Das Abenteuer des Herr Melin

Träumerinchen

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Die Nebelschwaden hingen noch dicht über den Wiesen und Feldern. Die ersten Vögel schüttelten ihr Gefieder und stimmten ihre Morgenlieder an. Auch die Sonne reckte und streckte ihre Strahlen langsam über die Bergspitzen. Einer von ihnen schien geradewegs in das Loch eines hohlen Baumstumpfes. Darin lag zusammengerollt ein kleines Tier. Durch den Sonnenstrahl geweckt, begann es sich zu regen, öffnete seine Knopfaugen und gähnte ausgiebig. Das Hermelin stand langsam auf und blinzelte durch den Eingang seines Nestes. «Welch schöner Morgen», sagte es zu sich. Dabei zupfte es sein Bett zurecht.
Vom Hunger getrieben, schlüpfte es schnell wie der Wind durchs Loch. Es wollte nach etwas Essbarem Ausschau halten. Keine drei Wiesellängen vom Bau entfernt, traf es den Igel Igor.

«Guten Morgen, Herr Melin», grüsste dieser.
«Danke gleichfalls, Igor», antwortete das Wiesel und verschwand ums Eck. Igor sah ihm nach, brummelte etwas wie «immer diese Hast», und schüttelte seinen Kopf. Herr Melin hüpfte über Äste, wuselte durch Laub und huschte in eine Blumenwiese. Dort roch es nach Honig und Blüten. Er eilte schnell weiter. Keine zwei Minuten später hörte er das Fiepen einer Maus. Er sah sich um und entdeckte sie. Vorsichtig schlich er sich an, nahm einen Satz und begrub die Beute unter seinen Vorderpfoten. Mit vollem Bauch legte sich das Hermelin auf ein Bett aus Moos und machte ein Nickerchen.


Als es erwachte, stand die Sonne hoch im Süden. Es streckte sich, stand auf und ging zu den Feldern in der Nähe des grossen Wassers. Dort gab es bestimmt Käfer, Insekten oder sogar Ratten zu fressen. Mehrmals stoppte es, richtete sich auf und horchte aufmerksam. Das Hermelin schnupperte. Was riecht hier so streng? Fragte es sich und war schnell wieder auf allen Vieren. Obwohl Herr Melin etwas Angst vor diesem ekligen Geruch hatte, folge er ihm. Im Feld erspähte er plötzlich ein Tier, welches er nie zuvor gesehen hatte. Es war so lang wie ein Baumstamm, sein Gesicht und seine Vorderbeine waren komplett nackt. Nur auf dem Kopf hatte es Haare. Der Rest des Körpers war von irgendwelchem Zeugs bedeckt. Es hielt mit den Vorderpfoten einen Kasten mit einer langen Röhre in der Mitte. Herr Melin nahm all seinen Mut zusammen und näherte sich langsam, um sich das Ganze aus der Nähe anzusehen. Nun richtete dieses Wesen den Kasten auf ihn. Nichts wie weg, dachte sich das Hermelin und flüchtete ins hohe Gras. Als sein Herz zu rasen aufgehört hatte, steckte es seinen Kopf zwischen den Halmen hindurch. Zu seinem Entsetzen war diese fremdartige Kreatur immer noch da. Fest entschlossen kroch das Hermelin ein zweites Mal heran und verkürzte die Distanz bis auf zehn Wiesellängen. Doch dieses Geschöpf bewegte sich keinen Millimeter. So etwas hatte es noch nie in seinem ganzen Leben gesehen. Herr Melin nutzte den Schutz der Wiese und umrundete dieses Tier, um es von allen Seiten betrachten zu können. Es schien ihm dabei zuzusehen. Auch nachdem er sich diese Kreatur von allen Seiten begutachtet hatte, war er kein bisschen klüger. Was war das bloss für ein Lebewesen? Es muss ein Kopfpelzler sein, entschied das Hermelin. Zufrieden mit sich, setzte es seinen Streifzug rasch fort und fand jenen gedeckten Tisch, den es sich gewünscht hatte. Nach dieser Aufregung hatte es sich sein Essen redlich verdient.


Auf dem Nachhauseweg machte Herr Melin noch einmal einen Abstecher zu jener Stelle, an der er den Kopfpelzler gesehen hatte. Doch er war verschwunden. Dafür roch es jetzt nach einer Mischung aus Lavendel, Rosen und der Ausdünstung eines weiblichen Hermelins. Er schaute sich um, konnte aber kein Weibchen entdecken. Schade, denn so musste eine wahre Schönheit riechen. Gefesselt von diesem Duft, überlegte sich Herr Melin kurz, ob er ihm folgen sollte. Andererseits war da noch die Sache mit diesem ungewöhnlichen Tier und dem Kasten, die ihn beschäftigte. Nach langem Ringen entschied er sich bei seinem Nachbarn Igor vorbeizuschauen und ihn nach diesem seltsamen Lebewesen zu fragen. Dieser hatte sehr viel Erfahrung mit seltenen Tierarten und wusste bestimmt Rat. Er klopfte an die Türe von Igors Blätterhaufen. Der Igel öffnete kurz darauf.

«Oh, Herr Nachbar», nuschelte er und sah das Hermelin erstaunt an, «wie kann ich Ihnen helfen?»
Nun erzählte das Hermelin seinem Nachbarn ausführlich von seinem Erlebnis. Es beschrieb den Kopfpelzler und seinen Kasten mit Röhre bis ins letzte Detail. Ohne zu unterbrechen, hörte sich der Igel die Geschichte bis zum Ende an. Erst dann erwiderte er: «Diese Tiergattung, welche Sie gesehen haben, war ein Mensch und der Kasten mit der Röhre in dessen Pfoten eine Kamera.»
Das Hermelin verstand nur Bahnhof: «Mensch? Kamera?»
«Ja in der Tat. Menschen sind seltsame Geschöpfe und was sie mit diesem Kamerading anstellen, weiss ich auch
nicht genau.» Antwortete Igor, welcher die Fragezeichen im Gesicht seines Nachbarn gelesen hatte.

Mit einem Schulterzucken verabschiedeten sich die beiden Tiere voneinander. Der Igel schloss seine Haustür und Herr Melin ging nachdenklich die letzten Wiesellängen zu seinem Baumstumpf zurück. Dort putze er sich, zupfte das Bett zurecht und legte sich hin. Unvermittelt hatte er wieder diesen lieblichen Geruch eines Hermelinweibchens in der Nase und bereute es, dass er ihm nicht gefolgt war. Blöder Mensch mit seiner Kamera ging es ihm durch den Kopf, bevor er einschlief.


Nachdem Herr Melin im Traum die ganze Nacht immer wieder von diesem Tier Namens Mensch mit seiner Kamera verfolgt worden war, kam er am Morgen kaum aus dem Nest. Erst als er sich das Gesicht gewaschen hatte, spürte er wieder neue Energie in sich und der Magen begann zu knurren. Auf diesen Schock und die gestörte Nachtruhe brauchte das Hermelin erst einmal ein Frühstück. Also raus aus dem Baumstamm und ab auf die Jagd. Keine fünfzehn Wieselminuten von seinem Zuhause entfernt, stellte sich Herr Melin auf seine Hinterbeine, hielt die Nase in die Luft und schnupperte. Was stinkt denn hier so penetrant? Eklig. dachte Herr Melin und roch noch einmal. Ihm sträubten sich die Nackenhaare vor Grauen und fix war er im nächsten Gebüsch und machte sich klein. Er hörte ein Poltern und grässliche Laute, die immer näherkamen. Mit weit aufgerissenen Augen und mit aufgeplustertem Fell lugte er aus dem Busch. Da kam eine ganze Herde von diesen Kopfpelzlern herangestampft. Die Erde begann zu beben und der Gestank war kaum mehr auszuhalten. Das Wiesel war nahe dran, sich zu übergeben, doch seine Neugierde siegte über den Brechreiz. Es waren vier Menschen, wovon zwei deutlich kleiner waren. Es mussten also Jungtiere sein. Gestern noch ein einzelnes Tier, heute schon vier. Diese Art scheint sich zu vermehren, wie die Kaninchen. Obendrein stinken sie so, als ob sie sich im eigenen Dreck wälzen würden. Dabei wurde ihm heiss und kalt auf einmal.


Lange nachdem das Gepolter verebbt war, löste sich Herr Melin aus seiner Schockstarre. Bevor er sein Versteck verliess, horchte er nochmals und schnupperte. Die Luft war rein. Auf diesen Schrecken hin brauchte er einen Mittagsschlaf. Er huschte zu seinem Zweitheim in der Nähe und rollte sich ein.
Als das Hermelin erwachte, stand die Sonne schon über dem Zenit. Es kroch aus seinem Unterschlupf und flitzte über Stock und Stein hinunter zum Bach. Dort lauschte es, doch weit und breit war keine Beute zu hören. Dafür vernahm es ein nur allzu bekanntes Geräusch, welches es ein weiteres Mal erschaudern liess. Ein Fuchs musste in unmittelbarer Umgebung sein, dies bestätigte ihm auch seine Nase. Herr Melin schlich Schritt für Schritt weiter, seine Ohren gespitzt und die Beine immer bereit zur Flucht. Plötzlich hörte er ein Rascheln hinter sich und als er sich umdrehte, war der Fuchs näher als ihm lieb war. Nun rannte das Wiesel um sein Leben. Es strauchelte dabei über Wurzeln, bis es sich überschlug, einen kleinen Abhang hinunterpurzelte und schliesslich im Bach landete. Das Hermelin schimpfte und zeterte, als es aufstand und sich ordentlich das Wasser aus dem Fell schüttelte. Es atmete durch und wollte sich auf die Hinterbeine stellen. Nicht ganz aufgerichtet, sank es plötzlich auf alle Viere zurück und wäre gleichzeitig am liebsten im Erdboden versunken. Herr Melin hatte vor Freude dem Fuchs entkommen zu sein nicht bemerkt, dass er beobachtet wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine Hermelin Dame, wie er sie sich in seinen Träumen nicht hätte ausmalen können. Und wie die duftete. Nein, so nass und zerzaust er war, konnte und wollte er diesem Bild von einem Weibchen nicht «hallo» sagen. So trottete das Wiesel mit hängendem Schwanz und gesenktem Kopf ohne einen Gruss von Dannen. Es wollte nur noch nach Hause und sich in seinem Baumstamm vergraben.
Mit sich selbst beschäftigt und in Gedanken versunken, schleppte sich Herr Melin durch den Wald. Plötzlich stiess er gegen jemanden. «Au, pass doch auf», schimpfte er und schaute auf. «Oh, Igor, bitte verzeihen Sie», entschuldigte sich das Wiesel, als es seinen Nachbarn erkannte.

«Alles gut, ist nichts passiert», antwortete der Igel, während er das Häuflein Elend vor sich musterte. «Ist bei Ihnen auch alles in Ordnung?» Das Hermelin schüttelte nur seinen Kopf und wollte sich schon umdrehen. «Warten Sie, ich begleite Sie. Wollte sowieso nach Hause.» Ohne zu reden, gingen die Nachbarn nebeneinanderher, bis sie Igors Blätterhaufen erreichten.

«Möchten Sie nicht auf ein Glas mit reinkommen? Und dann erzählen Sie mir, warum Sie so nass sind.»
Herr Melin zögerte. «Einverstanden. Danke für die Einladung», antwortete er schliesslich und folgte Igor hinein.

Es war schon tiefe Nacht, als Herr Melin das Haus seines Nachbarn verliess und die letzten Meter zu seinem Baumstamm wankte, wo er sich mit einem tiefen Seufzer auf sein Bett fallen liess. Er dachte an das hübsche Hermelinweibchen und daran, dass er sie wohl nie wieder sehen wird. Ihm wurde das Herz schwer. Schnell schluckte er den Klos in seinem Hals runter und drehte sich auf den Bauch.


Herr Melin mühte sich erst aus seinem Nest, als die Sonne schon im Südwesten stand. Er war traurig und missgestimmt, wusste aber nicht genau warum. Auf der Suche nach etwas Fressbarem, hatte er plötzlich wieder das Bild dieser wunderschönen Wieseldame im Kopf. Nun wusste er, woher seine schlechte Laune kam.
Kurze Zeit später stellte er sich auf die Hinterbeine und schnüffelte. Dabei stieg ihm ein sehr bekannter Duft in die Nase. Wie in Trance folgte es dieser Spur über Wurzelstöcke und durch Büsche und weiter vorbei an den alten knorrigen Eichen quer durch den Wald. So auf das Verfolgen der Fährte konzentriert, nahm Herr Melin keine Notiz vom auffrischenden Wind und den schwarzen Wolken. Immer tiefer und tiefer in den Forst zog ihn diese Mischung aus Rosen, Lavendel und der Ausdünstung eines weiblichen Hermelins. Beim Gedanken daran, seine Hermelindame wieder zu sehen, begann es in seinem Bauch zu kribbeln. Er blieb kurz stehen, schüttelte die Regentropfen aus dem Fell und folgte der Spur erneut. Erst als ein Donnerschlag ihn aus seinem Dämmerzustand schreckte, war das Hermelin wieder Herr seiner Sinne und flüchtete unter den nächsten Laubhaufen. Müde von der Anstrengung der letzten Stunden, schlief es sofort ein.


Die Nachtigall hatte bereits ihr Abendlied angestimmt und der Himmel färbte sich rot, als Herr Melin von einem Geräusch aufgeschreckt wurde. Schnell kroch er aus dem Blätterhaufen und schnupperte. Keine Spur mehr von diesem Duft. Er sah sich um. Doch kein einziger Busch
oder Baum kamen ihm bekannt vor. Wo zum Kuckuck bin ich hier, dachte er und drehte sich noch einmal im Kreis. Er entschied sich seiner Nase nach dem Pfad zu folgen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch machte er sich auf den Nachhauseweg. Vor jeder Abzweigung blieb er stehen, sah sich um und ging mit einem Schulterzucken geradeaus weiter. Als das Hermelin ein weiteres Mal zur Orientierung Halt machte und die Gegend genau beschnüffelte, war es bereits dunkel geworden. «Diese Stelle kenne ich, das ist doch zum Mäuseködel fressen», murmelte es. Tatsächlich war es im Kreis gegangen und wieder zurück, wo es das Nickerchen gemacht hatte. Diesmal nahm es den Weg links, in der Hoffnung, dass dieser nach Hause führte. Nachdem es eine Weile dem Pfad gefolgt war, lichtete sich der Wald nach und nach. Das Hermelin hielt inne, stellte sich auf seine Hinterbeine und sog die Luft durch die Nase. Da war er wieder dieser Wohlgeruch vom Mittag. Ohne nachzudenken, nahm Herr Melin die Verfolgung wieder auf. So merkte er nicht, dass der Wald endete und er auf Asphalt trat. Auch die zwei grellen Lichter, die auf ihn zurasten, sah er erst viel zu spät. Danach hörte er ein Quietschen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er spürte noch, wie er umgestossen wurde, bevor ihm die Sinne schwanden.
Als Herr Melin wieder zu sich kam, hatte er als erstes dieses verführerische Duftgemischt in der Nase, welchem er schon den ganzen Tag nachgestellt hatte. Er schlug die Augen auf und blickte in ein Gesicht, so schön wie ein Frühlingsmorgen. Es war die Schönheit vom Bach gestern.
Herr Melin konnte es kaum glauben. Schnell richtete er sich auf und war auf einen Schlag wach.

«Hi, willkommen zurück unter den Lebenden», sagte die Hermelindame und schenkte ihm ein Lächeln, welches sein Herz dahin schmelzen liess.
«Hallo», stammelte er und wollte sich, an der Unbekannten vorbei, davonstehlen. Doch diese versperrte ihm mit gekreuzten Armen den Weg.
«Du könntest mir auch zuerst Danke sagen, dass ich dir das Leben gerettet habe, bevor du wieder vor mir wegrennst.» Diese Ansage hat gesessen.
Herr Melin liess seinen Kopf hängen und murmelte: «Wieso das Leben gerettet?» Nun lachte das Wieselfräulein.
«Hm», antwortete sie und legte ihre Stirn in Falten «Du bist einfach auf die Strasse gelatscht und wärst fast von einem Auto überfahren worden, wenn ich dich nicht in letzter Sekunde weggestossen hätte.» Nun dämmerte es ihm langsam.
«Bitte entschuldige. Wie kann ich dir nur danken?»
«Du könntest mich einladen», entgegnete sie und sah ihn an. Auf diese Antwort war er nicht vorbereitet und ihm schoss die Hitze in den Kopf. Das Hermelin wandte sich von ihr ab und liess sie ohne Abschiedsgruss stehen.
«Hey», rief sie ihm nach, «was ist nun mit der Einladung?» Doch es war schon ausser Hörweite.

Keine zwanzig Wiesellängen entfernt, besann es sich eines Besseren und kehrte um. Doch das Hermelinweibchen war verschwunden. Wie kann man nur so dumm sein. Auf der Suche nach einem geeigneten Unterschlupf in der Nähe schimpfte das Wiesel leise vor sich hin. Es fand schliesslich einen Haufen aus feinen Ästen und Zweigen.


Mit dem ersten Sonnenstrahl wachte Herr Melin auf. Erst allmählich kamen die Erinnerungen an letzte Nacht wieder und mit ihnen wuchs der Ärger über die zweite verpasste Chance, das Weibchen seiner Träume richtig kennenzulernen. Nicht einmal nach ihrem Namen hatte er sie gefragt. Mit klarem Verstand fand er schnell die Orientierung wieder. Auf dem Weg zurück zu seinem Daheim hielt er vergebens immer wieder seine Nase in die Luft. Kein Hauch dieser namenlosen Schönheit weit und breit. Mit letzter Kraft taumelte das Hermelin schliesslich in sein Nest. Ich werde nach ihr suchen, ich muss sie wiedersehen. Mit diesem Gedanken schlummerte es ein.

Der Mond warf sein silbernes Licht über die Landschaft und die Sterne glitzerten wie Milliarden von Diamanten am Nachthimmel. Als einziges Geräusch durchdrang hin und wieder der Ruf eines Waldkauzes die Stille. Das Hermelin wälzte sich hin und her in seinem Nest und stöhnte. Plötzlich schreckte es auf, schrie im Halbschlaf um Hilfe, bevor es wieder auf sein Blätterbett sank und weiterschlief. Das Vogelgezwitscher riss ihn aus seinen Albträumen. Er hatte den Rest des gestrigen Tages und die ganze Nacht geschlafen. Sofort war er hellwach, sprang aus seinem Nest, wusch sich das Gesicht und huschte aus dem Loch nach draussen. Als erstes streckte es seine Nase in den Wind. Es roch wie immer nach vermodertem Laub, Tannenharz und Waldboden. Herr Melin versuchte sich zu erinnern, wo er seine Herzdame zuletzt gesehen hatte, und machte sich auf den Weg. Bei jeder Kreuzung blieb er stehen, blickte sich um und schnupperte. Jedes Mal liess er von neuem seinen Kopf sinken. Auch hier kein Hauch dieses himmlischen Duftes. Je länger er suchte, desto mehr verlor er die Hoffnung, diese Schönheit wiederzusehen. Doch so schnell gab Herr Melin nicht auf. Weiter durch das Dickicht, über Stock und Stein immer seiner Nase nach. So näherte er sich Wiesellänge um Wiesellänge jenem Ort, an dem er sie zuletzt gesehen hatte. Doch was war das? Ihm stellten sich alle Haare seines braunroten Felles auf. Wie der Blitz verschwand er hinter der nächsten Hecke. Er atmete schwer und sein Herz raste. Immer noch hatte er diese Mischung aus stinkenden Kopfpelzlern und Rauch in der Nase. Diesmal siegte seine Angst über die Neugierde und Herr Melin rannte so schnell ihn seine kurzen Beine trugen in Richtung seines Heimes. Einmal stolperte er über eine Wurzel und landete Kopf voran in einer Schlammpfütze. Er schimpfte, schüttelte sich und weiter gings. Völlig ausser Atem kam er bei Igors Blätterhaufen an. Er klopfte wie wild an die Tür. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Igor endlich aufmachte.

«Feuer, Menschen, mitkommen», keuchte Herr Melin. Der Igel schloss die Tür und folgte seinem Nachbarn durch den Wald, so schnell er halt konnte. Immer wieder musste Herr Melin stehen bleiben und auf den Igel warten. Dementsprechend lange brauchte das ungleiche Gespann, bis sie endlich dort waren. Schweigend folgten die beiden Tiere dem Rauch. Igor zuerst, Herr Melin dicht dahinter. Plötzlich blieb der Igel stehen und deutete mit seinem Kopf in eine bestimmte Richtung. Das Hermelin traute seinen Augen kaum. Durch die Sträucher sah es auf eine Lichtung mit einem kleinen See. An dessen Ufer brannte ein Feuer und darum herum sassen vier Kopfpelzler. Das Männchen stand auf und näherte sich ihrem Versteck. Keine acht Wiesellängen entfernt, griff es nach einem grossen Stück Holz, kehrte zu seiner Herde zurück und warf es in die Flammen.

«Igor, die wollen den Wald abbrennen.» «Keine Angst, Herr Nachbar», sagte Igor ruhig. «Die machen bloss ein Lagerfeuer.» Das Hermelin wusste zwar nicht, was das war, aber es klang ungefährlich. Gebannt beobachteten die zwei Tiere, wie die Menschen etwas an dünne Äste steckten und diese dann über das Feuer hielten.
Mit Kopfschütteln verliessen Herr Melin und Igor den Ort.
«Was war das an den Ästen?», brach das Hermelin das Schweigen.
«Keine Ahnung. Vermutlich Essen», antwortete der Igel.

Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, gingen die beiden Tiere den Rest des Weges nebeneinanderher. Unvermittelt blieb Herr Melin stehen und schnupperte. Seine Nackenhaare stellten sich auf, doch diesmal vor Freude. Er liess sich nichts anmerken und begleitete Igor bis zu seinem Blätterhaufen. «Möchten Sie noch auf ein Glas reinkommen?» Der Igel sah seinen Nachbarn an.
«Heute nicht. Ich danke Ihnen für die Einladung und Ihre Hilfe», sprachs und liess Igor einfach stehen. Dieser verschwand mit einem Seufzer in seinem Blätterhaufen.


Mit klopfendem Herzen näherte sich Herr Melin seinem Baumstamm. Tatsächlich, seine Nase hatte ihn nicht getäuscht. Dort stand sie, die Wieseldame seiner Träume, am Rande des Loches angelehnt.

«Endlich, ich dachte du kommst heute gar nicht mehr», empfing sie ihn.
«Wie, warum?», stammelte Herr Melin.
«Wie ich dich gefunden habe?», half sie dem verdatterten Hermelin auf die Sprünge, «So schwer bist du nun auch nicht zu finden. Ausserdem beobachte ich dich schon seit ich dich vorgestern am grossen Wasser gesehen habe.»
«Ähm», Herr Melin räusperte sich., «Hast du Hunger? Ich wüsste da einen schönen Ort mit leckeren Sachen.» Nun verschlug es dem Wieselfräulein die Sprache.
«Entschuldige, hab mich gar nicht vorgestellt,» fuhr er fort. «Ich bin Herrmann Melin. Wie ist Dein Name?» Sie sah ihn an und lächelte.
«Ich bin Melinda. Freut mich, dass du diesmal nicht gleich von mir wegrennst. Und ja, ich habe einen Riesenhunger.»
«Na dann lass uns gehen. Ich nämlich auch.» Glücklich und zufrieden einander doch noch gefunden zu haben huschten die beiden Wiesel davon.
 
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molly

Mitglied
Liebe Träumerinchen,

Deine Geschichte ist zum Vorlesen zu lang, Du könntest sie in drei Abschnitte aufteilen

1. Abenteuer: Wiesel lernt Menschen kennen und trifft auf einen wunderbaren Duft.

2. Das Abenteuer mit dem Fuchs und den Sturz ins Wasser. Hier sieht er die Wieselfrau zum ersten mal, läuft aber weg.

3. Das Abenteuer mit dem Feuer und endlich das Teffen mit der Wieselfrau

Du brauchst nicht viel zu ändern, nur die 3 Teile hier in der Geschichte deutlich machen.

Hier begänne für mich der zweite Teil
Nachdem Herr Melin im Traum die ganze Nacht immer wieder von diesem Tie...

Für kleinere Kinder reicht ein Abenteuer. Auch würde ich überlegen, ob die Kinder das Wort "Zenit" verstehen, vielleicht wäre Mittagszeit besser.
Sie werden an Deiner Geschichte Spaß haben und mit Herrn Wiesel sehnsüchtig auf die Wieselfrau warten.
Was meinst Du dazu? Es ist Deine Geschichte und Du entscheidest.

Liebe Grüße
molly
 

Träumerinchen

Mitglied
Liebe Molly
Ich danke Dir von Herzen für Deine Mühe. Mir ist durchaus bewusst, dass die Geschichte zu lange ist, um sie in einmal vorzulesen. Ich denke, dass die Eltern in der Lage sind die Geschichte selbst in Abschnitte zu teilen und die Länge ihren Kindern anzupassen.
 

hera

Foren-Redakteur
Teammitglied
Liebes Träumerinchen,

ich denke auch, deutliche Absätze würden der Geschichte guttun und auch hier im Forum die Lesbarkeit verbessern.

Viele Grüße
hera
 

Träumerinchen

Mitglied
Liebe Hera

Auch Dir ein grosses Danke für Deine Mühe. Ich habe mich bemüht den Text lesbarer zu formatieren. Ich hoffe, dass es mir so gelungen ist.

Liebe Grüsse

Träumerinchen

PS: @molly Bitte entschuldige den etwas ruppigen Ton in meiner Antwort. Habe erst jetzt bemerkt, dass ich nicht gerade freundlich war. Die Geschichte war zu Beginn fast genau so aufgeteilt, wie es Du vorgeschlagen hast.
1. Teil: Herr Melin und der Kopfpelzler
2. Teil: Herr Melin und der Fuchs
3. Teil: Herr Melin und die Unbekannte
Als ich dann den letzten Teil schrieb, kam mir der Gedanke, die Teile zu einer einzigen Geschichte zusammenzufügen und mir gefällt es bis heute als Ganzes besser, wie in einzelnen Teilen.
 

molly

Mitglied
Liebe Träumerinche,

Entschuldigung angenommen :),
das ist doch Deine Geschichte und ganz in Ordnung, dass Du sie so behalten willst. Mit Deinen Abschnitten ist sie jedenfalls besser zu lesen.
Liebe Grüße
molly
 



 
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