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Das Glück der späten Jahre

Rezension zu:

Ilse Helbich, Vineta, Droschl 2013, ISBN 978-3-85420-845-7

Erst 1989 hat die 1923 geborene österreichische Autorin Ilse Helbich begonnen, erste Prosastücke zu schreiben. Später ist sie mit Romanen und Erzählungen einem kleinen Publikum vor allem in der Alpenrepublik bekannt geworden. Vor einigen Jahren legte sie, schon hochbetagt, unter dem Titel "Das Haus" ein stark autobiographisch geprägtes kleines Buch vor, in dem sie von einer Frau erzählt und ihren Erfahrungen im letzten Teil ihres Lebens.

Mitte sechzig ist diese namenlose Frau, als sie nach dem Tod der beiden Eltern eine nicht unbeträchtliche Erbschaft antritt. Ein ziemlich heruntergekommenes Anwesen am Fuß des Manhartsberges hat die Frau sich ausgesucht; dieses Haus soll ihr ersehntes Refugium für ihre letzte Lebenszeit werden. Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Rückkehr zu alten Werten der Beständigkeit, Häuslichkeit und vor allen Dingen der Innerlichkeit. Und es ist ein philosophisches Dokument für die Erfahrung, dass wir in diesem Leben eigentlich "unbehaust" sind. Denn kaum hat sie sich nach einigen Jahren in ihrem Haus eingelebt, da beginnen schon Gedanken hochzusteigen vom Abschiednehmen und vom Tod, und davon, dass vielleicht ihre Nachkommen dieses Haus einmal mit Leben erfüllen werden.

"Das Haus" ist nicht nur der poetische Bericht über den gelungenen und doch begrenzten Versuch eines Heimischwerdens, sondern auch eine Ermutigung für alle Menschen, diese Suche nach einem solchen Ort in ihrem Leben, der immer auch ein existenzieller Ort ist, nicht aufzugeben. Es muss nicht für jeden bedeuten, ein altes Haus zu renovieren. Sein eigenes Leben in Ordnung zu bringen, es wohnlich zu machen und menschlich, reicht in der Regel schon aus.

Die danach 2012 veröffentlichen "Erkundungen" unter dem Titel "Grenzland. Zwischenland" beschreiben in kurzen Notaten, aber auch einmal längeren Essays den Alltag und das Leben der mittlerweile fast neunzigjährigen Schriftstellerin in ihrem geliebten Haus und in dem Dorf, zu dem sie seit langem selbstverständlich dazugehört. Es sind Beobachtungen von tiefer Spiritualität, wenn sie etwa vom Schreiben erzählt oder von der Langeweile. Texte sind das, denen man die Anstrengung nicht abspürt, die das Verfassen für die Autorin bedeutet, Texte, die aufmerksam und aufrichtig ihr Leben, ihre Umwelt und die Menschen zurückhaltend beobachtend beschreiben.

Da ist auch von viel Schwerem die Rede, doch mit einer solchen literarischen Leichtigkeit, dass man wie schon bei "Das Haus" bedauert, dass Ilse Helbich erst im hohen Alter mit dem Schreiben begonnen hat.

Nun hat sie unter dem Titel „Vineta“ eine Sammlung kurzer und längerer wieder sehr stark biographisch geprägter Texte veröffentlicht. Vineta ist der Name jener sagenumwobenen Stadt im Norden, die vom Meer verschlungen wurde, weil ihre Bewohner ihr Glück nicht achteten, sondern nur im Streit miteinander lebten. Und so wie man die Häuser des versunkenen Vineta nur bei ruhiger und klarer See erblicken kann, ist es auch mit dem Schreiben. Nur mit der Ruhe und der Klarheit des Geistes, nur mit einer dem Leben dankbar verpflichteten Gelassenheit, dem Glück der späten Jahre, kann man mit einer derartigen Empathie wie es Ilse Helbich tut, das versunkene Reich der eigenen Kindheit heraufholen und es anschauend beschreiben.

Es sind vor allem die vielen kleinen Dinge eines verschwundenen Alltags, die längst verstorbenen Menschen mit ihren besonderen, heute so nicht mehr erlebbaren Charakteren und jenes kleine und neugierige Mädchen, das sie einmal war, die Ilse Helbich mit ihren eindrücklichen und poetischen Texte anschaut. Das ist ihr Vineta, zu dem sie den wie den beiden anderen erwähnten Büchern beeindruckten und bewegten Rezensenten mitgenommen hat.
 

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