Das Heuschreckendilemma in den Medien

Dieser Text richtet sich an maximal 20 Prozent der Menschen. Diejenigen, die sich mit meinungsbildenden Prozessen befassen und das derzeit Gebotene kritisch hinterfragen.


Die MEDIEN. Vierte Gewalt im Staat. Wächteramt der Demokratie. Bringen „Edelfedern“ hervor, haben den Anspruch Qualitätsjournalismus zu produzieren. Kritisiert gerne von denen, die kritisiert werden. „Schweinejournalismus, Journallie, seichte Boulevardmedien, Kampagnenjournalismus“. Nichts Neues in Ost und West.

Nein, früher war nicht alles besser. Doch einige Parameter haben sich grundsätzlich geändert und das sollte in der Breite stärker wahrgenommen werden, als bislang geschehen.
Früher war die Information die Ware, der Kunde konsumierte, der wiederum zog die Werbewirtschaft an. Heute sind Informationen überall und jederzeit abrufbar. Die Medien brauchen neue Geschäftsmodelle, einhergehend mit Fusionen und massivem Stellenabbau. Der Kunde und seine Daten werden zur Ware, die Information zweitrangig und dünner, gleichförmiger. Weniger Korrespondenten, weniger Agenturen. Mehr Konzentration. Trotz neuer Infokanäle sinkt die Vielfalt.

Im gleichen Maß wie die Politik der Parteien sich annähert und austauschbar wird, sinkt die Unterscheidbarkeit der Medien. Nur scheinbar steigen die Informationsmöglichkeiten durch den Griff zur Fernbedienung. Russia Today, China Today, CNN, Al Jazeera. Leider bieten diese Medien keine unabhängige Berichterstattung, sondern lediglich einen gesteuerten Gegenentwurf. Das heißt nicht, dass die heimischen Medien so unabhängig sind, wie sie sich gerne selbst sehen.

Den Münteferingischen Heuschreckenvorwurf, gerichtet gegen die Hedgefonds, die Unternehmen kaufen, zerschlagen, mit Gewinn weiterverkaufen, haben die Medien einst begeistert aufgegriffen und dabei übersehen, dass sie sich selbst auf verschiedenen Ebenen das Verhalten dieser wenig possierlichen Tiere zu eigen machen.
Abgesehen davon, dass einige Sendergruppen im Privaten ebenfalls von Hedegefonds übernommen wurden, konzentrieren sich immer mehr Zeitungen, Portale und Hörfunksender bei wenigen großen Medienhäusern. Dem Kahlschlag der unabhängigen Medienvielfalt folgt der Kahlschlag in den eigenen Häusern. Redaktionen werden zusammengelegt, Regionalzeitungen erscheinen mit den gleichen Mänteln. Unter unterschiedlichen Namen erscheinen die ewig gleichen Inhalte.

Vorgemacht hat diesen Trend bereits vor Jahrzehnten die Autoindustrie. Brachten früher viele unterschiedliche Hersteller ihre unterschiedlichen Modelle auf den Markt, sind es heute oft nur noch die unterschiedlichen Namen, die unter einem Konzerndach firmieren. Allein VW hat 10 eigenständige Fahrzeugmarken geschluckt. Das mag bedauerlich sein, hat aber nicht die gleichen Auswirkungen, wie der Schmelzprozess in den Medien.

Nicht nur an den Konzernspitzen auch in der tätigen Journalistenschar breitet sich die Heuschreckenmentalität aus, geschuldet den wenigen Informationsquellen und der Hochgeschwindigkeit im Netz. Themen werden wie Felder bearbeitet. Alle drauf, abfressen, ausweiden und der Schwarm fliegt weiter. Die Eindimensionalität der Information wird durch Phantasie, Mutmaßungen und Interpretationen aufgebläht.
Hier gilt es an den Satz des Kommunikationswissenschaftlers W.Schulz zu erinnern:

„Die Nachrichtenfaktoren sind nicht Merkmale von Ereignissen, sondern journalistische Hypothesen von Realität.“



Nachdem das Feld NSA aus Sicht der Medien abgegrast war, geht es nun um Russland. Jeder noch so kleine Aspekt wird jetzt aus einer vorgegebenen Brille betrachtet. Erst folgt die Grundprämisse: Putin, Diktator, gedemütigt, Größenwahn, dann wird alles durchdekliniert von A wie Atomgefahr bis Z wie Zensur. Es gilt das Eisen zu schmieden, so lange es heiß ist. Morgen kann das Thema schon wieder „durch“ sein. Jetzt wird das Geld mit Russland gemacht, morgen ist es Tunesien, übermorgen wieder Syrien.

Für echte Empörung oder Empathie ist einfach keine Zeit. Auch die an und für sich selbstverständlichen journalistischen Tugenden wie Neutralität, Abwägen, Einholen einer zweiten Meinung, bleiben aus Zeit- Geld – oder Personalnot auf der Strecke.

Verschärft wird dieses Dilemma durch PR-Strategen, die mundgerechte Meldungen verteilen oder virales Marketing betreiben. Denn im gleichen Maß, wie in den Medien das Personal gekürzt wird, stocken die Unternehmen ihre PR-Abteilungen auf.

Jetzt kommen diejenigen, die vom mündigen Bürger reden und auf Kommentarfunktionen und Plattformen wie Facebook verweisen. Dies führe angeblich zu Pluralität und Meinungsströmen von unten. Dort findet aber kein Diskurs statt. Jeder antwortet wenn überhaupt auf die letzten Kommentare oder will seine Meinung sehen. Was nicht gefällt geht im Shitstorm unter.

Was erleben wir also im Moment? Das Recht des Stärkeren, des Lauteren, des Mächtigeren. Vernunft und Besonnenheit haben es in solchen Zeiten schwer.

Wer sich mit Journalisten privat unterhält, bekommt oben Stehendes bestätigt. Die Angst um den Arbeitsplatz wirkt stärker als der Kampf für Objektivität.

Wer die genannten Thesen schärfer formuliert sieht sich schnell dem Verdacht des Verschwörungstheoretikers, der Rechtslastigkeit oder des linken Spinnertums ausgesetzt, es sei denn er kleidet seine Kritik ins Gewand des Hofnarrentums, heute als Satire bezeichnet.

Wer solchermaßen vorträgt muss sich immer die aggressive Gegenfrage gefallen lassen: Und wie kann man es besser machen? Da gibt es viele Ansätze. Zunächst jedoch muss es gelingen, dass sich mehr als die genannten 20 Prozent überhaupt mit dem Dilemma befassen WOLLEN.
 

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