Das Gerücht

Terminator

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Das Gerücht




Freitagabend. Wer von den Mitarbeitern vom Feinkosthaus Schmidt damit angefangen hatte, wusste später keiner mehr. Plötzlich sprachen sie jedenfalls alle gleichzeitig davon, dass man über geheime Quellen erfahren hat, der Chef, Lothar Schmidt (niemand kannte ihn, da er sich mehr auf Mallorca als im nasskalten Deutschland aufhielt), würde am Sonnabend unvermutet in seinem Laden auftauchen. Angeblich, um inkognito die Ordnung, das Sortiment und vor allem die Freundlichkeit seines Personals zu überprüfen.

Sonnabendmorgen. Alle Verkäuferinnen und Verkäufer, die Kassiererinnen und ganz besonders natürlich Geschäftsführer Schwarz erschienen mit blütenweißen Schürzen oder Kitteln, die Häubchen der Damen waren frisch gestärkt, und alle zeigten ein Lächeln, als ständen sie justament auf dem Gewinnertreppchen der Miss Welt oder des Miesters Supermann.

Nur Melanie war wie immer. Melanie, Azubi im zweiten Berufsjahr, wusste von nichts. Sie hatte am Freitag freigenommen und von den Gerüchten kein Sterbenswort mitbekommen.

Melanies Häubchen saß – wie immer! – ein bisschen schief, und ihre verrückten Ohrringe (diesmal waren es Papageien in einem Riesenring) trug sie auch, obwohl Geschäftsführer Schwarz deswegen ein bisschen unwillig die Augenbrauen hochzog.

Im Feinkosthaus Schmidt ging es an diesem Vormittag zu, als würde eine ganze Schar von Vögelchen zwitschern – so liebenswürdig wurden die Kunden bedient. „Versuchen Sie doch mal den Parma-Schinken! Darf ich Ihnen ein kleines Probierstückchen anbieten“, säuselte Frau Haller. Und Hildchen Baum bot jeder Kundin an: „Soll ich das Wurstpaket verschweißen? Es hält sich dann länger im Kühlschrank!“ Geschäftsführer Schwarz verteilte Bonbons an plärrende Kinder, die Kassiererinnen gaben ungefragt kleine Tipps, wie man aus Avocados mit Grapefruit herrliche Salate machen könne, und strahlten, als falle Ostern und Pfingsten auf einen Tag. Melanie war wie immer. Sie sortierte Waren, half an den Kassen beim Einpacken, zeigte einem kleinen Mädchen, wo der Honig stand, und wenn gerade niemand in der Nähe war, summte sie den Hit von Whitney Housten „I´m your baby tonight“ vor sich hin, und sie fand die Welt – so wie sie ist – rundherum schwer in Ordnung. Bis ihr ein Stapel Zeitungen auf den Kopf fiel. Da hatte doch so ein schlacksiger Mensch ausgerechnet das unterste Exemplar aus einem Regal herausgezogen – so doof, dass die Zeitungen völlig zerfledderten.

Melanie, die gerade auf den Knien lag, um Tomatenpüree-Döschen auszuzeichnen, rief erschrocken: „Huppsa!“ – blickte hoch und konnte dann nur noch sehr sanft „oh, oh, oh“ murmeln. Der Typ, etwa 25 Jahre alt, lächelte: „Hallo, da sieht man sich ja endlich wieder! Warum warste denn letzte Woche so plötzlich aus der Disco verschwunden?“

„Es war nicht plötzlich! Ich musste einfach gehen, sonst hätt` ich die letzte U-Bahn verpasst!“

„Klar – das ist ein Grund! Obwohl, `n kleines „Tschüss“ oder besser „Auf Wiedersehen“ hättest du ruhig sagen können. „Konrad, von allen nur Conny gerufen, lachte.

„Können wir´s nachholen?“ flüsterte Melanie.

„Klaro! Aber dazu müssten wir uns erst verabreden! Heute abend? Wieder in der Disco? Und wenn du willst, fahr´ ich mit dir anschließend U-Bahn bis ans Ende der Welt!“ Conny strich – während er das sagte – dabei ganz zart über Melanies Nase.

„Aber nur, wenn du mir hilfst, die zerfledderten Zeitungen wieder zu ordnen“, giggelte Melanie vergnügt. „Alles muss tipptopp aussehen, und dann als Stapel aufs Regal – so exakt, dass man ein Lineal anlegen kann!“

Als Conny zehn Minuten später den Laden verließ, da guckte ihm Melanie nach, und ihr war, als hörte sie Schmetterlinge lachen und Sonnenwölkchen flüstern...

14 Uhr. Feierabend. „Nun ist der Chef doch nicht gekommen!“ maulte Hildchen Baum. „Ich hab´ mir fast die Hacken abgerissen“, seufzte Geschäftsführer Schwarz. „Morgen hab´ ich bestimmt Muskelkater“, sagte Frau Haller, „so toll und so viel hab´ ich gelächelt!“

„Die Stimmung war heute irgendwie irre gut“, mischte sich jetzt Melanie ein, die noch immer nicht wusste, von was eigentlich die Rede war. „So könnte es doch immer sein! Ein Lächeln ist doch nie umsonst!“

PS: Übrigens, Konrad, von allen Conny gerufen, hieß mit Nachnamen Schmidt und war der jüngste Sohn von Lothar Schmidt. Aber das erfuhr Melanie erst viele Wochen später, als sie mit Conny Urlaub auf Mallorca machte...
 

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