Bruchstücke III

4,60 Stern(e) 58 Bewertungen

Otto Lenk

Mitglied
Hier wächst alles
über nacht
hirngespinstig
traumverloren
in den morgen

So rankt sich
mancher alpinist
tief in den tag hinein

Und geile lust
tagsüber schamverhüllt
[im dunklen untergrund
dagegen lichten
unverhüllt]
bleibt bloß
gedankengut

Träume
zart
bewahrt

Verloren

Im gedankenlos

Wächst alles
über tag
hirngespinstig
traumgefunden
in die nacht
 

Otto Lenk

Mitglied
Du!
Ich bedanke mich oft bei den Geistern des Ungemachs.
Renne ich mir z.B. den Kopf: Danke...vielen Dank!
So als gäbe es eine höhere Instanz, die dafür verantwortlich wäre.
Und schon beginnste an deinen Zweifeln zu zweifeln.
Liegt vielleicht daran, dass du dir gerade den Kopp...
...wie auch immer. Schon gehts los. Von wegen:
Gibts das eine Gemach, warum nicht die anderen auch?
Glücksgemächer, Liebesgemächer, haste-nicht-gesehen-Gemächer.
Krieg und Friedengemächer. Halt so en ganzes Universum voller Gemach. Und dann muss es ja auch Mitarbeiter geben in den Gemächern. Von den ganz Kleinen, bis zu den Großen. Halt wie überall in den Gemächern. Und die, nennen wir sie 'Gemachsleiter', treffen sich bestimmt mit den anderen Leitern. Ei die weil sie der Obergemachsleiter zu einer Sitzung eingeladen hat.Von wegen:
Das iss gut, daran muss noch gearbeitet werden.
Da sitzt also der Oberleiter und sagt zu seinen Unterleitern:
Also hier. Lassen sie uns diesen Fall anschauen.
Und dann zeigense mich. Wie ich mir den Kopp renn!
Danke...vielen Dank!
Und dann der Oberleiter: Das ist gut. Hier meine Herren, beginnt der Zweifel. Aber leider ist der Zweifel nur von vorübergehender Dauer. Da muss mehr her. Sagen wir...ein dauerhafter Bumms! Also nicht so zaghaft, meine Herren.
Da muss die Hemisphäre schon mal richtig angekratzt werden.
So wie wir es von Hause aus bei den zukünftigen Pfarrern tun.
Die dürfen halt nicht mehr klar denken dürfen. Um ihrer selbst Willen, versteht sich. Ein anständiger Bumms, fertig ist der Gläubige. Also, meine Herren. Ein wenig mehr Engagement, wenn ich bitten darf. Schließlich geht es um den Fortbestand des Himmels. Ohne den Glauben der Erbummsten, werden wir sterben. Ruck Zuck sind wir den Himmel los.

Während ich mir noch den Bumms reibe schaue ich in den Spiegel und denke: Heilige Scheiße. Hoffentlich haste jetzt nicht wirklich hinter die Kulissen geschaut. Wenn die das mitkriegen, wirds bei mir demnächst mächtig Bummsen!
Na 'vielen Dank'!
 

Otto Lenk

Mitglied
It's okay, it's alright.
Now it's okay to say good night.



Hauche an die Scheibe
Mal ein Herz hinein
Zupfe Blütenblätter
bleibt niemals ein Nein
Frühlingsflatterhaftig
schwerelos schwebend
blicke ich dir in die Augen
~mein stiller blauer Ozean~
tauche hinein
Finde
in deinen Gedanken
Herzen
Blütenblätter
Frühlingsflatterhaftes fliegen
Kein einziges Nein
 

Otto Lenk

Mitglied
Vernaschungskünste

Langsam, ganz langsam
ziehe ich dir deine lila Verkleidung
über die Ohren
Berühre mit meinen Lippen
deinen nackten braunen Körper
Knabbere dich lustvoll an
Oh!
Zerschmelzen sollst du
auf meiner Zunge
 

Otto Lenk

Mitglied
Auf dem Schild des Zahnarztes,
am Haus neben der Trauerweide,
steht: Paradontose Behandlungen.
Davor ein kleiner, buckliger Kerl.
Entweder ist es die Weide,
die seinen Blick trübt,
oder er kommt oben vom Berg.
Dort steht die Klinik für Psychiatrie.
Vielleicht paradontose Behandlung im Kopf.
Mein Name ist Annata, sagt er.
Meint er mich oder die Weide?
Ich vertrete die reine Lehre der vielschichtigen Eindeutigkeit,
bin der Meister des Jeins.
Auf mich kannst du dich verlassen,
wenn du verlassen sein willst.
Sein T-Shirt zeigt ein Portrait Pessoas, darunter die Worte:
Das Vollkommene ist unmenschlich,
denn das Menschliche ist unvollkommen.
Er lächelt zahnlos vor sich hin.
Ein Taxi hält.
Der kleine bucklige Mann steigt ein.
Der Fahrer scheint nach dem Fahrziel zu fragen
und der Finger des Mannes zeigt nach oben.
Ob er den Himmel, den Berg oder die Weide meint...

...wer weiß?
 

Otto Lenk

Mitglied
In meinen Augen schwimmen kleine Fische,
in den Ohren piepst ein heller Ton.
Die Schultern sind gefroren wie der Nordpol
und meine Hypophyse spielt das Lied vom Tod.

In meinem Schädel hat sich Migräne eingenistet,
in Nachbarschaft zur steigenden Demenz.

Das Netz der Leiste ist durchlöchert wie ein Käse,
der 3. Lendenwirbel blockt und bockt wie Tier.
In den Knien knacksen die Arthrosen
und meine Haut gleicht grobem Schleifpapier.

Da waren einst auch Muskeln, wahre Berge,
doch nun hat Pudding sie kaschiert.

Was da noch bleibt sind all die bunten Pillen,
sie suggerieren mir ein Bild aus jener Zeit,
die längst vergessen,
in einem alten Fotoalbum weilt.
 

Otto Lenk

Mitglied
Gerade als ich an dich dachte,
spiegelte sich ein engelsgleicher Schatten
auf dem Asphalt.

Ich weiß um die Störche hier,
doch ich blickte nicht nach oben.
Dieser Augenblick gehörte dir allein.
 

Otto Lenk

Mitglied
Du bist meine Gravitation.
Nicht im Sinne von Schwerkraft,
mehr so mondenleicht, denke ich,
während ich nach oben blicke
und den Mond beim Versteck-
und Kuckuckspiel beobachte;
unter/übermalt
vom zarten Zirpen einer Grille.

Wie in Zeitlupe bewege ich mich,
tanze schwerelos im flatterhaften Licht.

Im unendlichen Raum
ist der Mittelpunkt überall,
flüstert der Mond,
während du lächelnd auf mich zukommst
und meine Seele berührst.

Es kann kein Zufall sein,
dass sich im Wort Traum der Raum findet.
 

Otto Lenk

Mitglied
Östlicher Wind trägt die Geräusche der A66 in mein Schlafzimmer.
Ein Mercedes mit eingeschaltetem Fernlicht hält über mir.
Das Fenster öffnet sich und ein Gesicht erscheint.
'Wo soll`s denn hingehen'?
'Ähm...keine Ahnung'!
'Das ist ja wieder typisch. Erst ein Taxi bestellen und dann nicht wissen wohin'.
'Taxi'?
'Ja klar'!
'Na, wenn das so ist! Was haben sie denn so im Angebot'?
'Sehr gerne wird die Reise zurück gebucht'.
'Die Reise zurück'?
'Ja. Halt Stationen der Vergangenheit anfahren'.
'Klingt gut'!
'Aber ich warne. Oftmals entsprechen unsere Bilder der Vergangenheit nicht der Wirklichkeit.
Der Mensch neigt dazu, die Zeiten zu korrigieren. Unbewusst. Auf der Straße zurück
wirst du alles mit unverklärtem Blick sehen'.
Ich greife die Hand, die sich mir entgegenstreckt...

...und wache mit Tränen in den Augen auf.

Über mir steht ein Mercedes mit eingeschaltetem Fernlicht.
Aus dem geöffneten Fenster blickt mich ein Gesicht freundlich lächelnd an.
'Diese Fahrt war umsonst, Kumpel. Und wenn es dir zu viel war, kannst du immer noch denken:
Alles nur ein Traum'.
 

Otto Lenk

Mitglied
Immer. Und immer wieder aufs neue.

Natürlich erwartest du einen besonderen Horizont.
Deswegen biste ja da.
Wegen dem Horizont.
Und der Sonne, die dort baden geht.
Und all den Farben.
Und diesen aaahhhhhhhhhs und ooooooooohhhhs.
Aber irgendwann haste alle gesehen.
Alle Horizonte.
Die drinnen und die draußen.
Hat sich was von wegen Ah und Oh.
Scheiß Sonne, Scheiß Horizont und scheiß auf all die Farben.
Einfach nur ein Strich, ein Rund und bunt. Fertig.
Kannste dir auch keinen Reim mehr drauf machen.
Ei die weil die alle hinterm Horizont untergegangen sind.
Mitsamt all dem, was du da hinein und dahinter interpretiert hast.

Und dann kommt dieser Augenblick.
Ein Segelschiff, das auf dem Horizont wie schwerelos zu balancieren scheint.
Eingehüllt ins gelbe Rund und einer kunterbunten Wolkenpalette.
Da sind wieder, diese aaahhhhhhhhhhhhs und oooooooooohhhs.
Und schon beginnt sich dein Kopf einen Reim aufs Bild zu machen.
 

Otto Lenk

Mitglied
Manche Tage
haben etwas von diesem Unbewussten
das sich still über alle Dinge legt
Die Schaukel
vom Wind sanft hin und her bewegt
Gedankenwiege
Erfüllt von Vergangenheiten
die nur in diesen seltsam vertrauten
fremden Momenten wiederkehren

Meine Seele gleicht einer Geige ohne Saiten
Eine Spinne hat sie gestohlen und
zu einem Netz verwoben
Merkwürdig
Sehe ich ein Netz, frage ich mich
Ob wohl meine Seele darin wohnt

Unten am Bach
lass ich die Füße baumeln
und warte auf mich
Tage später
gehe ich dort spazieren
Fühle einen Teil von mir
noch immer dort sitzen und warten
Nehme in mir Platz und lausche
meinem Klang
 

Otto Lenk

Mitglied
Der Mond steigt groß und silbern über der dunklen Silhouette des Nachbarhauses empor.
Irgendwo dort ficken zwei.
Ihr brunstiges Gestöhne wird vom Zirpen der Grille in unserm Garten untermalt.
Nächtliche Idylle.
Mir bleiben allein die ewig gleichen Sterne,
die einem mit ihrem eiskalten Blinken ihre Gleichgültigkeit beweisen.
Diese unwirkliche Berührung mit der unerfüllten Erfüllung.
Und immer ist da dieses Wissen um das unbestimmte Sein, in dessen Schatten wir tanzen.
[Die Menschen meinen ich sei kompliziert, dabei bin ich nur labyrinthisch]
Zum Höhepunkt erklingt aus dem unsichtbaren Fenster der Liebenden die Klarinette aus Englishman in New York. Was für ein Abgang.
Ein letzter Blick zu den Sternen.

Vermessen
Unser Glauben
Etwas
Ermessen zu können

In der dunklen Silhouette des Hauses erscheinen die Glutnester zweier Zigaretten.
 

Otto Lenk

Mitglied
Steife Brise Nord Nord Ost.
Wind durchkämmt,
aller erhofften Hemdsärmeligkeit zum Trotz
[dabei hatte ich am Abend zuvor alle
Sternschnuppenfrequenzen auf Sonne gestellt]
das Land. Drei Wetter Taft ist eine Lüge!
Es regiert der sturmgepeitschte Punk.
Haare, Jacke, Hose, Schirmmmmmmmmmmmm!
Punk, Punk, Punk.
Alles auf 15Uhr-15!
Und der Mensch hinterhhhhhheeeerrrr!
Hinter Haare, Jacke, Hose, Schirmmmmmmmmm!
Voran, voran.
Und der Sand auf nackter Haut.
Kratz, Kratz, Kratz.
Und der Mensch trotzdem lacht.
Lacht, lacht.
Weil er spürt, spürt, spürt.
Das er lebt.
Lebt, lebt!
 

Oben Unten