Das Gebet

Anonym

Gast
Ich kniete nieder,
schloss meine Hände,
senkte den Kopf,
so dass meine Stirn
meine Daumen berührte.

Das Vaterunser verließ meine Lippen,
wanderte durch Staub und Luft,
prallte auf die Wände,
wurde ungehört verschluckt
von dicken Mauern.

Doch dann,
plötzlich und unerwartet,
stand er vor mir.

Liebe fasste meine Arme,
richtete mich auf
und hob meinen Kopf.
Ich schaute in die Augen
der vollkommenen Güte.

„Vater…“, stammelte ich.
Tränen ergossen sich
ungewollt und unaufhaltsam.
Verständnis umgab mich.

„Warum hasst mich das Leben?
Warum ist die Welt die reinste Hölle?“
Meine unbeantworteten Fragen,
die immer wieder emporstiegen
aus dem dunklen Schlund.

Der Frieden schaute mich an
und nickte sanft.
Er strich zuerst nur leicht
durch meine Haare,
bis das Streicheln
in ein Klopfen überging.

Sehr unsanft wurde ich
aus diesem Traum herausgerissen.
Mein kleines Kind saß auf meinem Kissen
und hämmerte mit seinem winzigen
Hausschuh auf mein Kopf.

„Warum machst du dir so viele Gedanken,
du Dummerchen?“,
lachte mein Junge.
 

Oben Unten