Das Haus der Lisa Martens

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Ciconia

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Der Wecker zeigte 3:12 Uhr, als Behncke von lauten Stimmen geweckt wurde. Er schob den Vorhang zur Seite und sah, wie zwei Polizisten vor dem Haus auf ein junges Pärchen einredeten. Er verfluchte den Tag, an dem er nach der Scheidung übereilt diese billige Wohnung mitten im Hamburger Vergnügungsviertel bezogen hatte. Hier gab es ständig nächtliche Ruhestörungen.
Er trank einen Schluck Wasser und ging zurück ins Bett. Sein Kopf brummte, aber er wollte über die Ursachen gar nicht nachdenken. Einschlafen konnte er danach nicht mehr, er wälzte sich von einer Seite zur anderen und grübelte. Zwei Stunden später stand sein Entschluss fest: Ein paar Tage Ruhe in Hochstrand würden ihm guttun.
Wahllos packte er einige Wäschestücke, T-Shirts und Waschzeug in seine Reisetasche. Viel brauchte er nicht mitzunehmen, er würde sowieso kaum unter Leute kommen. Er frühstückte ausgiebig, während es draußen allmählich dämmerte.

Kurz nach acht Uhr stieg Behncke ins Auto. Beim Verbrauchermarkt an der Ausfahrtstraße besorgte er Lebensmittel für mehrere Tage und einen Kasten Bier. Jetzt bedauerte er ein wenig, dass die große Gefriertruhe in Lisas Haus nicht mehr zur Verfügung stand, aber soweit er sich erinnerte, hatte der Kühlschrank ein 3***-Fach. Das müsste für einige Pizza-Kartons reichen. Den Supermarkt in Hochstrand wollte er auf jeden Fall meiden. Obwohl ihn dort niemand kannte, waren Unterhaltungen das Letzte, was er gebrauchen konnte.

Der dichte Nebel an diesem Dezembermorgen hielt sich zäh. Für die nächsten Tage wurden erste kräftige Nachtfröste vorhergesagt. Vielleicht brauchte er also gar lange zu bleiben und konnte die begonnenen Dinge endlich zum Abschluss bringen, bevor seine Nerven endgültig blanklagen.
Er musste an seine erste Fahrt nach Hochstrand Anfang des Jahres denken, an einem ähnlich nebeligen Tag wie diesem. Seine Mutter hatte ihn gebeten, sie zu Lisa Martens zu fahren. Die beiden alten Frauen hatten sich im letzten Herbst in einer Rehaklinik kennengelernt und gut verstanden. Bei einem längeren Kaffeeklatsch erfuhr Behncke allerlei über Lisas Leben und vor allem ihre Vermögensverhältnisse. Nach dem völlig überraschenden Tod seiner Mutter einige Wochen später besuchte Behncke Tante Lisa, wie er sie mittlerweile fast liebevoll nannte, im April ein zweites Mal, um ihr vom Tod der Mutter zu berichten. Sie ließ ihn ohne Arg ein – und teilte ihm mit, dass sie noch einmal für längere Zeit ins Krankenhaus müsse. Das Taxi für den nächsten Morgen sei schon bestellt. Seinen Plan musste Behncke danach zunächst auf Eis legen oder besser gesagt komplett überarbeiten.

Erst beim dritten Besuch im Juni verlief zumindest der erste Teil seines neuen Plans reibungslos. Er würde jetzt ein paar Monate lang in Ruhe die nächsten Schritte überlegen und weitere Vorbereitungen treffen. Währenddessen kam er regelmäßig einmal im Monat nach Hochstrand, auch um Geld mit Lisas EC-Karte abzuheben. Der alte Martens hatte sein Leben lang gut verdient und ihr eine gute Rente hinterlassen. Sicherheitshalber wählte Behncke jedes Mal einen anderen Geldautomaten im Umkreis von Hochstrand, niemals in der Stadt. Er grinste hinter seinem hochgezogenen Schal und schob den Mützenschirm weit über die Stirn, als er an den Automaten trat.

Am späten Vormittag bog er in die menschenleere Sackgasse am Rande des kleinen Ortes ein. Das Haus von Lisa Martens war das letzte und älteste nach einer Reihe von modernen Ferienhäusern, die in den letzten Jahren nach dem Abriss alter Häuser hier entstanden waren. Keines der Häuser schien um diese Jahreszeit bewohnt zu sein, die Rollläden waren überall heruntergelassen. Nur im Haus von Lisa verbreitete eine kleine Stehlampe auf der Fensterbank des Wohnzimmers Heimeligkeit.
Behncke öffnete das Garagentor, fuhr den Wagen zügig hinein und schloss das Tor sofort wieder. Nach einem kurzen Blick unter die Plane am hinteren Ende der Garage trat er zufrieden pfeifend durch die Verbindungstür ins Haus.
Abgestandene Luft und der Muff vieler Jahre schlugen ihm entgegen. Er öffnete erst einmal alle Fenster zum nicht einsehbaren großen Garten hinter dem Haus. Tannen und eine hohe Thuja-Hecke schützten die weite einladende Rasenfläche. Hier konnte man bei Nässe oder Frost schon leicht mal ausrutschen, dachte er mit einem süffisanten Lächeln. Und ein paar Tage bei Eiseskälte nicht gefunden werden.
Sein Kontrollgang durch das Haus ergab keine Auffälligkeiten, auch der Sicherungskasten schien in Ordnung. Ein Stromausfall gehörte seit Monaten zu seinen größten Sorgen. Er räumte seine Einkäufe in den Kühlschrank und bereitete sich erst einmal eine kräftige Brotzeit.

Später begann er mit der lange aufgeschobenen Durchsicht von Lisas zahlreichen Aktenordnern. Wie er in Bezug auf das Schließfach mit der Münzsammlung und den Goldbarren am besten vorgehen sollte, war ihm allerdings immer noch nicht hundertprozentig klar. Eine Vollmacht mit Lisas perfekter Unterschrift gab es immerhin schon.
Er vertiefte sich so sehr in seine Arbeit, dass er aufschrak, als plötzlich der Fernseher ansprang. Die Zeitschaltuhr hatte er völlig vergessen. Auch die automatische Rollladenabsenkung war während seiner Anwesenheit nicht nötig. Er stellte beides wieder aus. Adam Martens hatte anscheinend in seinen letzten Lebensjahren ordentlich in das Haus investiert, um es auf den neuesten technischen Stand zu bringen. Danke, Adam Martens, dachte Behncke grinsend und zog sich für einen längeren Spaziergang warm an. Inzwischen dunkelte es, Hochstrand lag unwirklich und ausgestorben da. Er lief fast eine Stunde lang am Strand weiter ortsauswärts, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Frost lag in der Luft. Bald würde er in wärmeren Gefilden sein, vorzugsweise in Florida, wenn alles klappte. Seinen Job hatte er bereits zum 31. Dezember gekündigt, mit genügend Resturlaub konnte es noch vor Weihnachten losgehen.

Bei seiner Rückkehr stellte er verärgert fest, dass er vergessen hatte, die Heizungsanlage höher zu drehen. Auf die Raumtemperatur hatte er heute Mittag gar nicht geachtet, für einen gemütlichen Abend schien sie ihm definitiv zu niedrig. Aber wozu gab es den alten Kachelofen im Wohnzimmer? Im Schuppen hinter dem Haus fand er Brennholz und schaffte es nach mehreren Versuchen tatsächlich, das Feuer anzufachen.
Vom letzten Besuch stand noch eine angebrochene Flasche Rum im Schrank. Während das Feuer nur zögerlich in Gang kam, bereitete er sich einen kräftigen Grog und schaltete den Fernseher ein. Seltsam nur, dass ihm kurz danach plötzlich schwindelig wurde und ihn eine starke Müdigkeit überfiel. Er schlief ein, bevor er das Glas leeren konnte.

***​

Am Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages klingelte der alte Brodersen, ein früherer Nachbar der Martens‘, lange Zeit vergeblich bei Lisa. Er hatte nach ihrem Krankenhausaufenthalt im Frühjahr schon längst mal vorbeischauen wollen, war dann aber aufgrund eigener schwerer Erkrankung und seines anschließenden Umzugs in ein Seniorenheim nie dazu gekommen. Verwundert stellte er fest, dass drinnen offensichtlich ein Fernseher lief. Aus dem Briefkasten ragten mehrere Anzeigenblätter und der Gemeindebrief von Mitte Dezember. Besorgt rief Brodersen seinen Schwiegersohn, Polizeimeister Hartmann, an.

***​

Kieler Abendblatt, 27. Dezember

Eine grausige Entdeckung machten Polizeibeamte am 1. Weihnachtstag in einem Einfamilienhaus am Rande von Hochstrand. Im Wohnzimmer fanden sie die Leiche eines 43-Jährigen aus Hamburg, dessen Tod schon vor mindestens zwei Wochen eingetreten sein musste. Als Todesursache vermutet man eine Kohlenmonoxidvergiftung durch einen verstopften Kaminabzug. Reste eines großen Vogelnestes befanden sich im oberen Teil des Kamins. Bei einer weiteren Durchsuchung des Anwesens wurde später auch die Leiche der 78-jährigen Hausbesitzerin in einer großen Gefriertruhe in der Garage entdeckt. Man schätzt, dass ihr Tod bereits einige Monate zurückliegt. In welchem Verhältnis die beiden Verstorbenen zueinander standen und wie die beiden Todesfälle zusammenhängen, ist momentan noch Gegenstand polizeilicher Ermittlungen.


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Hallo Ciconia,

erst einmal freue ich mich, dass du wieder Geschichten einstellst. :)

Jetzt ohne Umschweife zur Kritik: Bei Horrorgeschichten ist das immer so eine Sache. Es gibt irgendwie einfach nicht so viele Plots dafür, ich meine, die Plots wiederholen sich einfach immer wieder (ist bei anderen Horrorgeschichten nicht anders). Ich wusste beispielsweise hier direkt, was los ist:

Jetzt bedauerte er ein wenig, dass die große Gefriertruhe in Lisas Haus nicht mehr zur Verfügung stand
Insgesamt finde ich die Geschichte aber unterhaltsam geschrieben. Am Stil habe ich noch etwas zu bemängeln, direkt beim ersten Satz:

Der Wecker zeigte 3:12 Uhr, als Behncke von lauten Stimmen geweckt wurde.
In einem meiner Bücher über das Schreiben wird der Tipp gegeben, die Erzählweise „Es passierte dies, als das" oder „Als dies war, passierte das" zu vermeiden - also Sätze zu bilden ohne "als". Hier hätte man den Satz teilen können: „Behncke wurde von lauten Stimmen geweckt. Der Wecker zeigte 3:12 Uhr." Klingt mE besser und spannender.

Was passiert ist, kann sich der Leser ziemlich schnell denken, aber wie gesagt - bei Horrorgeschichten ist die Plot- Auswahl recht begrenzt, und auch wenn man es weiß, macht es trotzdem Spaß, die Geschichte zu lesen.

Eine Frage noch:

Bei einer weiteren Durchsuchung des Anwesens wurde später auch die Leiche der 78-jährigen Hausbesitzerin in einer großen Gefriertruhe in der Garage entdeckt
Hat sie da ganz reingepasst? Ich kenne keine Gefriertruhen von einer solchen Größe. Ich hätte sie in Teilen gefunden werden lassen ;)

Schöne Grüße
SilberneDelfine
 
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Hallo SilberneDelfine,

mein Schwager ist Fischer. Der hat riesige Kühltruhen. Glaub mir, da geht eine kleine alte Oma mühelos rein.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
 

Ciconia

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Hallo Silberne Delfine,

vielen Dank für Deinen freundlichen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe – vor allem darüber, dass Du offensichtlich keine Logikfehler gefunden hast.:)

Ich gebe Dir vollkommen recht, dass es sehr schwierig ist, bei Horrorgeschichten neue Plots zu erfinden. Allerdings habe ich mich auch zum ersten Mal in diesem Genre versucht. Aber ich bin eine passionierte Krimileserin und –zuschauerin, und auch dort wird ja vieles immer wieder nur neu aufgekocht. Es kommt leider nur noch selten vor, dass man kein Gespür dafür entwickelt, wer der Täter ist (und im Fernsehen ist es immer der bekannteste Schauspieler in einer Nebenrolle :rolleyes:).

Deshalb ahnte ich schon, dass Profis wie Du sofort über den Hinweis auf die Gefriertruhe stolpern würden. Ich habe lange überlegt, an welcher Stelle man am besten den ersten Hinweis auf die Geschehnisse geben sollte, ich fand das sehr schwierig.

Übrigens sah meine erste Rohfassung dieser Geschichte noch völlig anders aus. Ich wollte eigentlich einen Corona-bedingten Lockdown und Behnckes Schwierigkeiten, überhaupt von Hamburg nach Schleswig-Holstein zu kommen (das gab es ja durchaus im Frühjahr), mit einarbeiten und dies auch als Begründung dafür nehmen, dass der ganze Ort so ausgestorben war und selbst das Auto mit auswärtigem Kennzeichen nicht gesehen werden sollte. Aber dann habe ich das Ganze doch noch einmal umgeschrieben, um die Nerven aller zu schonen. Und so ist die Geschichte vielleicht ein bisschen lahmer geworden.;)

Die Abfolge des ersten Satzes finde ich nicht unbedingt verkehrt, ich denke, das ist Geschmackssache.

Ja, und zur Größe der Gefriertruhe hat Rainer Zufall ja schon etwas gesagt (danke dafür, Rainer!). Ich dachte auch, dass ein kleines zierliches Omchen hineinpassen müsste, und wollte mich nicht mit dem wirklichen Horror einer Leichenzerstückelung beschäftigen.

Vielleicht finde ich in den bevorstehenden langen Winterwochen noch einmal Gelegenheit, mich mit Horrorgeschichten zu befassen. Dass es hier einige wenige aufmerksame Leser/innen dafür gibt, weiß ich ja nun.

Gruß, Ciconia
 
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Hallo SilberneDelfine,

mein Schwager ist Fischer. Der hat riesige Kühltruhen. Glaub mir, da geht eine kleine alte Oma mühelos rein.

Liebe Grüße,
Rainer Zufall
:eek: Okay. Ich hatte übrigens mal selbst eine Geschichte geschrieben, in der die Täterin eine vermeintliche Rivalin in die Tiefkühltruhe packt - da hatte ich auch nicht dran gedacht, dass da nicht unbedingt ein Erwachsener reinpasst. Sowas fällt einem nur beim Lesen anderer Geschichten auf.

LG SilberneDelfine


Aber ich bin eine passionierte Krimileserin und –zuschauerin, und auch dort wird ja vieles immer wieder nur neu aufgekocht. Es kommt leider nur noch selten vor, dass man kein Gespür dafür entwickelt, wer der Täter ist (und im Fernsehen ist es immer der bekannteste Schauspieler in einer Nebenrolle :rolleyes:).
Im Roman ist es so:
Im Roman muss er immer schon auf den ersten Seiten vorkommen. Auch wenn er danach eventuell bis zum Schluss nicht mehr auftaucht.

Ich finde es gut, dass du Corona rausgelassen hast aus der Geschichte. Ich möchte wenigstens beim Lesen einen Hauch von Normalität im Alltag spüren.

LG SilberneDelfine
 

molly

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Hallo Ciconia,
stimmige Geschichte, doch zum Glück hielt sich der Horror im Rahmen. Krimi dagegen mag ich. Froh bin ich, dass Du das Omchen nicht zerlegt hast.
Vielleicht brauchte er also gar lange zu bleiben und konnte die begonnenen Dinge endlich
Fehlt da ein Wort?
Er musste dachte an seine erste Fahrt nach Hochstrand Anfang des Jahres denken,
Mein Vorschlag!

Viele Grüße
molly
 

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