Das Gedicht "Der Fremde"

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Aina

Mitglied
Das Gedicht ‚Der Fremde‘

Es war ein sonniger Spätherbsttag, an dem ich zu Frau Heinemann ins Zimmer trat. Sie saß aufgerichtet im Bett und erwartete mich frisch gekämmt. Als wir uns die Hand gaben, glaubte ich in ihrem blassen, eingefallenen Gesicht ein Lächeln zu erkennen.
„Und was haben Sie mir heute mitgebracht?“, fragte sie mich trocken, ganz wie es ihre Art war.
„Ein Gedicht“, antwortete ich, noch während ich mir den Stuhl neben ihrem Bett zurecht rückte.
„Aha“, war ihre skeptische Reaktion.
Vor ein paar Wochen hatte sie mir berichtet, wie sehr sie die Reim-dich-oder-ich fress-dich-Spaß-Gedichte aus dem Betreuungsangebot des Heimes hasste. Natürlich war sie bei meiner Ankündigung nicht begeistert, was hatte ich auch erwartet.
„Keine Angst, das ist kein Haus-Maus-raus-Vers“, versuchte ich sie zu beruhigen.
„Aha, dann ist es so ein Wortsalat, der sich nicht reimt und erst dann Sinn macht, wenn man jahrelang studiert hat“, stellte sie missbilligend fest.
„Äh, nein, auch nicht“, ich war irritiert. Mit so viel Abwehr hatte ich nicht gerechnet. Bisher hatten wir oft und gerne über Romane gesprochen. Sie war eine überraschend belesene Frau. Dass ihr Gedichte so sehr gegen den Strich gingen, hätte ich nicht angenommen. Oder war sie heute einfach nur übelgelaunt?
Das Gedicht, das ich dabei hatte, war zwar schwere Kost, aber eine gute Gesprächsgrundlage für eine kranke, hochbetagte Frau, die sich vor dem Sterben fürchtete.
„Wie geht es Ihnen denn?“, versuchte ich das Gespräch zunächst in andere Bahnen zu lenken.
„Wie es mir geht? Wie soll es mir schon gehen? Auch nicht viel anders, als Sie das letzte Mal da waren“, brummte sie.
Das Lächeln zu Beginn hatte ich wohl missgedeutet. Ob es an dem schlecht sitzenden Gebiss lag?
‚Wenn ich jetzt noch frage, ob es was Neues gibt, wird sie höhnisch schnauben und ihren Spruch vom Warten auf den Tod bringen‘, dachte ich. Also fragte ich, denn vielleicht könnte das doch der Türöffner für mein Gedicht sein.
„Was gibt es Neues?“
Frau Heinemann befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge, ein Zeichen, dass sie gleich sprechen würde. Mich streifte der Gedanke, warum sie mich so sehr an eine Schlange erinnerte. War es nur diese Geste?
„Ist die Türe ganz zu? Ich muss Ihnen was erzählen.“
Hatte Frau Heinemann meinen Türöffner-Gedanken lesen können und wich dem Gedicht bewußt aus? Ich schob meinen Verdacht beiseite, kontrollierte die Türe und bedeutete ihr, dass die Luft rein sei.
„Alles ok. Was gibt es?“
„Der Pfarrer war gestern bei Frau Moser. Bestimmt stirbt sie bald.“
„Kann sein.“
„Sicher hat die Moser aufgegeben. Hat ja auch so ein trauriges Leben, die Tochter ist neulich gestorben. Jetzt hat sie keinen mehr“, gab Frau Heinemann ihre reißerische Neuigkeit preis.
Sie bekam ein wenig Farbe in die Wangen und wirkte mit einem Mal erstaunlich vital. Meine Beobachtung, dass der neueste Schicksalsklatsch ältere Damen noch einmal richtig in Wallung versetzen konnte, bestätigte Frau Heinemann immer wieder.
„Den Pfarrer werde ich ganz bestimmt nicht rufen, das erinnert den Herrgott nur daran, dass es mich noch gibt und dann ist es vorbei mit mir“, postulierte sie bestimmt.
„Sie möchten, dass der Herrgott sie vergisst, damit Sie nicht sterben müssen? Meinen Sie das?“
Frau Heinemann nickte und lächelte spitzbübisch, dieses Mal war es unverkennbar. Ihre Augen funkelten und ließen keinen Zweifel daran, dass sie dies für ein gutes Vorhaben hielt. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie einen siegesgewissen Zisch-Laut von sich gegeben hätte.
Doch was war so schlau daran sich vergessen zu lassen, wenn das Leben eine einzige Beschwerde war? Wollte sie in den nächsten zwanzig Jahren das Klagen weiter perfektionieren? Was hielt sie hier?
Vielleicht konnte sie die Frage beantworten, wenn wir das Gedicht gelesen hatten. Ich holte es aus meiner Tasche und legte es auf dem Schoß bereit. Doch Frau Heinemann ignorierte das geflissentlich, ihr Mitteilungsbedürfnis war ungebremst: „Und wissen sie was? Wir haben neues Personal.“
Der erwartungsvolle Blick in meine Richtung sollte mir wohl sagen, dass ich das bemerkenswert finden sollte. Aber so ungewöhnlich war in diesem Heim neues Personal eigentlich nicht. Jedes Mal, wenn ich meinen Besuchdienst bei Frau Heinemann absolvierte, begegneten mir neue Gesichter – so kam es mir zumindest vor.
Ich versuchte trotzdem eine passende Reaktion zu zeigen: „Und ist das neue Personal nett?“
Personal, das hörte sich an, als handle es sich um einen Butler oder ein Hausmädchen. Personal, das Frau Heinemann gerne gehabt hätte.
Hätte sie ihre große Liebe geheiratet, wäre sie die Frau eines Oberstudiendirektors geworden und hätte sich Personal leisten können – so erzählte sie es gerne. Doch für sie kam diese Heirat nicht in Frage: sie heiratete ihrer Herkunft entsprechend ins Handwerk, einen Maurer. Ob sie mit dem Studiendirektor glücklich geworden wäre, blieb ungewiss. Sicher war jedoch: hätte sie Personal gehabt, hätte sie es durch die weiten Flure des Hauses schicken können – so wie jetzt im Heim.
„Nett? Sie ist fleißig“, wischte Frau Heinemann meine Frage beiseite, „Und sie ist ein Flüchtling und rabenschwarz“, kam sie zum Kern der Sache.
Ich dachte, einen leicht angewiderten Zug um den Mund von Frau Heinemann zu erkennen, war mir aber nicht sicher. Schließlich hatte ich ihr heute schon mal ein Lächeln unterstellt, das keines war. Ich blieb also vorsichtig zurückhaltend. Das Thema ‚Flüchtlinge‘ war derzeit in den Medien, in der Gemeinde, in den Wartezimmern und Familien heiß diskutiert und es war schwer eine differenzierte Sichtweise in kurzen, knappen Sätzen zu platzieren ohne auf absurde Resentiments, selbstgewählte Unwissenheit oder bürgerlich nett-verpackten Fremdenhaß zu stoßen.
Ich ließ Frau Heinemann den Vortritt bei der Deutung der neuen Situation: „Heute morgen hat sie mich gewaschen und mein Bett gemacht. Sie spricht schlecht Deutsch. Ich hab mich ein wenig für das arme Ding interessiert, schließlich hat sie auch ein Recht darauf, wie ein Mensch behandelt zu werden.“
Das arme Ding soll wie ein Mensch behandelt werden – ein Würgereiz drängte sich mir auf. Frau Heinemann war mit Sicherheit nicht klar, wie viel Menschenverachtung in ihren Worten lag. Wenn ich jetzt zimperlich wurde und auf politische Korrektness hinwies oder eine Menschenwürde-Diskussion vom Zaun brach, konnte es zwischen uns schwierig werden. Also Augen zu, einmal feste schlucken und durch. Das Gedicht war mir wichtiger.
„Sie ist aus Afrika, ihre Mutter ist noch dort, der Vater ist in irgendeinem Krieg erschossen worden. Die Mutter war zu krank, um zu flüchten. Scheußlich.“
Frau Heinemann schüttelte sich ein wenig, als wolle sie das Schicksal der Afrikanerin vertreiben, aber es klebte im Raum und hängte sich an die Erinnerungsfäden, die Frau Heinemann selbst mitgebrachte. Ob sie die Parallele zu sich erkannte? Sie war als junges Mädchen mit der Mutter in einem Flüchtlingstreck nach Deutschland gekommen, musste schon früh in ihrem Leben jede Arbeit annehmen, damit sie sich und ihre kranke Mutter durchbringen konnte.
Frau Heinemann dachte laut nach: „Verständlich, dass sie dann dort weg will. Aber müssen die alle zu uns kommen? Hier gibt es doch sowieso schon so wenig Arbeit für die Deutschen.“
Oh je, da waren sie wieder die schrägen Ansichten über den Arbeitsmarkt und die irrationale Angst um das eigene Butterbrot. Das Butterbrot, über dessen Belag sich Frau Heinemann oft und gerne ausließ. Die Wurst war zu dick oder zu dünn, „schrecklich!“, an zwei Tag hintereinander dieselbe Wurst, „eine Zumutung!“, und im sauren Hering war neulich sogar eine Gräte! Wollte man sie hier am Ende umbringen?
Nein, offensichtlich sah Frau Heinemann die Parallele zu ihrer eigenen Geschichte nicht.
Sie hatte mit ihrer Mutter, bevor sie sich eine eigene Wohnung leisten konnten, in einer kleinen Kammer bei einer Familie gewohnt, der sie zugeteilt worden waren. Wäre diese Familie nicht gewesen, so hatte Frau Heinemann einmal erzählt, hätten sie in einer furchtbar dreckigen Gemeinschaftsunterkunft leben müssen und ihr wäre die Welt der Bücher verschlossen geblieben. Sie durfte sich am großen Bücherregal der Familie frei bedienen und las sich quer durch alles, was dort an bedeutender und unbedeutender Literatur zu finden war.
Das Bücherregal war auch der Ort gewesen, wo sie ihre große Liebe, den ältesten Sohn der Familie und späteren Oberstudiendirektor, kennengelernt hatte. Sie teilten die Lesebegeisterung, die Leidenschaft füreinander und den Haß auf ihre vorgezeichneten Lebenswege.
Ich setzte mich aufrechter hin, nahm den zusammengefalteten Gedichtzettel in die Hand und öffnete ihn. Ein überleitender Satz könnte jetzt das Sprungbrett sein. Ich versuchte es:
„Wenn die Not so groß ist, wie es derzeit bei vielen Menschen ist, hoffen sie wohl, dass andere, die mehr haben, mit ihnen teilen, selbst wenn sie dafür in die Fremde müssen.“
Frau Heinemann blieb in ihren eigenen Gedanken und ignorierte meinen kläglichen Versuch zum Gedicht überzuleiten.
„Und dann auch noch die Mutter krank zurücklassen. Ist das nicht herzlos? Am Ende muss die Mutter einsam sterben ohne, dass jemand dabei ist.“
Frau Heinemanns größte Angst hatte sich in diese Bemerkung geschlichen. Um nichts in der Welt wollte sie alleine sterben müssen. Und weil sich ihre Kinder weigerten sie zu besuchen, hatte sie sich an den Besuchsdienst der Gemeinde gewandt.
Es war nicht meine Aufgabe herauszufinden, was zwischen ihr und ihren Kindern vorgefallen war, aber ich konnte vielleicht ihre Angst vor dem Tod ein wenig lindern. Genau deshalb hatte ich das Gedicht mitgebracht. Jetzt war mein Moment doch noch gekommen, freute ich mich und nahm den Zettel in die Hand. Aber zu früh gefreut, Frau Heinemann hatte eine Frage parat, die in eine ganz andere Richtung zielte.
„An was sie wohl glaubt? Wissen Sie, an was Neger heutzutage glauben?“
Frau Heinemann schien sich wirklich dafür zu interessieren, ich legte meine Hände mit dem Zettel wieder in den Schoß und antwortete: „Ich kenne mich nicht so gut aus, ich weiß nur, dass viele Schwarze Muslime sind. Aber in Äthiopien zum Beispiel sind die meisten Christen. Viele sind protestantisch, so wie wir“, versuchte ich eine Verbindung zu schaffen.
„Derselbe Gott, kaum zu glauben“, stellte Frau Heinemann für sich fest.
Für mich war es immer wieder ein erschreckender Gedanke, dass Menschen, die an einen Gott glaubten, Kriege geeinander führten. Noch rätselhafter war mir, dass sie ihren Glauben als Grund angaben, um einander Unrecht anzutun. Aber das waren meine Gedanken, Frau Heinemann war ganz woanders.
„Ich habe mal eine Bibel gesehen, in der auf der einen Seite der lateinische Text stand und auf der anderen Seite die deutsche Übersetzung. Ob es das wohl auch auf Englisch und Deutsch gibt? Dann könnte Schwester Liz schneller Deutsch lernen. Oder nicht?“
„Eine gute Idee, falls sie tatsächlich Christin ist. Apropos Bibel, dort gibt es auch einige schöne Gedichte. Die Psalmen“, versuchte ich meinen Faden wieder aufzunehmen und raschelte an meinem Textblatt herum.
Frau Heinemanns Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Da war sie wieder, die Erinnnerung an eine Schlange. Eine Schlange, die träge in der Sonne liegt, die Augen halb geschlossen, kurz bevor sie einschlafen wird.
„Seien Sie mir nicht böse, aber das mit dem Gedicht wird heute nichts mehr, ich bin hundemüde. Nächstes Mal vielleicht“, wehrte Frau Heinemann meinen letzten, plumpen Versuch ab und legte zur Sicherheit noch ihre Hand auf die meine, damit ich mit dem Zettel endlich Ruhe gab.
Während ich das verschmähte Gedicht zurück in die Tasche packte, verabredeten wir uns für die nächste Woche.
Drei Tage später kam der Anruf, dass Frau Heinemann verstorben sei.
Nach der Arbeit eilte ich ins Heim, um bei der Aussegnungsfeier dabei sein zu können. Wenigstens diesen Abschied wollte ich von Frau Heinemann nehmen.
Auf meine Frage, ob Frau Heinemann alleine gestorben war, verwies mich die Stationsleitung an Schwester Liz, die mir in gebrochenem Deutsch erzählte:
„War alles wie immer, plötzlich hat sie gestürzt in meine Arme. Hat mir geschaut in die Augen und bisschen gelacht, dann geschaut wie eine Frage. Ich wiegen sie wie ein Baby, denken an meine Mama. Frau Heinemann Augen zugemacht und keine Luft mehr. Dann Ende in Ruhe.“
Frau Heinemann war in den Armen von Schwester Liz gestorben, mein Gedicht hatte es nicht gebraucht. Ich schrieb es ihr trotzdem ins Gedenkbuch:

Der Fremde

Auf leisen Sohlen schleicht ein Fremder
Durch die Welt und will dich grüßen
Ob das gefällt oder auch nicht
Die ganze Welt liegt ihm zu Füßen

Sein Plan ist unabänderlich
Er führt ihn aus wie Gott das will
Er vergisst auch nicht auf dich
Und seist du noch so mäuschenstill

Ohne ihn gäb es kein Leben
Ganz zu schweigen von der Zeit
Wir würden uns nicht fortbewegen
Der Augenblick wär Ewigkeit

Er kommt und nimmt dich in sein Reich
Was dir das nackte Leben raubt
Und dann erkennst du totengleich
Das Geheimnis überhaupt
 

anbas

Mitglied
Hallo Aina,

eine Kleinigkeit:
an zwei Tagen hintereinander dieselbe Wurst,

Gestolpert bin ich über diese Formulierung:
Sie war als junges Mädchen mit der Mutter in einem Flüchtlingstreck nach Deutschland gekommen
Wenn Du Dich auf die Trecks im 2. Weltkrieg beziehst, wovon ich ausgehe, so war dies eine sogenannt innländische Flucht. Die Menschen sind nicht nach Deutschland gekommen (das es, nebenbei gesagt, damals noch gar nicht gab), sondern flohen innerhalb Deutschlands bzw. des damaligen Deutschen Reiches.
Falls Du dies nicht meinst, sollte die Stelle etwas anders formuliert werden.

Überlegen würde ich auch, ob Du das, was die Schwester berichtet, wirklich in direkter Rede bringst. Ich finde es immer etwas schwierig (hier übrigens auch), wenn das gebrochene Deutsch "imitiert" wird.

Insgesamt aber gefällt mir die Geschichte. Es handelt sich um ein schwieriges Thema, dass Du aber, wie ich finde, hier gut zu Papier gebracht hast.


Liebe Grüße

Andreas
 

Aina

Mitglied
Hallo Andreas,
danke für deine Rückmeldung und die wertvollen Hinweise. Ich werde sie wohl alle umsetzen.
Viele Grüße,
Aina
 

Aina

Mitglied
Das Gedicht ‚Der Fremde‘

Es war ein sonniger Spätherbsttag, an dem ich zu Frau Heinemann ins Zimmer trat. Sie saß aufgerichtet im Bett und erwartete mich frisch gekämmt. Als wir uns die Hand gaben, glaubte ich in ihrem blassen, eingefallenen Gesicht ein Lächeln zu erkennen.
„Und was haben Sie mir heute mitgebracht?“, fragte sie mich trocken, ganz wie es ihre Art war.
„Ein Gedicht“, antwortete ich, noch während ich mir den Stuhl neben ihrem Bett zurecht rückte.
„Aha“, war ihre skeptische Reaktion.
Vor ein paar Wochen hatte sie mir berichtet, wie sehr sie die Reim-dich-oder-ich fress-dich-Spaß-Gedichte aus dem Betreuungsangebot des Heimes hasste. Natürlich war sie bei meiner Ankündigung nicht begeistert, was hatte ich auch erwartet.
„Keine Angst, das ist kein Haus-Maus-raus-Vers“, versuchte ich sie zu beruhigen.
„Aha, dann ist es so ein Wortsalat, der sich nicht reimt und erst dann Sinn macht, wenn man jahrelang studiert hat“, stellte sie missbilligend fest.
„Äh, nein, auch nicht“, ich war irritiert. Mit so viel Abwehr hatte ich nicht gerechnet. Bisher hatten wir oft und gerne über Romane gesprochen. Sie war eine überraschend belesene Frau. Dass ihr Gedichte so sehr gegen den Strich gingen, hätte ich nicht angenommen. Oder war sie heute einfach nur übelgelaunt?
Das Gedicht, das ich dabei hatte, war zwar schwere Kost, aber eine gute Gesprächsgrundlage für eine kranke, hochbetagte Frau, die sich vor dem Sterben fürchtete.
„Wie geht es Ihnen denn?“, versuchte ich das Gespräch zunächst in andere Bahnen zu lenken.
„Wie es mir geht? Wie soll es mir schon gehen? Auch nicht viel anders, als Sie das letzte Mal da waren“, brummte sie.
Das Lächeln zu Beginn hatte ich wohl missgedeutet. Ob es an dem schlecht sitzenden Gebiss lag?
‚Wenn ich jetzt noch frage, ob es was Neues gibt, wird sie höhnisch schnauben und ihren Spruch vom Warten auf den Tod bringen‘, dachte ich. Also fragte ich, denn vielleicht könnte das doch der Türöffner für mein Gedicht sein.
„Was gibt es Neues?“
Frau Heinemann befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge, ein Zeichen, dass sie gleich sprechen würde. Mich streifte der Gedanke, warum sie mich so sehr an eine Schlange erinnerte. War es nur diese Geste?
„Ist die Türe ganz zu? Ich muss Ihnen was erzählen.“
Hatte Frau Heinemann meinen Türöffner-Gedanken lesen können und wich dem Gedicht bewußt aus? Ich schob meinen Verdacht beiseite, kontrollierte die Türe und bedeutete ihr, dass die Luft rein sei.
„Alles ok. Was gibt es?“
„Der Pfarrer war gestern bei Frau Moser. Bestimmt stirbt sie bald.“
„Kann sein.“
„Sicher hat die Moser aufgegeben. Hat ja auch so ein trauriges Leben, die Tochter ist neulich gestorben. Jetzt hat sie keinen mehr“, gab Frau Heinemann ihre reißerische Neuigkeit preis.
Sie bekam ein wenig Farbe in die Wangen und wirkte mit einem Mal erstaunlich vital. Meine Beobachtung, dass der neueste Schicksalsklatsch ältere Damen noch einmal richtig in Wallung versetzen konnte, bestätigte Frau Heinemann immer wieder.
„Den Pfarrer werde ich ganz bestimmt nicht rufen, das erinnert den Herrgott nur daran, dass es mich noch gibt und dann ist es vorbei mit mir“, postulierte sie bestimmt.
„Sie möchten, dass der Herrgott sie vergisst, damit Sie nicht sterben müssen? Meinen Sie das?“
Frau Heinemann nickte und lächelte spitzbübisch, dieses Mal war es unverkennbar. Ihre Augen funkelten und ließen keinen Zweifel daran, dass sie dies für ein gutes Vorhaben hielt. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie einen siegesgewissen Zisch-Laut von sich gegeben hätte.
Doch was war so schlau daran sich vergessen zu lassen, wenn das Leben eine einzige Beschwerde war? Wollte sie in den nächsten zwanzig Jahren das Klagen weiter perfektionieren? Was hielt sie hier?
Vielleicht konnte sie die Frage beantworten, wenn wir das Gedicht gelesen hatten. Ich holte es aus meiner Tasche und legte es auf dem Schoß bereit. Doch Frau Heinemann ignorierte das geflissentlich, ihr Mitteilungsbedürfnis war ungebremst: „Und wissen sie was? Wir haben neues Personal.“
Der erwartungsvolle Blick in meine Richtung sollte mir wohl sagen, dass ich das bemerkenswert finden sollte. Aber so ungewöhnlich war in diesem Heim neues Personal eigentlich nicht. Jedes Mal, wenn ich meinen Besuchdienst bei Frau Heinemann absolvierte, begegneten mir neue Gesichter – so kam es mir zumindest vor.
Ich versuchte trotzdem eine passende Reaktion zu zeigen: „Und ist das neue Personal nett?“
Personal, das hörte sich an, als handle es sich um einen Butler oder ein Hausmädchen. Personal, das Frau Heinemann gerne gehabt hätte.
Hätte sie ihre große Liebe geheiratet, wäre sie die Frau eines Oberstudiendirektors geworden und hätte sich Personal leisten können – so erzählte sie es gerne. Doch für sie kam diese Heirat nicht in Frage: sie heiratete ihrer Herkunft entsprechend ins Handwerk, einen Maurer. Ob sie mit dem Studiendirektor glücklich geworden wäre, blieb ungewiss. Sicher war jedoch: hätte sie Personal gehabt, hätte sie es durch die weiten Flure des Hauses schicken können – so wie jetzt im Heim.
„Nett? Sie ist fleißig“, wischte Frau Heinemann meine Frage beiseite, „Und sie ist ein Flüchtling und rabenschwarz“, kam sie zum Kern der Sache.
Ich dachte, einen leicht angewiderten Zug um den Mund von Frau Heinemann zu erkennen, war mir aber nicht sicher. Schließlich hatte ich ihr heute schon mal ein Lächeln unterstellt, das keines war. Ich blieb also vorsichtig zurückhaltend. Das Thema ‚Flüchtlinge‘ war derzeit in den Medien, in der Gemeinde, in den Wartezimmern und Familien heiß diskutiert und es war schwer eine differenzierte Sichtweise in kurzen, knappen Sätzen zu platzieren ohne auf absurde Resentiments, selbstgewählte Unwissenheit oder bürgerlich nett-verpackten Fremdenhaß zu stoßen.
Ich ließ Frau Heinemann den Vortritt bei der Deutung der neuen Situation: „Heute morgen hat sie mich gewaschen und mein Bett gemacht. Sie spricht schlecht Deutsch. Ich hab mich ein wenig für das arme Ding interessiert, schließlich hat sie auch ein Recht darauf, wie ein Mensch behandelt zu werden.“
Das arme Ding soll wie ein Mensch behandelt werden – ein Würgereiz drängte sich mir auf. Frau Heinemann war mit Sicherheit nicht klar, wie viel Menschenverachtung in ihren Worten lag. Wenn ich jetzt zimperlich wurde und auf politische Korrektness hinwies oder eine Menschenwürde-Diskussion vom Zaun brach, konnte es zwischen uns schwierig werden. Also Augen zu, einmal feste schlucken und durch. Das Gedicht war mir wichtiger.
„Sie ist aus Afrika, ihre Mutter ist noch dort, der Vater ist in irgendeinem Krieg erschossen worden. Die Mutter war zu krank, um zu flüchten. Scheußlich.“
Frau Heinemann schüttelte sich ein wenig, als wolle sie das Schicksal der Afrikanerin vertreiben, aber es klebte im Raum und hängte sich an die Erinnerungsfäden, die Frau Heinemann selbst mitgebrachte. Ob sie die Parallele zu sich erkannte? Sie war als junges Mädchen mit der Mutter in einem Flüchtlingstreck nach Stuttgart gekommen und musste schon früh in ihrem Leben jede Arbeit annehmen, damit sie sich und ihre kranke Mutter durchbringen konnte.
Frau Heinemann dachte laut nach: „Verständlich, dass sie dann dort weg will. Aber müssen die alle zu uns kommen? Hier gibt es doch sowieso schon so wenig Arbeit für die Deutschen.“
Oh je, da waren sie wieder die schrägen Ansichten über den Arbeitsmarkt und die irrationale Angst um das eigene Butterbrot. Das Butterbrot, über dessen Belag sich Frau Heinemann oft und gerne ausließ. Der Käse war zu dick oder zu dünn, „schrecklich!“, an zwei Tagen hintereinander dieselbe Wurst, „eine Zumutung!“, und im sauren Hering war neulich sogar eine Gräte! Wollte man sie hier am Ende umbringen?
Nein, offensichtlich sah Frau Heinemann die Parallele zu ihrer eigenen Geschichte nicht.
Sie hatte mit ihrer Mutter, bevor sie sich eine eigene Wohnung leisten konnten, in einer kleinen Kammer bei einer Familie gewohnt, der sie zugeteilt worden waren. Wäre diese Familie nicht gewesen, so hatte Frau Heinemann einmal erzählt, hätten sie in einer furchtbar dreckigen Gemeinschaftsunterkunft leben müssen und ihr wäre die Welt der Bücher verschlossen geblieben. Sie durfte sich am großen Bücherregal der Familie frei bedienen und las sich quer durch alles, was dort an bedeutender und unbedeutender Literatur zu finden war.
Das Bücherregal war auch der Ort gewesen, wo sie ihre große Liebe, den ältesten Sohn der Familie und späteren Oberstudiendirektor, kennengelernt hatte. Sie teilten die Lesebegeisterung, die Leidenschaft füreinander und den Haß auf ihre vorgezeichneten Lebenswege.
Ich setzte mich aufrechter hin, nahm den zusammengefalteten Gedichtzettel in die Hand und öffnete ihn. Ein überleitender Satz könnte jetzt das Sprungbrett sein. Ich versuchte es:
„Wenn die Not so groß ist, wie es derzeit bei vielen Menschen ist, hoffen sie wohl, dass andere, die mehr haben, mit ihnen teilen, selbst wenn sie dafür in die Fremde müssen.“
Frau Heinemann blieb in ihren eigenen Gedanken und ignorierte meinen kläglichen Versuch zum Gedicht überzuleiten.
„Und dann auch noch die Mutter krank zurücklassen. Ist das nicht herzlos? Am Ende muss die Mutter einsam sterben ohne, dass jemand dabei ist.“
Frau Heinemanns größte Angst hatte sich in diese Bemerkung geschlichen. Um nichts in der Welt wollte sie alleine sterben müssen. Und weil sich ihre Kinder weigerten sie zu besuchen, hatte sie sich an den Besuchsdienst der Gemeinde gewandt.
Es war nicht meine Aufgabe herauszufinden, was zwischen ihr und ihren Kindern vorgefallen war, aber ich konnte vielleicht ihre Angst vor dem Tod ein wenig lindern. Genau deshalb hatte ich das Gedicht mitgebracht. Jetzt war mein Moment doch noch gekommen, freute ich mich und nahm den Zettel in die Hand. Aber zu früh gefreut, Frau Heinemann hatte eine Frage parat, die in eine ganz andere Richtung zielte.
„An was sie wohl glaubt? Wissen Sie, an was Neger heutzutage glauben?“
Frau Heinemann schien sich wirklich dafür zu interessieren, ich legte meine Hände mit dem Zettel wieder in den Schoß und antwortete: „Ich kenne mich nicht so gut aus, ich weiß nur, dass viele Schwarze Muslime sind. Aber in Äthiopien zum Beispiel sind die meisten Christen. Viele sind protestantisch, so wie wir“, versuchte ich eine Verbindung zu schaffen.
„Derselbe Gott, kaum zu glauben“, stellte Frau Heinemann für sich fest.
Für mich war es immer wieder ein erschreckender Gedanke, dass Menschen, die an einen Gott glaubten, Kriege geeinander führten. Noch rätselhafter war mir, dass sie ihren Glauben als Grund angaben, um einander Unrecht anzutun. Aber das waren meine Gedanken, Frau Heinemann war ganz woanders.
„Ich habe mal eine Bibel gesehen, in der auf der einen Seite der lateinische Text stand und auf der anderen Seite die deutsche Übersetzung. Ob es das wohl auch auf Englisch und Deutsch gibt? Dann könnte Schwester Liz schneller Deutsch lernen. Oder nicht?“
„Eine gute Idee, falls sie tatsächlich Christin ist. Apropos Bibel, dort gibt es auch einige schöne Gedichte. Die Psalmen“, versuchte ich meinen Faden wieder aufzunehmen und raschelte an meinem Textblatt herum.
Frau Heinemanns Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Da war sie wieder, die Erinnnerung an eine Schlange. Eine Schlange, die träge in der Sonne liegt, die Augen halb geschlossen, kurz bevor sie einschlafen wird.
„Seien Sie mir nicht böse, aber das mit dem Gedicht wird heute nichts mehr, ich bin hundemüde. Nächstes Mal vielleicht“, wehrte Frau Heinemann meinen letzten, plumpen Versuch ab und legte zur Sicherheit noch ihre Hand auf die meine, damit ich mit dem Zettel endlich Ruhe gab.
Während ich das verschmähte Gedicht zurück in die Tasche packte, verabredeten wir uns für die nächste Woche.
Drei Tage später kam der Anruf, dass Frau Heinemann verstorben sei.
Nach der Arbeit eilte ich ins Heim, um bei der Aussegnungsfeier dabei sein zu können. Wenigstens diesen Abschied wollte ich von Frau Heinemann nehmen.
Auf meine Frage, ob Frau Heinemann alleine gestorben war, verwies mich die Stationsleitung an Schwester Liz, die mir in gebrochenem Deutsch erzählte, dass sie dabei gewesen war, als Frau Heinemann zusammensackte. Sie habe sie aufgefangen und im Arm gehalten. Frau Heinemann schaute ihr zuerst lächelnd und dann fragend in die Augen. Daraufhin habe sie sie gewiegt wie ein Baby, während sie an ihre eigene Mutter denken musste. Kurz darauf schloss Frau Heinemann für immer die Augen.
Sie war in den Armen von Schwester Liz gestorben, mein Gedicht hatte es nicht gebraucht. Ich schrieb es ihr trotzdem ins Gedenkbuch:

Der Fremde

Auf leisen Sohlen schleicht ein Fremder
Durch die Welt und will dich grüßen
Ob das gefällt oder auch nicht
Die ganze Welt liegt ihm zu Füßen

Sein Plan ist unabänderlich
Er führt ihn aus wie Gott das will
Er vergisst auch nicht auf dich
Und seist du noch so mäuschenstill

Ohne ihn gäb es kein Leben
Ganz zu schweigen von der Zeit
Wir würden uns nicht fortbewegen
Der Augenblick wär Ewigkeit

Er kommt und nimmt dich in sein Reich
Was dir das nackte Leben raubt
Und dann erkennst du totengleich
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