Das Eirollverhalten der Medien in unübersichtlichen Konflikten

„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“. Soweit so richtig, so frei von Konsequenzen. Immer wieder mal blitzt das berühmte Zitat, durch die Medien.

Hätte diese Erkenntnis nicht lediglich anekdotisch-resignativen Charakter, gäbe es nur zwei Konsequenzen: Die Medien stellten ihre Berichterstattung ein oder sie stockten den Pool der Korrespondenten massiv auf, um der Wahrheit möglicherweise zu ihrem Recht zu verhelfen. Wie utopisch oder wie teuer. Deshalb müssen die Konsumenten weiter akzeptieren, dass sie mit einer Mischung aus Mutmaßungen, Infohäppchen und Propaganda versorgt werden, je nach Weltbild der berichtenden Medien oder Verfügbarkeit von Agenturbildern oder Videoschnipseln zweifelhafter Herkunft.

Dieser Zustand ist für alle Seiten unbefriedigend und sage keiner, die erfahrenen Journalisten wüssten nicht um das Dilemma. „Doch was sollen wir tun?“ Also machen sie einfach weiter wie bisher. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat das Eirollverhalten der Grauganz untersucht. Beginnt das Tier sein Ei mit dem Hals unter den Bauch zu rollen, setzt es diesen Vorgang reflexartig fort, auch wenn ihm das Ei zwischenzeitlich weggenommen wird. Ähnlich berichten die Medien fröhlich drauf los, in der Hoffnung die Realität ein wenig wahrheitsgetreu abbilden zu können oder der richtigen Vermutung, dass der eine Konflikt von anderen abgelöst wird und sich dann niemand mehr für Libyen, Tunesien, Kosovo, Bosnien, Algerien...interessiert.

Verharrt ein Konflikt zu lange an einer Stelle, ohne dass sich für Journalisten schlagzeilenträchtige Entwicklungen abzeichnen, werden die Einstiegssätze in den Nachrichten im Halbtagesrhythmus ausgetauscht: Aus "Lage bleibt angespannt“ am Morgen, heißt es zwischendurch „droht weiter zu eskalieren“, bis es am Abend wieder „angespannt“ bleibt. Ergänzt wird die Zeit des Wartens durch historische Vergleiche (1914) oder apokalyptische Mutmaßungen (3. Weltkrieg)oder was einem sonst noch so einfällt beim googeln und der Zigarette zwischendurch.

Damit sich der Journalist nicht alles aus den Fingern saugen muss, greift er sich „Experten“, denen er nur folgende Frage stellen muss: „Können Sie definitiv und für alle Zeiten und überhaupt ausschließen, dass es zu einem Flächenbrand kommt?“ Richtige Antwort: „Das kann niemand ausschließen.“ Daraus wird erst: „Flächenbrand nicht mehr ausgeschlossen.“ Nach einer gewissen Halbwertszeit (Verbreitung der Information im Internet) wird daraus: „Flächenbrand droht.“ Die Hysterie ist da, die Schlagzeile steht. Fragen Sie mal irgendjemanden, ob er für alle Zeiten ausschließen kann, dass es "ein Leben nach dem Tod", "Aliens", "ein gerechtes Steuersystem"...gibt. Daraus lassen sich gerade im Sommer die herrlichsten löchernen Schlagzeilen konstruieren.

Wie gesagt, es ist nicht so, dass die Journalisten nicht um das Dilemma wüssten, aber was sollen sie machen? Wer geht schon gerne stempeln? Ein #Aufschrei gegen Personalabbau in den Redaktionen, Sondersendungen zu bester und nicht feigenblattspäter Sendezeit, in der alle Seiten gleichberechtigt zu Wort kommen, vielleicht mal eine Zeitung mit weißen Seiten, etc., das könnte doch mal ein Weg sein.
Es gibt keinen Grund für Verschwörungstheorien, es reicht auf die Tatsache hinzuweisen, dass interessierte Kreise auf allen Seiten versuchen, Medien für sich einzunehmen, dass die Medien- und Quellenvielfalt sinkt, dass Besitzer von Medienhäusern oder Gremien natürlich Einfluss ausüben.

Niemand lässt sich gerne auf Augenhöhe den Spiegel vorhalten. Deshalb darf die oben genannte Kritik auch nicht aus dem System selbst kommen – solcherart Tätige sind dann sofort "linke Spinner", "Rechtsextreme", "Nationalisten" oder "Antisemiten". Die Kritik bleibt Satirikern oder Politikern und Zeitzeugen vorbehalten, die die 90 Jahre überschritten haben. Dann kann man entweder herzlich-schmerzhaft mitlachen oder davon ausgehen, dass die Alten „ja nicht ganz unrecht“ haben, aber halt „aus einer anderen Zeit“ kommen.

Diese Ignoranz und Reform- unfähig oder –willigkeit sind es, die die populistischen Ränder stärken und das Ansehen der Medien in den Keller sinken lässt.
Holen wir das angestaubte Wort „journalistische Sorgfaltspflicht“ aus den Tiefen der Infohäppchenstapel, bevor sich noch mehr Menschen von den etablierten Medien abwenden.
 

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