das gedicht vorhin

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das gedicht vorhin


die fenster
sind nicht richtig verschlossen
warum sonst der spalt des vorhangs
das leichte wehen
im mondlicht ist besonders
sind da schuhe

das gedicht vorhin zu killen
war völlig in ordnung
welchen mist man schreiben kann

meine arme unterm kopf
fangen an zu kribbeln
wo drehe ich mich hin
zum wecker zur türklinke
welche ihrer drohungen
ist die schlimmere

ich schmecke die letzten
buchstaben des gedichts
 
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Eine treffend eingefangene Stimmung, lieber Kristian!

Man kann förmlich spüren, wie die Stimmung LyrIchs nicht von den sorgenvollen Gedanken und Beklemmungen loskommt. Überall Bedrohung und von der Normalität abweichendes wie der Spalt im Vorhang zum Beispiel. Ein scheinbar kleines Detail, das aber im großen Ganzen des Gedichts über das Gedicht vorhin seine Wirkkraft entfaltet. Das find ich richtig gut!

zum wecker zur türklinke
welche ihrer drohung
ist die schlimmere
Hier dürfte dir beim Überarbeiten ein "Artefakt" der vorigen Version übriggeblieben sein. Entweder "welche drohung" oder "welche ihrer drohungen", oder? Ich wäre für Version eins übrigens, weil sprachlich flüssiger.

Und natürlich eröffnet der Schlusssatz eine wahre Gedankenflut - schön angestaut durch all die leisen Bedrohungen des Gedichts davor. Was mag das wohl vorhin für ein Gedicht gewesen sein? Und welchen Tiefen von LyrIchs Seele mag dieses entsprungen sein, dass es einen solchen Nachgeschmack hinterlassen hat....

Sehr gerne gelesen! Ein tolles, dichtes Gedicht, das mich gepackt hat.

Liebe Grüße,
Claudia
 
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O ja, Plural - es liegen zwei Drohungen vor. Danke, liebe Claudia, für den Hinweis; die zweite Variante gefällt mir besser, denn weder der Wecker noch die Türklinke sind an sich (Be)Drohungen, nur ihr 'Dahinter' ...

Sehr schöne und treffsichere Textanalye! Ich habe das Gedicht in einigen Punkten offen gelassen, der/die Leser/in möge seine/ihre Fantasie spielen lassen.

Gruß ins schöne Wien
Kristian
 



 
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