Carpe diem. - Sonett in Amphibrachien -

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Walther

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Carpe diem.
- Sonett in Amphibrachien -

Die Blätter verdecken die Blicke ins Helle,
Und Blüten verbergen sich hinter dem Grünen.
So spielen gern Frühling und Sommer auf Bühnen,
Die sich mit verwandeln. Und ganz auf die Schnelle

Verfangen sich beinah in Schwüngen – wie kühnen! –
Die Kinder der Meisen: Sie schießen ins Grelle
Und streifen die Sonne. Im Boden die Delle –
Dort steht eine Schale: Sie lieben Tribünen,

Beim Waschen, beim Naschen, die Amseln, beim Haschen.
Ich stehe am Fenster, bedenke die Wunder,
Vergrabe die Hände knietief in den Taschen.

Was soll all das Streben? Warum all der Plunder?
Bedenke das Ende: Die Zeit geht viel rascher,
Und all der Besitz brennt auch bloß wie Zunder.
 
Zuletzt bearbeitet:

Mondnein

Mitglied
Das ist ein munterhübsches Sonett, Walther,

mit lustiger Leichtigkeit. Auch bei dem Titelgeber Horaz ist das "Pflücke den Tag!" mit himmelfahrtskühner Leichtigkeit zu lesen, obwohl es ums unvermeidliche Sterbenmüssen geht.
Von Jan Wagner gibt es ein Hörspiel mit dem schlichten Titel "Gold", wo einige Passagen diese Binnenreimhäufung haben, wie bei Dir dieser Vers
Beim Waschen, beim Naschen, die Amseln, beim Haschen.
Und ich habe, weil ich sowohl Jan Wagner als auch dieses wunderbare Hörspiel sehr gern habe, es mir verkniffen, dessen goldene Liedstrophen als "Heinzelmännchen-Lyrik" zu bezeichnen. Weil es mich an das Kinderbuch "Die Heinzelmännchen von Köln" erinnerte, das ich und unzählig viele andere unzählige Male gehört oder gelesen haben, mit Hochgenuß, mehr als gern. Ich möchte wetten, daß schon hier und da irgendein Rezensent jenes Hörspiel deswegen verrissen hat. Oder der (mutmaßliche) Kritiker kannte das beliebte Kinderbuch nicht.

Wikipedia:
Populär geworden ist sie in der Gedichtfassung (Ballade) von 1836 des Malers und Dichters August Kopisch (1799–1853), mit der er die ursprünglich rheinländische Sage aus dem Siebengebirge nach Köln transportierte:

„Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul: … man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
Ehe man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten …
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, …
War all sein Tagewerk … bereits gemacht!“
– August Kopisch: Gedichte[9]
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinzelmännchen#cite_note-9

Also ich verkneife es mir, Deinen Amselvers als "Heinzelmännchenlyrik" zu klassifizieren,

grusz, hansz
 
Zuletzt bearbeitet:

Mondnein

Mitglied
Meine Anmerkung oben, lieber Walther,

ist natürlich keine Besprechung dieses Sonetts, sondern nur eine Assoziations-Erläuterung zum Amselvers, wenn man den Anfangsgedanken zur Leichtigkeit und zum Horaztitel in der Schnelligkeit überliest. Denn auch der Amselvers steht in dem Zusammenhang der sonetttypischen Gliederung des Gesamtgedankens.
Wozu auch die daktylische (amphibrachische) Rhythmik des Liedes musikalisch beiträgt.

Das Resumée ist entscheidend:
Ich stehe am Fenster, bedenke die Wunder,
Vergrabe die Hände knietief in den Taschen.

Was soll all das Streben? Warum all der Plunder?
Bedenke das Ende: Die Zeit geht viel rascher,
Das Geflatter der Vögel macht die Beschleunigung imaginativ, sättigt sie sinnlich. Das antithetische Resumée antwortet mit einer Entschleunigungsgeste ("Vergrabe die Hände ...)

grusz, hansz
 

Walther

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Das ist ein munterhübsches Sonett, Walther,

mit lustiger Leichtigkeit. Auch bei dem Titelgeber Horaz ist das "Pflücke den Tag!" mit himmelfahrtskühner Leichtigkeit zu lesen, obwohl es ums unvermeidliche Sterbenmüssen geht.
Von Jan Wagner gibt es ein Hörspiel mit dem schlichten Titel "Gold", wo einige Passagen diese Binnenreimhäufung haben, wie bei Dir dieser Vers

Und ich habe, weil ich sowohl Jan Wagner als auch dieses wunderbare Hörspiel sehr gern habe, es mir verkniffen, dessen goldene Liedstrophen als "Heinzelmännchen-Lyrik" zu bezeichnen. Weil es mich an das Kinderbuch "Die Heinzelmännchen von Köln" erinnerte, das ich und unzählig viele andere unzählige Male gehört oder gelesen haben, mit Hochgenuß, mehr als gern. Ich möchte wetten, daß schon hier und da irgendein Rezensent jenes Hörspiel deswegen verrissen hat. Oder der (mutmaßliche) Kritiker kannte das beliebte Kinderbuch nicht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinzelmännchen#cite_note-9

Also ich verkneife es mir, Deinen Amselvers als "Heinzelmännchenlyrik" zu klassifizieren,

grusz, hansz
Meine Anmerkung oben, lieber Walther,

ist natürlich keine Besprechung dieses Sonetts, sondern nur eine Assoziations-Erläuterung zum Amselvers, wenn man den Anfangsgedanken zur Leichtigkeit und zum Horaztitel in der Schnelligkeit überliest. Denn auch der Amselvers steht in dem Zusammenhang der sonetttypischen Gliederung des Gesamtgedankens.
Wozu auch die daktylische (amphibrachische) Rhythmik des Liedes musikalisch beiträgt.

Das Resumée ist entscheidend:

Das Geflatter der Vögel macht die Beschleunigung imaginativ, sättigt sie sinnlich. Das antithetische Resumée antwortet mit einer Entschleunigungsgeste ("Vergrabe die Hände ...)

grusz, hansz
Lb Hansz,
wenn man ein gedicht mit naturbezug schreibt, sollte man auf eigene erfahrungen und diese bilderwelten wie collagen mit einander verbinden. es entsteht ein bild, das durch den text und die imagination des lesers entsteht. alle elemente spielen eine rolle. metrum und reime sind wesentliche elemente. warum sonett? weil es das klanggedicht ist.
wie kommt das dialogische hinein. hier zu sehen: erst pflanzen, dann tiere (vögel), dann überleitung zum betrachter und dann die synthese (erkenntnis).
alles darumherum ist handwerk. der funke ist der überbau. und der zündet nicht immer.
lg W.

der dichter dankt @Franke, @Tula, @Mondnein und @samoth fürs leseempfehlen!
 

Samoth

Mitglied
Carpe diem.
- Sonett in Amphibrachien -

Die Blätter verdecken die Blicke ins Helle,
Und Blüten verbergen sich hinter dem Grünen.
So spielen gern Frühling und Sommer auf Bühnen,
Die sich mit verwandeln. Und ganz auf die Schnelle

Verfangen sich beinah in Schwüngen – wie kühnen! –
Die Kinder der Meisen: Sie schießen ins Grelle
Und streifen die Sonne. Im Boden die Delle –
Dort steht eine Schale: Sie lieben Tribünen,

Beim Waschen, beim Naschen, die Amseln, beim Haschen.

Ich stehe am Fenster, bedenke die Wunder,
Vergrabe die Hände knietief in den Taschen.

Was soll all das Streben? Warum all der Plunder?


Bedenke das Ende: Die Zeit geht viel rascher,
Und all der Besitz brennt auch bloß wie Zunder.
lieber walther,
dasein mensch,
das lyrische ich verschmolzen in natur lauf.
gern gelesen, bewertet und darüber nachgedacht.
 



 
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