht die Barbecue-Soße mit einzubeziehen', sagst du,
nachdem ich dir von meinen Gedanken erzähle.
Du blickst aus dem Fenster. Deine Augen fangen das Grau ein. 'Übersetz mir die Namen der Farben in Bilder, der Herbst macht mich vergessen', sprechen sie.
'Gestern sah ich dieses Paar in einem Park auf einer Bank sitzen. Sie saßen stumm da. Bei manch einem anderen Paar hätte man den Eindruck gewinnen können, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Aber dieses Paar ruhte in sich, um ihre unantastbare Liebe wissend, die ich förmlich spüren konnte. Dieses Bild, wie sie das saßen und über den kleinen Teich sahen, umgeben von Bäumen, die langsam in den Winterschlaf hinübergleiten...die perfekte Verbindung zwischen Haiku und Senyru bildend.Ich dachte an uns, und dass ich mir genau dies für uns wünsche'.
Dein Blick wandert zu mir. In deinen Augen schimmern alle Farben des Herbstes. Wir sitzen stumm an diesem Ort und wissen um die permanente Ausdehnung unseres Universums.
 

Otto Lenk

Mitglied
Ein wacher Geist
blickt aus deinen Augen
Schlaganfall
Du kannst nicht mehr alleine
Sagten sie

Nun bist du hier
Umgeben
Von vielen toten Geistern
Allein
Und redest nur mit dir

Erzählst von deiner Wohnung
Deinem Mann
Der am Krebs verstarb
Von deinen Kindern
die schon öfters kämen

Doch fehlt die Zeit

die du schlurfend
den Gang auf und ab
dich gedanklich in immer gleichen
Kreisen drehend
tot trittst

Wohnung
Mann
Krebs
Kinder



https://scontent.ftxl1-1.fna.fbcdn.net/v/t1.0-9/14717240_1320891631264159_844463326627967803_n.jpg?oh=665676e4aa28faedeee94315225b1bc3&oe=5888C911
 

Otto Lenk

Mitglied
Alles ist dunkelbunt.
Mir ist nach Kastanien, Tee,
einem offenen Feuer.

Ich führe Gespräche
mit den Spinnen, die meine Ecken
und Winkel dekorieren.
Gebe ihnen Namen.
Eli ist besonders.
Ihre Netze sind anders.
Ungleichförmig.
Ein Gespinst aus Verlorenem.

Ob sie um den Dezember weiß?

Alles ist dunkelbunt
in dieser Zeit.
 

Otto Lenk

Mitglied
Du!
Jetzt die Marion.
Meine geliebte Schwägerin.
Weißt schon...die wir jedes Jahr auf Fehmarn besuchten.
Marion, die mit Elis Bruder verheiratet war.
Drei Jahre Kampf um jeden Atemzug.
Wirst jetzt vielleicht denken: Warum schreibt er jetzt?
Ich muss.
Weil´s mir sonst das Herz zerreißt.
Marion war an meiner Seite als Eli starb.
Ohne sie wäre es hier im Haus nicht weitergegangen.
Zwei Jahre an meiner Seite.
Das mit den Kindern wäre ja noch zu Händeln gewesen.
Aber Inge...ohne Hilfe?
Mit ihr kam immer ein wenig Licht ins Haus.
Selbstlos. Selbstverständlich.
Am 02. Dezember wollten wir nach Fehmarn fahren.
Ihren 60sten feiern.
Wohl wissend, dass es ihr letzter Geburtstag sein wird.
Vor ein paar Wochen war sie noch einmal hier in Delkenheim.
Es war ihr wichtig, noch einmal ihre Heimat zu besuchen.
Jeder Atemzug so schwer.
Keine Kraft, nur noch Haut und Knochen.
Dieser Höllenhund Krebs.
Der 02. Dezember.
Mein, unser Tag.
Ihr Geburts- mein Todestag.
Ich musste sie anrufen, ihr von Eli erzählen.
Dass ich jemanden bräuchte für die Kinder.
Jetzt, an ihrem Geburtstag.
Eli war wenige Minuten davor in meinen Armen gestorben.
Der Arzt brachte zwar ihr Herz wieder zum Schlagen,
aber ich wusste, dass ihr Geist sie verlassen hatte.
Ich brauchte jemanden für die Kinder.
Marion beendete die Party und kam.
An ihrer Seite die beste Freundin.
Uschi.
Wer hätte ahnen können...
dass ich ihr mein ganzes heutiges Leben zu verdanken habe.
Wir wollten sie so gerne an ihrem Geburtstag überraschen,
mit Stephan, Mareen und Muri an unserer Seite.
Marion hat uns allen so viel Liebe geschenkt.
Besonders mir.
Aus allem was sie anfasste entstand Liebe.
Nun wird die Reise zu ihr die erste sein, bei der ich mich nicht wie ein Kind freue,
wenn ich über den Fehmarnsund fahre.
Die Brücke war auch immer eine Brücke zu ihr.
Wie soll ich nur ihren Freund, die Tochter und den Enkel trösten,
wo ich selbst so untröstlich bin.
 

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