Das Erbe des Neoliberalismus

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Milja Lajoie

Mitglied
Chile - die europäische Softversion Südamerikas. Alles ist vertraut und doch irgendwie verkehrt.

Es ist Hochsaison und Santiago stagniert in Erwartungshaltung. Die Tische sind gedeckt, die Gäste bleiben aus. Das öffentliche Leben ist zu einem Stillstand gekommen. Einige Viertel sind noch ahnungslos, in anderen gibt es weder Anzeigetafeln, noch Busfahrpläne. Die Ampeln sind ausgefallen und die Straßen gesäumt von menschenleeren Restaurants und Bars. Viele Läden haben bereits geschlossen, die Eingänge verbarrikadiert, die Fenster besprüht.

„Stirb Piñera“ und „Nieder mit den Bullen“ steht auf den bröckelnden Fassaden.

Ein einsamer Leierkastenspieler steht auf dem Gehweg. Statt Kinderschwärme bespielt er die Mieterin eines heruntergekommenen Wohnhauses. Sie lehnt sich aus dem Fenster und lächelt schmal. Die zerrissenen Vorhänge wehen im Wind, der die schwermütige Melodie bis zu unserem Café hinüberträgt.

In dem achtstöckigen Hotel sind wir die einzigen Gäste. Ich spreche die Kellnerin auf die Proteste an, sie hat Tränen in den Augen. Es gebe keine Arbeit mehr, zuerst habe sich die Stadt verändert und dann die Menschen.

In Valparaíso zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: unbelebte Straßen, reduzierte Speisekarten, tatenlose Straßenkünstler und Schriftzüge über verwitterten Malereien. Das Weltkulturerbe verbleicht und welkt.

Der Tourismus ist eine mächtige Waffe gegen den Staat. Das Volk sitzt dabei zwar am längeren Hebel, aber es hat auch die wesentlich längere Durststrecke zu überwinden.



Wir treffen ein chilenisches Paar der gehobenen Mittelschicht, das uns eine etwas andere Sicht auf die Proteste gewährt. Die Akteure werden kriminalisiert, die Täter verteidigt. Vor 100 Jahren sei es den Menschen noch schlechter gegangen. Das Wirtschaftswachstum unter Piñera habe dem Land gut getan, es könne schließlich nicht jeder gewinnen.

Es sei traurig, resümiert die ehemalige Dozentin, Chile habe es fast geschafft zu den entwickelten Ländern zu zählen und dann das.



Auf dem Plaza Italia herrscht Anarchie. Mit Gummikugeln und Tränengas schießt die Polizei auf eine studentische Minderheit. Kavallerien postieren sich. Panzer versprühen Chemikalien in die wütende Menge und machen weder vor Passanten, noch vor dem Roten Kreuz Halt. Es gibt keine Schutzzone, niemand ist sicher und die Luft brennt. „No vamos a parar“ - „Wir werden nicht aufhören“ skandiert die Menge. Die Not ist hier größer als die Angst vor der Staatsgewalt. 26 Todesopfer haben die Proteste bereits gefordert, Etliche haben ihr Augenlicht verloren, Andere wurden festgenommen und gefoltert. Die UN fordert nun Ermittlungen gegen die Vorgehensweise der Polizei. Es geht um Willkür, Folter, sexuelle Gewalt und Totschlag. „Wir sind im Krieg mit einem mächtigen Feind“, sagt Piñera und meint damit die mehr als eine Million Demonstranten.

Im Oktober 2019 entpuppte sich eine Preiserhöhung auf U-Bahn Tickets als eine mit Benzin getränkte Lunte und entfachte letztendlich die landesweiten Proteste. Chile ist eines der reichsten Länder Südamerikas und doch verdient die Hälfte der Bevölkerung weniger als 500 Euro im Monat, die Lebenserhaltungskosten sind zu hoch, die Renten zu niedrig, die Studenten verschuldet und eine gesetzliche Krankenversicherung gibt es nicht. Dieses neoliberale Erbe Pinochets hätten die Demonstranten sicherlich lieber ausgeschlagen. Ich schließe mich einer Gruppe Frauen an, die mich mit einer Atemmaske und Informationen ausstatten. Das Feindbild ist klar. Alte, weiße Männer an der Spitze der Regierung. Man müsse gegen die Ungerechtigkeit kämpfen. Wie eine Frau eben. In der Menge halten alle zusammen und als wir von den Wasserwerfern getroffen werden, eilt sogleich eine Gruppe herbei, um uns mit einem Gegenmittel zu besprühen. Das würde die ätzende Chemie neutralisieren, erklären sie. Es hilft.

Vor einem verbarrikadierten Restaurant unterhalte ich mich mit dem Besitzer. Man müsse die jungen Menschen verstehen, sagt er, ohne Gewalt, höre ihnen niemand zu. Und mit einem abschätzigen Blick zu den Polizisten fügt er hinzu: „Sie kämpfen schließlich auch für die Zukunft ihrer Kinder.“ Während wir reden, passieren uns immer wieder junge Erwachsene, die humpeln, offene Wunden haben oder nach Luft schnappen.

Ja, fast hätte Chile es geschafft, zu den entwickelten Ländern zu gehören. Fast. Wenn das Volk nur auch etwas vom Kuchen abbekommen hätte und die repressiven Maßnahmen der Polizei nicht gegen die Menschenrechte verstoßen würden.
 
Eine eindrückliche Impression. Stimmt traurig. Aber so ist es wohl.

Sprachliches und Formales:

Die Absätze könnte etwas besser motiviert und in gleichem Zeilenabstand gesetzt werden. Nach Kommas schreibt man klein weiter.
"... entpuppte sich eine Preiserhöhung auf U-Bahn Tickets als eine mit Benzin getränkte Lunte und entfachte letztendlich die landesweiten Proteste." Kling ziemlich schief in meinen Ohren.

Wörter wie "Anarchie" werden eher als unreflektierte Reizwörter eingesetzt denn als erkenntnisfördernde Begriffe.

Dennoch ein lesenswerter Text, findet

Binsenbrecher
 

Milja Lajoie

Mitglied
@Binsenbrecher Vielen Dank für die konstruktive Kritik. Stimmt, anstatt “Anarchie” zu schreiben, hätte ich das Chaos dort besser umschreiben können. Auf die Absätze werde ich künftig Acht geben. “Nach Kommas schreibt man klein weiter“ - ist mir bewusst, ich vermute du referierst auf „Andere“ und in dem Fall dachte ich man könne es - da als Substantiv verwendet - groß schreiben (geht auch wie ich nachgelesen habe, üblicher ist aber wohl die Kleinschreibung).
Lieben Gruß,
Milja
 

Penelopeia

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Hallo Milja,

ich las gerade heute Morgen einen hübschen Beitrag über einen deutschen Juden, der mit seinen Eltern in den Dreißigern in Chile Asyl fand und in den Neunzigern besuchsweise nach Deutschland kam. Die Eltern namens Kychenthal waren Besitzer eines Schweriner Kaufhauses, nach ihrer Flucht betrieben sie in Chile eine Werbefirma und zählten zu Zeiten Allendes zu den "Kapitalisten" - worauf sie wieder den Gedanken an Flucht entwickelten. Der Sohn erzählt im Interview, er sei Pinochet dankbar für die Gegenrevolution. Dem Interviewer, einem geborenen Ostler, fällt darauf die Kinnlade runter: dachte er doch immer, Allende sei der Gute und Pinochet der Böse...

Dein Essay ist sehr lesenswert, beschreibst Du doch gut die gegenwärtige Stimmung. Interessant wäre es, mehr zu den Ursachen der Krise zu erfahren. Ich vermute, dass die Amerikaner ihre neokoloniale Politik nicht geändert haben und das Land in wirtschaftlicher Abhängigkeit halten, oder?

Mir fiel auf, dass Du mit Kommas manchmal etwas freigiebig bist, z. B. Einige Viertel sind noch ahnungslos, in anderen gibt es weder Anzeigetafeln, noch Busfahrpläne. Das Komma vor "noch Busfahrpläne" ist zuviel...

Schöne Grüße

P.
 
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Milja Lajoie

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Danke, Penelopeia, für deinen Kommentar. Stimmt, das Komma ist zuviel, danke für den Hinweis!
Sehr interessanter Beitrag. Es gibt keine klare Trennung von Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Besonders nicht, wenn man den jeweiligen Sachverhalt subjektiv betrachtet mit allen individuellen Faktoren.
Staat und Oligarchentum wirtschaften sich in Chile hemmungslos in die eigenen Taschen und die Bevölkerung muss unter dem Existenzminimum darben, was grausam ist. Trotzdem: Die Ängste des mittelständischen Paares waren greif- und nachvollziehbar. Ihre Sehnsucht nach oben hat sich in ihrem Gesicht abgezeichnet und war absolut verständlich. Auch wenn ich ihre Äußerungen objektiv nicht teile.
 
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James Blond

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Nicht schlecht geschrieben, guter Reportagestil und gelungene Gegenüberstellung der individuellen Statements geben ein kontrastreiches Bild der Lage vor Ort. Nur: Es gelingt der Autorin leider nicht, ihre konkreten Beobachtungen in Bezug zur Überschrift zu bringen. Die Kenntnis über Chiles neoliberalen Weg wird vorausgesetzt, es wird illustriert, nicht aber analysiert. Dazu müsste die Entwicklung von Chiles Wirtschaft, Lebenshaltungskosten und Einkommensverteilung genauer unter die Lupe genommen werden.

Am Ende folgt ein seltsames Resümee:
Ja, fast hätte Chile es geschafft, zu den entwickelten Ländern zu gehören. Fast. Wenn das Volk nur auch etwas vom Kuchen abbekommen hätte und die repressiven Maßnahmen der Polizei nicht gegen die Menschenrechte verstoßen würden.
Das hätte tatsächlich gereicht? Eine Behauptung, die aus dem Text nicht ersichtlich wird. Abgesehen davon, dass auch sehr "entwickelte Länder" sich hauptsächlich um die Menschenrechte in anderen Ländern sorgen und das eigene "Volk" auch nicht gerade viel "vom Kuchen" abbekommt.


Grüße
JB
 

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