Clownerie (Haiku)

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Hallo Ciconia,
oh, ja, das war im letzten Jahr eine Freude. Mindestens ein halbes Dutzend Stieglitze machte sich gleichzeitig über unsere fast vier Meter hohen Sonnenblumen her. Und dieses Jahr habe ich nicht einen einzigen gesehen ... :(
Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Mondnein

Mitglied
Adjektive gelten vielen als vor-urteilendes Beiwerk, das man bei lyrischen Kurzformen vermeidet.
Statt "sattgelben Sonnenblumen" könnte man setzen:
"Sonnenblumentellern"
Das attibutive Partizip "sanft schwankenden" kann man noch als konzentriert verknappten Satz-Ersatz auffassen.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,

dieses Bild, von dem ich wie immer nicht sicher bin, ob es wirklich ein Haiku ist, gibt es hier auch schon lange nicht mehr. Ich glaube, es ist fast 10 Jahre her, dass eine Stieglitzpopulation von mindestens 20 Vögeln regelmäßig vorbeikam - seitdem nur noch die üblichen Verdächtigen: sehr viele Spatzen, ein paar Meisen und die nimmermüden Amseln.

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo mondnein,

die Sonnenblumenteller gefallen mir sehr gut - ich hatte gestern lange nach so einem Wort gesucht und nicht gefunden. Und da bin ich bei der Alliteration mit den "s" hängen geblieben.
Ich werde die Zeile nun wahrscheinlich ändern. Danke für Deinen Vorschlag.

Gruß, Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Ich glaube, die "Sonnenblumenteller" klingen doch zu sachlich. Ich bleibe lieber bei meinen Alliterationen.
Die Stieglitze werden übrigens wegen ihrer farbenfrohen Gesichter als die Clowns unter den Finken bezeichnet. Daher der Stieglitz-Zirkus.


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G

Gelöschtes Mitglied 21884

Gast
Adjektive im Haiku deutet man nicht als Vorurteil, sie sind stets möglich, aber sparam zu verwenden.
sattgelb ist eindeutig zu dick, sogar 'gelb' kann man sein lassen, das Bild einer Sonnenblume spricht eindeutig für sich. 'Sonnenblumenteller' wäre ganz schlecht, solch monströse Komposita bringen ein Haiku fast zum Ersticken.

Gut an dem Haiku ist der Spannungsbogen von 1 (ruhig, schläfrig) nach 3 (aufgeregt, lebendig) - so etwas mögen Haiku, das Auflösen der Spannung findet im Kopf des Lesers statt.

Wäre 'sanft wiegenden' eine Alternative?

Béla
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Bela,

danke für Deine Überlegungen zu diesem Dreizeiler (Haiku oder nicht).

Dann lag ich mit meiner Einschätzung zum Sonnenblumenteller nach längerer Überlegung doch nicht so daneben. Wo möchtest Du denn „sanft wiegenden“ einfügen? Statt der „sanft schwankenden“? Das brächte uns doch nicht weiter. Vielleicht hast Du ja noch eine andere Idee. Ich hab im Moment keine ...

Gruß, Ciconia
 
G

Gelöschtes Mitglied 21884

Gast
Pardon, ich kann aus beruflichen Gründen nur ganz unregelmäßig vorbeischauen.
Zunächst: Es ist ein Haiku - für mein Empfinden jedoch viel zu schwerfällig, nicht leicht genug (ohne dabei oberflächlich zu sein). Neben 'sattgelben' scheint mir auch 'Stieglitzzirkus' problematisch - kein stehender Begriff wie z.B. Affentheater, der sofort "zündet". Stieglitzzirkus macht es nicht, ich konnte damit gar nichts anfangen (was natürlich auch an mir liegen kann).
Vielleicht alles ruhen lassen und was neues versuchen.
Ich bin mir selbst gegenüber oft radikaler: Ich schreibe den Text ab, so wie ich es hier mit meinem senryu gemacht habe.

Béla
 

Mondnein

Mitglied
"Komposita" sind eine Frage der Schreibung in Sprachen, die ihre Nomina /Substantive und Adjektive) nicht durch Deklinationsendungen voneinander trennen. Das Japanische kennt keine das Substantiv abschließenden Deklinationsendungen, dadurch kommen die Substantive, die im Deutschen und im Altindischen zu großen Komposita komponiert werden können, in eine Nähe zueinander, die in etwa zwischen der Gliederung der Sätze in flektierenden, aber Nomina nicht komponierenden Sprachen (wie den romanischen Sprachen auf Lateinbasis) einerseits und der Kontaktmetamorphose flektierender, aber flexionslos komponierender Sprachen (Deutsch und Sanskrit) liegt. Das kommt ganz gut im Schriftbild der chinesischen und japanischen Gedichte zum Ausdruck. Wie andererseits in der lateinischen Schrift: Im Englischen werden die meisten Nominalkomposita getrennt geschrieben, passend zu der Entwicklung des Englischen zu einer isolierenden Sprache (vergleichbar dem Chinesischen), im Deutschen werden die komponierten Nomina immer verbunden. In der Dichtung trenne ich die Komposita gerne auf.

Es ist ein altes Problem, ob Haikus auch im Deutschen so tun müssen, als sei das Deutsche auf dem Weg zu einer isolierenden, flexionslosen oder mit chinesischen Silbenzeichen geschriebenen Sprache. Vergleichbar den Bibelübersetzungen, die die Prädikatbeginne hebräischer Sätze ins Deutsche übernehmen ("Es machte sich Abraham auf und ging ...")
 

Ciconia

Mitglied
Hallo mondnein,

danke für diese interessanten, wenn auch nicht neuen Erläuterungen. Aber helfen sie diesem Dreizeiler jetzt noch weiter?

Gruß, Ciconia
 

Mondnein

Mitglied
"Sonnenblumenteller" - kann man natürlich auf auflösen: "Tellern der Sonnenblumen", u.U. mit dem bestimmten Artikel im Anfangsvers: "Auf den sanft schwankenden".
Natürlich sind "Sonnenblumen" und "Stieglitzzirkus" gleichfalls Nominalkomposita.

Aber mein Gott, laß es ruhig so, wie es jetzt ist.

grusz, hansz
 

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