Chemnitz

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Frodomir

Mitglied
Chemnitz
Fragmente



Das Schicksal ist grau wie die Häuserfassaden der Frankenberger Straße. Es hat Zeit gehabt, zu verfallen, jeden Anschein religiöser Würde zu verlieren. Das Schicksal ist kein mystischer Plan, kein Götterspruch, es hat keinen Prolog im Himmel. Schicksal ist Herkunft, ist Familie, ist Staat und Erziehung. Hat man Glück, ebnet es irdische Wege, wenn nicht, führt man einen aussichtslosen Kampf gegen die höchsten Gewalten.

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Ich führe meinen Stift über das Papier. Eigentlich möchte ich etwas über die Liebe schreiben. Und wo sie vielleicht zu finden ist. Aber die Stimmen in meinem Kopf berichtigen mich. Angesichts des Leids und der Entbehrungen, die meine Großeltern in Kriegszeiten erdulden mussten, ist das ein unangebrachtes Thema. Warum das eine das andere ausschließt, möchte ich fragen, aber ich lege den Stift beiseite und sage mir, sie haben mich doch lieb.


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Das kleine Wörtchen „doch“ lässt mich nicht los. Es gibt dem Satz mit der Liebe etwas unangenehm Schuldiges. Liebe als Rechtfertigung, der das Unrecht vorausgeht. Liebe als Schweigegeld gegen den Drang, nachzufragen, was verloren ging. Und wenn es die Liebe selbst wäre? Das gesteht sich keiner ein.


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Manche sagen, es liegt an der Stadt. Eine hässliche Stadt gebiert keine glücklichen Menschen. Es fehlen die Orte, an denen man sich küssen kann. Sie erzählen von Sonnenuntergängen bei Capri, von Rosenverkäufern an der Spanischen Treppe in Rom, einige schwärmen vom Parc des Buttes-Chaumont in Paris. Haben sie noch Hoffnung, diese Postkartenwelt jemals zu erreichen? Irgendwann will ich verkünden: Im Schatten des Nüschels sitzt ein Liebespaar.

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Ich habe diesen Wunsch vergessen. Gegen Paris und Rom komme ich nicht an. Ich wurde woanders geboren. In meinem Stadtteil gibt es einen Puff. Und Plattenbauten. Viele Plattenbauten. Dazwischen eine vierspurige Straße. Die Autos stauen sich auf dem Ausweg zur A4. Ich suche nach Lebendigem.

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Fernweh ist lebendig. Oben an der Tankstelle füllt man Westautos mit preiswertem Benzin. Ich führe eine Liste mit fremden Nummernschildern. Die meisten Striche hat „DD“. Für mich ist „DD“ das Ziel aller Träume, meine Eltern sagen, da ist es auch nicht anders. Ich lasse nicht locker und frage nach „HC“, „ASZ“ und „Z“, aber sie sagen nur, ich solle aufhören zu nerven. Zu Hause spiele ich mit meinen Matchbox-Autos Stau.

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Meine Mutter überquert mit mir die Straße. Gegenüber ist die Station. Ich freue mich auf den Fuchs und die Tiere zum Streicheln. Aber ich verachte den Storch, denn ich kann nicht verstehen, warum er nicht einfach weg fliegt. Der Himmel über ihm ist frei.

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Ich schaue in die Wolken. Ich liebe es, wenn sich die großen Weißen aufeinander türmen. Dann stelle ich mir vor, es sind mächtige Berge, die ich besteigen werde. Ich suche im Atlas nach Gebirgen und sage, da will ich hin. Ich betaste mit der Fingerspitze die Gipfel der Pyrenäen, der Anden, des Himalaya. Meine Großmutter klappt den Atlas zu und sagt, das Erzgebirge ist auch schön.

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Gestern bin ich aus Chemnitz weggezogen. Ich wohne jetzt in Rishikesh am Ganges. Manchmal fahre ich hoch bis nach Manali, dort sind die Berge viermal so groß wie im Erzgebirge. Ich habe auch schon in Anchorage gelebt, da hatte ich neben den Bergen noch das Meer und konnte auch baden gehen. Aber ich habe in einem Buch etwas über Haie gelesen und da habe ich mir lieber einen anderen Ort ausgesucht. Am liebsten aber würde ich wieder näher bei meinen Eltern sein. Vielleicht ziehe ich in die Alpen, die sind nicht so weit von Chemnitz entfernt. Oder meine Eltern kommen sogar mit? Ich schreibe ihnen einen Brief aus Rishikesh, klebe die bunteste Briefmarke drauf, die ich in meinem Album finde und warte bis heute auf Antwort.
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Frodomir!

Schön, dass du zu uns in die Leselupe gefunden hast. Wir freuen uns auf einen konstruktiven Austausch und deine Texte. Herzlich willkommen!

Zum Text:
Ich bin gerade dabei einen ähnlichen Text über meinen Heimatort zu verfassen. Irgendwie treibt uns alle diese Hassliebe um und der Moment, wo wir gegangen sind und von diesem Tag an nicht mehr davon loskommen.
Es freut mich, dass immer mehr User den Weg in die Kurzprosa finden und wenn dann solche Texte auftauchen dabei, ist es ein außergewöhnlicher Moment.

Danke und liebe Grüße
Manfred
 

nisavi

Mitglied
Hallo Frodomir,

ich finde diesen Text außergewöhnlich gut. Er erzählt ohne Pathos von Kindheitserinnerungen und kindlichen Vorstellungen, die den Weg in ein Erwachsenenleben gefunden haben.

Und mit Chemnitz ist es so eine Sache. Vor allem im Vergleich mit DD (das ewige Thema) schneidet die Stadt schlecht ab. Und ja, die Menschen dort sind vielleicht anders. Geprägt von der Umgebung. Vom Wetter. Schwer irgendwie. Die Leichtigkeit ist ihnen verloren gegangen. Oder war nie da. Dennoch nehme ich viel Bewegung und Veränderung in den letzten Jahren wahr. In all dem Tristen, Kaputten, Unfertigen, Grauen, Unerfreulichen scheinen mir viele Kreative ein Betätigungsfeld gefunden zu haben - dem Ruf der Stadt zum Trotz. Es lohnt sich schon, genau hinzuschauen. Vielleicht wird’s ja was mit der Kulturhauptstadt. Dann wird man auch in Rishikesh davon hören.
Schön, dass du hier bist.

Nisavi
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Manfred,

vielen Dank für deine freundliche Begrüßung.

Nun ja, ich hoffe natürlich, dass nicht bei jedem in die Liebe zur Heimat auch Hass gemischt ist, aber wer davon betroffen ist, wird wohl sein Leben lang damit zu tun haben. Ich bin schon gespannt, über welchen Ort du schreiben wirst.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo nisavi,

vielen Dank für deinen Kommentar. Es klingt, als würdest du auch aus Chemnitz oder zumindest aus Sachsen kommen, denn du kennst dich gut aus. Die Beobachtungen, die du schilderst, teile ich mit dir. Doch es ist wohl etwas anderes, heute in Chemnitz geboren zu werden als zu Zeiten der Wende. Dein letzter Satz mit Rishikesh hat mit gut gefallen, der hört sich sehr tröstlich an.

Liebe Grüße
Frodomir

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Hallo Jürgen Hoffmann,

vielen Dank für deine Meinung.

Viele Grüße
Frodomir

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Vielen Dank auch an hein, Arno und Otto für die Bewertungen!
 

revilo

Mitglied
Ich kenne Chemnitz nur von gelegentlichen beruflichen Aufenthalten......aber seit diesen furchtbaren Geschehnissen hat diese Stadt eine Narbe....und genau das drückt dieser Text aus....ohne es zu erwähnen..........und genau das ist seine Stärke.......
 

Ji Rina

Mitglied
Dieses Stück habe ich mehrmals gelesen. Zuerst war es alles ein bißchen viel für mein Kopf…Besonders die ersten Absätze. Doch dann geht es herrlich weiter und man stößt auf so Schönes wie dies hier:

Chemnitz


Ich schaue in die Wolken. Ich liebe es, wenn sich die großen Weißen aufeinander türmen. Dann stelle ich mir vor, es sind mächtige Berge, die ich besteigen werde. Ich suche im Atlas nach Gebirgen und sage, da will ich hin. Ich betaste mit der Fingerspitze die Gipfel der Pyrenäen, der Anden, des Himalaya. Meine Großmutter klappt den Atlas zu und sagt, das Erzgebirge ist auch schön.

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Im endeffekt war die Reise von Chemnitz nach Rishikesh, eine schöne Reise. Und die letzte Zeile ist wie ein Stop Schild.

Mit Gruss, Ji
 

Keram

Mitglied
Gern gelesen, lieber Frodomir: inhaltlich und stilistisch.
Heimat trägt immer eine Ambivalenz in sich.
Und manchmal ist mir, dass Fernweh zugleich Heimweh ist.

Gruß,
Keram
 

Frodomir

Mitglied
Hallo revilo,

danke für deinen Kommentar und deine Bewertung! Manchmal denke ich, dass Chemnitz schon vor den Geschehnissen im letzten Jahr ziemlich verwundet war, durch die weltweite Presse, die die Stadt aber dann bekam, wurden die Probleme dieser Stadt nur, und ich möchte sagen endlich, Gegenstand konstruktiverer Diskussionen. Hoffen wir, dass Chemnitz davon nachhaltig profitieren wird.

Liebe Grüße
Frodomir


Hallo Ji Rina,

auch dir herzlichen Dank für deinen Beitrag!

Liebe Grüße
Frodomir


Hallo Keram,

ich danke dir ebenfalls! Dein letzter Satz hat mir sehr gefallen.

Liebe Grüße
Frodomir


Dank auch an rainer Genuss, cellist und jon für die Bewertungen, ich habe mich sehr darüber gefreut!
 

Frodomir

Mitglied
Lieber Tula,

herzlichen Dank für deine positive Bewertung. Es freut mich, dass dir mein Text noch über den Weg gelaufen ist.

Liebe Grüße
Frodomir

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Herzlichen Dank auch an Eis Ohne Vergangenheit, juliawa und Patrick Schuler! Da ich seit einigen Jahren nichts mehr geschrieben hatte, ist es für mich motivierend, so viel Zuspruch zu bekommen.

Liebe Grüße
Frodomir
 

Lykill

Mitglied
Hallo Frodomir,

die Hin- und Hergerissenheit der Entwurzelten, die erst auf Teufel komm raus dem Arsch der Welt entfliehen und irgendwann aus Sentimentalität zurück wollen, bringst Du schön zum Ausdruck.

Liebe Grüße
Lykill
 

Frodomir

Mitglied
Hallo Lykill,

ich danke dir herzlich für deinen Beitrag zu meinem Text und für deine Bewertung! Ich würde es allerdings nicht unbedingt Sentimentalität nennen, denn das Wort hat für mich einen zu negativen Beiklang. Eher ist es die Suche nach Heimat, die man manchmal, obwohl man die Jahre seiner Kindheit im gleichen Ort verbracht hat, nicht finden kann.

Liebe Grüße
Frodomir
 

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