Das Kind und der Fluss

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
Am grauen Fluss im Sommerwind
gräbt selbstverlorn ein blondes Kind
sein Schäufelchen in dicken Schlick,
hat keine Zeit für einen Blick
auf Schiffe, die nicht weit vom Strand
elbabwärts ziehn durchs Marschenland.

Das Kind spürt nicht den Wellengang,
den jetzt ein Frachter mit sich bringt,
erkennt den Sog nicht als Gefahr,
und schaufelt rasch voll Überschwang,
bis es entsetzt zur Seite springt,
wo vorher noch kein Wasser war.

Es taumelt, stolpert, sucht den Stand,
verliert die Schaufel aus der Hand,
das Wasser steigt ihm bis zum Knie.
Von fern ruft jemand laut: „Marie!“
Das Kind läuft weinend durch den Schmutz
und findet unter Weiden Schutz.

Am nächsten Tag bei Sturm und Wind:
Ein Kind starrt auf den trüben Fluss.
Sein Spielzeug ließ es gleich Zuhaus,
kam nur mal kurz zum Strand geschwind,
weil es für sich was klären muss.
Doch Schiffe laufen heute nicht mehr aus.
 
Zuletzt bearbeitet:

Oben Unten