• Liebe Forenmitglieder,

    das Redaktionsteam sucht Verstärkung. Einige von uns wollen nach vielen Jahren emsiger Sorge für ein gepflegtes Lupen-Leben in die Lupen-Rente gehen, anderen wird schlichtweg die Zeit für dieses Ehrenamt knapp. Deshalb suchen wir Nachwuchs.

    Interesse? Mehr Infos finden sich hier.

Das Mädchen im Schrebergarten

3,00 Stern(e) 3 Bewertungen

Hyazinthe

Mitglied
1
Kevin kaute missmutig an seinem Toast und starrte vor sich hin. Es war halb elf, und er war gerade aufgestanden.
„Hast du die Bewerbung fertig?“ fragte seine Mutter nun schon zum zweiten Mal. Ihre Stimme wurde drängend. „Du weißt doch, die Frist läuft diese Woche ab.“
Sie stand an der Spüle und schälte Kartoffeln für das Mittagessen. Ungeduldig führte sie das scharfe Messer und warf die geschälten Kartoffeln mit einer heftigen Bewegung in das aufspritzende Wasser. Ihre grauen Haare, sonst meistens ordentlich gewellt, standen in Büscheln von ihrem Kopf ab, der Ärger vertiefte die Falten um ihren Mund herum und ließ ihr hageres Gesicht verhärmt aussehen. Sie wischte sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab und drehte sich zu Kevin um.
„Du kannst doch nicht den halben Tag verschlafen und dann nur rumhängen, Kevin. Das musst du doch einsehen. Und schließlich ist Bäcker ein guter Beruf.“
Kevin verdrehte die Augen, aber so, dass seine Mutter es nicht sah. Er fühlte sich richtig mies: Hämmernde Kopfschmerzen drohten seinen Kopf zu sprengen, seine Augen brannten und im Mund hatte er einen scheußlichen Geschmack. Kein Wunder, schließlich hatte er gestern mit Lukas und Benny nicht nur ein harmloses Bier getrunken. Komm, trink doch einen mit, hatte Lukas immer wieder gesagt, oder bist du noch ein Baby? Also hatte er den klaren Wodka aus der Flasche getrunken, obwohl er widerlich geschmeckt hatte. Ihm war immer noch schlecht.
Wenn seine Mutter doch nur aufhören würde herumzukeifen. Er hatte eben keinen Bock auf eine Lehrstelle als Bäcker. Jeden Morgen um vier Uhr aufstehen und ackern, nur damit die Leute zum Frühstück frische Brötchen auf dem Tisch hatten? Lieber würde er Hartz 4 beantragen, damit kam man ja auch ganz gut über die Runden und brauchte gar nichts zu tun.
„Kevin, ich spreche mit dir. Hörst du mir eigentlich zu?“ Die Stimme seiner Mutter war schrill geworden. Am liebsten hätte Kevin sich die Ohren zugehalten. Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen würde! Immer fing sie wieder damit an. Er konnte doch schließlich nichts dafür, dass seine Bewerbungen bisher immer abgelehnt worden waren. Er wollte nun mal Automechaniker werden, oder wenigstens etwas mit Maschinen zu tun haben. Er hatte sich ja auch überall im Harz beworben, sogar in Goslar und Braunschweig, obwohl das natürlich viel zu weit weg war.
Okay, sein Hauptschulabschluss war nicht besonders gut, besonders die Fünf in Mathe war nicht gerade ein Glanzstück. Aber trotzdem! Er kannte alle Automarken, konnte die technischen Einzelheiten auswendig hersagen und wusste wie man einfache Sachen in Ordnung brachte. Er hatte oft beim Reparieren von Autos zugesehen, als Benny noch in der Werkstatt von Pavlovski in die Lehre gegangen war, und schon eine ganze Menge gelernt. Aber nun hatte Pavlovski Pleite gemacht, und Benny stand genau wie er auf der Straße.
Ärgerlich knallte Kevin seine nur halb leer getrunkene Kaffeetasse auf den Tisch, sprang auf und verließ die Küche, ohne auf die empörte Stimme seiner Mutter zu hören, die ihm hinterher rief, er solle gefälligst dableiben, wenn sie mit ihm spräche.
In dem düsteren Wohnzimmer - die kleinen Fenster des alten Fachwerkhauses ließen durch ihre geteilten Scheiben nur wenig Licht herein – saß sein Vater auf dem durchgesessenen Ledersofa und sah sich im Sportkanal ein Basketballspiel an.
„Na, Kevin, ist wohl ziemlich spät geworden gestern, was?“, sagte er und warf seinem Sohn einen prüfenden Blick zu.
„Hm, hab' noch mit Benny und Lukas rumgehangen“, antwortete Kevin. Er ließ sich auf das Sofa fallen und streckte die langen Beine von sich.
Insgeheim fand er es ganz beeindruckend, dass sein Vater ganze fünfundvierzig Jahre auf dem Bau durchgehalten hatte, zuerst in der DDR, dann, nach der Wende, auf verschiedenen Baustellen im Westen. Jetzt, mit vierundsechzig Jahren, hatte sein Vater Rente beantragt, weil sein Rücken nicht mehr mitspielte.
Verstohlen musterte Kevin seinen Vater. Er fand, er sah alt und verbraucht aus, wie er so dasaß, mager und fast ganz kahl, in ausgebeulten Hosen und einem alten Baumwollhemd. Sein langes Gesicht war zerfurcht von Falten, sein Kinn unrasiert. Doch seine hellen Augen sahen Kevin aufmerksam an, als er ihn jetzt fragte:
„Du, sag mal, dieser Lukas, was ist das eigentlich für einer?“
Kevin wusste, dass sein Vater sich Gedanken machte, mit wem er sich herumtrieb, aber er hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Schließlich war er kein kleines Kind mehr. Und er war nun mal nicht so wie seine beiden älteren Schwestern, die beide schon verheiratet waren und Kinder hatten. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kamen, gab es ein großes Hallo um die Kleinen. Wie ihn das nervte!
„Der Lukas ist ganz in Ordnung,“ sagte er, „er findet nur nicht die richtige Arbeit, du weißt ja wie das hier ist. Er hat Schreiner gelernt, aber hier in der Gegend gibt’s nichts für ihn. Er hat ein geiles Motorrad, manchmal nimmt er mich auf dem Sozius mit.“
Sein Vater nahm die Fernbedienung und stellte den Ton leiser.
„Mama will, dass du die Bewerbung für die Lehre als Bäcker schreibst, Kevin, hast du das schon gemacht?“
Jetzt fing sein Vater auch noch damit an! Kevin seufzte und starrte auf das Fernsehbild, ohne zu antworten.
„Bäcker zu werden ist doch nicht das Schlechteste, Junge, Brot brauchen die Menschen immer, das haben wir schon damals in der DDR gelernt. Und du hättest die Lehrstelle direkt hier im Dorf, ich habe schon mit Bäcker Riesenbeck gesprochen, er würde dich nehmen, vorausgesetzt du schaffst die Probezeit.“
„Ach, Papa, du weißt doch, ich will was mit Autos machen. Ich hab einfach keinen Bock auf Bäcker!“
„Aber Junge, wenn es nun mal nichts gibt mit Autos! Irgendetwas muss du doch lernen.“
Kevin sprang genervt auf.
„Lasst mich doch alle einfach in Ruhe!“, rief er und stürmte aus der Stube Er knallte die Tür seines Zimmers hinter sich zu und warf sich auf sein ungemachtes Bett. Seine Kopfschmerzen waren noch schlimmer geworden. Vielleicht konnte er noch etwas schlafen, um seinen Kater auszukurieren. Gegen Abend wollten Lukas und Benny sich mit ihm in der Gartenanlage treffen. Sie hatten vor, gemeinsam um die Häuser zu ziehen.

2
Benjamin war wütend. Es war nicht ein gewöhnlicher, kurz aufwallender Ärger, nein, die Wut lag wie ein Stein in seinem Bauch, kalt und schwer, und sie war immer da. Er wusste nicht mehr, wie lange schon. Manchmal verwandelte sich der Stein in glühende Kohle, dann loderte seine Wut wie eine heiße Flamme auf und er hatte den Drang, um sich zu schlagen, etwas zu zerstören, jemandem weh zu tun. Benjamin wusste, er musste sich kontrollieren. Zu oft hatten ihn seine Wutausbrüche schon in Schwierigkeiten gebracht.
Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer und starrte sich in die Augen. Sie waren blutunterlaufen von dem Wodka, den er gestern zusammen mit Kevin und Lukas getrunken hatte. Die spärlichen Barthaare zwischen seinen entzündeten Aknepickeln ließen seine Wangen aussehen wie ein schlecht gepflügtes Stoppelfeld, zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte, und in den Mundwinkeln um seine trockenen blassen Lippen herum zeigten sich Einkerbungen, die ihn missmutig aussehen ließen und alt. Dabei war er gerade mal siebzehn Jahre!
Seine dunkelblonden Haare hingen in langen, fettigen Strähnen über die Ohren und in die Stirn. Die grauen Augen im Spiegel sahen ihn unverwandt an. Jede Unebenheit, jeder Makel und jede Rötung in seinem Spiegelbild verhöhnte ihn, flüsterte ihm zu „Du bist hässlich, du bist dumm, du bist wertlos.“ Er starrte so lange, bis seine Augen sich mit Tränen füllten. Gewaltsam riss er seinen Blick vom Spiegel los und wandte sich ab. Während er heiß duschte, vermied er es krampfhaft, seine mageren Körper anzusehen. Er wusch sich die Haare und spülte sie aus, stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und zog neue Unterwäsche, eine saubere Jeans und ein frisches Kapuzenshirt an.
Silke, Benjamins Mutter, saß am Küchentisch und las die Zeitung. Sie schaute kurz auf, als Benjamin die kleine Küche betrat und lächelte ihn an.
„Gut, dass du an den Kurs gedacht hast“, sagte sie, „du weißt ja, sie kürzen dir das Geld, wenn du nicht an der Fortbildung teilnimmst.“
Schon ihr freundlicher Tonfall ging Benjamin auf die Nerven. Wie konnte sie nur immer so gut gelaunt sein? Als Verkäuferin im Supermarkt musste sie Tag für Tag immer nur Waren einordnen oder an der Kasse sitzen, musste tun, was ihr Chef ihr sagte und stets freundlich zu den Kunden sein. Und das alles für einen Hungerlohn! Ihr Chef dagegen, der dicke Herr Supermarktleiter, fuhr schon wieder den neuesten Mercedes. Gestern erst hatte Benjamin ihn gesehen.
Er spürte, wie die Wut in seinem Bauch sich wieder rührte. Verzweifelt versuchte er sich auf seine Cornflakes zu konzentrieren, schüttete Milch und Zucker in die kleine Schüssel und füllte das Müsli mit Bananenstücken und Rosinen auf. Während er heftig in seiner Schüssel rührte, warf er seiner Mutter einen schnellen, aufgebrachten Blick zu. Überhaupt war seine Mutter nicht ganz unschuldig an seiner Wut. Er nahm ihr übel, dass er keinen Vater hatte. Es sei nur eine einzige Nacht gewesen, hatte sie ihm erklärt, sie habe lediglich seinen Vornamen gekannt, und er sei ein netter Kerl gewesen. Sie habe ihn anschließend nie wiedergesehen und nicht gewusst, wo er wohnte.
Wieder musterte Benjamin seine Mutter verstohlen. Sie blätterte in der Zeitung und nahm hin und wieder einen Schluck Kaffee. Für ihre sechsunddreißig Jahre sah sie gut aus, stellte er widerwillig fest. Die langen braunen Haare hatte sie mit zwei Kämmen festgesteckt, ihr Gesicht mit den rehbraunen Augen hinter ihrer modischen Brille war glatt und faltenlos, ihre rundliche Gestalt steckte in einem hellblauen Frotteebademantel. Es hatte ihr in all den Jahren anscheinend nichts ausgemacht, allein mit einem Kind zu sein, dachte er erbost, aber er, Benjamin, hatte seinen Vater schrecklich entbehrt. Jedes Mal, wenn seine Mutter einen Mann mit nach Hause gebracht hatte, hatte er gehofft, dass sie eine richtige Familie werden würden, aber immer war er enttäuscht worden. Insgeheim glaubte er, dass es seine Schuld war. Wer wollte schon ein fremdes Kind? Schon, als er in der Grundschule zum ersten Mal festgestellt hatte, dass ihm etwas fehlte, was für alle anderen Kinder selbstverständlich war, war er wütend gewesen. Andere Jungen gingen mit ihren Vätern zum Fußball, fuhren mit Vater und Mutter in den Urlaub, lernten Fahrradfahren und Schwimmen mit ihrem Vater. Nur er nicht.
Mit einer aggressiven Bewegung schob er seine Müslischüssel zur Seite. Seine Mutter schaute auf und sah ihn erstaunt an. Er wich ihren Blick aus und stand auf.
„Fährst du mit dem Fahrrad oder nimmst du den Bus“, fragte sie. „Der Bus nach Wernigerode geht in einer Viertelstunde, da musst du dich beeilen.“
„Mit dem Rad“, gab er einsilbig zur Antwort. Sie nickte und hob die Zeitung.
„Schau mal, Benny, in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Hier ist ein Bild von ihr in der Zeitung“. Seine Mutter hielt ihm die aufgeschlagene Tageszeitung hin und zeigte auf das Bild von einem Mädchen. „Wahrscheinlich hat die Kleine Zoff mit ihrer Familie gehabt und ist abgehauen. Es dauert sicher nicht lange, und sie kommt wieder zurück. Sieh nur, hier steht, die Polizei hat sie die ganze Nacht gesucht, mit Hubschraubern und Suchhunden. So ein Aufwand!“
Benjamin warf einen Blick auf das Foto, ohne zu antworten. Typisch, dachte er, seine Mutter musste selbstverständlich wieder das Harmloseste annehmen. Wahrscheinlich war das Mädchen in die Hände eines Kinderschänders gefallen und längst tot, oder ein Erpresser hielt sie irgendwo fest. So etwas las man doch dauernd in der Zeitung. Seine Mutter mit ihrem nervigen Optimismus!
„Ich fahre dann los“, sagte er. Er achtete nicht auf das freundliche „Tschüss, bis heute Abend“, das seine Mutter ihm nachrief, als er die Haustür hinter sich schloss.
Benjamin hasste es, zu dieser unsinnigen Fortbildung zu fahren. Sie sollten dort lernen, wie man eine Bewerbung richtig schrieb oder wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch verhielt. Als wenn ihm das etwas helfen würde!
Seine Lehre in der Werkstatt von Pavlovski hatte ihm Spaß gemacht. Er hatte sogar angefangen, einen alten Schrottwagen wieder auf Vordermann zu bringen. Gert Raschke hatte ihm dabei geholfen. Als Kfz-Geselle hatte Gert natürlich schon viel mehr Ahnung als er. Sie hatten vorgehabt, das Auto komplett aus gebrauchten Einzelteilen zusammen zu setzen. Wochenlang hatten sie alle Schrottplätze der Umgebung nach passenden Teilen abgesucht. Er hatte einen großen Teil seines Lehrlingsgehaltes gespart, um seinen Führerschein machen zu können, jetzt, wo er bald achtzehn wurde. Das Auto wäre so toll geworden! Sie hätten es neu gespritzt, und Benjamin hätte rote und orangefarbene Flammen auf die Kotflügel gemalt.
Aber dann war Pavlovski Pleite gegangen. Zu wenig Kunden im Dorf und der Umgebung, zu wenig Umsatz. Gert und Benjamin saßen auf der Straße. Hartz 4 für Gert! Dabei hatte er zwei kleine Kinder und gerade ein Haus gebaut. Und er, Benjamin wurde in diese unsinnige Fortbildungsmaßnahme gesteckt. Es war so ungerecht! So gemein! Wieder fühlte er den harten Klumpen im Bauch. Es gab keine Kfz-Lehrstelle weit und breit. Sollte er etwa Hotelkaufmann werden oder Friseur? Unmöglich. Außerdem würden sie ihn ohnehin nicht nehmen, so wie er aussah. Mit seinen Pickeln und den strähnigen Haaren.
Erbittert trat Benjamin in die Pedale. Der Wind ließ seine Augen tränen.

3
Seine schwarze Honda-Tourer, Baujahr 2003, 85 kW, war für Lukas nicht nicht nur ein Motorrad, seine Maschine war eine Weltanschauung und seine einzige Leidenschaft. Über ein Jahr lang hatte jeden Cent von seinem Lehrlingsgehalt, den er erübrigen konnte, zurückgelegt, hatte sogar zeitweise mit dem Rauchen aufgehört, um sich seinen Traum vom eigenen Motorrad verwirklichen zu können. Dann hatte er mit achtzehn seinen Motorradführerschein gemacht, nachdem er auch dafür lange gespart hatte. Sein Betreuer im Heim hatte ihn ermutigt dazu. Einen Traum im Leben muss jeder haben, hatte er gesagt. Seine Lehre als Schreiner hatte Lukas abgeschlossen, obwohl die Arbeit mit Holz ihm keinen Spaß gemacht hatte. Viel lieber wäre er Auto- oder Zweiradmechaniker geworden, aber mit seinem Hauptschulzeugnis hatte er eben nehmen müssen, was es gab.
Aber dann, gerade als er gedacht hatte, er könnte endlich richtiges Geld verdienen, hatte man ihn gefeuert. Nicht übernommen, hieß es. Und er stand da mit Hartz 4. Gerade hatte er sich das Motorrad gekauft, mit einem kleinen Kredit von der Bank, an dem er jetzt noch abbezahlte. Es war günstig gewesen, aber reparaturbedürftig und schlecht gepflegt. Er hatte sich die nötigen Ersatzteile besorgt und sie wieder auf Vordermann gebracht. Er hatte die Honda mit einem Akrapovic-Auspuff ausgestattet, der ihr den unvergleichlichen Sound verlieh, hatte ein Windshield angebracht, das ihr das sportliche Gesicht gab, und für die LED-Rückleuchten mit der Klarglasabdeckung hatte er richtig Geld bezahlt. Die Sitzbank hatte er so lange mit Reinigern und Ledermitteln bearbeitet, bis sie aussah wie neu.
Alle Chromteile hatte er gesäubert und poliert, so dass sie wie Silber glänzten. Jedes Mal, wenn Lukas sich seine Motorradkluft anzog, den Helm aufsetzte und auf sein Motorrad stieg, erfüllte ihn ein Gefühl unbändiger Freude. Zwar wusste er nicht, wovon er das nächste Benzin bezahlen sollte, aber darüber machte er sich keine großen Gedanken. Schließlich hatte er neuerdings 'Beziehungen', und mit etwas Glück hatte er bisher noch immer das nötige Kleingeld beschaffen können.
Gott sei Dank hatte er diesen Typ kennengelernt, in der Kneipe in Braunlage. 'Organisier doch einfach ein paar Sachen, ich kaufe dir alles ab', hatte er gesagt. Und es hatte ganz gut geklappt mit dem Organisieren. Dennoch: Sein Hartz 4-Geld reichte gerade aus um über den Monat zu kommen; er wusste, dass sein täglicher Bier- und Zigarettenkonsum einen großen Teil des Geldes verschlang, das er eigentlich für Essen und Kleidung oder die anderen Dinge des Alltags brauchte. Gut, das Amt bezahlte die Miete für seine Bude in der schäbigen Mietskaserne, aber Lukas war klar, dass er sich weitere Geldquellen erschließen musste. Der Typ, der ihm seine geklauten Sachen abkaufte, drängte ihn, bessere Ware zu liefern, und vor allem mehr. Bisher hatte er vor allem Zigarettenautomaten geknackt und mit seinen Einbrüchen in Schulen oder Kindergärten einige gute Elektroniksachen beschafft, aber das Geld, das er dafür bekam, reichte nicht lange. Er musste sich besser organisieren. Alleine war es schwierig, größere Brüche durchzuziehen, schon wegen des Transportproblems. Er brauchte Helfer. Zwar musste der Gewinn dann geteilt werden, wenn man zu mehreren arbeitete, aber die Ausbeute war ungleich höher.
Heute Abend wollte er Benny und Kevin in seine Pläne einweihen. Die beiden waren genau die Richtigen für kleine Beutezüge. Wenn er ihnen erst einmal beigebracht hatte, wie man Automaten knackte, Fenster aufhebelte, um in leerstehende Gebäude einzusteigen, auf Terrassen und Veranden nach verwertbaren Gegenständen suchte, könnten sie zusammen einen ganz schönen Gewinn erzielen. Dann würde es sich auch lohnen, stundenweise einen kleinen Transporter zu mieten, um die Beute zu transportieren. Er müsste den beiden die Sache nur noch schmackhaft machen. Und ihnen ihre Skrupel austreiben.
Lukas setzte sich auf den kleinen Falthocker und lehnte sich an die Bretterwand der Gartenlaube. Er steckte sich eine Zigarette an und betrachtete sein Motorrad. Wie schön sie war, seine Honda, dachte er. Andere hatten eine Familie oder Freunde, er hatte seine Maschine. Er stand auf und holte sich eine Flasche Bier aus der Kühlbox, die in dem Gartenhäuschen stand. Wie gut, dass sie dieses Hütte für sich entdeckt hatten. Hier waren sie ungestört, konnten in Ruhe Musik hören, quatschen und rumhängen. Und vor allem, es war das ideale Versteck für die geklauten Sachen. Das Fenster hatte Lukas sorgfältig mit Packpapier verklebt, damit man nicht von draußen ins Innere schauen konnte. Das Türschloss war für ihn kein Problem gewesen; nachts sicherte er die Tür mit einem starken Vorhängeschloss. Die Karbidlampe gab abends genug Licht, wenn sie Kartenspielen oder einfach nur abhängen wollten. Die Kleingartenanlage sollte bald abgerissen werden, hatte Lukas gehört, die Grundstücke waren alle schon verkauft. Kein Mensch störte sie hier, zumindest vorläufig. Zufrieden nahm Lukas einen Schluck Bier.

4
Vorsichtig trat Kevin die Brennnesseln nieder, bog die Zweige der verwilderten Rhododendronbüsche auseinander und näherte sich der Hütte. Seine schmutzigen Turnschuhe machten kein Geräusch auf dem sandigen Grasboden, als er über den niedrigen, halb verfallenen Holzzaun stieg und die wenigen Meter zum Fenster des verwahrlosten Gartenhäuschen zurücklegte. In der Hütte brannte Licht. Alle anderen Parzellen des Schrebergartens, der noch aus der DDR-Zeit stammte, waren schon vor langer Zeit verlassen worden. Die Besitzer kümmerten sich nicht mehr darum.Viele waren weggezogen, in die nächste größere Stadt im Westen oder sonst wohin, hier gab es ja nichts mehr, weder Arbeit noch sonst etwas. Die Grundstücke ließen sich nicht verkaufen, dazu waren sie zu klein, und so verfielen sie immer mehr.
Das Holz des Fensterrahmens war rissig, die ehemals grüne Farbe war abgeblättert und nur noch an einigen Stellen zu erahnen. Er spähte durch die vor Schmutz fast blinden Fensterscheiben ins Innere der Hütte. Ein uralter, geblümter Vorhang war vorgezogen worden, an der Seite jedoch war ein Spalt offen geblieben.
Er konnte einen Teil des Raumes einsehen. Auf dem staubigen, verwitterten Holzfußboden stand mitten im Raum eine starke Batterielampe, die das Zimmer in ein unangenehmes weißes Licht tauchte. Auf dem Campingtisch daneben standen eine große Coca Cola -Flasche, daneben ein Pappteller mit einigen belegten Brötchen und ein paar Äpfel. Er konnte außerdem mehrere Joghurtbecher und einige Schokoriegel erkennen. Auf den zwei Plastikstühlen, die an dem Tisch standen, lagen eine wattierte rote Jacke und eine Wolldecke. Das Bett war durch den Spalt, den der Vorhang freiließ, nur teilweise zu sehen.
Ein Mädchen lag auf dem Bett und las in einem Taschenbuch. Neben dem Bett lagen mehrere Comicbücher und Jugendzeitschriften. Das Mädchen war allein. Es war etwa 11 oder 12 Jahre alt. Die Kleine trug eine dunkelblaue Jeans und einen hellblauen Sweater. Die rotblonden Locken standen wild um ihr Gesicht herum.
Er veränderte seine Position um besser sehen zu können. Ein Zweig knackte unter seinem Fuß. Das Mädchen hob den Kopf und lauschte. Hatte sie etwas gehört? Schnell ging er in die Knie und kauerte sich an die Wand unterhalb des Fensters. Er hörte, wie das Mädchen vom Bett aufstand - die alten Drahtfedern des Feldbettes gaben ein quietschendes Geräusch von sich – und zum Fenster ging. Sie schob den Vorhang beiseite und versuchte es zu öffnen. Vergeblich. Dann zog sie den Vorhang sorgsam wieder zu. Nach einer Weile, als er sicher war, dass sie ihn nicht bemerkt hatte, schlich er lautlos davon.

5
„Aber wenn ich es euch doch sage, es war das Mädchen aus der Zeitung!“ Kevins Stimme klang ungeduldig. „Ich habe sie genau gesehen.“
„Ach, du spinnst ja“, meinte Benny missmutig,. „Was sollte ein kleines Mädchen wohl ganz allein dort in der Gartenlaube machen?“ Benny war schlecht drauf, wie immer, dachte Kevin. Lukas hatte noch nichts gesagt. Er lag ausgestreckt auf dem Sofa und blätterte in einer Motorradzeitschrift.
„Ihr könnt ja selber hingehen und nachsehen“, maulte Kevin. Ärgerlich ließ er sich auf einen der alten Sessel fallen und streckte seine Beine aus. Das gesamte Mobiliar, das in dem kleinen Raum stand, hatten sie vom Sperrmüll geholt: ein braunes, abgeschabtes Ledersofa, einen Polstersessel, der einmal grün gewesen war, einen Fernsehsessel mit ausziehbarer Fußstütze, der noch ganz gut in Schuss war, einen kleiner Couchtisch aus Holz und einen bunt gemusterten Teppich. In der Ecke stand der Ghetto Blaster, den Lukas angeschleppt hatte, neben dem Tisch stand die Kühlbox mit dem Bier und überall verstreut lagen Comics, Zeitschriften und BILD-Zeitungen. Lukas hatte sich für eine Stunde einen Kleintransporter geliehen und sie hatten alle zusammen die Sachen hierher transportiert. Kevin fand, dass es richtig gemütlich war in ihrer Bude.
„Was für ein Mädchen aus der Zeitung?“ fragte Lukas. Er hatte seine Zeitschrift beiseite gelegt und sah Kevin interessiert an. Sein schwarzes Achselshirt brachte die farbigen Tätowierungen auf seinen muskulösen Oberarmen erst richtig zur Geltung, fand Kevin. Wenn ihm seine Eltern nur auch ein Tattoo erlauben würden, aber dazu waren sie ja viel zu spießig. Er bewunderte die Lässigkeit, mit der Lukas die Asche von seiner Zigarette schnippte und in den übervollen Aschenbecher fallen ließ. Nicht einmal das Rauchen erlaubten ihm seine Eltern, obwohl er schon sechzehn war.
„Hast du es nicht gelesen?“, fragte er, „in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Zwölf Jahre alt. Es war ein Foto in der Zeitung. Und ich bin sicher, dass sie hier ist. In der Hütte weiter hinten. Ich habe sie heute Abend gesehen, als ich durchs Fenster guckte. Sie war es.“
Lukas setzte sich auf. Sein Interesse war geweckt.
„Das ist ja ein Ding“, sagte er. „Benny, weißt du was davon?“
Benny schaute von dem Comic aus, den er gerade las.
„Ja, ich habe heute Morgen das Foto in der Zeitung auch gesehen. Meine Mutter meinte, das Mädchen sei sicher nur von zu Hause weggelaufen wegen irgendwelchem Stress.“
„Und das Mädchen ist hier in einer der Hütten, sagst du, Kevin? Erzähl mal genau, was du gesehen hast, Kleiner“.
Kevin mochte es nicht, wenn Lukas Kleiner zu ihm sagte. Schließlich war er nur ein paar Jahre älter als er. Aber er freute sich, dass er nun die volle Aufmerksamkeit von Lukas hatte.
„Ihr kennt doch die Gartenhäuser am Hauptweg, die noch ganz gut in Schuss sind. Als ich eben herfuhr, habe ich Licht gesehen. Und das, wo hier doch gar kein Strom mehr ist. Ich bin hin geschlichen und habe durchs Fenster geschaut. Das Mädchen lag auf dem Bett und hat gelesen. Fast hätte sie mich entdeckt, aber Gott sei Dank ließ sich das Fenster nicht öffnen.“
„Aha“, sagte Lukas, „und sie war ganz allein dort? Das ist wirklich komisch. Was konntest du denn noch erkennen, Kevin, erzähl mal ganz genau. Wie sah es aus in der Hütte?“
Inzwischen hatte auch Benny seinen Comic weg gelegt und hörte gespannt zu.
„Also“, Kevin überlegte, „auf dem Boden stand eine Batterielampe. Dann war da ein Tisch, darauf standen Essenssachen und eine Thermoskanne. Und eine Colaflasche. Und ein paar Äpfel, glaube ich.“ Er krauste die Stirn.
„Äpfel? Wieso Äpfel? Benny schüttelte verständnislos den Kopf. Lukas überlegte.
„Das ist ja interessant“, sagte er. Er starrte Kevin grüblerisch an.
„Sag mal, Kevin, hattest du den Eindruck, dass die Kleine freiwillig dort ist? Oder wird sie gefangen gehalten? Wenn das Fenster sich nicht öffnen lässt und die Tür verschlossen ist, kann sie ja nicht weg. Vielleicht ist sie ja entführt worden? Was meinst du?“ Er war ganz aufgeregt. „Vielleicht gibt es ja so etwas wie einen Finderlohn, wenn wir sie zurückbringen. Schließlich wird sie gesucht.“
Kevin fühlte, wie Lukas' Erregung ihn ansteckte. Auch Benny sah ihn gespannt an. Er versuchte, sich die Szene in der Hütte genau ins Gedächtnis zurück zu rufen.
„Sie war nicht gefesselt oder so. Und es standen leckere Sachen auf dem Tisch. Ich glaube nicht, dass jemand sie gekidnappt und dort eingesperrt hat. Sie sah auch gar nicht ängstlich aus.“ Er schüttelte den Kopf.
„Aber warum sollte sie sich denn in dieser blöden Hütte verstecken“, fragte Benny, und wo hat sie die Essenssachen her? Das ist wirklich komisch“.
Lukas stand auf und drückte seine Zigarette aus. „Das werden wir bald herausfinden“, sagte er entschlossen.

6
Rolf Bergmann war müde und genervt. Die Geburtstagsparty seines Schwagers war so verlaufen, wie die Familienfeiern in der Familie seiner Frau jedes Mal verliefen: es gab ein riesiges Büfett mit einer ungeheuren Auswahl an Fleisch, Gemüse, Reis, Nudeln und Kartoffeln, etlichen süßen Nachspeisen, dazu reichlich Bier und Wein und Schnaps. Unvermeidlich waren die üblichen Spielchen und Vorführungen zu Ehren des Geburtagskindes, deren Albernheit mit steigenden Alkoholpegel zunahm, und die Tanzmusik, die auf einen Potpourri aus Schlagern von Helene Fischer, Andrea Berg und Howard Carpendale hinauslief. Da er zurück nach Bad Harzburg mit dem Auto fahren musste - für ein Taxi war der Weg von Braunlage aus zu teuer - durfte er nichts trinken außer süßen Sprudel, Coca Cola oder Mineralwasser, so dass er dem steigenden Grad der Beschwipstheit der anderen zusehen musste, ohne selber an der wohltuenden Wirkung des Alkohols teilhaben zu können. Außerdem verursachte ihm die Kohlensäure des Sprudels jedes Mal Sodbrennen, und mit Sorge dachte es an seinen viel zu hohen Blutdruck und den Cholesterinspiegel, der durch das viele Essen wahrscheinlich wieder in beängstigende Höhen gestiegen war.
Seufzend öffnete er beim Einsteigen unauffällig einen Knopf seiner Hose, um bequemer hinter dem Steuer seines Mercedes sitzen zu können. Der große Wagen bot seiner Körperfülle wenigstens genügend Platz, dachte er nicht ohne Befriedigung. Sein Auto war sein ganzer Stolz.
„Mach doch mal Musik an“, bat Marietta, seine Frau, die sich neben ihm auf dem Sitz räkelte. Sie war in weinseliger Stimmung, was sie regelmäßig veranlasste, unablässig zu quatschen. „Hast du Julias Kleid gesehen, Rolf, Schätzchen? Dieses Muster! Und viel zu eng. Man konnte jedes Speckpölsterchen genau erkennen. Mit ihrer Figur sollte sie doch besser etwas Dezenteres tragen. Und dieses Dekolletee? Unglaublich!“
Sie kicherte. Dann gähnte sie herzhaft und Rolf hoffte, dass sie langsam müde werden würde und aufhören zu reden. Er drehte das Radio an. 'Nights in white satin' von den Moody Blues erklang. Endlich anständige Musik, dachte er.
Die kurvige Straße führte bergab in einem stellenweise starken Gefälle, so dass man ständig bremsbereit sein musste. Jetzt um diese Zeit war auf der B4 nur wenig Verkehr, und Rolf fuhr zügig, ohne allerdings die erlaubten achtzig Stundenkilometer weit zu überschreiten.
Als plötzlich die Gestalt aus dem Dunkel im Kegel des Scheinwerferlichtes auftauchte, reagierte er vorbildlich. Er bremste und versuchte, nach links auszuweichen, konnte aber nicht verhindern, dass er mit dem rechten vorderen Kotflügel die Person im hellen Pullover streifte. Sie wurde zu Boden geschleudert und blieb am Straßenrand liegen. Rolf fuhr rechts ran und hielt an. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, seine Hände umfassten völlig verkrampft das Lenkrad und er merkte erst jetzt, dass er seit geraumer Zeit die Luft angehalten hatte.
„Was ist?“, fragte Marietta und setzte sich auf. „Warum halten wir?“ Sie war wohl eingedöst und hatte von dem Unfall nichts mitbekommen.
Rolf war unfähig zu antworten. Er stellte den Motor ab, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Verwundert stellte er fest, dass seine Knie zitterten. Etwa fünf Meter hinter dem Auto sah er das Unfallopfer liegen. Es bewegte sich. Gott sei Dank, dachte Rolf. Schnell ging er zu der Person und kniete sich neben sie nieder. Oh Gott, das ist ja ein Kind! Ein kleines Mädchen. Die Kleine versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Sie sah ihn verständnislos an.
„Hast du dir wehgetan? Komm, ich helfe dir aufstehen. Geht's?“ Rolf Bergmann atmete erleichtert auf, als er sah, dass das Mädchen aufstehen konnte. Offensichtlich war sie nur ein wenig benommen von dem Aufprall gegen das Auto. Jedenfalls schien sie nichts gebrochen zu haben.
„Am besten, du setzt dich erst einmal ins Auto. Wo bist du denn so plötzlich hergekommen? Und was machst du hier, mitten in der Nacht?“
Er führte das Kind zum Wagen, öffnete die hintere Tür und schob sie vorsichtig auf den Rücksitz. „Tut dir irgendetwas weh? Am besten, wir bringen dich ins Krankenhaus. Braunlage ist von hier aus am nächsten. Einverstanden?“
Marietta war inzwischen halbwegs nüchtern geworden. Sie stieg aus dem Auto aus und setzte sich hinten auf die Rückbank zu dem Kind.
„Na, da hast du uns aber einen schönen Schrecken eingejagt, meine Kleine. Aber Gott sei Dank ist dir ja wohl nichts Schlimmes passiert, oder?“
Sie knipste die Innenbeleuchtung an und betrachtete das Mädchen.
„Oh Gott, du blutest ja! Wo hast du dich denn verletzt? Am Arm? Oder an der Hand? Da ist Blut auf deinem Shirt.“
Das Mädchen sah sie nur verständnislos an. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie fing an haltlos zu schluchzen. Marietta tätschelte tröstend ihre Schulter.
„Fahr los, Rolf, wir bringen die Kleine ins Krankenhaus.“

7
Kommissar Winter runzelte die Stirn. Dann hob er den Blick von der Akte, die aufgeschlagen vor ihm lag und musterte das Ehepaar, das in seinem Büro ihm gegenüber saß.
„Es tut mir Leid, Dr. Franke, dass ich Sie und Ihre Frau heute noch einmal hierher bitten musste. Es ist mir durchaus bewusst, was Sie in den letzten Tagen durchgemacht haben müssen. Aber wir müssen Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Dr. Dietmar Franke war Facharzt in der Kurklinik in Bad Harzburg, fünfundvierzig Jahre alt, schlank und sportlich, mit graumeliertem dunklem Haar und randloser Brille. So stellt man sich einen erfolgreichen Chefarzt vor, dachte Winter.
Seine Frau, die neben ihm saß und nervös ihre rot lackierten Finger knetete, ergänzte ihn äußerlich aufs Vortrefflichste: ein hübsches, sorgfältig zurecht gemachtes Gesicht, in dem die großen graublauen Augen das Bemerkenswerteste waren, sorgfältig frisierte rotblonde Haare, die in weichen Wellen das blasse Gesicht umrahmten, geschmackvolle modische Markenkleidung, teure italienische Schuhe.
„Aber wieso denn? Wir haben Ihnen doch alles gesagt. Jennifer ist völlig erschöpft und braucht jetzt Ruhe. Bei dem Unfall hat sie sich etliche Hämatome zugezogen. Was wollen Sie denn noch von ihr?“
Dr. Dietmar Franke wirkte ungehalten. Verständlich, dachte Winter. Das Verschwinden der kleinen Jennifer hatte den ganzen Polizeiapparat in Bewegung gesetzt, ohne Erfolg. Die Eltern mussten zwei schlaflose Nächte gehabt haben vor Sorge um ihre Tochter. Und dann die Blamage. Nicht nur, dass seine Tochter, nachdem sie endlich gefunden worden war und seine Frau und er sie erleichtert in die Arme schließen konnten, gestanden hatte, dass sie aus Angst, ihre Eltern könnten wütend sein wegen ihres schlechten Schulzeugnisses, von zu Hause weggelaufen war und sich in der Gartenlaube der Familie ihrer Freundin versteckt hatte. Sie hatte auch noch zugegeben, dass sie die Unterschrift ihres Vaters auf den blauen Briefen, die dem Zeugnis vorangegangen waren, gefälscht hatte. Dies alles musste dem angesehenen Chefarzt natürlich mehr als peinlich sein, dachte Winter, warf es doch ein bedenkliches Licht auf die Erziehungsmethoden des Ehepaares, die offensichtlich geprägt waren von Leistungsdruck und Strenge.
„Es geht jetzt um eine andere Sache, Doktor Franke.“ Winter richtete sich zu seiner vollen Größe auf und straffte die Schultern, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen. „ In der Gartenlaube, in der sich Ihre Tochter versteckt gehalten hat, ist eine Leiche gefunden worden. Die Leiche eines jungen Mannes.“
Entsetzt starrte das Ehepaar den Kommissar an. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen.
Franke fand als Erster seine Sprache wieder.
„Eine Leiche? Um Gottes Willen! Was für eine Leiche?“
„Wir haben sie noch nicht identifiziert, der junge Mann hatte keine Papiere bei sich. Aber die Spurensicherung ist dabei, die Gartenlaube und die gesamte verlassene Laubenkolonie auf Spuren zu untersuchen. Deshalb müssen wir Sie auch bitten, die Kleidung, die Jennifer gestern getragen hat, der KTU zur Verfügung zu stellen. Und ich muss Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Caroline Franke hatte sich noch nicht von dem Schock erholt und saß völlig regungslos kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie musste sich erst einmal räuspern, bevor ihre Stimme ihr gehorchte. „Wie ist er denn zu Tode gekommen, dieser junge Mann? Und was hat Jennifer mit ihm zu tun?“
„Über die Todesursache darf ich Ihnen nichts sagen. Und was Jennifer damit zu tun hat, das versuchen wir gerade herauszufinden. Deshalb muss ich Ihre Tochter sprechen, das sehen Sie doch ein, oder?“
„Selbstverständlich, Herr Kommissar.“ Franke hatte sich wieder in der Gewalt. „Aber Sie erlauben doch, dass ich zuerst unseren Anwalt, Herrn Dr. Grünwald anrufe, damit er bei der Befragung dabei sein kann.“
„Selbstverständlich, Dr. Franke. Und selbstverständlich können Sie als Jennifers Eltern auch dabei sein, Jennifer ist ja erst zwölf Jahre alt.“

Der Vernehmungsraum war unpersönlich und zweckmäßig eingerichtet. An dem großen Tisch in der Mitte saßen sich Hauptkommissar Winter, seine Kollegin, Kommissarin Anette Hilvers, und Jennifer gegenüber. Neben Jennifer hatte ihre Mutter Platz genommen, die die Hand ihrer Tochter in der ihren hielt, etwas weiter hinten saßen Jennifers Vater und der Anwalt.
Auf dem Tisch stand ein Aufnahmegerät mit Mikrofon und eine Videokamera, die die Befragung aufzeichneten. Eine einseitige Milchglasscheibe erlaubte von außen den Blick in den Raum.
Winter strich sich mit der Hand über sein Kinn und musterte das Mädchen vor ihm. Jennifer saß gerade und angespannt auf ihrem Stuhl und schaute zu Boden. Was für ein hübsches Kind, dachte Winter. Sie hat die Schönheit ihrer Mutter geerbt: Dieselben rotblonden Locken, die weiße Haut, die bei Jennifer auf dem Nasenrücken einige kleine Sommersprossen aufwies. Flüchtig musste er an seine eigene Tochter denken, die mit ihren fünfzehn Jahren alles tat, um möglichst hässlich auszusehen: blau gefärbte Haare, die sie an den Seiten abrasiert hatte, schwarz umrandete Augen und schwarze Lippen. Das ist nur die übliche rebellische Phase in der Pubertät, hatte seine Frau versucht ihn zu beruhigen, sie protestiert gegen die Spießigkeit und Bürgerlichkeit ihrer alten Eltern. Das geht vorbei. Er konnte nur hoffen, dass sie recht hatte, seine Frau.
„Möchtest du vielleicht etwas trinken, Jennifer? Eine Cola vielleicht oder ein Glas Tee?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Kurz trafen sich ihre Blicke. Winter war erschüttert über den Ausdruck in den großen graublauen Augen. Woher kam diese abgrundtiefe Verzweiflung?
„Jennifer, du weißt, warum du hier bist?“
Wieder ein Kopfschütteln, wieder dieser Blick.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Jennifer. Deine Eltern sind bei dir, es kann dir nichts passieren. Okay?“
Stummes Kopfnicken.
„Ich werde dir jetzt alles sagen, was ich über den Ablauf der letzten Tage weiß, der Reihe nach, und du korrigierst mich, wenn etwas falsch ist, in Ordnung? Und bitte, du musst mir laut antworten, damit dich alle hören können, ja?“
„Ja“. Unglaublich klein und zaghaft klang die Stimme des Kindes.
„Gut. Also: Fangen wir an dem Tag an, an dem es Zeugnisse geben sollte. Du gehst ja aufs Gymnasium in Bad Harzburg, in die 7. Klasse, nicht wahr?“
„Ja.“
„Du bist an diesem Tag aber nicht zur Schule gefahren wie üblich, sondern bist mit dem Fahrrad in diese verlassene Gartenlaubenkolonie bei Braunlage gefahren, zu dem Gartenhäuschen, das den Eltern deiner Freundin gehört. Wie heißt sie noch, deine Freundin?“
„Sandra Meinert“.
„Woher kanntest du denn diese Gartenlaube?“
„Wir haben einmal Sandras Geburtstag dort gefeiert, mit Grillen und so.“ Die Stimme des Mädchens hatte an Festigkeit gewonnen. Sie wagte es, den Kommissar offen anzusehen.
„Es ist ganz schön weit von Bad Harzburg nach Braunlage, mehr als zwanzig Kilometer. Und meistens geht es bergauf. Bist du denn nicht müde geworden? Oder hungrig und durstig?“
„Ach, das ging schon. Ich habe öfter Pause gemacht. Ich hatte mir eine Flasche Cola und belegte Brötchen und ein paar Joghurts gekauft für unterwegs. Und ein paar Äpfel. Ich wollte ja länger dort bleiben in der Hütte.“
Jennifer hatte ihre Hand aus der ihrer Mutter gelöst und sah wieder zu Boden. Caroline Franke legte demonstrativ den Arm um die Schulter ihrer Tochter.
„Aber das hat Jennifer doch schon alles auf der Polizeistation erzählt. Herr Kommissar“, sagte sie, „ist es denn wirklich nötig, alles noch einmal zu wiederholen?“ In ihrer Stimme lag sowohl Sorge als auch Ungeduld.
„Frau Franke, ich verstehe Ihre Bedenken, aber ich muss Sie bitten, die Befragung nicht zu unterbrechen.“
Winter war verärgert. Nun musste er das Vertrauen des Kindes, das gerade aufgekeimt war, neu gewinnen.
„Also, Jennifer. Du hattest dir Proviant besorgt für die Fahrt und für die Zeit, die du in der Hütte verbringen wolltest. Gut. Dann hast du es dir in der Laube gemütlich gemacht. Wie bist du denn hineingekommen? Hattest du einen Schlüssel?“
„Nein, aber ich wusste, wo der Schlüssel versteckt war: Unter einer Blumenschale neben der Tür. So haben Sandras Eltern das immer gemacht.“
„Hm, kein besonders kluges Versteck, oder?“
Ein kleines Lächeln huschte über Jennifers Gesicht. „Nein, wirklich nicht“, bestätigte sie.
„Wie lange wolltest du denn in der Laube bleiben? Es war doch bestimmt sehr langweilig dort, oder?“
„Ich wollte zwei Tage dort bleiben. Ich hatte mir was zum Lesen mitgenommen. Und mein iPod mit meiner Musik hatte ich auch dabei.“
„Dein Handy hast du zu Hause gelassen. Warum?“
Jennifer warf einen verstohlenen Blick auf ihre Mutter, die den Arm wieder von ihrer Schulter genommen hatte.
„Ich wusste aus dem Fernsehen, dass man Handys orten kann. Und ich wollte nicht, dass die Polizei mich findet. Ich wäre ja von alleine wieder nach Hause gekommen.“
„Du hast auf der Polizeistation gesagt, dass du Angst hattest, deine Eltern könnten böse sein wegen deines Zeugnisses. Weil du nicht versetzt wirst. Wäre das denn so schlimm gewesen? Viele Schüler müssen ein Schuljahr wiederholen, da ist doch nichts dabei.“
„Ja, schon...“ Jennifer warf einen scheuen Blick zu ihrem Vater hinüber.
„Nun, dich bedrückt doch noch etwas, Jennifer. Heraus damit, nur Mut“.
„Ich habe gehört, wie Papa zu Mama sagte, wenn ich nicht versetzt werde, müsste ich in ein Internat. Schließlich könne es nicht angehen, dass seine Tochter das Abitur nicht schaffte.“ Trotzig presste sie die Lippen aufeinander. „Und ich wollte ihnen zeigen, wie es ist, wenn ich nicht mehr da bin.“
Winter merkte, dass Jennifers Vater sich anschickte, etwas zu sagen, und hob warnend die Hand. Der Anwalt legte beruhigend die Hand auf Frankes Arm und flüsterte ihm etwas zu. Der Arzt beruhigte sich.
„Also: Jetzt warst du in der Laube. Hattest du denn gar keine Angst, als es dunkel wurde?“
„Ja, schon ein bisschen. Aber ich bin da auf der Liege sehr schnell eingeschlafen. Ich war ziemlich müde.“
„Und den nächsten Tag hast du damit verbracht, zu lesen, etwas zu essen, Musik zu hören und herum zu faulenzen, ist das richtig?“
Wieder huschte ein Lächeln über die kindlichen Züge.
„Ja, so war es“.
„Und dann wurde es wieder Abend. Was ist dann passiert?“
Jennifers Gesicht verschloss sich. Wieder trat dieser verängstigte Ausdruck in ihre Augen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her.
„Du musst uns alles erzählen, was passiert ist in dieser Nacht, Jennifer.“ Kommissar Winter gab seiner Stimme einen eindringlichen Ton. Das Mädchen starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß unablässig die Finger kneteten.
„Jennifer, wir haben auf deinem Sweatshirt, das du gestern getragen hast, Blut gefunden. Das Blut stammt nicht von dir. Bitte erkläre uns, wie das Blut auf dein Shirt geraten ist.“
Jennifer richtete sich auf und holte tief Luft. Aufgeregt biss sie sich auf die Lippen. Dann sah sie den Kommissar offen an.
„Ich hatte schon geschlafen. Da hörte ich plötzlich Geräusche an der Tür. Es war ganz dunkel in der Hütte. Ich hatte solche Angst! Dann ging plötzlich die Tür auf und drei Männer kamen herein. Sie hatten Taschenlampen und leuchteten mir damit ins Gesicht. Zuerst konnte ich nichts sehen. Sie leuchteten mit den Taschenlampen in der Hütte herum. Einer kam auf mich zu. Ich lag ja auf der Liege. Er hatte eine Maske auf, so eine Skimaske. Alle hatten solche Masken auf. Der eine packte mich an den Haaren und zerrte mich hoch. Er hatte ein Messer. Das hielt er mir vors Gesicht. Ich habe laut geschrien. Da hat er mir den Mund zugehalten und mich auf den Stuhl am Tisch gesetzt. „Sei still“, hat er gesagt, ganz nah an meinem Ohr, „sonst mach ich dich kalt, du Göre“.
Jennifer rutschte auf ihrem Stuhl unruhig ihn und her. Ihre Mutter nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. „Mein armes Kind“, murmelte sie, „meine arme Kleine“.
Es klopfte an der Tür. Winter unterdrückte einen Fluch. Ein Polizeibeamter betrat den Vernehmungsraum und legte eine Akte vor den Kommissar auf den Tisch. Der seufzte und schlug die Akte auf. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Notiz zu lesen.
„Entschuldigen sie, ich komme gleich wieder. Meine Kollegin übernimmt solange die Befragung.“ Er nickte der Kommissarin zu und verließ mit schnellen Schritten den Raum.
Anette Hilvers brauchte nur einen Moment, um sich auf ihre neue Rolle zu konzentrieren. Sie lächelte Jennifer freundlich an.
„Jennifer. Es ist gut, dass du uns alles erzählst. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht für dich ist. Also: drei maskierte Männer kamen mitten in der Nacht in die Gartenlaube, wo du gerade geschlafen hast. Wie ging es dann weiter?“
„Ich... ich weiß es nicht mehr so ganz genau. Ich hatte schreckliche Angst.“
„Das kann ich gut verstehen, Jennifer. Trotzdem, versuche dich zu erinnern, was geschehen ist.“
„Der eine Mann hielt mich auf dem Stuhl fest, mit dem Messer in der Hand. Die beiden anderen liefen herum und warfen alles durcheinander. Dabei lachten sie und sagten irgendetwas.“
„Kannst du dich erinnern, was sie sagten?“
„Irgendetwas von, dass hier nichts zu holen ist, alles nur Schrott, ja, Schrott, sagte der eine. Und dann sagte einer: Mal sehen, vielleicht bringt die Kleine uns ja was.“
„Und dann, was ist dann passiert, Jennifer?“
Das Kind war wieder aufgesprungen, ganz in der Erinnerung gefangen.
„Der Mann, der mich festhielt, nahm einen von meinen Äpfeln, die auf dem Tisch lagen, und fing an ihn aufzuessen. Das Messer hatte er auf den Tisch gelegt. Ich nahm das Messer und habe es ihm in den Bauch gestochen. Da hat er mich losgelassen und ich bin ganz schnell zur Tür gelaufen und hinaus. Ich habe gehört, wie einer der Männer hinter mir herkam und habe mich hinter einem der Büsche versteckt, bis er wieder zur Hütte zurückging. Dann bin ich zur Hauptstraße gelaufen. Ich hatte solche Angst, dass sie doch noch hinter mir herkommen. Dann bin ich vor das Auto gelaufen.“
Erschöpft ließ sie sich auf den Stuhl sinken und fing an zu weinen. Ihre Mutter legte sanft ihren Arm um sie. Jennifer barg ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter.
„Komme ich jetzt ins Gefängnis, Mama?“ Nur undeutlich war die Kinderstimme zu verstehen.
„Nein, ganz sicher nicht, Jennifer“, versuchte Anette Hilvers das Mädchen zu beruhigen. „Kinder kommen nicht ins Gefängnis.“
Hauptkommissar Winter kam wieder in den Raum und setzte sich auf seinen Platz. Er hatte von außen die Vernehmung verfolgt, während er sich von seinen Kollegen über die neuesten Ermittlungsergebnisse hatte informieren lassen. Nun übernahm er wieder die Leitung.
„Danke, Jennifer. Es war sehr tapfer von dir, dass du uns alles so gut geschildert hast. Deine Eltern können dich jetzt mit nach Hause nehmen.“
Winter stand auf und räusperte sich.
„Herr und Frau Franke, ich setzte Sie jetzt von dem aktuellen Stand der Ermittlungen in Kenntnis.
Die Kollegen haben in einer der verlassenen Hütten des Schrebergartens Diebesgut sichergestellt und durch die dort gefundenen Fingerabdrücke einen vorbestraften Kriminellen dingfest gemacht. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung hat man die Tatwaffe gefunden, ein Klappmesser. Der Verdächtige ist inzwischen verhaftet worden. Es handelt sich um einen gewissen Lukas Möhlenkanp. Er hat den Hergang der Tat so geschildert, wie Jennifer vorhin. Allerdings behauptet er, sie seien nur zu zweit gewesen. Dieser Punkt muss noch geklärt werden. Das wäre alles. Ich danke Ihnen für ihre Kooperation.“
Er erhob sich und verließ zusammen mit seiner Kollegin den Raum.

8
Kevin hatte an dem Abend lange nicht einschlafen können.
Unruhig hatte er sich hin und her gewälzt. Immer wieder musste er an das viele Blut denken, das aus der Stichwunde, die das Mädchen Benny zugefügt hatte, hervorgequollen war. Wahrscheinlich hätte er das Messer nicht herausziehen dürfen, aber es hatte so entsetzlich ausgesehen, wie es aus Bennys Bauch herausgeragt hatte. Und dann wollte die Wunde gar nicht mehr aufhören zu bluten, der ganze Boden, auf dem Benny lag, war schon voll gewesen von seinem Blut. Das Messer, das Kevin fallen gelassen hatte, lag mitten darin.
Als Lukas, der hinter dem Mädchen hergelaufen war, wieder in die Hütte gekommen war, hatte er zuerst nur geglotzt. Sie waren beide völlig geschockt gewesen und hatten nicht gewusst, was sie tun sollten. Entsetzt hatten sie zugesehen, wie Benny angefangen hatte zu zucken, seine Beine und sein ganzer Körper: es war schrecklich gewesen. Seine Augen hatten sich verdreht und er war kreideweiß geworden im Gesicht. Dann war er plötzlich ganz still geworden.
Lukas hatte sich über ihn gebeugt um zu sehen, ob er noch atmete. Nach einer Weile hatte Lukas gesagt: „Da ist nichts mehr zu machen.“ Dann hatte er sich umgesehen. „Hier sind jetzt überall unsere Fingerabdrücke. Meine kennt die Polizei, Bennys werden sie auch identifizieren, aber deine sind nicht registriert. Das ist gut für dich.“ Mit einem prüfenden Blick hatte er Kevin gemustert. „Du musst die Klamotten, die du jetzt anhast, verschwinden lassen. Sicher ist Blut daran oder irgendwelche anderen Spuren.“ Kevin hatte wie gelähmt dagestanden. Er hatte es nicht fassen können, dass Benny tot sein sollte. Er war doch sein bester Freund gewesen. „Komm jetzt, Kevin“, hatte Lukas gedrängt, „wir müssen hier verschwinden.“
„Wir können Benny doch nicht hier einfach liegen lassen!“, hatte Kevin protestiert, aber Lukas hatte ihn mitgezogen und sie waren so schnell wie möglich zu ihrer Hütte gelaufen. Dort hatte Lukas schnell einige Sachen zusammengepackt und sie in die Satteltaschen seines Motorrades gesteckt.
„Hör zu, Kevin.“ Lukas hatte ihn an den Schultern gepackt und geschüttelt. „Du fährst jetzt mit dem Fahrrad nach Hause. Ich komme mit dem Motorrad hinterher. Ich stelle es bei euch in der Garage unter, hörst du? Du musst auf mein Motorrad aufpassen.“
Kevin war verwundert gewesen. „Warum das denn?“, hatte er gefragt.
„Das Mädchen wird jetzt sicher zur Polizei gehen. Wir haben zwar nichts Schlimmes getan, aber Benny ist tot, und sie kommen mir sicher auf die Spur, weil ich vorbestraft bin. Dann werden sie mich verhören, und ich werde sagen, dass ich allein mit Benny in die Hütte zu dem Mädchen gegangen bin. Dass wir ihr nur einen kleinen Schrecken einjagen wollten. Auf dem Messer sind ihre Fingerabdrücke, das ist ein Beweis, dass sie Benny erstochen hat.“ Lukas hatte ihn eindringlich angesehen.
„Ich halte dich aus dem Schlamassel raus, Kevin. Dafür musst du auf mein Motorrad aufpassen, versprochen? Ich bleibe bestimmt nicht lange im Knast, und ich will nicht, dass sie mir mein Motorrad wegnehmen. Alles klar?“ Kevin hatte gar nicht richtig verstanden, was Lukas meinte, nur, dass er ihn aus allem heraus halten wollte. Er hatte genickt und Okay gesagt.
Kevin hatte sich zu Hause umgezogen und die Jeans und den Pullover, den er getragen hatte, in die Mülltonne gestopft. Dann war er ins Bett gegangen. Seine Eltern hatten von alldem nicht mitgekriegt, sie schliefen schon seit Stunden.
Wieder wälzte Kevin sich auf die andere Seite. Immer wieder musste er an Benny denken. Er spürte kaum, wie ihm die Tränen aus den Augen liefen.

9
Zwei Jahre später

Kevin kam mit einem großen Korb frisch gebackener Brötchen in den Verkaufsraum der Bäckerei. Er schüttete die duftenden Backwaren in die dafür vorgesehene Mulde unter der Glasscheibe des Tresens. Maja, die Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin, wie ihr offizieller Titel lautete, lächelte ihn an. Ihre Wangen bekamen dabei diese unglaublichen Grübchen, in die Kevin sich sofort verliebt hatte, als sie vor ein paar Wochen beim Bäcker Riesenbeck angefangen hatte. Und in ihre lockigen braunen Haare, die sie jetzt zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, der bei jeder Kopfbewegung lustig hin und her wippte. Ganz zu schweigen von ihren haselnussbraunen Augen unter den endlos langen geschwungenen Wimpern!
„Na, Kevin“, begrüßte sie ihn fröhlich, „wieder mal in aller Herrgottsfrühe gearbeitet?“
„Och“, sagte er, „das ist gar nicht so schlimm. Dafür hat man nachmittags eher frei.“ Er war trotz seines wild klopfenden Herzens drauf und dran, sie zu fragen, ob sie nicht mit ihm ins Kino gehen möchte, das übliche Anmach-Ritual eben, da klingelte die Türglocke und ein Kunde betrat den Verkaufsraum. Ärgerlich über die unliebsame Unterbrechung, warf Kevin ihm einen Blick zu und erstarrte. Es war Lukas.
Seit den Ereignissen vor zwei Jahren hatte Kevin ihn nicht mehr gesehen. Aus der Zeitung hatte er von seiner Verhaftung erfahren und dass er wegen der Einbruchsdiebstähle, die man ihm nachweisen konnte, und des Überfalls auf das Mädchen in der Hütte zu zwanzig Monaten Jugendknast verurteilt worden war.
„Hallo Kevin“, sagte Lukas.
„Hallo Lukas“, brachte Kevin mit Mühe heraus. Er war überrascht, wie gut Lukas aussah. Er hatte seine Haare wachsen lassen und sah viel jünger aus als damals. Kevin hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil er ihn nie besucht hatte in der JVA, aber er hatte sich einfach nicht getraut. Dabei hatte Lukas es tatsächlich geschafft, ihn aus der ganzen schrecklichen Geschichte herauszuhalten, indem er steif und fest behauptet hatte, er wäre mit Benny allein zu der Hütte mit dem Mädchen gegangen, obwohl das Mädchen von drei Männern gesprochen hatte. Zuletzt hatte man wohl angenommen, sie hätte sich getäuscht bei all der Aufregung. Benny! Plötzlich waren all die Bilder wieder da. Auch die von der Beerdigung, an der die meisten Dorfbewohner teilgenommen hatten. Kevin hatte noch Bennys Mutter vor Augen, wie sie so herzzerreißend geweint hatte.
„Du weißt, weshalb ich hier bin, Kevin?“
„Ja, natürlich. Das Motorrad! Es ist genau da, wo du es hingestellt hast, Lukas. Unversehrt. Ich habe es mit einem Laken zugedeckt, damit es nicht verstaubt.“ Kevin hatte verstanden, dass Lukas' Besitz, hätte er welchen gehabt, als Schadensersatz für seine Diebstähle verwendet worden wäre, und dass er deshalb sein Motorrad in Sicherheit gebracht hatte. Seine Honda war nun mal sein Ein und Alles.
„Gut“, sagte Lukas, „dann lass es uns holen.“
Kevin wagte nicht zu fragen, wie es im Gefängnis gewesen wäre, auch nicht, wie es ihm jetzt ginge, als er nach der fadenscheinigen Entschuldigung, ihm sei plötzlich schlecht geworden, mit Lukas den kurzen Weg zum Haus seiner Eltern ging.
„Was hast du denn jetzt vor, Lukas?“ fragte er schließlich.
„Weiß ich noch nicht.“ Lukas entfernte das Laken von dem Motorrad und strich mit den Fingern liebevoll, fast zärtlich über die Maschine. Dann holte er seine Motorradkluft aus den Satteltaschen und zog sie an. Seine Jeans und die anderen Kleidungsstücke verstaute er wieder in den Taschen.
Vorsichtig schob er die Honda aus der Garage auf die Straße, wo die Sonne die Chromteile hell aufblitzen ließ. Er setzte den Helm auf und schwang sich in den Sattel.
„Wo willst du denn jetzt hin, Lukas?“, fragte Kevin.
„Mal sehen. Erst einmal fahre ich jetzt weg. Irgendwohin.“ Er drückte auf den Anlasser, und der Motor heulte gehorsam auf, als wären nicht fast zwei Jahre seit dem letzten Mal vergangen.
„Mach's gut, Lukas“, sagte Kevin. Lukas hob die Hand zum Abschied und brauste los. Kevin sah ihm hinterher, bis das Motorrad hinter der Kurve verschwand.
 

herziblatti

Mitglied
Hallo Hyazinthe, toll geschriebene Erzählung, stimmig, spannend; in einem Rutsch durchgelesen bis zum Schluss, der ebenfalls sitzt. Besser geht es nicht :) LG - herziblatti
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo Herziblatti!

Ganz herzlichen Dank für das Lob! Es ist meine erste Erzählung hier in der LL, sonst schreibe ich lieber Kurzgeschichten. Aber manchmal geraten diese einfach zu lang, und dann ist es eher eine Erzählung. ;-)

Gruß, Hyazinthe
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Hyazinthe!

Dies ist jetzt die dritte Geschichte, in der ich Deinen Schreibstil bewundere. Ganz toll erzählt: Die Jungs, die Eltern, der Kommissar, die Vernehmung. Die ganze Struktur, dieser (nicht ganz einfachen) Geschichte fand ich mehr als gelungen. Das hast Du alles wunderbar gemeistert!
Lieben Gruss,
Ji
 

Hyazinthe

Mitglied
1
Kevin kaute missmutig an seinem Toast und starrte vor sich hin. Es war halb elf, und er war gerade aufgestanden.
„Hast du die Bewerbung fertig?“ fragte seine Mutter nun schon zum zweiten Mal. Ihre Stimme wurde drängend. „Du weißt doch, die Frist läuft diese Woche ab.“
Sie stand an der Spüle und schälte Kartoffeln für das Mittagessen. Ungeduldig führte sie das scharfe Messer und warf die geschälten Kartoffeln mit einer heftigen Bewegung in das aufspritzende Wasser. Ihre grauen Haare, sonst meistens ordentlich gewellt, standen in Büscheln von ihrem Kopf ab, der Ärger vertiefte die Falten um ihren Mund herum und ließ ihr hageres Gesicht verhärmt aussehen. Sie wischte sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab und drehte sich zu Kevin um.
„Du kannst doch nicht den halben Tag verschlafen und dann nur rumhängen, Kevin. Das musst du doch einsehen. Und schließlich ist Bäcker ein guter Beruf.“
Kevin verdrehte die Augen, aber so, dass seine Mutter es nicht sah. Er fühlte sich richtig mies: Hämmernde Kopfschmerzen drohten seinen Kopf zu sprengen, seine Augen brannten und im Mund hatte er einen scheußlichen Geschmack. Kein Wunder, schließlich hatte er gestern mit Lukas und Benny nicht nur ein harmloses Bier getrunken. Komm, trink doch einen mit, hatte Lukas immer wieder gesagt, oder bist du noch ein Baby? Also hatte er den klaren Wodka aus der Flasche getrunken, obwohl er widerlich geschmeckt hatte. Ihm war immer noch schlecht.
Wenn seine Mutter doch nur aufhören würde herumzukeifen. Er hatte eben keinen Bock auf eine Lehrstelle als Bäcker. Jeden Morgen um vier Uhr aufstehen und ackern, nur damit die Leute zum Frühstück frische Brötchen auf dem Tisch hatten? Lieber würde er Hartz 4 beantragen, damit kam man ja auch ganz gut über die Runden und brauchte gar nichts zu tun.
„Kevin, ich spreche mit dir. Hörst du mir eigentlich zu?“ Die Stimme seiner Mutter war schrill geworden. Am liebsten hätte Kevin sich die Ohren zugehalten. Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen würde! Immer fing sie wieder damit an. Er konnte doch schließlich nichts dafür, dass seine Bewerbungen bisher immer abgelehnt worden waren. Er wollte nun mal Automechaniker werden, oder wenigstens etwas mit Maschinen zu tun haben. Er hatte sich ja auch überall im Harz beworben, sogar in Goslar und Braunschweig, obwohl das natürlich viel zu weit weg war.
Okay, sein Hauptschulabschluss war nicht besonders gut, besonders die Fünf in Mathe war nicht gerade ein Glanzstück. Aber trotzdem! Er kannte alle Automarken, konnte die technischen Einzelheiten auswendig hersagen und wusste wie man einfache Sachen in Ordnung brachte. Er hatte oft beim Reparieren von Autos zugesehen, als Benny noch in der Werkstatt von Pavlovski in die Lehre gegangen war, und schon eine ganze Menge gelernt. Aber nun hatte Pavlovski Pleite gemacht, und Benny stand genau wie er auf der Straße.
Ärgerlich knallte Kevin seine nur halb leer getrunkene Kaffeetasse auf den Tisch, sprang auf und verließ die Küche, ohne auf die empörte Stimme seiner Mutter zu hören, die ihm hinterher rief, er solle gefälligst dableiben, wenn sie mit ihm spräche.
In dem düsteren Wohnzimmer - die kleinen Fenster des alten Fachwerkhauses ließen durch ihre geteilten Scheiben nur wenig Licht herein – saß sein Vater auf dem durchgesessenen Ledersofa und sah sich im Sportkanal ein Basketballspiel an.
„Na, Kevin, ist wohl ziemlich spät geworden gestern, was?“, sagte er und warf seinem Sohn einen prüfenden Blick zu.
„Hm, hab' noch mit Benny und Lukas rumgehangen“, antwortete Kevin. Er ließ sich auf das Sofa fallen und streckte die langen Beine von sich.
Insgeheim fand er es ganz beeindruckend, dass sein Vater ganze fünfundvierzig Jahre auf dem Bau durchgehalten hatte, zuerst in der DDR, dann, nach der Wende, auf verschiedenen Baustellen im Westen. Jetzt, mit vierundsechzig Jahren, hatte sein Vater Rente beantragt, weil sein Rücken nicht mehr mitspielte.
Verstohlen musterte Kevin seinen Vater. Er fand, er sah alt und verbraucht aus, wie er so dasaß, mager und fast ganz kahl, in ausgebeulten Hosen und einem alten Baumwollhemd. Sein langes Gesicht war zerfurcht von Falten, sein Kinn unrasiert. Doch seine hellen Augen sahen Kevin aufmerksam an, als er ihn jetzt fragte:
„Du, sag mal, dieser Lukas, was ist das eigentlich für einer?“
Kevin wusste, dass sein Vater sich Gedanken machte, mit wem er sich herumtrieb, aber er hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Schließlich war er kein kleines Kind mehr. Und er war nun mal nicht so wie seine beiden älteren Schwestern, die beide schon verheiratet waren und Kinder hatten. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kamen, gab es ein großes Hallo um die Kleinen. Wie ihn das nervte!
„Der Lukas ist ganz in Ordnung,“ sagte er, „er findet nur nicht die richtige Arbeit, du weißt ja wie das hier ist. Er hat Schreiner gelernt, aber hier in der Gegend gibt’s nichts für ihn. Er hat ein geiles Motorrad, manchmal nimmt er mich auf dem Sozius mit.“
Sein Vater nahm die Fernbedienung und stellte den Ton leiser.
„Mama will, dass du die Bewerbung für die Lehre als Bäcker schreibst, Kevin, hast du das schon gemacht?“
Jetzt fing sein Vater auch noch damit an! Kevin seufzte und starrte auf das Fernsehbild, ohne zu antworten.
„Bäcker zu werden ist doch nicht das Schlechteste, Junge, Brot brauchen die Menschen immer, das haben wir schon damals in der DDR gelernt. Und du hättest die Lehrstelle direkt hier im Dorf, ich habe schon mit Bäcker Riesenbeck gesprochen, er würde dich nehmen, vorausgesetzt du schaffst die Probezeit.“
„Ach, Papa, du weißt doch, ich will was mit Autos machen. Ich hab einfach keinen Bock auf Bäcker!“
„Aber Junge, wenn es nun mal nichts gibt mit Autos! Irgendetwas muss du doch lernen.“
Kevin sprang genervt auf.
„Lasst mich doch alle einfach in Ruhe!“, rief er und stürmte aus der Stube Er knallte die Tür seines Zimmers hinter sich zu und warf sich auf sein ungemachtes Bett. Seine Kopfschmerzen waren noch schlimmer geworden. Vielleicht konnte er noch etwas schlafen, um seinen Kater auszukurieren. Gegen Abend wollten Lukas und Benny sich mit ihm in der Gartenanlage treffen. Sie hatten vor, gemeinsam um die Häuser zu ziehen.

2
Benjamin war wütend. Es war nicht ein gewöhnlicher, kurz aufwallender Ärger, nein, die Wut lag wie ein Stein in seinem Bauch, kalt und schwer, und sie war immer da. Er wusste nicht mehr, wie lange schon. Manchmal verwandelte sich der Stein in glühende Kohle, dann loderte seine Wut wie eine heiße Flamme auf und er hatte den Drang, um sich zu schlagen, etwas zu zerstören, jemandem weh zu tun. Benjamin wusste, er musste sich kontrollieren. Zu oft hatten ihn seine Wutausbrüche schon in Schwierigkeiten gebracht.
Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer und starrte sich in die Augen. Sie waren blutunterlaufen von dem Wodka, den er gestern zusammen mit Kevin und Lukas getrunken hatte. Die spärlichen Barthaare zwischen seinen entzündeten Aknepickeln ließen seine Wangen aussehen wie ein schlecht gepflügtes Stoppelfeld, zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte, und in den Mundwinkeln um seine trockenen blassen Lippen herum zeigten sich Einkerbungen, die ihn missmutig aussehen ließen und alt. Dabei war er gerade mal siebzehn Jahre!
Seine dunkelblonden Haare hingen in langen, fettigen Strähnen über die Ohren und in die Stirn. Die grauen Augen im Spiegel sahen ihn unverwandt an. Jede Unebenheit, jeder Makel und jede Rötung in seinem Spiegelbild verhöhnte ihn, flüsterte ihm zu „Du bist hässlich, du bist dumm, du bist wertlos.“ Er starrte so lange, bis seine Augen sich mit Tränen füllten. Gewaltsam riss er seinen Blick vom Spiegel los und wandte sich ab. Während er heiß duschte, vermied er es krampfhaft, seine mageren Körper anzusehen. Er wusch sich die Haare und spülte sie aus, stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und zog neue Unterwäsche, eine saubere Jeans und ein frisches Kapuzenshirt an.
Silke, Benjamins Mutter, saß am Küchentisch und las die Zeitung. Sie schaute kurz auf, als Benjamin die kleine Küche betrat und lächelte ihn an.
„Gut, dass du an den Kurs gedacht hast“, sagte sie, „du weißt ja, sie kürzen dir das Geld, wenn du nicht an der Fortbildung teilnimmst.“
Schon ihr freundlicher Tonfall ging Benjamin auf die Nerven. Wie konnte sie nur immer so gut gelaunt sein? Als Verkäuferin im Supermarkt musste sie Tag für Tag immer nur Waren einordnen oder an der Kasse sitzen, musste tun, was ihr Chef ihr sagte und stets freundlich zu den Kunden sein. Und das alles für einen Hungerlohn! Ihr Chef dagegen, der dicke Herr Supermarktleiter, fuhr schon wieder den neuesten Mercedes. Gestern erst hatte Benjamin ihn gesehen.
Er spürte, wie die Wut in seinem Bauch sich wieder rührte. Verzweifelt versuchte er sich auf seine Cornflakes zu konzentrieren, schüttete Milch und Zucker in die kleine Schüssel und füllte das Müsli mit Bananenstücken und Rosinen auf. Während er heftig in seiner Schüssel rührte, warf er seiner Mutter einen schnellen, aufgebrachten Blick zu. Überhaupt war seine Mutter nicht ganz unschuldig an seiner Wut. Er nahm ihr übel, dass er keinen Vater hatte. Es sei nur eine einzige Nacht gewesen, hatte sie ihm erklärt, sie habe lediglich seinen Vornamen gekannt, und er sei ein netter Kerl gewesen. Sie habe ihn anschließend nie wiedergesehen und nicht gewusst, wo er wohnte.
Wieder musterte Benjamin seine Mutter verstohlen. Sie blätterte in der Zeitung und nahm hin und wieder einen Schluck Kaffee. Für ihre sechsunddreißig Jahre sah sie gut aus, stellte er widerwillig fest. Die langen braunen Haare hatte sie mit zwei Kämmen festgesteckt, ihr Gesicht mit den rehbraunen Augen hinter ihrer modischen Brille war glatt und faltenlos, ihre rundliche Gestalt steckte in einem hellblauen Frotteebademantel. Es hatte ihr in all den Jahren anscheinend nichts ausgemacht, allein mit einem Kind zu sein, dachte er erbost, aber er, Benjamin, hatte seinen Vater schrecklich entbehrt. Jedes Mal, wenn seine Mutter einen Mann mit nach Hause gebracht hatte, hatte er gehofft, dass sie eine richtige Familie werden würden, aber immer war er enttäuscht worden. Insgeheim glaubte er, dass es seine Schuld war. Wer wollte schon ein fremdes Kind? Schon, als er in der Grundschule zum ersten Mal festgestellt hatte, dass ihm etwas fehlte, was für alle anderen Kinder selbstverständlich war, war er wütend gewesen. Andere Jungen gingen mit ihren Vätern zum Fußball, fuhren mit Vater und Mutter in den Urlaub, lernten Fahrradfahren und Schwimmen mit ihrem Vater. Nur er nicht.
Mit einer aggressiven Bewegung schob er seine Müslischüssel zur Seite. Seine Mutter schaute auf und sah ihn erstaunt an. Er wich ihren Blick aus und stand auf.
„Fährst du mit dem Fahrrad oder nimmst du den Bus“, fragte sie. „Der Bus nach Wernigerode geht in einer Viertelstunde, da musst du dich beeilen.“
„Mit dem Rad“, gab er einsilbig zur Antwort. Sie nickte und hob die Zeitung.
„Schau mal, Benny, in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Hier ist ein Bild von ihr in der Zeitung“. Seine Mutter hielt ihm die aufgeschlagene Tageszeitung hin und zeigte auf das Bild von einem Mädchen. „Wahrscheinlich hat die Kleine Zoff mit ihrer Familie gehabt und ist abgehauen. Es dauert sicher nicht lange, und sie kommt wieder zurück. Sieh nur, hier steht, die Polizei hat sie die ganze Nacht gesucht, mit Hubschraubern und Suchhunden. So ein Aufwand!“
Benjamin warf einen Blick auf das Foto, ohne zu antworten. Typisch, dachte er, seine Mutter musste selbstverständlich wieder das Harmloseste annehmen. Wahrscheinlich war das Mädchen in die Hände eines Kinderschänders gefallen und längst tot, oder ein Erpresser hielt sie irgendwo fest. So etwas las man doch dauernd in der Zeitung. Seine Mutter mit ihrem nervigen Optimismus!
„Ich fahre dann los“, sagte er. Er achtete nicht auf das freundliche „Tschüss, bis heute Abend“, das seine Mutter ihm nachrief, als er die Haustür hinter sich schloss.
Benjamin hasste es, zu dieser unsinnigen Fortbildung zu fahren. Sie sollten dort lernen, wie man eine Bewerbung richtig schrieb oder wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch verhielt. Als wenn ihm das etwas helfen würde!
Seine Lehre in der Werkstatt von Pavlovski hatte ihm Spaß gemacht. Er hatte sogar angefangen, einen alten Schrottwagen wieder auf Vordermann zu bringen. Gert Raschke hatte ihm dabei geholfen. Als Kfz-Geselle hatte Gert natürlich schon viel mehr Ahnung als er. Sie hatten vorgehabt, das Auto komplett aus gebrauchten Einzelteilen zusammen zu setzen. Wochenlang hatten sie alle Schrottplätze der Umgebung nach passenden Teilen abgesucht. Er hatte einen großen Teil seines Lehrlingsgehaltes gespart, um seinen Führerschein machen zu können, jetzt, wo er bald achtzehn wurde. Das Auto wäre so toll geworden! Sie hätten es neu gespritzt, und Benjamin hätte rote und orangefarbene Flammen auf die Kotflügel gemalt.
Aber dann war Pavlovski Pleite gegangen. Zu wenig Kunden im Dorf und der Umgebung, zu wenig Umsatz. Gert und Benjamin saßen auf der Straße. Hartz 4 für Gert! Dabei hatte er zwei kleine Kinder und gerade ein Haus gebaut. Und er, Benjamin wurde in diese unsinnige Fortbildungsmaßnahme gesteckt. Es war so ungerecht! So gemein! Wieder fühlte er den harten Klumpen im Bauch. Es gab keine Kfz-Lehrstelle weit und breit. Sollte er etwa Hotelkaufmann werden oder Friseur? Unmöglich. Außerdem würden sie ihn ohnehin nicht nehmen, so wie er aussah. Mit seinen Pickeln und den strähnigen Haaren.
Erbittert trat Benjamin in die Pedale. Der Wind ließ seine Augen tränen.

3
Seine schwarze Honda-Tourer, Baujahr 2003, 85 kW, war für Lukas nicht nicht nur ein Motorrad, seine Maschine war eine Weltanschauung und seine einzige Leidenschaft. Über ein Jahr lang hatte jeden Cent von seinem Lehrlingsgehalt, den er erübrigen konnte, zurückgelegt, hatte sogar zeitweise mit dem Rauchen aufgehört, um sich seinen Traum vom eigenen Motorrad verwirklichen zu können. Dann hatte er mit achtzehn seinen Motorradführerschein gemacht, nachdem er auch dafür lange gespart hatte. Sein Betreuer im Heim hatte ihn ermutigt dazu. Einen Traum im Leben muss jeder haben, hatte er gesagt. Seine Lehre als Schreiner hatte Lukas abgeschlossen, obwohl die Arbeit mit Holz ihm keinen Spaß gemacht hatte. Viel lieber wäre er Auto- oder Zweiradmechaniker geworden, aber mit seinem Hauptschulzeugnis hatte er eben nehmen müssen, was es gab.
Aber dann, gerade als er gedacht hatte, er könnte endlich richtiges Geld verdienen, hatte man ihn gefeuert. Nicht übernommen, hieß es. Und er stand da mit Hartz 4. Gerade hatte er sich das Motorrad gekauft, mit einem kleinen Kredit von der Bank, an dem er jetzt noch abbezahlte. Es war günstig gewesen, aber reparaturbedürftig und schlecht gepflegt. Er hatte sich die nötigen Ersatzteile besorgt und sie wieder auf Vordermann gebracht. Er hatte die Honda mit einem Akrapovic-Auspuff ausgestattet, der ihr den unvergleichlichen Sound verlieh, hatte ein Windshield angebracht, das ihr das sportliche Gesicht gab, und für die LED-Rückleuchten mit der Klarglasabdeckung hatte er richtig Geld bezahlt. Die Sitzbank hatte er so lange mit Reinigern und Ledermitteln bearbeitet, bis sie aussah wie neu.
Alle Chromteile hatte er gesäubert und poliert, so dass sie wie Silber glänzten. Jedes Mal, wenn Lukas sich seine Motorradkluft anzog, den Helm aufsetzte und auf sein Motorrad stieg, erfüllte ihn ein Gefühl unbändiger Freude. Zwar wusste er nicht, wovon er das nächste Benzin bezahlen sollte, aber darüber machte er sich keine großen Gedanken. Schließlich hatte er neuerdings 'Beziehungen', und mit etwas Glück hatte er bisher noch immer das nötige Kleingeld beschaffen können.
Gott sei Dank hatte er diesen Typ kennengelernt, in der Kneipe in Braunlage. 'Organisier doch einfach ein paar Sachen, ich kaufe dir alles ab', hatte er gesagt. Und es hatte ganz gut geklappt mit dem Organisieren. Dennoch: Sein Hartz 4-Geld reichte gerade aus um über den Monat zu kommen; er wusste, dass sein täglicher Bier- und Zigarettenkonsum einen großen Teil des Geldes verschlang, das er eigentlich für Essen und Kleidung oder die anderen Dinge des Alltags brauchte. Gut, das Amt bezahlte die Miete für seine Bude in der schäbigen Mietskaserne, aber Lukas war klar, dass er sich weitere Geldquellen erschließen musste. Der Typ, der ihm seine geklauten Sachen abkaufte, drängte ihn, bessere Ware zu liefern, und vor allem mehr. Bisher hatte er vor allem Zigarettenautomaten geknackt und mit seinen Einbrüchen in Schulen oder Kindergärten einige gute Elektroniksachen beschafft, aber das Geld, das er dafür bekam, reichte nicht lange. Er musste sich besser organisieren. Alleine war es schwierig, größere Brüche durchzuziehen, schon wegen des Transportproblems. Er brauchte Helfer. Zwar musste der Gewinn dann geteilt werden, wenn man zu mehreren arbeitete, aber die Ausbeute war ungleich höher.
Heute Abend wollte er Benny und Kevin in seine Pläne einweihen. Die beiden waren genau die Richtigen für kleine Beutezüge. Wenn er ihnen erst einmal beigebracht hatte, wie man Automaten knackte, Fenster aufhebelte, um in leerstehende Gebäude einzusteigen, auf Terrassen und Veranden nach verwertbaren Gegenständen suchte, könnten sie zusammen einen ganz schönen Gewinn erzielen. Dann würde es sich auch lohnen, stundenweise einen kleinen Transporter zu mieten, um die Beute zu transportieren. Er müsste den beiden die Sache nur noch schmackhaft machen. Und ihnen ihre Skrupel austreiben.
Lukas setzte sich auf den kleinen Falthocker und lehnte sich an die Bretterwand der Gartenlaube. Er steckte sich eine Zigarette an und betrachtete sein Motorrad. Wie schön sie war, seine Honda, dachte er. Andere hatten eine Familie oder Freunde, er hatte seine Maschine. Er stand auf und holte sich eine Flasche Bier aus der Kühlbox, die in dem Gartenhäuschen stand. Wie gut, dass sie dieses Hütte für sich entdeckt hatten. Hier waren sie ungestört, konnten in Ruhe Musik hören, quatschen und rumhängen. Und vor allem, es war das ideale Versteck für die geklauten Sachen. Das Fenster hatte Lukas sorgfältig mit Packpapier verklebt, damit man nicht von draußen ins Innere schauen konnte. Das Türschloss war für ihn kein Problem gewesen; nachts sicherte er die Tür mit einem starken Vorhängeschloss. Die Karbidlampe gab abends genug Licht, wenn sie Kartenspielen oder einfach nur abhängen wollten. Die Kleingartenanlage sollte bald abgerissen werden, hatte Lukas gehört, die Grundstücke waren alle schon verkauft. Kein Mensch störte sie hier, zumindest vorläufig. Zufrieden nahm Lukas einen Schluck Bier.

4
Vorsichtig trat Kevin die Brennnesseln nieder, bog die Zweige der verwilderten Rhododendronbüsche auseinander und näherte sich der Hütte. Seine schmutzigen Turnschuhe machten kein Geräusch auf dem sandigen Grasboden, als er über den niedrigen, halb verfallenen Holzzaun stieg und die wenigen Meter zum Fenster des verwahrlosten Gartenhäuschen zurücklegte. In der Hütte brannte Licht. Alle anderen Parzellen des Schrebergartens, der noch aus der DDR-Zeit stammte, waren schon vor langer Zeit verlassen worden. Die Besitzer kümmerten sich nicht mehr darum.Viele waren weggezogen, in die nächste größere Stadt im Westen oder sonst wohin, hier gab es ja nichts mehr, weder Arbeit noch sonst etwas. Die Grundstücke ließen sich nicht verkaufen, dazu waren sie zu klein, und so verfielen sie immer mehr.
Das Holz des Fensterrahmens war rissig, die ehemals grüne Farbe war abgeblättert und nur noch an einigen Stellen zu erahnen. Er spähte durch die vor Schmutz fast blinden Fensterscheiben ins Innere der Hütte. Ein uralter, geblümter Vorhang war vorgezogen worden, an der Seite jedoch war ein Spalt offen geblieben.
Er konnte einen Teil des Raumes einsehen. Auf dem staubigen, verwitterten Holzfußboden stand mitten im Raum eine starke Batterielampe, die das Zimmer in ein unangenehmes weißes Licht tauchte. Auf dem Campingtisch daneben standen eine große Coca Cola -Flasche, daneben ein Pappteller mit einigen belegten Brötchen und ein paar Äpfel. Er konnte außerdem mehrere Joghurtbecher und einige Schokoriegel erkennen. Auf den zwei Plastikstühlen, die an dem Tisch standen, lagen eine wattierte rote Jacke und eine Wolldecke. Das Bett war durch den Spalt, den der Vorhang freiließ, nur teilweise zu sehen.
Ein Mädchen lag auf dem Bett und las in einem Taschenbuch. Neben dem Bett lagen mehrere Comicbücher und Jugendzeitschriften. Das Mädchen war allein. Es war etwa 11 oder 12 Jahre alt. Die Kleine trug eine dunkelblaue Jeans und einen hellblauen Sweater. Die rotblonden Locken standen wild um ihr Gesicht herum.
Er veränderte seine Position um besser sehen zu können. Ein Zweig knackte unter seinem Fuß. Das Mädchen hob den Kopf und lauschte. Hatte sie etwas gehört? Schnell ging er in die Knie und kauerte sich an die Wand unterhalb des Fensters. Er hörte, wie das Mädchen vom Bett aufstand - die alten Drahtfedern des Feldbettes gaben ein quietschendes Geräusch von sich – und zum Fenster ging. Sie schob den Vorhang beiseite und versuchte es zu öffnen. Vergeblich. Dann zog sie den Vorhang sorgsam wieder zu. Nach einer Weile, als er sicher war, dass sie ihn nicht bemerkt hatte, schlich er lautlos davon.

5
„Aber wenn ich es euch doch sage, es war das Mädchen aus der Zeitung!“ Kevins Stimme klang ungeduldig. „Ich habe sie genau gesehen.“
„Ach, du spinnst ja“, meinte Benny missmutig,. „Was sollte ein kleines Mädchen wohl ganz allein dort in der Gartenlaube machen?“ Benny war schlecht drauf, wie immer, dachte Kevin. Lukas hatte noch nichts gesagt. Er lag ausgestreckt auf dem Sofa und blätterte in einer Motorradzeitschrift.
„Ihr könnt ja selber hingehen und nachsehen“, maulte Kevin. Ärgerlich ließ er sich auf einen der alten Sessel fallen und streckte seine Beine aus. Das gesamte Mobiliar, das in dem kleinen Raum stand, hatten sie vom Sperrmüll geholt: ein braunes, abgeschabtes Ledersofa, einen Polstersessel, der einmal grün gewesen war, einen Fernsehsessel mit ausziehbarer Fußstütze, der noch ganz gut in Schuss war, einen kleiner Couchtisch aus Holz und einen bunt gemusterten Teppich. In der Ecke stand der Ghetto Blaster, den Lukas angeschleppt hatte, neben dem Tisch stand die Kühlbox mit dem Bier und überall verstreut lagen Comics, Zeitschriften und BILD-Zeitungen. Lukas hatte sich für eine Stunde einen Kleintransporter geliehen und sie hatten alle zusammen die Sachen hierher transportiert. Kevin fand, dass es richtig gemütlich war in ihrer Bude.
„Was für ein Mädchen aus der Zeitung?“ fragte Lukas. Er hatte seine Zeitschrift beiseite gelegt und sah Kevin interessiert an. Sein schwarzes Achselshirt brachte die farbigen Tätowierungen auf seinen muskulösen Oberarmen erst richtig zur Geltung, fand Kevin. Wenn ihm seine Eltern nur auch ein Tattoo erlauben würden, aber dazu waren sie ja viel zu spießig. Er bewunderte die Lässigkeit, mit der Lukas die Asche von seiner Zigarette schnippte und in den übervollen Aschenbecher fallen ließ. Nicht einmal das Rauchen erlaubten ihm seine Eltern, obwohl er schon sechzehn war.
„Hast du es nicht gelesen?“, fragte er, „in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Zwölf Jahre alt. Es war ein Foto in der Zeitung. Und ich bin sicher, dass sie hier ist. In der Hütte weiter hinten. Ich habe sie heute Abend gesehen, als ich durchs Fenster guckte. Sie war es.“
Lukas setzte sich auf. Sein Interesse war geweckt.
„Das ist ja ein Ding“, sagte er. „Benny, weißt du was davon?“
Benny schaute von dem Comic aus, den er gerade las.
„Ja, ich habe heute Morgen das Foto in der Zeitung auch gesehen. Meine Mutter meinte, das Mädchen sei sicher nur von zu Hause weggelaufen wegen irgendwelchem Stress.“
„Und das Mädchen ist hier in einer der Hütten, sagst du, Kevin? Erzähl mal genau, was du gesehen hast, Kleiner“.
Kevin mochte es nicht, wenn Lukas Kleiner zu ihm sagte. Schließlich war er nur ein paar Jahre älter als er. Aber er freute sich, dass er nun die volle Aufmerksamkeit von Lukas hatte.
„Ihr kennt doch die Gartenhäuser am Hauptweg, die noch ganz gut in Schuss sind. Als ich eben herfuhr, habe ich Licht gesehen. Und das, wo hier doch gar kein Strom mehr ist. Ich bin hin geschlichen und habe durchs Fenster geschaut. Das Mädchen lag auf dem Bett und hat gelesen. Fast hätte sie mich entdeckt, aber Gott sei Dank ließ sich das Fenster nicht öffnen.“
„Aha“, sagte Lukas, „und sie war ganz allein dort? Das ist wirklich komisch. Was konntest du denn noch erkennen, Kevin, erzähl mal ganz genau. Wie sah es aus in der Hütte?“
Inzwischen hatte auch Benny seinen Comic weg gelegt und hörte gespannt zu.
„Also“, Kevin überlegte, „auf dem Boden stand eine Batterielampe. Dann war da ein Tisch, darauf standen Essenssachen und eine Thermoskanne. Und eine Colaflasche. Und ein paar Äpfel, glaube ich.“ Er krauste die Stirn.
„Äpfel? Wieso Äpfel? Benny schüttelte verständnislos den Kopf. Lukas überlegte.
„Das ist ja interessant“, sagte er. Er starrte Kevin grüblerisch an.
„Sag mal, Kevin, hattest du den Eindruck, dass die Kleine freiwillig dort ist? Oder wird sie gefangen gehalten? Wenn das Fenster sich nicht öffnen lässt und die Tür verschlossen ist, kann sie ja nicht weg. Vielleicht ist sie ja entführt worden? Was meinst du?“ Er war ganz aufgeregt. „Vielleicht gibt es ja so etwas wie einen Finderlohn, wenn wir sie zurückbringen. Schließlich wird sie gesucht.“
Kevin fühlte, wie Lukas' Erregung ihn ansteckte. Auch Benny sah ihn gespannt an. Er versuchte, sich die Szene in der Hütte genau ins Gedächtnis zurück zu rufen.
„Sie war nicht gefesselt oder so. Und es standen leckere Sachen auf dem Tisch. Ich glaube nicht, dass jemand sie gekidnappt und dort eingesperrt hat. Sie sah auch gar nicht ängstlich aus.“ Er schüttelte den Kopf.
„Aber warum sollte sie sich denn in dieser blöden Hütte verstecken“, fragte Benny, und wo hat sie die Essenssachen her? Das ist wirklich komisch“.
Lukas stand auf und drückte seine Zigarette aus. „Das werden wir bald herausfinden“, sagte er entschlossen.

6
Rolf Bergmann war müde und genervt. Die Geburtstagsparty seines Schwagers war so verlaufen, wie die Familienfeiern in der Familie seiner Frau jedes Mal verliefen: es gab ein riesiges Büfett mit einer ungeheuren Auswahl an Fleisch, Gemüse, Reis, Nudeln und Kartoffeln, etlichen süßen Nachspeisen, dazu reichlich Bier und Wein und Schnaps. Unvermeidlich waren die üblichen Spielchen und Vorführungen zu Ehren des Geburtagskindes, deren Albernheit mit steigenden Alkoholpegel zunahm, und die Tanzmusik, die auf einen Potpourri aus Schlagern von Helene Fischer, Andrea Berg und Howard Carpendale hinauslief. Da er zurück nach Bad Harzburg mit dem Auto fahren musste - für ein Taxi war der Weg von Braunlage aus zu teuer - durfte er nichts trinken außer süßen Sprudel, Coca Cola oder Mineralwasser, so dass er dem steigenden Grad der Beschwipstheit der anderen zusehen musste, ohne selber an der wohltuenden Wirkung des Alkohols teilhaben zu können. Außerdem verursachte ihm die Kohlensäure des Sprudels jedes Mal Sodbrennen, und mit Sorge dachte es an seinen viel zu hohen Blutdruck und den Cholesterinspiegel, der durch das viele Essen wahrscheinlich wieder in beängstigende Höhen gestiegen war.
Seufzend öffnete er beim Einsteigen unauffällig einen Knopf seiner Hose, um bequemer hinter dem Steuer seines Mercedes sitzen zu können. Der große Wagen bot seiner Körperfülle wenigstens genügend Platz, dachte er nicht ohne Befriedigung. Sein Auto war sein ganzer Stolz.
„Mach doch mal Musik an“, bat Marietta, seine Frau, die sich neben ihm auf dem Sitz räkelte. Sie war in weinseliger Stimmung, was sie regelmäßig veranlasste, unablässig zu quatschen. „Hast du Julias Kleid gesehen, Rolf, Schätzchen? Dieses Muster! Und viel zu eng. Man konnte jedes Speckpölsterchen genau erkennen. Mit ihrer Figur sollte sie doch besser etwas Dezenteres tragen. Und dieses Dekolletee? Unglaublich!“
Sie kicherte. Dann gähnte sie herzhaft und Rolf hoffte, dass sie langsam müde werden würde und aufhören zu reden. Er drehte das Radio an. 'Nights in white satin' von den Moody Blues erklang. Endlich anständige Musik, dachte er.
Die kurvige Straße führte bergab in einem stellenweise starken Gefälle, so dass man ständig bremsbereit sein musste. Jetzt um diese Zeit war auf der B4 nur wenig Verkehr, und Rolf fuhr zügig, ohne allerdings die erlaubten achtzig Stundenkilometer weit zu überschreiten.
Als plötzlich die Gestalt aus dem Dunkel im Kegel des Scheinwerferlichtes auftauchte, reagierte er vorbildlich. Er bremste und versuchte, nach links auszuweichen, konnte aber nicht verhindern, dass er mit dem rechten vorderen Kotflügel die Person im hellen Pullover streifte. Sie wurde zu Boden geschleudert und blieb am Straßenrand liegen. Rolf fuhr rechts ran und hielt an. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, seine Hände umfassten völlig verkrampft das Lenkrad und er merkte erst jetzt, dass er seit geraumer Zeit die Luft angehalten hatte.
„Was ist?“, fragte Marietta und setzte sich auf. „Warum halten wir?“ Sie war wohl eingedöst und hatte von dem Unfall nichts mitbekommen.
Rolf war unfähig zu antworten. Er stellte den Motor ab, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Verwundert stellte er fest, dass seine Knie zitterten. Etwa fünf Meter hinter dem Auto sah er das Unfallopfer liegen. Es bewegte sich. Gott sei Dank, dachte Rolf. Schnell ging er zu der Person und kniete sich neben sie nieder. Oh Gott, das ist ja ein Kind! Ein kleines Mädchen. Die Kleine versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Sie sah ihn verständnislos an.
„Hast du dir wehgetan? Komm, ich helfe dir aufstehen. Geht's?“ Rolf Bergmann atmete erleichtert auf, als er sah, dass das Mädchen aufstehen konnte. Offensichtlich war sie nur ein wenig benommen von dem Aufprall gegen das Auto. Jedenfalls schien sie nichts gebrochen zu haben.
„Am besten, du setzt dich erst einmal ins Auto. Wo bist du denn so plötzlich hergekommen? Und was machst du hier, mitten in der Nacht?“
Er führte das Kind zum Wagen, öffnete die hintere Tür und schob sie vorsichtig auf den Rücksitz. „Tut dir irgendetwas weh? Am besten, wir bringen dich ins Krankenhaus. Braunlage ist von hier aus am nächsten. Einverstanden?“
Marietta war inzwischen halbwegs nüchtern geworden. Sie stieg aus dem Auto aus und setzte sich hinten auf die Rückbank zu dem Kind.
„Na, da hast du uns aber einen schönen Schrecken eingejagt, meine Kleine. Aber Gott sei Dank ist dir ja wohl nichts Schlimmes passiert, oder?“
Sie knipste die Innenbeleuchtung an und betrachtete das Mädchen.
„Oh Gott, du blutest ja! Wo hast du dich denn verletzt? Am Arm? Oder an der Hand? Da ist Blut auf deinem Shirt.“
Das Mädchen sah sie nur verständnislos an. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie fing an haltlos zu schluchzen. Marietta tätschelte tröstend ihre Schulter.
„Fahr los, Rolf, wir bringen die Kleine ins Krankenhaus.“

7
Kommissar Winter runzelte die Stirn. Dann hob er den Blick von der Akte, die aufgeschlagen vor ihm lag und musterte das Ehepaar, das in seinem Büro ihm gegenüber saß.
„Es tut mir Leid, Dr. Franke, dass ich Sie und Ihre Frau heute noch einmal hierher bitten musste. Es ist mir durchaus bewusst, was Sie in den letzten Tagen durchgemacht haben müssen. Aber wir müssen Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Dr. Dietmar Franke war Facharzt in der Kurklinik in Bad Harzburg, fünfundvierzig Jahre alt, schlank und sportlich, mit graumeliertem dunklem Haar und randloser Brille. So stellt man sich einen erfolgreichen Chefarzt vor, dachte Winter.
Seine Frau, die neben ihm saß und nervös ihre rot lackierten Finger knetete, ergänzte ihn äußerlich aufs Vortrefflichste: ein hübsches, sorgfältig zurecht gemachtes Gesicht, in dem die großen graublauen Augen das Bemerkenswerteste waren, sorgfältig frisierte rotblonde Haare, die in weichen Wellen das blasse Gesicht umrahmten, geschmackvolle modische Markenkleidung, teure italienische Schuhe.
„Aber wieso denn? Wir haben Ihnen doch alles gesagt. Jennifer ist völlig erschöpft und braucht jetzt Ruhe. Bei dem Unfall hat sie sich etliche Hämatome zugezogen. Was wollen Sie denn noch von ihr?“
Dr. Dietmar Franke wirkte ungehalten. Verständlich, dachte Winter. Das Verschwinden der kleinen Jennifer hatte den ganzen Polizeiapparat in Bewegung gesetzt, ohne Erfolg. Die Eltern mussten zwei schlaflose Nächte gehabt haben vor Sorge um ihre Tochter. Und dann die Blamage. Nicht nur, dass seine Tochter, nachdem sie endlich gefunden worden war und seine Frau und er sie erleichtert in die Arme schließen konnten, gestanden hatte, dass sie aus Angst, ihre Eltern könnten wütend sein wegen ihres schlechten Schulzeugnisses, von zu Hause weggelaufen war und sich in der Gartenlaube der Familie ihrer Freundin versteckt hatte. Sie hatte auch noch zugegeben, dass sie die Unterschrift ihres Vaters auf den blauen Briefen, die dem Zeugnis vorangegangen waren, gefälscht hatte. Dies alles musste dem angesehenen Chefarzt natürlich mehr als peinlich sein, dachte Winter, warf es doch ein bedenkliches Licht auf die Erziehungsmethoden des Ehepaares, die offensichtlich geprägt waren von Leistungsdruck und Strenge.
„Es geht jetzt um eine andere Sache, Doktor Franke.“ Winter richtete sich zu seiner vollen Größe auf und straffte die Schultern, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen. „ In der Gartenlaube, in der sich Ihre Tochter versteckt gehalten hat, ist eine Leiche gefunden worden. Die Leiche eines jungen Mannes.“
Entsetzt starrte das Ehepaar den Kommissar an. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen.
Franke fand als Erster seine Sprache wieder.
„Eine Leiche? Um Gottes Willen! Was für eine Leiche?“
„Wir haben sie noch nicht identifiziert, der junge Mann hatte keine Papiere bei sich. Aber die Spurensicherung ist dabei, die Gartenlaube und die gesamte verlassene Laubenkolonie auf Spuren zu untersuchen. Deshalb müssen wir Sie auch bitten, die Kleidung, die Jennifer gestern getragen hat, der KTU zur Verfügung zu stellen. Und ich muss Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Caroline Franke hatte sich noch nicht von dem Schock erholt und saß völlig regungslos kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie musste sich erst einmal räuspern, bevor ihre Stimme ihr gehorchte. „Wie ist er denn zu Tode gekommen, dieser junge Mann? Und was hat Jennifer mit ihm zu tun?“
„Über die Todesursache darf ich Ihnen nichts sagen. Und was Jennifer damit zu tun hat, das versuchen wir gerade herauszufinden. Deshalb muss ich Ihre Tochter sprechen, das sehen Sie doch ein, oder?“
„Selbstverständlich, Herr Kommissar.“ Franke hatte sich wieder in der Gewalt. „Aber Sie erlauben doch, dass ich zuerst unseren Anwalt, Herrn Dr. Grünwald anrufe, damit er bei der Befragung dabei sein kann.“
„Selbstverständlich, Dr. Franke. Und selbstverständlich können Sie als Jennifers Eltern auch dabei sein, Jennifer ist ja erst zwölf Jahre alt.“

Der Vernehmungsraum war unpersönlich und zweckmäßig eingerichtet. An dem großen Tisch in der Mitte saßen sich Hauptkommissar Winter, seine Kollegin, Kommissarin Anette Hilvers, und Jennifer gegenüber. Neben Jennifer hatte ihre Mutter Platz genommen, die die Hand ihrer Tochter in der ihren hielt, etwas weiter hinten saßen Jennifers Vater und der Anwalt.
Auf dem Tisch stand ein Aufnahmegerät mit Mikrofon und eine Videokamera, die die Befragung aufzeichneten. Eine einseitige Milchglasscheibe erlaubte von außen den Blick in den Raum.
Winter strich sich mit der Hand über sein Kinn und musterte das Mädchen vor ihm. Jennifer saß gerade und angespannt auf ihrem Stuhl und schaute zu Boden. Was für ein hübsches Kind, dachte Winter. Sie hat die Schönheit ihrer Mutter geerbt: Dieselben rotblonden Locken, die weiße Haut, die bei Jennifer auf dem Nasenrücken einige kleine Sommersprossen aufwies. Flüchtig musste er an seine eigene Tochter denken, die mit ihren fünfzehn Jahren alles tat, um möglichst hässlich auszusehen: blau gefärbte Haare, die sie an den Seiten abrasiert hatte, schwarz umrandete Augen und schwarze Lippen. Das ist nur die übliche rebellische Phase in der Pubertät, hatte seine Frau versucht ihn zu beruhigen, sie protestiert gegen die Spießigkeit und Bürgerlichkeit ihrer alten Eltern. Das geht vorbei. Er konnte nur hoffen, dass sie recht hatte, seine Frau.
„Möchtest du vielleicht etwas trinken, Jennifer? Eine Cola vielleicht oder ein Glas Tee?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Kurz trafen sich ihre Blicke. Winter war erschüttert über den Ausdruck in den großen graublauen Augen. Woher kam diese abgrundtiefe Verzweiflung?
„Jennifer, du weißt, warum du hier bist?“
Wieder ein Kopfschütteln, wieder dieser Blick.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Jennifer. Deine Eltern sind bei dir, es kann dir nichts passieren. Okay?“
Stummes Kopfnicken.
„Ich werde dir jetzt alles sagen, was ich über den Ablauf der letzten Tage weiß, der Reihe nach, und du korrigierst mich, wenn etwas falsch ist, in Ordnung? Und bitte, du musst mir laut antworten, damit dich alle hören können, ja?“
„Ja“. Unglaublich klein und zaghaft klang die Stimme des Kindes.
„Gut. Also: Fangen wir an dem Tag an, an dem es Zeugnisse geben sollte. Du gehst ja aufs Gymnasium in Bad Harzburg, in die 7. Klasse, nicht wahr?“
„Ja.“
„Du bist an diesem Tag aber nicht zur Schule gefahren wie üblich, sondern bist mit dem Fahrrad in diese verlassene Gartenlaubenkolonie bei Braunlage gefahren, zu dem Gartenhäuschen, das den Eltern deiner Freundin gehört. Wie heißt sie noch, deine Freundin?“
„Sandra Meinert“.
„Woher kanntest du denn diese Gartenlaube?“
„Wir haben einmal Sandras Geburtstag dort gefeiert, mit Grillen und so.“ Die Stimme des Mädchens hatte an Festigkeit gewonnen. Sie wagte es, den Kommissar offen anzusehen.
„Es ist ganz schön weit von Bad Harzburg nach Braunlage, mehr als zwanzig Kilometer. Und meistens geht es bergauf. Bist du denn nicht müde geworden? Oder hungrig und durstig?“
„Ach, das ging schon. Ich habe öfter Pause gemacht. Ich hatte mir eine Flasche Cola und belegte Brötchen und ein paar Joghurts gekauft für unterwegs. Und ein paar Äpfel. Ich wollte ja länger dort bleiben in der Hütte.“
Jennifer hatte ihre Hand aus der ihrer Mutter gelöst und sah wieder zu Boden. Caroline Franke legte demonstrativ den Arm um die Schulter ihrer Tochter.
„Aber das hat Jennifer doch schon alles auf der Polizeistation erzählt. Herr Kommissar“, sagte sie, „ist es denn wirklich nötig, alles noch einmal zu wiederholen?“ In ihrer Stimme lag sowohl Sorge als auch Ungeduld.
„Frau Franke, ich verstehe Ihre Bedenken, aber ich muss Sie bitten, die Befragung nicht zu unterbrechen.“
Winter war verärgert. Nun musste er das Vertrauen des Kindes, das gerade aufgekeimt war, neu gewinnen.
„Also, Jennifer. Du hattest dir Proviant besorgt für die Fahrt und für die Zeit, die du in der Hütte verbringen wolltest. Gut. Dann hast du es dir in der Laube gemütlich gemacht. Wie bist du denn hineingekommen? Hattest du einen Schlüssel?“
„Nein, aber ich wusste, wo der Schlüssel versteckt war: Unter einer Blumenschale neben der Tür. So haben Sandras Eltern das immer gemacht.“
„Hm, kein besonders kluges Versteck, oder?“
Ein kleines Lächeln huschte über Jennifers Gesicht. „Nein, wirklich nicht“, bestätigte sie.
„Wie lange wolltest du denn in der Laube bleiben? Es war doch bestimmt sehr langweilig dort, oder?“
„Ich wollte zwei Tage dort bleiben. Ich hatte mir was zum Lesen mitgenommen. Und mein iPod mit meiner Musik hatte ich auch dabei.“
„Dein Handy hast du zu Hause gelassen. Warum?“
Jennifer warf einen verstohlenen Blick auf ihre Mutter, die den Arm wieder von ihrer Schulter genommen hatte.
„Ich wusste aus dem Fernsehen, dass man Handys orten kann. Und ich wollte nicht, dass die Polizei mich findet. Ich wäre ja von alleine wieder nach Hause gekommen.“
„Du hast auf der Polizeistation gesagt, dass du Angst hattest, deine Eltern könnten böse sein wegen deines Zeugnisses. Weil du nicht versetzt wirst. Wäre das denn so schlimm gewesen? Viele Schüler müssen ein Schuljahr wiederholen, da ist doch nichts dabei.“
„Ja, schon...“ Jennifer warf einen scheuen Blick zu ihrem Vater hinüber.
„Nun, dich bedrückt doch noch etwas, Jennifer. Heraus damit, nur Mut“.
„Ich habe gehört, wie Papa zu Mama sagte, wenn ich nicht versetzt werde, müsste ich in ein Internat. Schließlich könne es nicht angehen, dass seine Tochter das Abitur nicht schaffte.“ Trotzig presste sie die Lippen aufeinander. „Und ich wollte ihnen zeigen, wie es ist, wenn ich nicht mehr da bin.“
Winter merkte, dass Jennifers Vater sich anschickte, etwas zu sagen, und hob warnend die Hand. Der Anwalt legte beruhigend die Hand auf Frankes Arm und flüsterte ihm etwas zu. Der Arzt beruhigte sich.
„Also: Jetzt warst du in der Laube. Hattest du denn gar keine Angst, als es dunkel wurde?“
„Ja, schon ein bisschen. Aber ich bin da auf der Liege sehr schnell eingeschlafen. Ich war ziemlich müde.“
„Und den nächsten Tag hast du damit verbracht, zu lesen, etwas zu essen, Musik zu hören und herum zu faulenzen, ist das richtig?“
Wieder huschte ein Lächeln über die kindlichen Züge.
„Ja, so war es“.
„Und dann wurde es wieder Abend. Was ist dann passiert?“
Jennifers Gesicht verschloss sich. Wieder trat dieser verängstigte Ausdruck in ihre Augen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her.
„Du musst uns alles erzählen, was passiert ist in dieser Nacht, Jennifer.“ Kommissar Winter gab seiner Stimme einen eindringlichen Ton. Das Mädchen starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß unablässig die Finger kneteten.
„Jennifer, wir haben auf deinem Sweatshirt, das du gestern getragen hast, Blut gefunden. Das Blut stammt nicht von dir. Bitte erkläre uns, wie das Blut auf dein Shirt geraten ist.“
Jennifer richtete sich auf und holte tief Luft. Aufgeregt biss sie sich auf die Lippen. Dann sah sie den Kommissar offen an.
„Ich hatte schon geschlafen. Da hörte ich plötzlich Geräusche an der Tür. Es war ganz dunkel in der Hütte. Ich hatte solche Angst! Dann ging plötzlich die Tür auf und drei Männer kamen herein. Sie hatten Taschenlampen und leuchteten mir damit ins Gesicht. Zuerst konnte ich nichts sehen. Sie leuchteten mit den Taschenlampen in der Hütte herum. Einer kam auf mich zu. Ich lag ja auf der Liege. Er hatte eine Maske auf, so eine Skimaske. Alle hatten solche Masken auf. Der eine packte mich an den Haaren und zerrte mich hoch. Er hatte ein Messer. Das hielt er mir vors Gesicht. Ich habe laut geschrien. Da hat er mir den Mund zugehalten und mich auf den Stuhl am Tisch gesetzt. „Sei still“, hat er gesagt, ganz nah an meinem Ohr, „sonst mach ich dich kalt, du Göre“.
Jennifer rutschte auf ihrem Stuhl unruhig ihn und her. Ihre Mutter nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. „Mein armes Kind“, murmelte sie, „meine arme Kleine“.
Es klopfte an der Tür. Winter unterdrückte einen Fluch. Ein Polizeibeamter betrat den Vernehmungsraum und legte eine Akte vor den Kommissar auf den Tisch. Der seufzte und schlug die Akte auf. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Notiz zu lesen.
„Entschuldigen sie, ich komme gleich wieder. Meine Kollegin übernimmt solange die Befragung.“ Er nickte der Kommissarin zu und verließ mit schnellen Schritten den Raum.
Anette Hilvers brauchte nur einen Moment, um sich auf ihre neue Rolle zu konzentrieren. Sie lächelte Jennifer freundlich an.
„Jennifer. Es ist gut, dass du uns alles erzählst. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht für dich ist. Also: drei maskierte Männer kamen mitten in der Nacht in die Gartenlaube, wo du gerade geschlafen hast. Wie ging es dann weiter?“
„Ich... ich weiß es nicht mehr so ganz genau. Ich hatte schreckliche Angst.“
„Das kann ich gut verstehen, Jennifer. Trotzdem, versuche dich zu erinnern, was geschehen ist.“
„Der eine Mann hielt mich auf dem Stuhl fest, mit dem Messer in der Hand. Die beiden anderen liefen herum und warfen alles durcheinander. Dabei lachten sie und sagten irgendetwas.“
„Kannst du dich erinnern, was sie sagten?“
„Irgendetwas von, dass hier nichts zu holen ist, alles nur Schrott, ja, Schrott, sagte der eine. Und dann sagte einer: Mal sehen, vielleicht bringt die Kleine uns ja was.“
„Und dann, was ist dann passiert, Jennifer?“
Das Kind war wieder aufgesprungen, ganz in der Erinnerung gefangen.
„Der Mann, der mich festhielt, nahm einen von meinen Äpfeln, die auf dem Tisch lagen, und fing an ihn aufzuessen. Das Messer hatte er auf den Tisch gelegt. Ich nahm das Messer und habe es ihm in den Bauch gestochen. Da hat er mich losgelassen und ich bin ganz schnell zur Tür gelaufen und hinaus. Ich habe gehört, wie einer der Männer hinter mir herkam und habe mich hinter einem der Büsche versteckt, bis er wieder zur Hütte zurückging. Dann bin ich zur Hauptstraße gelaufen. Ich hatte solche Angst, dass sie doch noch hinter mir herkommen. Dann bin ich vor das Auto gelaufen.“
Erschöpft ließ sie sich auf den Stuhl sinken und fing an zu weinen. Ihre Mutter legte sanft ihren Arm um sie. Jennifer barg ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter.
„Komme ich jetzt ins Gefängnis, Mama?“ Nur undeutlich war die Kinderstimme zu verstehen.
„Nein, ganz sicher nicht, Jennifer“, versuchte Anette Hilvers das Mädchen zu beruhigen. „Kinder kommen nicht ins Gefängnis.“
Hauptkommissar Winter kam wieder in den Raum und setzte sich auf seinen Platz. Er hatte von außen die Vernehmung verfolgt, während er sich von seinen Kollegen über die neuesten Ermittlungsergebnisse hatte informieren lassen. Nun übernahm er wieder die Leitung.
„Danke, Jennifer. Es war sehr tapfer von dir, dass du uns alles so gut geschildert hast. Deine Eltern können dich jetzt mit nach Hause nehmen.“
Winter stand auf und räusperte sich.
„Herr und Frau Franke, ich setzte Sie jetzt von dem aktuellen Stand der Ermittlungen in Kenntnis.
Die Kollegen haben in einer der verlassenen Hütten des Schrebergartens Diebesgut sichergestellt und durch die dort gefundenen Fingerabdrücke einen vorbestraften Kriminellen dingfest gemacht. Der Verdächtige ist inzwischen verhaftet worden. Es handelt sich um einen gewissen Lukas Möhlenkanp. Er hat den Hergang der Tat so geschildert, wie Jennifer vorhin. Allerdings behauptet er, sie seien nur zu zweit gewesen. Dieser Punkt muss noch geklärt werden. Das wäre alles. Ich danke Ihnen für ihre Kooperation.“
Er erhob sich und verließ zusammen mit seiner Kollegin den Raum.

8
Kevin hatte an dem Abend lange nicht einschlafen können.
Unruhig hatte er sich hin und her gewälzt. Immer wieder musste er an das viele Blut denken, das aus der Stichwunde, die das Mädchen Benny zugefügt hatte, hervorgequollen war. Wahrscheinlich hätte er das Messer nicht herausziehen dürfen, aber es hatte so entsetzlich ausgesehen, wie es aus Bennys Bauch herausgeragt hatte. Und dann wollte die Wunde gar nicht mehr aufhören zu bluten, der ganze Boden, auf dem Benny lag, war schon voll gewesen von seinem Blut. Das Messer, das Kevin fallen gelassen hatte, lag mitten darin.
Als Lukas, der hinter dem Mädchen hergelaufen war, wieder in die Hütte gekommen war, hatte er zuerst nur geglotzt. Sie waren beide völlig geschockt gewesen und hatten nicht gewusst, was sie tun sollten. Entsetzt hatten sie zugesehen, wie Benny angefangen hatte zu zucken, seine Beine und sein ganzer Körper: es war schrecklich gewesen. Seine Augen hatten sich verdreht und er war kreideweiß geworden im Gesicht. Dann war er plötzlich ganz still geworden.
Lukas hatte sich über ihn gebeugt um zu sehen, ob er noch atmete. Nach einer Weile hatte Lukas gesagt: „Da ist nichts mehr zu machen.“ Dann hatte er sich umgesehen. „Hier sind jetzt überall unsere Fingerabdrücke. Meine kennt die Polizei, Bennys werden sie auch identifizieren, aber deine sind nicht registriert. Das ist gut für dich.“ Mit einem prüfenden Blick hatte er Kevin gemustert. „Du musst die Klamotten, die du jetzt anhast, verschwinden lassen. Sicher ist Blut daran oder irgendwelche anderen Spuren.“ Kevin hatte wie gelähmt dagestanden. Er hatte es nicht fassen können, dass Benny tot sein sollte. Er war doch sein bester Freund gewesen. „Komm jetzt, Kevin“, hatte Lukas gedrängt, „wir müssen hier verschwinden.“
„Wir können Benny doch nicht hier einfach liegen lassen!“, hatte Kevin protestiert, aber Lukas hatte ihn mitgezogen und sie waren so schnell wie möglich zu ihrer Hütte gelaufen. Dort hatte Lukas schnell einige Sachen zusammengepackt und sie in die Satteltaschen seines Motorrades gesteckt.
„Hör zu, Kevin.“ Lukas hatte ihn an den Schultern gepackt und geschüttelt. „Du fährst jetzt mit dem Fahrrad nach Hause. Ich komme mit dem Motorrad hinterher. Ich stelle es bei euch in der Garage unter, hörst du? Du musst auf mein Motorrad aufpassen.“
Kevin war verwundert gewesen. „Warum das denn?“, hatte er gefragt.
„Das Mädchen wird jetzt sicher zur Polizei gehen. Wir haben zwar nichts Schlimmes getan, aber Benny ist tot, und sie kommen mir sicher auf die Spur, weil ich vorbestraft bin. Dann werden sie mich verhören, und ich werde sagen, dass ich allein mit Benny in die Hütte zu dem Mädchen gegangen bin. Dass wir ihr nur einen kleinen Schrecken einjagen wollten. Auf dem Messer sind ihre Fingerabdrücke, das ist ein Beweis, dass sie Benny erstochen hat.“ Lukas hatte ihn eindringlich angesehen.
„Ich halte dich aus dem Schlamassel raus, Kevin. Dafür musst du auf mein Motorrad aufpassen, versprochen? Ich bleibe bestimmt nicht lange im Knast, und ich will nicht, dass sie mir mein Motorrad wegnehmen. Alles klar?“ Kevin hatte gar nicht richtig verstanden, was Lukas meinte, nur, dass er ihn aus allem heraus halten wollte. Er hatte genickt und Okay gesagt.
Kevin hatte sich zu Hause umgezogen und die Jeans und den Pullover, den er getragen hatte, in die Mülltonne gestopft. Dann war er ins Bett gegangen. Seine Eltern hatten von alldem nicht mitgekriegt, sie schliefen schon seit Stunden.
Wieder wälzte Kevin sich auf die andere Seite. Immer wieder musste er an Benny denken. Er spürte kaum, wie ihm die Tränen aus den Augen liefen.

9
Zwei Jahre später

Kevin kam mit einem großen Korb frisch gebackener Brötchen in den Verkaufsraum der Bäckerei. Er schüttete die duftenden Backwaren in die dafür vorgesehene Mulde unter der Glasscheibe des Tresens. Maja, die Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin, wie ihr offizieller Titel lautete, lächelte ihn an. Ihre Wangen bekamen dabei diese unglaublichen Grübchen, in die Kevin sich sofort verliebt hatte, als sie vor ein paar Wochen beim Bäcker Riesenbeck angefangen hatte. Und in ihre lockigen braunen Haare, die sie jetzt zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, der bei jeder Kopfbewegung lustig hin und her wippte. Ganz zu schweigen von ihren haselnussbraunen Augen unter den endlos langen geschwungenen Wimpern!
„Na, Kevin“, begrüßte sie ihn fröhlich, „wieder mal in aller Herrgottsfrühe gearbeitet?“
„Och“, sagte er, „das ist gar nicht so schlimm. Dafür hat man nachmittags eher frei.“ Er war trotz seines wild klopfenden Herzens drauf und dran, sie zu fragen, ob sie nicht mit ihm ins Kino gehen möchte, das übliche Anmach-Ritual eben, da klingelte die Türglocke und ein Kunde betrat den Verkaufsraum. Ärgerlich über die unliebsame Unterbrechung, warf Kevin ihm einen Blick zu und erstarrte. Es war Lukas.
Seit den Ereignissen vor zwei Jahren hatte Kevin ihn nicht mehr gesehen. Aus der Zeitung hatte er von seiner Verhaftung erfahren und dass er wegen der Einbruchsdiebstähle, die man ihm nachweisen konnte, und des Überfalls auf das Mädchen in der Hütte zu zwanzig Monaten Jugendknast verurteilt worden war.
„Hallo Kevin“, sagte Lukas.
„Hallo Lukas“, brachte Kevin mit Mühe heraus. Er war überrascht, wie gut Lukas aussah. Er hatte seine Haare wachsen lassen und sah viel jünger aus als damals. Kevin hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil er ihn nie besucht hatte in der JVA, aber er hatte sich einfach nicht getraut. Dabei hatte Lukas es tatsächlich geschafft, ihn aus der ganzen schrecklichen Geschichte herauszuhalten, indem er steif und fest behauptet hatte, er wäre mit Benny allein zu der Hütte mit dem Mädchen gegangen, obwohl das Mädchen von drei Männern gesprochen hatte. Zuletzt hatte man wohl angenommen, sie hätte sich getäuscht bei all der Aufregung. Benny! Plötzlich waren all die Bilder wieder da. Auch die von der Beerdigung, an der die meisten Dorfbewohner teilgenommen hatten. Kevin hatte noch Bennys Mutter vor Augen, wie sie so herzzerreißend geweint hatte.
„Du weißt, weshalb ich hier bin, Kevin?“
„Ja, natürlich. Das Motorrad! Es ist genau da, wo du es hingestellt hast, Lukas. Unversehrt. Ich habe es mit einem Laken zugedeckt, damit es nicht verstaubt.“ Kevin hatte verstanden, dass Lukas' Besitz, hätte er welchen gehabt, als Schadensersatz für seine Diebstähle verwendet worden wäre, und dass er deshalb sein Motorrad in Sicherheit gebracht hatte. Seine Honda war nun mal sein Ein und Alles.
„Gut“, sagte Lukas, „dann lass es uns holen.“
Kevin wagte nicht zu fragen, wie es im Gefängnis gewesen wäre, auch nicht, wie es ihm jetzt ginge, als er nach der fadenscheinigen Entschuldigung, ihm sei plötzlich schlecht geworden, mit Lukas den kurzen Weg zum Haus seiner Eltern ging.
„Was hast du denn jetzt vor, Lukas?“ fragte er schließlich.
„Weiß ich noch nicht.“ Lukas entfernte das Laken von dem Motorrad und strich mit den Fingern liebevoll, fast zärtlich über die Maschine. Dann holte er seine Motorradkluft aus den Satteltaschen und zog sie an. Seine Jeans und die anderen Kleidungsstücke verstaute er wieder in den Taschen.
Vorsichtig schob er die Honda aus der Garage auf die Straße, wo die Sonne die Chromteile hell aufblitzen ließ. Er setzte den Helm auf und schwang sich in den Sattel.
„Wo willst du denn jetzt hin, Lukas?“, fragte Kevin.
„Mal sehen. Erst einmal fahre ich jetzt weg. Irgendwohin.“ Er drückte auf den Anlasser, und der Motor heulte gehorsam auf, als wären nicht fast zwei Jahre seit dem letzten Mal vergangen.
„Mach's gut, Lukas“, sagte Kevin. Lukas hob die Hand zum Abschied und brauste los. Kevin sah ihm hinterher, bis das Motorrad hinter der Kurve verschwand.
 

buchstab

Mitglied
das mädchen

Hallo Hyazinthe,

Ich stimme zu, daß Du eine spannende und schlüssige Geschichte geschrieben hast.Respekt !
Einiges ist mir dennoch aufgefallen :
Vor allem bis Kapitel 6 bin ich über häufige Wiederholungen in Wortwahl und teilweise auch Satzkonstruktion gestolpert.


Beispiel :

[blue]Seine[/blue] schwarze Honda-Tourer, Baujahr 2003, 85 kW, war für Lukas nicht nicht nur ein Motorrad, [blue]seine [/blue]Maschine war eine Weltanschauung und [blue]seine[/blue] einzige Leidenschaft. Über ein Jahr lang hatte jeden Cent von [blue]seinem[/blue] Lehrlingsgehalt, den er erübrigen konnte, zurückgelegt, hatte sogar zeitweise mit dem Rauchen aufgehört, um sich [blue]seinen[/blue] Traum vom eigenen Motorrad verwirklichen zu können. Dann hatte er mit achtzehn [blue]seinen [/blue]Motorradführerschein gemacht, nachdem er auch dafür lange gespart hatte. [blue]Sein[/blue] Betreuer im Heim hatte ihn ermutigt dazu. Einen Traum im Leben muss jeder haben, hatte er gesagt. [blue]Seine[/blue] Lehre als Schreiner hatte Lukas abgeschlossen, obwohl die Arbeit mit Holz ihm keinen Spaß gemacht hatte. Viel lieber wäre er Auto- oder Zweiradmechaniker geworden, aber mit [blue]seinem[/blue] Hauptschulzeugnis hatte er eben nehmen müssen, was es gab.

Hier ist es besonders deutlich. Wäre es nur die Stelle, würde ich es vielleicht als Stilmittel sehen. Es gibt aber einige davon.

Weiter finde ich, man könnte einige Dialoge lebendiger gestalten. Die Sprache v.a. der Jugendlichen unterscheidet sich oft kaum von der des Erzählers. Es muß ja nicht gleich krass endhip sein.So wirkt es etwas glattgebügelt.
Auch das Kind spricht für mich etwas aufgesagt :


„Der Mann, der mich festhielt, nahm einen von meinen Äpfeln, die auf dem Tisch lagen, und fing an ihn aufzuessen. Das Messer hatte er auf den Tisch gelegt. Ich nahm das Messer und habe es ihm in den Bauch gestochen. Da hat er mich losgelassen und ich bin ganz schnell zur Tür gelaufen und hinaus. Ich habe gehört, wie einer der Männer hinter mir herkam und habe mich hinter einem der Büsche versteckt, bis er wieder zur Hütte zurückging. Dann bin ich zur Hauptstraße gelaufen. Ich hatte solche Angst, dass sie doch noch hinter mir herkommen. Dann bin ich vor das Auto gelaufen.“
Dann gehe ich nochmal von vorne durch, was mir außerdem aufgefallen ist :

Ungeduldig führte sie das scharfe Messer und warf die geschälten Kartoffeln mit einer heftigen Bewegung in das aufspritzende Wasser.
Das ist sehr korinthenkackerisch, aber genau genommen spritzt das Wasser erst, nachdem die Kartoffeln hineinfallen. Und warum schält die arme Frau Kartoffeln mit dem Messer ? Gibts im Harz keine Sparschäler ?
:)
Es war [strike][red]nicht ein[/red][/strike] [blue]kein[/blue] [blue][/blue]gewöhnlicher, kurz aufwallender Ärger
hier gab es ja [strike][red]nichts mehr[/red],[/strike] weder Arbeit noch sonst etwas
Äpfel? Wieso Äpfel? Benny schüttelte verständnislos den Kopf. Lukas überlegte.
„Das ist ja interessant“, sagte er. Er starrte Kevin grüblerisch an.
Das verstehe ich ehrlich gesagt nicht, warum ausgerechnet die so interessant sein sollen. Außer um den Leser auf das Symbol hinzuweisen. Ich fände eine Thermoskanne bei einer zwölfjährigen mindestens genau so spektakulär.

an Fleisch, Gemüse, Reis, Nudeln und Kartoffeln, etlichen süßen Nachspeisen, dazu reichlich Bier und Wein und Schnaps.
Du zeichnest sonst sehr schöne Bilder. Das klingt etwas unmotiviert..

Dann gähnte sie herzhaft und Rolf hoffte, dass sie langsam müde werden würde
Wenn sie gähnt, ist sie es doch schon. Man könnte etwa schreiben : ... daß die Müdigkeit sie dazu bringen würde...

Verwundert stellte er fest, dass seine Knie
zitterten
Würde man sich in dieser Situation darüber wundern ?

Nicht nur, dass seine Tochter[red][strike], nachdem sie endlich gefunden worden war und seine Frau und er sie erleichtert in die Arme schließen konnten,[/strike][/red] gestanden hatte,
Was ich mich zum Schluß gefragt habe ist, warum ein fremdes Motorrad zwei Jahre in der Garage der Eltern steht und sich offenbar keiner daran stört.Soll das dem Leser überlassen bleiben ?

Wie gesagt, insgesamt eine gute Erzählung, die einen sofort in die Handlung zieht. Mein Gemäkel sollen nur Anregungen sein, sonst nichts.Vielleicht kannst Du die eine oder andere gebrauchen.


lg
buchstab
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo buchstab!

Danke fürs Lesen (die Geschichte erfordert wegen der Länge doch eine ganze Menge Geduld :) ) und für dein ausführliches feedback. Du hast Recht, manchmal wiederholen sich bestimmte Wörter und Satzkonstruktionen; ich werde den gesamten Text noch einmal daraufhin überprüfen. Auch bestimmte Dialoge schaue ich mir noch mal genauer an. Das mit dem Motorrad werde ich durch einem Satz erklären.
Nochmals danke für deine Mühe!

Gruß, Hyazinthe
 

Ustrarisa

Mitglied
Ich finde deinen Schreibstil wirklich sehr gelungen und die kleineren Fehler bemerkt man, wenn man den Text eine Weile liegen lässt und dann noch einmal durchliest. Das geht den Meisten so.

Viele Grüße Ustrarisa
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo Ustrasia!

Danke für deinen freundlichen Kommentar!

Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, die Verbesserungsvorschläge von buchstab umzusetzen, werde es aber baldmöglichst nachholen.
Du hast vollkommen Recht: Wenn man eine Geschichte schreibt, denkt man nur inhaltlich und wird für die Textfehler regelrecht betriebsblind, egal, wie oft man den Text korrekturliest.

Aber u. a. dafür haben wir ja die freundlichen Mitstreiter der Leselupe :)

Gruß, Hyazinthe
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Hyazinthe,

ich mag lange Texte und bin im Voraus immer schon gespannt, auf welche Art sie gedrechselt wurden. Und hier packte mich die Neugier besonders. Neugierig, weil meine beiden Vorkommentatorinnen so des Lobes voll waren. Hier deren Beiträge noch einmal auszugsweise als Gedankenstütze wiedergegeben:

Dies ist jetzt die dritte Geschichte, in der ich Deinen Schreibstil bewundere. Ganz toll erzählt. Die ganze Struktur, dieser (nicht ganz einfachen) Geschichte fand ich mehr als gelungen. Das hast Du alles wunderbar gemeistert!
…toll geschriebene Erzählung, stimmig, spannend; in einem Rutsch durchgelesen bis zum Schluss, der ebenfalls sitzt. Besser geht es nicht.
Schon beim Lesen der ersten Seiten (insgesamt dürfte der Text ungefähr 40-45 Taschenbuchseiten füllen) wurde mir klar, dass ich in diese Lobeshymnen nicht oder nur bedingt einstimmen kann. Dafür kann ich vor allem drei Gründe angeben:

Erstens: Du antwortest unter anderem:
Es ist meine erste Erzählung hier in der LL, sonst schreibe ich lieber Kurzgeschichten. Aber manchmal geraten diese einfach zu lang, und dann ist es eher eine Erzählung.
Das ist ein Irrtum. Natürlich hast du eine Erzählung geschrieben, aber eine Erzählung ist alles andere als eine zu lang geratene Kurzgeschichte. Ich will aber darauf hier nicht weiter eingehen. Nur so viel: Wenn ein Text den Charakter einer Kurzgeschichte hat, behält er ihn, auch wenn er etwas lang geraten ist. In deinem Text hast du den Begriff „Erzählung“ allerdings sehr wörtlich genommen. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass er in vielen Passagen vor allem beschreibend daher kommt. Dadurch gerät in meinen Augen die Handlung zu sehr ins Hintertreffen. Angesichts des mitunter dramatischen Plots wirkt die Handlung eher behäbig. Das ganze Drama, das sich da abspielt, wird größtenteils durch Beschreibungen und Dialoge abgewickelt. (Wobei es bei den Dialogen noch am wenigsten zu meckern gibt.)

Zweites: Diese Erzählung beinhaltet mehrere Handlungsstränge, und daher bedarf es einer gewissen Konstruktion des Ganzen, was dir auch meist recht gut gelungen ist. Aber du unterscheidest zu wenig in das, was für die Handlung wesentlich ist und das, was man mit wenigen Kuli-Strichen erledigen kann. Und da bin ich wieder beim Thema „Beschreibung“. Da werden dem Leser, der wissen will, wie sich die Geschichte entwickelt, immer wieder Informationen aufgedrückt, bei denen er später merkt, dass sie für die Handlung überflüssig sind. Bei deinem Bemühen, möglichst keine Details auszulassen bzw. sie einprägsam rüber zu bringen, kommt es mitunter sogar zu ermüdenden Wiederholungen.

Drittens: Der Drang danach, alles möglichst akkurat dem Leser darzulegen und dabei auch ja nichts zu vergessen, führt mitunter zur Verwendung von unnötig vielen Adjektiven. (Ich weiß, wovon ich rede – mir passiert das ständig, und das nachträgliche Streichen tut so furchtbar weh). Hinzu kommt der häufig hier in der LL zu beobachtende Hang, möglichst viel in einen Satz pressen zu wollen. Frei nach dem Motto: „Wozu gibt es denn Kommas?“ Verschiedene – ja zum Teil sogar gegensätzliche Aussagen in einem Satz vereinen zu wollen, indem man die Teile per Komma einfach aneinanderreiht, scheint mir zu einer Unsitte geworden zu sein. Man versteht zwar, was der Autor meint, aber es rollen sich bei dem Geholper dann doch die Fußnägel hoch. Das geht mitunter soweit, dass innerhalb eines solchen „verkommaten“ Satzes der Satzgegenstand nichts mehr mit der Aussage zu tun hat, dass die Zeiten verwechselt werden, Mehr- und Einzahl durcheinander geraten usw. (Das hat nichts mit dem berühmten Schachtelsätzen zu tun – das können kleine Meisterwerke sein) Meine letzte Einlassung ist allgemeiner Art, aber auch in deinem Text finden sich auch etliche Beispiele dafür. Handwerklich gäbe es daher an der Story noch Einiges zu basteln. Und bei dem Stichwort „Handwerk“ fällt mir noch etwas ein, das mir besonders aufgefallen ist – die gnadenlose Verwendung der beiden Hilfsverben „sein“ und „haben“. Jeder weiß, dass man ohne diese kleinen Scheißdinger nicht auskommt, aber in dieser Häufung sind sie mir schon lange nicht mehr begegnet.

Viertens: Zur Handlung selber
Die Erzählung ist in neun Abschnitte unterteilt, was wegen der verschiedenen Perspektiven und Handlungsebenen auch sehr sinnvoll und für den Leser durchaus hilfreich ist. Die ersten drei Kapitel werden dafür verwendet, um drei jugendliche Männer vorzustellen, die sich alle vom Leben benachteiligt fühlen und keinerlei Schuld dafür bei sich suchen. Also ganz normaler Alltag. Zur Charakterisierung der Knaben wird deren häusliches Umfeld als Kulisse benutz. Alles in allem gelingt das auch, wobei die Jünglinge bei mir einen äußerst zwiespältigen Eindruck hinterlassen haben. Verständnis – Fehlanzeige! Die Vorstellung ist sehr ausführlich – im Fall Kevin sogar sehr lang geraten.

In Kapitel 4 entdeckt Kevin in einer Gartenlaube ein zwölfjähriges Mädchen, das zu Hause ausgebüxt ist und mit einem großen Polizeiaufwand gesucht wird. Es kommt zwischen ihr und Kevin allerdings zu keinem Kontakt.

In Kapitel 5 erzählt Kevin seinen Kumpels davon, die nur ein paar Hütten weiter beieinander hocken. Die Drei beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen. Daraus ein ganzes Kapitel zu machen, ist meines Erachtens zu viel des Aufwandes, denn es passiert gar nix weiter, und man hätte das bischen, was für die Handlung wichtig gewesen wäre, mit wenigen Sätzen an Kapitel 4 anhängen können.

Kapitel 6: Wer glaubt, jetzt käme der erste richtige Höhepunkt der eigentlichen Handlung, wird enttäuscht. Jetzt folgt nämlich ein zeitlicher Sprung, wo erst mal lang und breit ein Pärchen vorgestellt wird, das nach dem Kapitel aber flugs wieder in der Versenkung verschwindet. Der Mann dieses Paares fährt auf der Bundesstraße besagtes Mädchen an. Es passiert ihr aber nicht viel, trotzdem soll sie ins Krankenhaus gebracht werden. Zwischen Kapitel 4 und 5 klafft also eine zeitliche Lücke, die voller Geschehen sein muss. Der Leser fragt sich: „Was ist passiert?“ Antwort erhält er in

Kapitel 7, wo das Aufeinandertreffen des Mädchens mit den drei Kerlen (in der Hütte, wo sie sich versteckt hält) als Rückblende erzählt wird. Das ist legitim. Aber muss dieser Rückschnitt ausgerechnet in Form einer knochentrockenen und mit Nebensächlichkeiten angereicherten polizeilichen Vernehmung erfolgen? Das Mädchen piekst mal eben einen der Eindringlinge mit einem Messer in den Bauch, und wir erfahren (durch den Vernehmer) dass der Bursche darauf das Zeitliche segnete. Aber ganz wichtig ist natürlich auch das Outfit der Eltern der Kleinen.

In Kapitel 8 lässt Kevin, im Bett liegend, die schlimmen Geschehnisse noch einmal Revue passieren. Dies ist also wieder eine Rückblende, die zeitlich aber noch vor dem Verhör liegt. Schwierige Konstruktion, wo dem Autor schon mal die Zeiten durcheinander kommen können. Im Prinzip erfährt der Leser das, was er sich ohnehin längst zusammengereimt hat, ist aber baff erstaunt, dass Lukas plötzlich den Kevin so großmütig aus der Sache heraus halten will. Wie er das anzustellen gedenkt und welche Motive ihn dazu bewegen (Motorrad) gehört wohl eher ins Reich der Fabel.

Im Kapitel 9 begegnen wir (zwei Jahre später) einem zum fleißigen Bäckerburschen geläuterten Kevin, der ein Auge auf die schöne „Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin“ (herrlich) geworfen hat, dem aber ausgerechnet in dem Moment, wo er sie ins Kino einladen will, der alte Kumpel Lukas in die Quere kommt. Er hat seine Strafe abgesessen und holt sein Motorrad. Happy End.

Erstaunlich ist es, wie viel Personen in diesem Drama mitspielen – halt - auftauchen oder einfach nur genannt werden. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind es deren vierundzwanzig. Da kommt ja ne Novelle mit weniger aus!

Wie heißt es in einem der Kommentare? „…toll geschriebene Erzählung, stimmig, spannend; in einem Rutsch durchgelesen bis zum Schluss, der ebenfalls sitzt. Besser geht es nicht.“ Da muss ich wohl die falsche Erzählung erwischt haben.

Jetzt wirst du vielleicht sagen: „Was der da behauptet, soll er doch erst mal beweisen. Wo sind die Beispiele?“
Okay – die liefert der Text. Und da gehen wir dann gleich rein. Zum besseren Verständnis:

[red]Rot – Fehlerkorrektur[/red]
[blue]Blau – Anmerkungen und/oder Vorschläge für Änderungen[/blue]
Fett – Hilfsverben
kursiv - sonstige auffällige Wortwiederholungen
durchgestrichen - nach meiner Auffassung entbehrlich

Wenn du jetzt vielleicht zu der Auffassung gelangst, ich habe so viel Zeit auf diesen Text verwendet, weil ich dich ärgern möchte, dann muss ich dich enttäuschen. Ich mache so etwas selten, aber ich mache es gern. Warum? Ganz einfach – man lernt aus Fehlern und Schwächen anderer Autoren viel mehr als aus der Beschäftigung mit eigenen Texten. Zumindest mir geht das so. Dieser Kommentar entstand also vorwiegend aus Eigennutz. Vielleicht findest du unter meinen Anmerkungen ein paar Dinge, die anregen oder nachdenklich machen. Vielleicht auch nicht. Mir muss das letztlich egal sein.


Gruß Ralph



1
Kevin kaute missmutig an seinem Toast und starrte vor sich hin. Es war halb elf, und er war gerade aufgestanden.
Hast du die Bewerbung fertig?“ fragte seine Mutter nun schon zum zweiten Mal. Ihre Stimme wurde drängend. „Du weißt doch, die Frist läuft diese [blue](in dieser[/blue]) Woche ab.“
Sie stand an der Spüle und schälte Kartoffeln [strike]für das Mittagessen[/strike]. [blue](Es ist halb elf – also sind die Kartoffeln logischerweise für das Mittagessen. Davon geht der Leser aus. Sollten die Knollen aber für einen anderen Zweck geschält werden, so kann man es erwähnen)[/blue] Ungeduldig [blue](warum ungeduldig – ist sie in Zeitnot? Vielleicht meinst du „ungehalten, ärgerlich, wütend …“? Das wäre ich an ihrer Stelle auch)[/blue] führte sie das scharfe Messer und warf die geschälten Kartoffeln mit einer heftigen Bewegung [blue](ich weiß, das ist pingelig, aber wie sieht eine heftige Bewegung aus, mit der man Kartoffeln in den Topf schmeißt? Ist die „Bewegung“ nicht eher unwillig? Und sie wirft sie auch nicht ins aufspritzende Wasser. Das Wasser spritzt erst auf, wenn die Kartoffel reinfällt. Ich weiß – Kleinigkeiten, die im Lesefluss meist untergehen)[/blue] in das aufspritzende Wasser. Ihre grauen Haare, sonst meistens [blue](entweder „sonst“ oder „meistens“. Das ist fast wie „mit ohne“)[/blue] ordentlich gewellt, standen in Büscheln von ihrem Kopf ab, [blue](Punkt)[/blue] der Ärger vertiefte die Falten um ihren Mund herum und ließ ihr hageres Gesicht verhärmt aussehen. Sie wischte sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab und drehte sich zu Kevin um.
„Du kannst doch nicht den halben Tag verschlafen und dann nur rumhängen, Kevin. Das musst du doch einsehen. Und schließlich ist Bäcker ein guter Beruf.“
Kevin verdrehte die Augen, aber so, dass seine Mutter es nicht sah. Er fühlte sich richtig mies: Hämmernde Kopfschmerzen drohten seinen Kopf zu sprengen, [blue](Klischee)[/blue] seine Augen brannten und im Mund hatte er einen scheußlichen Geschmack. Kein Wunder, schließlich hatte er gestern mit Lukas und Benny nicht nur ein harmloses Bier getrunken. [blue](Neue Zeile vor wörtlicher Rede, denn das was nun kommt ist eine wörtliche Rede)[/blue]
„Komm, trink doch einen mit“, hatte Lukas immer wieder gesagt, „oder bist du noch ein Baby?“ [blue](neue Zeile[/blue])
Also hatte er den klaren Wodka aus der Flasche getrunken, obwohl er widerlich geschmeckt hatte. Ihm war immer noch schlecht.
Wenn seine Mutter doch nur aufhören würde herumzukeifen. Er hatte eben keinen Bock auf eine Lehrstelle als Bäcker. [blue](Das mag ja sein, aber ist das der Grund für sein spätes Aufstehen und faules Herumhängen? Der Mutter geht es doch nicht allein um die fällige Bewerbung – oder?)[/blue] Jeden Morgen um vier Uhr aufstehen und ackern, nur damit die Leute zum Frühstück frische Brötchen auf dem Tisch hatten? Lieber würde er Hartz IV beantragen, damit kam man ja auch ganz gut über die Runden und brauchte gar nichts zu tun. [blue](Bei der Beschreibung von Lukas kommt das aber ganz anders rüber. Der kann nicht davon angeblich nicht leben!)[/blue]
„Kevin, ich spreche mit dir. Hörst du mir eigentlich zu?“ Die Stimme seiner Mutter war schrill geworden. [blue](nZ)[/blue]
Am liebsten hätte Kevin sich die Ohren zugehalten. Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen würde! Immer fing sie wieder damit an. Er konnte doch schließlich nichts dafür, dass seine Bewerbungen bisher immer abgelehnt worden waren. [blue](Ach, der Ärmste kann nichts dafür? Warum? Irgendeine Behinderung? Nein blanke Faulheit!)[/blue]Er wollte nun mal Automechaniker werden, oder wenigstens etwas mit Maschinen [blue](Das ist unpräzise. Maschinen begegnet man fast überall – sogar in einer Bäckerei)[/blue] zu tun haben. Er hatte sich ja auch überall im Harz beworben, sogar in Goslar und Braunschweig, obwohl das [blue](Ich würde „Letzteres“ schreiben – sonst liegt Braunschweig auch noch im Harz)[/blue] natürlich viel zu weit weg war.
Okay, sein Hauptschulabschluss war nicht besonders gut, besonders die Fünf in Mathe war nicht gerade ein Glanzstück. Aber trotzdem! Er kannte alle Automarken, konnte die technischen Einzelheiten auswendig hersagen und wusste wie man einfache Sachen in Ordnung brachte. [blue](Automarken merken sich viele Leute, und was ist denn hier mit „technischen Einzelheiten gemeint“, die man „auswendig hersagen“ kann? Ich glaube, das weiß der Autor auch nicht so richtig, sonst hätte er sich präziser ausgedrückt – oder, was noch besser gewesen wäre, sich diesen Satz gespart und einfach auf Kevins Interesse an Autos hingewiesen)[/blue] Er hatte oft beim Reparieren von Autos zugesehen, als Benny noch in der Werkstatt von Pavlovski in die Lehre gegangen war, und schon eine ganze Menge gelernt.[blue]Vom Zugucken? Ich bitte dich!)[/blue] Aber nun [/b]hatte[/b] Pavlovski Pleite gemacht, und Benny stand genau wie er [blue](das "er" bezieht sich ungewollt auf Pavlowski. Sollte mit „er“ Benny gemeint sein, steht der aber nicht auf der Straße. Diese Wortwendung benutzt man für jemanden, der seine Arbeit verloren hat, weil er „auf die Straße gesetzt wurde“. Benny hat sich ja noch nicht einmal um Arbeit bemüht. Zwischen dem geliebten Mechatroniker (Mathe fünf!!!) und dem ungeliebten Bäcker wird es wohl doch Alternativen geben. )[/blue]auf der Straße.
Ärgerlich knallte Kevin seine nur halb leer getrunkene Kaffeetasse auf den Tisch, sprang auf und verließ die Küche, ohne auf die empörte Stimme [blue](„Stimme“ würde ich weglassen, denn eine Stimme ruft nicht. Die Mutter ruft)[/blue] seiner Mutter zu hören[blue](achten), [/blue]die ihm hinterher rief, er solle gefälligst dableiben, wenn sie mit ihm spräche.
In dem düsteren Wohnzimmer - die kleinen Fenster des alten Fachwerkhauses ließen durch ihre geteilten Scheiben nur wenig Licht herein – saß sein Vater auf dem durchgesessenen Ledersofa und sah sich im Sportkanal ein Basketballspiel an. [blue](Klischeehafter geht es kaum)[/blue]
„Na, Kevin, ist wohl ziemlich spät geworden gestern, was?“, sagte er und warf seinem Sohn einen prüfenden Blick zu.
„Hm, hab' noch mit Benny und Lukas rumgehangen“, antwortete Kevin. Er ließ sich auf das Sofa fallen und streckte die langen Beine von sich.
Insgeheim fand er es ganz beeindruckend, dass sein Vater ganze fünfundvierzig Jahre auf dem Bau durchgehalten hatte, zuerst in der DDR, dann, nach der Wende, auf verschiedenen Baustellen im Westen. Jetzt, mit vierundsechzig Jahren, hatte sein Vater Rente beantragt, weil sein Rücken nicht mehr mitspielte.
Verstohlen musterte Kevin seinen Vater Er fand, er sah alt und verbraucht aus, wie er so dasaß, mager und fast ganz kahl, ([blue]Was denn nun? Fast oder ganz? Und „kahl“ ist also ein Indiz für Verbrauchtsein - hm)[/blue] in ausgebeulten Hosen und einem alten Baumwollhemd. Sein langes Gesicht war zerfurcht von Falten, sein Kinn unrasiert. Doch seine hellen Augen sahen Kevin aufmerksam an, als er ihn jetzt fragte: [blue](Hier kommt nun mal keine neue Zeile[/blue])„Du, sag mal, dieser Lukas, was ist das eigentlich für einer?“
Kevin wusste, dass sein Vater sich Gedanken machte, mit wem er sich herumtrieb, aber er hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Schließlich war er kein kleines Kind mehr. [blue](Macht auf mich aber genau diesen Eindruck)[/blue]. Und er war nun mal nicht so wie seine beiden älteren Schwestern, die beide schon verheiratet waren und Kinder hatten. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kamen, gab es ein großes Hallo um die Kleinen. Wie ihn das nervte!
„Der Lukas ist ganz in Ordnung,“ sagte er, „er findet nur nicht die richtige Arbeit, du weißt ja wie das hier ist. Er hat Schreiner gelernt, aber hier in unserer Gegend gibt’s nichts für ihn. Er hat ein geiles Motorrad, manchmal nimmt er mich auf dem Sozius [blue](worauf denn sonst?)[/blue] mit.“
Sein Vater nahm die Fernbedienung und stellte den Ton leiser.
„Mama will, dass du die Bewerbung für die Lehre als Bäcker [blue](Dass der Knabe Bäcker werden soll, wissen wir bereits, und weiter unten geht’s ja noch weiter damit)[/blue] schreibst, Kevin, hast du das schon gemacht?“
Jetzt fing sein Vater auch noch damit an! Kevin seufzte und starrte auf das Fernsehbild, ohne zu antworten.
„Bäcker zu werden, ist doch nicht das Schlechteste, Junge, [blue](Einfach mal nen Punkt[/blue]) Brot brauchen die Menschen immer, das haben wir schon damals in der DDR gelernt. [blue](Um zu wissen, dass die Menschen Brot benötigen, muss man nicht in der DDR gelebt haben)[/blue]Und du hättest die Lehrstelle direkt hier im Dorf, ich habe schon mit Bäcker Riesenbeck gesprochen, er würde dich nehmen, vorausgesetzt du schaffst die Probezeit.“
[blue](Wäre dieser Riesenbeck schon von der Mutter namentlich ins Spiel gebracht worden, hättest du den ganzen Bäckerkram hier weglassen und dich vielleicht nur auf des Vaters Wissbegierde hinsichtlich Lukas beschränken können. Wenn dann noch der Vater ein paar Andeutungen macht, von dem, was ihm vielleicht über Lukas so zu Ohren gekommen ist… - Oh es gibt viel Kürzungspotential)[/blue]
„Ach, Papa, du weißt doch, ich will was mit Autos machen. Ich hab einfach keinen Bock auf Bäcker!“
„Aber Junge, wenn es nun mal nichts gibt mit Autos! [blue](Der Vater stammelt ja genauso wie sein Sohn)[/blue] Irgendetwas muss du doch lernen.“
Kevin sprang genervt auf.
„Lasst mich doch alle einfach in Ruhe!“, rief er und stürmte aus der Stube Er knallte die Tür seines Zimmers hinter sich zu und warf sich auf sein ungemachtes Bett. Seine Kopfschmerzen waren noch schlimmer geworden. Vielleicht konnte er noch etwas schlafen, um seinen Kater auszukurieren. Gegen Abend wollten Lukas und Benny sich mit ihm in der Gartenanlage treffen. Sie hatten vor, gemeinsam um die Häuser zu ziehen. [blue](Um die Häuser ziehen – von der Gartenanlage aus. Idealer Treffpunkt. Warum hat Lukas sie nicht dorthin bestellt, weil er etwas Wichtiges mit den anderen zu besprechen hat? Und Kevin macht sich ne Birne, worum es da wohl gehen könne – da käme vielleicht so etwas wie Spannung auf.)[/blue]

2
Benjamin war wütend. Es war nicht ein gewöhnlicher, kurz aufwallender Ärger, nein, die Wut lag wie ein Stein in seinem Bauch, kalt und schwer, und sie war immer da. Er wusste nicht mehr, wie lange schon. Manchmal verwandelte sich der Stein in glühende Kohle, dann loderte seine Wut wie eine heiße Flamme auf und er hatte den Drang, um sich zu schlagen, etwas zu zerstören, jemandem weh zu tun. Benjamin wusste, er musste sich kontrollieren. Zu oft hatten ihn seine Wutausbrüche schon in Schwierigkeiten gebracht.
Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer und starrte sich in die Augen. Sie waren blutunterlaufen von dem Wodka, den er gestern zusammen mit Kevin und Lukas getrunken hatte. [blue](Dass die drei gemeinsam gesoffen haben, ist dem Leser bereits sattsam bekannt)[/blue] Die spärlichen Barthaare zwischen seinen entzündeten Aknepickeln ließen seine Wangen aussehen wie ein schlecht gepflügtes Stoppelfeld, [blue](Unsinn – Stoppelfelder sind nie gepflügt, sonst wären es ja keine)[/blue]zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte, und in den Mundwinkeln um seine trockenen blassen Lippen [blue](Falls auf die trockenen und blassen Lippen nicht verzichtet werden soll, sollte man versuchen, sie anders im Text unterzubringen)[/blue] herum zeigten sich Einkerbungen, die ihn missmutig aussehen ließen und alt. Dabei war er gerade mal siebzehn Jahre [blue](alt)! [/blue]
Seine dunkelblonden Haare hingen in langen, fettigen Strähnen über die Ohren und in die Stirn. Die grauen Augen im Spiegel sahen ihn unverwandt an. [blue](… sahen ihn aus dem Spiegel unverwandt – ne elegantere Möglichkeit)[/blue] Jede Unebenheit, jeder Makel und jede Rötung in seinem Spiegelbild verhöhnte ihn, flüsterte ihm zu „Du bist hässlich, du bist dumm, du bist wertlos.“ [blue](NZ)[/blue]
Er starrte so lange, bis seine Augen sich mit Tränen füllten. Gewaltsam riss er seinen Blick vom Spiegel los und wandte sich ab. Während er heiß duschte, vermied er es [strike]krampfhaft[/strike], seinen mageren Körper anzusehen. Er wusch sich die Haare [strike]und[/strike] [strike]spülte sie aus[/strike],[blue](das Ausspülen gehört wohl mit zur Haarwäsche oder irre ich mich[/blue]) stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und zog neue Unterwäsche, eine saubere Jeans und ein frisches Kapuzenshirt an. [blue]Der Satz ist eine pure, obenfrein holprige Aufzählung, die sich leicht so zerhacken lies, dass man noch durchsieht)[/blue]
Silke, Benjamins Mutter, saß am Küchentisch und las die Zeitung. [blue](Bennys Mutter verpasst du einen Namen. Warum auch nicht? Kevins Eltern haben keine Namen. Warum auch? Hier sollte man sich entscheiden. Ich komme später noch einmal darauf zurück)[/blue] Sie schaute kurz auf, als Benjamin die kleine Küche betrat und lächelte ihn an.
„Gut, dass du an den Kurs gedacht hast“, sagte sie, „du weißt ja, sie kürzen dir das Geld, wenn du nicht an der Fortbildung teilnimmst.“ [blue](Welches Geld? Harz IV? Meines Wissens werden Personen unter 25 Jahren in die Bedarfsgemeinschaft mit ihren Eltern eingerechnet. Oder bin ich falsch informiert?)[/blue]
Schon ihr freundlicher Tonfall ging Benjamin auf die Nerven. Wie konnte sie nur immer so gut gelaunt sein? Als Verkäuferin im Supermarkt musste sie Tag für Tag immer nur Waren einordnen oder an der Kasse sitzen, musste tun, was ihr Chef ihr sagte und stets freundlich zu den Kunden sein. [blue](Und das ist natürlich unerträglich. Das kann der, der sich wahrscheinlich zu Höherem berufen fühlt, wahrlich nicht verstehen.)[/blue] Und das alles für einen Hungerlohn! Ihr Chef dagegen, der dicke Herr Supermarktleiter, fuhr schon wieder den neuesten Mercedes. Gestern erst hatte Benjamin ihn gesehen. [blue](Den Mercedes würde ich weglassen. So ein üppiges Gehalt bekommt ein Marktleiter nun auch wieder nicht. Viel mehr als 40.000 brutto im Jahr wird es nicht sein. Mit vielleicht verbleibenden 2.500 netto im Monat wird es mit dem stets neuesten Benz wohl eher nichts. Recherche! Ach ja – alle leitenden Angestellten haben natürlich dick und ohne fachliche Kompetenz zu sein und andere für sich arbeiten zu lassen. Du lässt wirklich kaum ein Klischee aus)[/blue]
Er spürte, wie die Wut in seinem Bauch sich wieder rührte. Verzweifelt versuchte er sich auf seine Cornflakes zu konzentrieren, schüttete Milch und Zucker in die kleine Schüssel und füllte das Müsli mit Bananenstücken und Rosinen auf. Während er heftig in seiner Schüssel rührte, warf er seiner Mutter einen schnellen, aufgebrachten [blue](Warum Benny seiner Mutter in diesem Augenblick einen aufgebrachten Blick zuwirft, weißt nur du[/blue]) Blick zu. Überhaupt war seine Mutter nicht ganz unschuldig an seiner Wut. Er nahm ihr übel, dass er keinen Vater hatte. Es sei nur eine einzige Nacht gewesen, hatte sie ihm erklärt, sie habe lediglich seinen Vornamen gekannt, und er sei ein netter Kerl gewesen. Sie habe ihn anschließend nie wiedergesehen und nicht gewusst, wo er wohn[strike]t[/strike]e.
Wieder musterte Benjamin seine Mutter verstohlen. Sie blätterte in der Zeitung und nahm hin und wieder einen Schluck Kaffee. Für ihre sechsunddreißig Jahre sah sie gut aus, stellte er widerwillig [blue](was lässt ihn das als widerwillig empfinden?)[/blue] fest. Die langen braunen Haare hatte sie mit zwei Kämmen festgesteckt, ihr Gesicht mit den rehbraunen Augen hinter ihrer modischen Brille war glatt und faltenlos [blue](Jetzt versuche ich mir vorzustellen, ob es auch glatte faltige Gesichter gibt. Und – ist es wirklich nötig, das Aussehen der Mutter so auszuwalzen? Sie taucht doch nie wieder auf. Und dass eine Frau mit Sechsunddreißig noch gut aussieht, ist ja wahrlich nichts Besonderes[/blue]) , ihre rundliche Gestalt steckte in einem hellblauen Frotteebademantel. Es hatte ihr in all den Jahren anscheinend nichts ausgemacht, allein mit einem Kind zu sein, dachte er erbost, [blue](dachte er erbost – okay – aber dann muss da auch stehen ‚Es hat ihr in all den Jahren…‘ Die richtige Schreibweise wäre dann :‚Es hat ihr in all den Jahren anscheinend nichts ausgemacht, allein mit einem Kind zu sein‘, dachte er erbost.
Dieser Fehler taucht noch einige Male auf – ich hatte aber keinen Bock, jedes Mal darauf hinzuweisen. Manchmal habe ich ein Ausrufezeichen gesetzt)[/blue]
aber er, Benjamin, hatte seinen [blue]("einen" – seinen kann er ja schlecht entbehren. Er kennt ihn ja nicht. Und wie wir im nächsten Satz erfahren, wäre er auch mit einem anderen Papa zufrieden gewesen)[/blue] Vater schrecklich entbehrt. Jedes Mal, wenn seine Mutter einen Mann mit nach Hause gebracht hatte, hatte er gehofft, dass sie eine richtige Familie werden würden, aber immer war er enttäuscht worden. Insgeheim glaubte er, dass es seine Schuld war. [blue](Warum ist er auf die Frau Mama wütend, wenn er sich selbst die Schuld gibt? Ich weiß, du meinst es anders. Benny gibt nicht sich, sondern seiner Existenz die Schuld - aber dann muss man es auch so rüberbringen[/blue]) Wer wollte schon ein fremdes Kind? Schon, als er in der Grundschule zum ersten Mal [blue](das ist doch einfach nur Stuss – selbst ein Kleinkind kann seinen Vater vermissen)[/blue] festgestellt hatte, dass ihm etwas fehlte, was für alle anderen Kinder selbstverständlich war, war er wütend gewesen. Andere Jungen gingen mit ihren Vätern zum Fußball, fuhren mit Vater und Mutter in den Urlaub, lernten Fahrradfahren und Schwimmen mit ihrem Vater. Nur er nicht.
Mit einer aggressiven Bewegung schob er seine Müslischüssel zur Seite. Seine Mutter schaute auf und sah ihn erstaunt an. Er wich ihre[red]m[/red] Blick aus und stand auf.
„Fährst du mit dem Fahrrad oder nimmst du den Bus“, fragte sie. „Der Bus nach Wernigerode [blue](Es ist zwar nicht falsch, mit konkreten Ortsnamen zu operieren, aber in dieser Geschichte ist das unnötig. Sieht man von den reinen Ortsnamen ab, fehlt jeder Handlungsbezug. Die Geschichte könnte auch in der Gegend um Klein Posemuckel spielen. Sie wäre die Gleiche.)[/blue] geht in einer Viertelstunde, da musst du dich beeilen.“
„Mit dem Rad“, gab er einsilbig zur Antwort. Sie nickte und hob die Zeitung.
„Schau mal, Benny, in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Hier ist ein Bild von ihr in der Zeitung“.
Seine Mutter hielt ihm die aufgeschlagene Tageszeitung hin und zeigte auf das Bild von einem Mädchen. [blue](NZ)[/blue]
„Wahrscheinlich hat die Kleine Zoff mit ihrer Familie gehabt und ist abgehauen. Es dauert sicher nicht lange, und sie kommt wieder zurück. Sieh nur, hier steht, die Polizei hat sie die ganze Nacht gesucht, mit Hubschraubern und Suchhunden. So ein Aufwand!“
Benjamin warf einen Blick auf das Foto, ohne zu antworten. ‚Typisch‘, dachte er, seine Mutter musste selbstverständlich wieder das Harmloseste annehmen. Wahrscheinlich war das Mädchen in die Hände eines Kinderschänders gefallen und längst tot, oder ein Erpresser hielt sie irgendwo fest. So etwas las man doch dauernd in der Zeitung. Seine Mutter mit ihrem nervigen Optimismus!
„Ich fahre dann los“, sagte er. Er achtete nicht auf das freundliche „Tschüss, bis heute Abend“, das seine Mutter ihm nachrief, [strike]als er die Haustür hinter sich schloss.[/strike]
Benjamin hasste es, zu dieser unsinnigen Fortbildung zu fahren. Sie sollten dort lernen, wie man eine Bewerbung richtig schrieb [blue]schreibt?[/blue]oder wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch verhielt. Als wenn ihm das etwas helfen würde!
Seine Lehre in der Werkstatt von Pavlovski hatte ihm Spaß gemacht. Er hatte sogar angefangen, einen alten Schrottwagen wieder auf Vordermann zu bringen. Gert Raschke hatte ihm dabei geholfen. Als Kfz-Geselle [blue](Aha, ein "Kraftfahrzeuggeselle" Was ist denn das?)[/blue]hatte Gert natürlich schon viel mehr Ahnung als er. Sie hatten vorgehabt, das Auto komplett aus gebrauchten Einzelteilen zusammen zu setzen. Wochenlang hatten sie alle Schrottplätze der Umgebung nach passenden Teilen abgesucht. Er hatte einen großen Teil seines Lehrlingsgehaltes gespart, um seinen Führerschein machen zu können, jetzt, wo er bald achtzehn wurde. Das Auto wäre so toll geworden! Sie hätten es neu gespritzt, und Benjamin hätte rote und orangefarbene Flammen auf die Kotflügel gemalt.
Aber dann war Pavlovski Pleite gegangen. Zu wenig Kunden im Dorf und der Umgebung, zu wenig Umsatz. Gert und Benjamin saßen auf der Straße. Hartz 4 [blue](IV[/blue]) für Gert! Dabei hatte er zwei kleine Kinder und gerade ein Haus gebaut. [blue](wie Lustig: … hatte kleine Kinder und ein Haus gebaut. Der Mann baut auch Kinder!)[/blue] Und er, Benjamin, wurde in diese unsinnige Fortbildungsmaßnahme gesteckt. Es ar so ungerecht! So gemein! Wieder fühlte er den harten Klumpen im Bauch. Es gab keine Kfz-Lehrstelle weit und breit. [blue](Was ist denn eine KFZ-Lehrstelle?)[/blue] Sollte er etwa Hotelkaufmann werden oder Friseur? Unmöglich. Außerdem würden sie ihn ohnehin nicht nehmen, so wie er aussah. Mit seinen Pickeln und den strähnigen Haaren.
Erbittert trat Benjamin in die Pedale. Der Wind ließ seine Augen tränen.

3
Seine schwarze Honda-Tourer, Baujahr 2003, 85 kW, war für Lukas nicht nur ein Motorrad, seine Maschine war eine Weltanschauung und seine einzige Leidenschaft. Über ein Jahr lang hatte er jeden Cent von seinem Lehrlingsgehalt, den er erübrigen konnte, zurückgelegt, [blue](Statt dem Komma ein „und“ – wäre vielleicht eleganter)[/blue] hatte sogar zeitweise mit dem Rauchen aufgehört, um sich seinen Traum vom eigenen Motorrad verwirklichen zu können. Dann hatte er mit achtzehn seinen Motorradführerschein gemacht, nachdem er auch dafür lange gespart hatte. Sein Betreuer im Heim hatte ihn ermutigt dazu. [blue](dazu ermutigt)[/blue]
„Einen Traum im Leben muss jeder haben“, hatte er gesagt. [blue](Wörtliche Rede!!!)[/blue]
Seine Lehre als Schreiner hatte Lukas abgeschlossen, obwohl die Arbeit mit Holz ihm keinen Spaß gemacht hatte. Viel lieber wäre er Auto- oder Zweiradmechaniker geworden, aber mit seinem Hauptschulzeugnis hatte er eben nehmen müssen, was es gab.
Aber dann, gerade als er gedacht hatte, er könnte endlich richtiges Geld verdienen, hatte man ihn gefeuert. Nicht übernommen, hieß es. Und er stand da mit Hartz 4([blue]IV[/blue]). Gerade hatte er sich das Motorrad gekauft, mit einem kleinen Kredit von der Bank [blue](Ach können Banken großzügig sein. Nicht mal ne Verdienstbescheinigung wollen die sehen.[/blue]), an dem er jetzt noch [blue](dieses "jetzt noch" suggeriert, dass er schon lange abzahlt. Soll das so sein?)[/blue] abbezahlte. Es war günstig gewesen, aber reparaturbedürftig und schlecht gepflegt. Er hatte sich die nötigen Ersatzteile besorgt und sie wieder auf Vordermann gebracht. [blue](Das nenn ich mühsam, wenn man selbst Ersatzteile wieder auf Vordermann bringen muss – das „sie“ bezieht sich nämlich darauf.)[/blue] Er hatte die Honda mit einem Akrapovic-Auspuff ausgestattet, der ihr den unvergleichlichen Sound verlieh, hatte ein Windshield angebracht, das ihr das sportliche Gesicht gab und für die LED-Rückleuchten mit der Klarglasabdeckung ,hatte er richtig Geld bezahlt. Die Sitzbank hatte er so lange mit Reinigern und Ledermitteln bearbeitet, bis sie aussah wie neu.
Alle Chromteile hatte er gesäubert und poliert, so dass sie wie Silber glänzten. Jedes Mal, wenn Lukas sich seine Motorradkluft anzog, den Helm aufsetzte und auf sein Motorrad stieg, erfüllte ihn ein Gefühl unbändiger Freude. Zwar wusste er nicht, wovon er das nächste Benzin bezahlen sollte, aber darüber machte er sich keine großen Gedanken. Schließlich hatte er neuerdings 'Beziehungen', und mit etwas Glück hatte er bisher noch immer das nötige Kleingeld beschaffen können. [blue](Der Satz: “Zwar wusste er nicht, wovon er das nächste Benzin bezahlen sollte…“ suggeriert, dass er keine Kohle hat. Im gleichem Atemzug wird davon gesprochen, dass ihm durch ‚gewisse Beziehungen‘ immer das nötige Kleingeld zur Verfügung steht. Das passt in dieser Form nicht. Auch dass die Beziehungen erst „neuerdings geknüpft“ wurden, befriedigt mich nicht. Oder ist er erst seit „neuerdings“ bei der Polizei durch den Erkennungsdienst gegangen?)[/blue]
Gott sei Dank hatte er diesen Typ kennengelernt, in der Kneipe in Braunlage [blue](Ist es wirklich wichtig zu wissen, dass das in Braunlage war?). (NZ)[/blue]
„Organisier doch einfach ein paar Sachen, ich kaufe dir alles ab“, hatte er gesagt. Und es hatte ganz gut geklappt mit dem Organisieren. Dennoch: Sein Hartz 4-Geld reichte gerade aus, um über den Monat zu kommen; er wusste [blue](ach das wusste er? Das hätte ich nun wirklich nicht vermutet.)[/blue] , dass sein täglicher Bier- und Zigarettenkonsum einen großen Teil des Geldes verschlang, das er eigentlich für Essen und Kleidung oder die anderen Dinge des Alltags brauchte. [blue](Ich denke es reicht „um über den Monat zukommen“ (Floskel) – wenn damit gemeint ist, dass dies nur durch Verzicht auf Essen und Kleidung möglich ist, muss das auch verständlich ausgedrückt werden. Komisch – Meister Kevin meint weiter oben dagegen, dass man mit Harz im Harz auskommen könne.)[/blue] Gut, das Amt bezahlte die Miete für seine Bude in der schäbigen Mietskaserne, aber Lukas war klar, dass er sich weitere Geldquellen erschließen musste. [blue](Aber das hast du uns doch längst erzählt, auch dass er – nur deswegen natürlich – „Organisieren“ muss)[/blue] Der Typ, der ihm seine [blue](die von ihm – so wie du es ausdrückst, verkauft er Sachen, die man ihm geklaut hat)[/blue] geklauten Sachen abkaufte, drängte ihn, bessere Ware zu liefern, und vor allem mehr. Bisher hatte er vor allem Zigarettenautomaten geknackt und mit seinen Einbrüchen in Schulen oder Kindergärten einige gute Elektroniksachen beschafft, aber das Geld, das er dafür bekam, reichte nicht [blue](nie – er macht es doch öfter)[/blue] lange. Er musste sich organisieren. Alleine war es schwierig, größere Brüche durchzuziehen, schon wegen des Transportproblems. Er brauchte Helfer. Zwar musste der Gewinn dann geteilt werden, wenn man zu mehreren arbeitete, aber die Ausbeute war [blue](wäre)[/blue] ungleich höher.
Heute Abend wollte er Benny und Kevin in seine Pläne einweihen. Die beiden waren genau die Richtigen für [strike]kleine[/strike] Beutezüge. Wenn er ihnen erst einmal beigebracht hatte, wie man Automaten knackte, Fenster aufhebelte, um in leerstehende Gebäude einzusteigen, auf Terrassen und Veranden nach verwertbaren Gegenständen suchte, könnten sie zusammen einen ganz schönen Gewinn erzielen. [blue](Dieses schwer verständliche Satz-Ungetüm entweder entschlacken oder in eine lesbare Form bringen)[/blue] Dann würde es sich auch lohnen, stundenweise einen kleinen Transporter zu mieten, um die Beute zu transportieren. Er müsste den beiden die Sache nur noch schmackhaft machen. Und ihnen ihre Skrupel austreiben. [blue](Wenn er ihnen die Skrupel austreiben muss, dann sind ihm solche bekannt. Also muss er mit den beiden dieses Thema schon berührt haben – oder?)[/blue]
Lukas setzte sich auf den kleinen Falthocker und lehnte sich an die Bretterwand der Gartenlaube. Er steckte sich eine Zigarette an und betrachtete sein Motorrad. Wie schön sie war, seine Honda, dachte er. [blue](!)[/blue] Andere hatten eine Familie oder Freunde, er hatte seine Maschine. [blue](Ich denke, er hat Freunde – grübel. Ach so – wieder mal nur ein bisschen Klischee.)[/blue] Er stand auf und holte sich eine Flasche Bier aus der Kühlbox, [strike]die in dem Gartenhäuschen stand.[/strike] [blue](Wo sonst?)[/blue] Wie gut, dass sie dieses Hütte für sich entdeckt hatten. Hierwarensie ungestört, konnten in Ruhe Musik hören, quatschen und rumhängen. Und vor allem, es wardas ideale Versteck für die geklauten Sachen. [blue](Davon haben die Freunde natürlich noch nichts mitgekriegt. Muss ja ne riesige Bude sein)[/blue] Das Fenster hatte Lukas sorgfältig mit Packpapier verklebt, damit man nicht von draußen ins Innere schauen konnte. [blue](umgekehrt aber auch!!!)[/blue] Das Türschloss war für ihn kein Problem gewesen; nachts sicherte er die Tür mit einem starken Vorhängeschloss. Die Karbidlampe gab abends genug Licht, wenn sie kartenspielen oder einfach nur abhängen wollten. Die Kleingartenanlage sollte bald abgerissen werden, hatte Lukas gehört, die Grundstücke waren alle schon verkauft. Kein Mensch störte sie hier, zumindest vorläufig. Zufrieden nahm Lukas einen Schluck Bier.

4
Vorsichtig trat Kevin die Brennnesseln nieder, bog die Zweige der verwilderten Rhododendronbüsche auseinander und näherte sich der Hütte. Seine schmutzigen Turnschuhe machten kein Geräusch auf dem sandigen Grasboden, als er über den niedrigen, halb verfallenen Holzzaun stieg und die wenigen Meter zum Fenster des verwahrlosten Gartenhäuschens zurücklegte. In der Hütte brannte Licht. [blue](Dass sich Kevin wundert, weil da Licht brennt, ist nachvollziehbar. Schließlich haben wir ja gerade erfahren, dass die Gartenanlage menschenleer ist, weil sie abgerissen werden soll und die Grundstücke alle schon verkauft sind. Was sollen dann die Ausführungen weiter unten? Oder hat sich Kevin in der Gartenanlage geirrt?)[/blue]
Alle anderen Parzellen des Schrebergartens, der noch aus der DDR-Zeit stammte, waren schon vor langer Zeit verlassen worden. Die Besitzer kümmerten sich nicht mehr darum. Viele waren weggezogen, in die nächste größere Stadt im Westen oder sonst wohin, hier gab es ja nichts mehr, weder Arbeit noch sonst etwas. [blue](Sonst wohin, sonst noch was – leeres Stroh)[/blue] Die Grundstücke ließen sich nicht verkaufen, dazu waren sie zu klein, und so verfielen sie immer mehr. [blue](Weiter oben waren sie schon verkauft, aber das hatten wir ja schon)[/blue]
Das Holz des Fensterrahmens war rissig, die ehemals grüne Farbe war abgeblättert und nur noch an einigen Stellen zu erahnen. Er spähte durch die vor Schmutz fast blinden Fensterscheiben [strike]ins Innere der Hütte[/strike]. Ein uralter, geblümter Vorhang war vorgezogen worden, an der Seite jedoch war ein Spalt offen geblieben.
Er konnte einen Teil des Raumes einsehen. Auf dem staubigen, verwitterten Holzfußboden stand mitten im Raum eine starke Batterielampe, die das Zimmer in ein unangenehmes weißes Licht tauchte. Auf dem Campingtisch daneben standen eine große Coca Cola-Flasche, daneben ein Pappteller mit einigen belegten Brötchen und ein paar Äpfel. [blue](Vereinfacht man diesen Satz, so standen - außer der Cola- also ein Pappteller und einige Äpfel auf dem Tisch. Und ich glaubte immer Pappteller und Äpfel liegen.)[/blue] Er konnte außerdem mehrere Joghurtbecher und einige Schokoriegel erkennen. Auf den zwei Plastikstühlen, die an dem Tisch standen, lagen eine wattierte rote Jacke und eine Wolldecke. Das Bett war durch den Spalt, den der Vorhang freiließ, nur teilweise zu sehen.
Ein Mädchen lag auf dem Bett und las in einem Taschenbuch. Neben dem Bett [blue](dreimal Bett hintereinander – hm – gibt wohl keine Synonyme dafür)[/blue] lagen mehrere Comicbücher und Jugendzeitschriften. Das Mädchen war allein. Es war etwa 11 oder 12 [blue](Zahlen von eins bis zwölf werden ausgeschrieben)[/blue] Jahre alt. [blue](„War etwa 11 oder 12 Jahre alt“ heißt, dass sie in dem Alter tatsächlich ist. Das glaubt Kevin aber nur, denn sie dürfte am Ende des 7. Schuljahres wenigstens ein Jahr älter sein. Sie wirkt vielleicht jünger. Also müsste es heißen: „Das Mädchen schien …alt zu sein.“)[/blue] Die Kleine trug eine dunkelblaue Jeans und einen hellblauen Sweater. [blue](Wofür ist das wichtig?[/blue]) Die rotblonden Locken standen wild um ihr Gesicht herum. [blue](Aha. Die Haare stehen also gelangweilt – ach nee – einfach so ums Gesicht herum. Ich glaube eher, sie standen ab oder hingen ihr wirr ins Gesicht oder… oder…)[/blue]
Er veränderte seine Position, um besser sehen zu können. Ein Zweig knackte unter seinem Fuß. Das Mädchen hob den Kopf und lauschte. Hatte sie etwas gehört? Schnell ging er in die Knie [blue](Hocke - dann kannst du dir das Kauern sparen)[/blue] und kauerte sich an die Wand unterhalb des Fensters. Er hörte, wie das Mädchen vom Bett aufstand - die alten Drahtfedern des Feldbettes gaben ein quietschendes Geräusch von sich – und zum Fenster ging. Sie schob den Vorhang beiseite und versuchte es zu öffnen. Vergeblich. Dann zog sie den Vorhang sorgsam wieder zu. Nach einer Weile, als er sicher war, dass sie ihn nicht bemerkt hatte, schlich er lautlos davon.
[blue](Der ganze Abschnitt lässt mich etwas ratlos zurück. Ich stelle mir die Frage, was hat der gute Kevin dort gewollt? Wie kommt er dorthin, wo er doch zum Lukasschen Anwesen will? Und gleich beim ersten Anschleichen (warum eigentlich – ist doch alles verlassen) entdeckt er das Mädchen. Das nenne ich mal einen Zufall.)[/blue]

5
„Aber wenn ich es euch doch sage, es war das Mädchen aus der Zeitung!“ Kevins Stimme klang ungeduldig [blue](Warum ungeduldig? „Erregt“ hätte ich verstanden.)[/blue]. „Ich habe sie genau gesehen.“
„Ach, du spinnst ja“, meinte Benny missmutig, „Was sollte ein kleines Mädchen wohl ganz allein dort in der Gartenlaube machen?“ [blue](NZ)[/blue]
‚Benny war [blue]ist[/blue]) schlecht drauf, wie immer‘, dachte Kevin. [blue](Nur weil Benny die Aussage von Kevin bezweifelt, ist er schlecht drauf? Wie wir von weiter oben wissen, ist der doch eigentlich immer schlecht drauf. Warum dann zusätzlich erwähnen?)(NZ)[/blue]
Lukas hatte noch nichts gesagt. Er lag ausgestreckt auf dem Sofa und blätterte in einer Motorradzeitschrift.
„Ihr könnt ja selber hingehen und nachsehen“, maulte Kevin. [blue](NZ)[/blue]
Ärgerlich ließ er sich auf einen der alten Sessel fallen und streckte seine Beine aus. Das gesamte Mobiliar, das in dem kleinen Raum stand, hatten sie vom Sperrmüll geholt: ein braunes, abgeschabtes Ledersofa, einen Polstersessel, der einmal grün gewesen war, einen Fernsehsessel mit ausziehbarer Fußstütze, der noch ganz gut in Schuss war, einen kleinen Couchtisch aus Holz und einen bunt gemusterten Teppich. In der Ecke stand der Ghetto Blaster, den Lukas angeschleppt hatte, neben dem Tisch stand die Kühlbox mit dem Bier und überall verstreut lagen Comics, Zeitschriften und BILD-Zeitungen. [blue](Wozu diese ausführliche Aufzählung? Spielt doch für die Handlung überhaupt keine Rolle. Und wenn doch, dann kann man diese Gegenstände in die Handlung einbauen. Dass es da einen Sessel, ein Sofa, eine Kühlbox und einen Ghetto Blaster gibt, weiß außerdem der Leser längst)[/blue]Lukas hatte sich [strike]für eine Stunde [/strike]einen Kleintransporter geliehen und sie hatten alle zusammen die Sachen hierher transportiert. Kevin fand, dass es richtig gemütlich war in ihrer Bude. [Blue]Das ist nur ein Beisoiel für viele – was die umständliche Sprache angeht. „Kevin fand die Bude richtig gemütlich“ – das sagt zum Beispiel das Gleiche aus und du bist ein „war“ elegant los)[/blue]
„Was für ein Mädchen aus der Zeitung?“, fragte Lukas. Er hatte seine Zeitschrift beiseitegelegt und sah Kevin interessiert an. Sein schwarzes Achselshirt brachte die farbigen Tätowierungen auf seinen muskulösen Oberarmen erst richtig zur Geltung, fand Kevin. Wenn ihm seine Eltern nur auch ein Tattoo erlauben würden, aber dazu waren sie ja viel zu spießig. Er bewunderte die Lässigkeit, mit der Lukas die Asche von seiner Zigarette schnippte und in den übervollen Aschenbecher fallen ließ. Nicht einmal das Rauchen erlaubten ihm seine Eltern, obwohl er schon sechzehn war.
„Hast du es nicht gelesen?“, fragte er, „in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Zwölf Jahre alt. Es war ein Foto in der Zeitung. Und ich bin sicher, dass sie hier ist. In der [blue](In einer Hütte – oder gibt es „weiter hinten“ nur diese eine Hütte? Wohl nicht, es ist ja von einer Siedlung die Rede)[/blue] Hütte weiter hinten. Ich habesie heute Abend ([blue]Wann denn sonst?)[/blue] gesehen, als ich durchs Fenster guckte. Sie [blue]war[/blue] es.“
Lukas setzte sich auf. Sein Interesse war geweckt.
„Das ist ja ein Ding“, sagte er. „Benny, weißt du was davon?“
Benny schaute von dem Comic hoch, den er gerade las.
„Ja, ich habe heute Morgen das Foto in der Zeitung auch gesehen. Meine Mutter meinte, das Mädchen sei sicher nur von zu Hause weggelaufen wegen irgendwelchem Stress.“
„Und das Mädchen ist hier in einer der Hütten, sagst du, Kevin? Erzähl mal genau, was du gesehen hast, Kleiner“.
Kevin mochte es nicht, wenn Lukas Kleiner zu ihm sagte. Schließlich war er nur ein paar Jahre älter als er. Aber er freute sich, dass er nun die volle Aufmerksamkeit von Lukas hatte.
„Ihr kennt doch die Gartenhäuser am Hauptweg, die noch ganz gut in Schuss sind. [blue](Gut im Schuss? Zur Erinnerung: „Die Grundstücke ließen sich nicht verkaufen, dazu waren sie zu klein, und so verfielen sie immer mehr“ Da musst du noch ne Menge Ordnung rein bringen – in den Text meine ich).[/blue] Als ich eben herfuhr, habe ich Licht gesehen. Und das, wo hier doch gar kein Strom mehr ist. Ich bin hin geschlichen und habe durchs Fenster geschaut. Das Mädchen lag auf dem Bett und hat gelesen. Fast hättesie mich entdeckt, aber Gott sei Dank ließ sich das Fenster nicht öffnen.“
„Aha“, sagte Lukas, „und sie war ganz allein dort? Das ist wirklich komisch. Was konntest du denn noch erkennen, Kevin, erzähl mal ganz genau. Wie sah es aus in der Hütte?“
Inzwischen hatte auch Benny seinen Comic weg gelegt und hörte gespannt zu.
„Also“, Kevin überlegte, „auf dem Boden stand eine Batterielampe. Dann war da ein Tisch, darauf standen Essenssachen und eine Thermoskanne. Und eine Colaflasche. Und ein paar Äpfel, glaube ich.“ [blue](Benny und Lukas wissen natürlich nicht, was sich da so furchtbar Wichtiges in der Mädchen-Hütte befindet. Aber der Leser weiß es, und der wundert sich, weil er das zweimal vorgesetzt bekommt. Der Satz: „Kevin erzählte haarklein, was er gesehen hatte“ hätte vollkommen genügt – uff – hatte und hätte, jetzt geht das bei mir auch schon los)[/blue] Er krauste die Stirn.
„Äpfel? Wieso Äpfel?“ Benny schüttelte verständnislos den Kopf. [blue](Ich auch. Was ist denn mit den Äpfeln?)[/blue] Lukas überlegte.
„Das ist ja interessant“, sagte er. Er starrte Kevin grüblerisch an.
„Sag mal, Kevin, hattest du den Eindruck, dass die Kleine freiwillig dort ist? Oder wird sie gefangen gehalten? Wenn das Fenster sich nicht öffnen lässt und die Tür verschlossen ist, kann sie ja nicht weg. Vielleicht ist sie ja entführt worden? Was meinst du?“ Er war ganz aufgeregt. „Vielleicht gibt es ja so etwas wie einen Finderlohn, wenn wir sie zurückbringen. Schließlich wird sie gesucht.“
Kevin fühlte, wie Lukas' Erregung ihn ansteckte. Auch Benny sah ihn gespannt an. Er versuchte, sich die Szene in der Hütte genau ins Gedächtnis zurück zu rufen. [blue](Aber auch das hat er doch längst)[/blue]
„Sie war nicht gefesselt oder so. Und es standen leckere Sachen auf dem Tisch. Ich glaube nicht, dass jemand sie gekidnappt und dort eingesperrt hat. Sie sah auch gar nicht ängstlich aus.“ Er schüttelte den Kopf.
„Aber warum sollte sie sich denn in dieser blöden Hütte verstecken“, fragte Benny, und wo hat sie die Essenssachen her? [blue](Essenssachen!!! Nahrungsmittel oder Fressalien oder… hätte ich mir gefallen lassen. Essenssachen – das klingt ja noch schlimmer als Anziehsachen)[/blue] Das ist wirklich komisch“.
Lukas stand auf und drückte seine Zigarette aus. „Das werden wir bald herausfinden“, sagte er entschlossen.

6
Rolf Bergmann war müde und genervt. Die Geburtstagsparty seines Schwagers war so verlaufen, wie die Familienfeiern in der Familie seiner Frau jedes Mal verliefen: es gab ein riesiges Büfett mit einer ungeheuren Auswahl an Fleisch, Gemüse, Reis, Nudeln und Kartoffeln, etlichen süßen Nachspeisen, dazu reichlich Bier und Wein und Schnaps. [blue](Du hast vor allem die Gewürze vergessen – echt, was soll diese Aufzählung? Reines Fülling[/blue]) Unvermeidlich waren die üblichen Spielchen und Vorführungen zu Ehren des Geburtagskindes, deren Albernheit mit steigenden Alkoholpegel zunahm, und die Tanzmusik, die auf einen Potpourri aus Schlagern von Helene Fischer, Andrea Berg und Howard Carpendale hinauslief. [blue]Auch das ist hier überflüssig. In einer anderen Geschichte wären diese Details vielleicht ganz lustig und angebracht – nämlich dann, wenn über bestimmte Familien-Feierlichkeiten vielleicht gelästert werden soll. Aber hier… bläht es nur auf. Außerdem ist der Satz eine Katastrophe)[/blue] Da er zurück nach Bad Harzburg mit dem Auto fahren musste - für ein Taxi war der Weg von Braunlage aus zu teuer - durfte er nichts trinken außer süßen Sprudel, Coca Cola oder Mineralwasser [blue](alkoholfreie Getränke hätten es auch getan), [/blue]so dass er dem steigenden Grad der Beschwipstheit [blue](Grad der Beschwipstheit – oh Mann!)[/blue] der anderen zusehen musste, ohne selber an der wohltuenden Wirkung des Alkohols [blue](Der Autor meint also, dass Alkohol eine wohltuende Wirkung hat… Wie komme ich darauf? Nun, du befindest dich hier in der Perspektive des Erzählers und nicht in der des komischen Dicken. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass du oft und mitunter Sprunghaft die Perspektive wechselst. Das ist nicht ungewöhnlich, sollte aber nicht übertrieben werden. Das hier ist kein Roman[/blue]) teilhaben zu können. Außerdem verursachte [red]bei[/red] ihm die Kohlensäure des Sprudels jedes Mal Sodbrennen, und mit Sorge dachte es an seinen viel zu hohen Blutdruck und den Cholesterinspiegel, der durch das viele Essen wahrscheinlich wieder in beängstigende Höhen gestiegen war.
[blue](Der ganze Abschnitt ist viel zu überladen mit Informationen, die keiner braucht. Was hat die Tatsache, dass der Mann vollgefressen ist, Sodbrennen hat und voller Sorge an Blutdruck und Cholesterin denkt, mit der Handlung zu tun? So ausführlich wie du den Mann beschreibst, denke ich mir: Der ist bestimmt ganz wichtig. Aber Pustekuchen. Er stellt nur eine winzige Nebenfigur dar, von der ich wahrlich nicht wissen muss, wie er sich während und nach dieser von dir so ausgewalzten Feier gefühlt hat)[/blue]
Seufzend öffnete er beim Einsteigen unauffällig einen Knopf seiner Hose, um bequemer hinter dem Steuer seines Mercedes sitzen zu können.
[red]‚[/red]Der große Wagen bot seiner ([blue]bietet meiner – achte auf die Perspektive. Dies ist nicht das einzige Beispiel, wo du in der dritten Person „denken lässt“, aber ich belasse es bei diesem Beispiel)[/blue] Körperfülle wenigstens genügend Platz, dachte er nicht ohne Befriedigung. Sein Auto war sein ganzer Stolz.
„Mach doch mal Musik an“, bat Marietta, seine Frau, die sich neben ihm auf dem Sitz räkelte. Sie war in weinseliger Stimmung, was sie regelmäßig [blue](dazu)[/blue] veranlasste, unablässig zu quatschen.
„Hast du Julias Kleid gesehen, Rolf, Schätzchen? Dieses Muster! Und viel zu eng. Man konnte jedes Speckpölsterchen genau erkennen. Mit ihrer Figur sollte sie doch besser etwas Dezenteres tragen. Und dieses Dekolletee? Unglaublich!“
Sie kicherte. Dann gähnte sie herzhaft und Rolf hoffte, dass sie langsam müde werden würde und aufhören zu reden. ([blue]Der Satz stimmt so nicht. Lass mal das Müdewerden der Tussi weg, dann bliebe: „Rolf hoffte, dass sie aufhören zu reden“).[/blue] Er drehte das Radio an. 'Nights in white satin' von den Moody Blues erklang. ‚Endlich anständige Musik‘, dachte er. [blue](Ein- bis zwei Sätze hätten genügt, um die Stimmung im Auto– wenn es denn sein muss – rüber zu bringen. Das Gelaber der Alten passt vielleicht in eine andere Geschichte, wo das eine Rolle spielen könnte. Aber was soll das hier? Ach ja – Füllung[/blue])
Die kurvige Straße führte bergab in einem stellenweise starken Gefälle, [blue](umständlich)[/blue] so dass man ständig bremsbereit sein musste. Jetzt um diese Zeit war auf der B4 nur wenig Verkehr, und Rolf fuhr zügig, ohne allerdings die erlaubten achtzig Stundenkilometer ([blue]Das ist umgangssprachlich. Korrekt heißt es Kilometer pro Stunde)[/blue] weit zu überschreiten.
Als plötzlich die Gestalt aus dem Dunkel im Kegel des Scheinwerferlichtes auftauchte, reagierte er vorbildlich. Er bremste und versuchte, nach links auszuweichen, konnte [blue](Wie wäre es mal mit „vermochte“. Man muss nicht immerzu „können“)[/blue] aber nicht verhindern, dass er [blue](???) [/blue]mit dem rechten vorderen Kotflügel [blue](Jetzt besitzt der Dicke auch noch Kotflügel)[/blue] die Person im hellen Pullover streifte. Sie wurdezu Boden geschleudert und blieb am Straßenrand liegen. [blue](Dieses wirklich dramatische Ereignis wird verdammt kurz und trotzdem umständlich geschildert, aber wir wissen wenigsten, was der „vorbildlich reagierende“ Fahrer alles gefressen und gesoffen hat. Das ist tröstlich)[/blue] Rolf fuhr rechts ran und hielt an. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, [blue](„klopfte zum Zerspringen“ – abgesehen davon, dass es sich hier um einen reichlich ausgelutschten Spruch handelt, ist er auch noch falsch. Ein Herz klopft nicht zum Zerspringen. Das heftige Klopfen droht höchstens, das Herz zerspringen zu lassen)[/blue] seine Hände umfassten völlig verkrampft das Lenkrad und er merkte erst jetzt, dass er seit geraumer Zeit die Luft angehalten hatte. [blue](„Seit geraumer Zeit“ suggeriert, dass bereits einige Zeit vergangen ist. Dabei sind es nur wenige Sekunden. Und die hält man auch schon mal aus, ohne Luft zu holen.)
[/blue]„Was ist?“, fragte Marietta und setzte sich auf. „Warum halten wir?“ [blue](NZ)[/blue]
Sie war wohl eingedöst und hatte von dem Unfall nichts mitbekommen.
Rolf war unfähig zu antworten. Er stellte den Motor ab, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Verwundert stellte er fest, dass seine Knie zitterten. [blue](Unfähig zu antworten, aber „verwundert“ feststellen, dass die Beine zittern. Irgendwie klingt das schwurblig)[/blue] Etwa fünf Meter hinter dem Auto sah er das Unfallopfer liegen. Es bewegte sich. ‚Gott sei Dank‘, dachte Rolf.[blue](!)[/blue] Schnell ging er zu der Person und kniete sich neben sie nieder. ‚Oh Gott, [blue](Das „Oh Gott“ könnte natürlich auch das Niederknien rechtfertigen. Aber dann muss er neben ihr und nicht neben sie niederknien)[/blue] das ist ja ein Kind! Ein kleines Mädchen.‘ [blue](wieder „wörtliches“ Denken!) [/blue]Die Kleine versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Sie sah ihn verständnislos an.
„Hast du dir wehgetan? Komm, ich helfe dir aufstehen. [blue](„helfe dir aufstehen“ – das ist schlampige Sprache.)[/blue]Geht's?“ Rolf Bergmann atmete erleichtert auf, als er sah, dass das Mädchen aufstehen konnte. Offensichtlich war sie nur ein wenig benommen von dem Aufprall [strike]gegen das Auto[/strike]. Jedenfalls schien sie nichts gebrochen zu haben. [blue](Das sieht man auf Anhieb und im Dunklen? ) (NZ)[/blue]
„Am besten, du setzt dich erst einmal ins Auto. Wo bist du denn so plötzlich hergekommen? Und was machst du hier, mitten in der Nacht?“
Er führte das Kind zum Wagen, öffnete die hintere Tür und schob sie vorsichtig auf den Rücksitz. [blue](Hier schiebt er die Tür auf den Rücksitz. Selbst, wenn du die Tür weglässt, bleibt es falsch. Es hieße dann: „Er führte das Kind zum Wagen und schob sie vorsichtig auf den Rücksitz.“ Das Kind ist aber sächlich, als muss es „es“ heißen) (NZ)
[/blue]„Tut dir irgendetwas weh? Am besten, wir bringen dich ins Krankenhaus. Braunlage ist von hier aus am nächsten. Einverstanden?“ [blue](Es dürfte dem Kind in dem Augenblick ziemlich egal sein ob Braunlage oder Grünstehe – Hauptsache schnelle Hilfe)[/blue]
Marietta war inzwischen halbwegs nüchtern geworden. Sie stieg aus dem Auto aus und setzte sich hinten auf die Rückbank zu dem Kind.
„Na, da hast du uns aber einen schönen Schrecken eingejagt, meine Kleine. Aber Gott sei Dank ist dir ja wohl nichts Schlimmes passiert, oder?“
Sie knipste die Innenbeleuchtung an und betrachtete das Mädchen.
„Oh Gott, du blutest ja! Wo hast du dich denn verletzt? Am Arm? Oder an der Hand? Da ist Blut auf deinem Shirt.“
Das Mädchen sah sie nur verständnislos an. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie fing an haltlos zu schluchzen. Marietta tätschelte tröstend ihre Schulter.
„Fahr los, Rolf, [strike]wir bringen die Kleine ins Krankenhaus.“[/strike]


7
Kommissar Winter runzelte die Stirn. Dann hob er den Blick von der Akte, die aufgeschlagen vor ihm lag und musterte das Ehepaar, das [strike]in seinem Büro [/strike]ihm gegenüber saß.
„Es tut mir Leid, Dr. Franke, dass ich Sie und Ihre Frau heute noch einmal hierher bitten musste. Es ist mir durchaus bewusst, was Sie in den letzten Tagen durchgemacht haben müssen. [blue](Wenn etwas klar ist, dann bedarf es keiner Möglichkeitsform. Hätte Meister Winter gesagt, dass er sich gut vorstellen könne, dass die Eltern… dann wäre die Möglichkeitsform richtig gewesen[/blue]) Aber wir müssen Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Dr. Dietmar Franke war Facharzt in der Kurklinik in Bad Harzburg, fünfundvierzig Jahre alt, schlank und sportlich, mit graumeliertem dunklem Haar und randloser Brille. [blue](NZ) [/blue]
‚So stellt man sich einen erfolgreichen Chefarzt vor‘, dachte Winter. (!)
Seine Frau, die neben ihm saß und nervös ihre rot lackierten Finger [blue](Übertreibt die Frau da nicht ein bisschen – mit ihren rot lackierten „Fingern“? Die Nägel hätten es sicherlich auch getan)[/blue] knetete, ergänzte ihn äußerlich aufs Vortrefflichste: ein hübsches, sorgfältig zurecht gemachtes Gesicht, in dem die großen graublauen Augen das Bemerkenswerteste waren, sorgfältig frisierte rotblonde Haare, die in weichen Wellen das blasse Gesicht umrahmten, geschmackvolle modische Markenkleidung, teure italienische Schuhe. [blue](Viel zu viele Einzelheiten für eine schlichte Komparsin fast ohne Text)[/blue]
„Aber wieso denn? Wir haben Ihnen doch alles gesagt. Jennifer ist völlig erschöpft und braucht jetzt Ruhe. Bei dem Unfall hat sie sich etliche Hämatome zugezogen. Was wollen Sie denn noch von ihr?“
Dr. Dietmar Franke wirkte ungehalten. [blue](NZ)[/blue]
‚Verständlich‘, dachte Winter. Das Verschwinden der kleinen Jennifer hatte den ganzen Polizeiapparat in Bewegung gesetzt, ohne Erfolg. Die Eltern mussten zwei schlaflose Nächte gehabt haben vor Sorge um ihre Tochter. Und dann die Blamage. Nicht nur, dass seine Tochter, nachdem sie endlich gefunden worden war und seine Frau und er sie erleichtert in die Arme schließen konnten, gestanden hatte, dass sie aus Angst, ihre Eltern könnten wütend sein wegen ihres schlechten Schulzeugnisses, von zu Hause weggelaufen war und sich in der Gartenlaube der Familie ihrer Freundin versteckt hatte. [blue](Dieses Satzmonster geht gar nicht. Hier stolperst du über die eigenen Haupt- und Nebensätze. Da hilft nur: völlig neu formulieren. Auf was bezieht sich zum Beispiel das am Anfang stehende „Nicht nur“? Auf nichts.)[/blue] Sie hatte auch noch zugegeben, dass sie die Unterschrift ihres Vaters auf den blauen Briefen, die dem Zeugnis vorangegangen waren, gefälscht hatte. [blue](NZ)[/blue]
Dies alles musste dem angesehenen Chefarzt natürlich mehr als peinlich sein, dachte Winter[blue](!)[/blue], warf es doch ein bedenkliches Licht auf die Erziehungsmethoden des Ehepaares, die offensichtlich geprägt [blue]waren[/blue] von Leistungsdruck und Strenge. [blue](Klischeehafter geht es wohl nicht. Die armen, komplett überforderten Kleinen! Da hätte schon etwas Originelleres kommen dürfen.)[/blue]
„Es geht jetzt um eine andere Sache, Doktor Franke.“ Winter richtete sich zu seiner vollen Größe auf und straffte die Schultern, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen. „In der Gartenlaube, in der sich Ihre Tochter versteckt gehalten hat, ist eine Leiche gefunden worden. Die Leiche eines jungen Mannes.“
Entsetzt starrte das Ehepaar den Kommissar an. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen.
Franke fand als Erster seine Sprache wieder.
„Eine Leiche? Um Gottes Willen! Was für eine Leiche?“
„Wir haben sie noch nicht identifiziert, der junge Mann hatte keine Papiere bei sich. Aber die Spurensicherung ist dabei, die Gartenlaube und die gesamte verlassene Laubenkolonie auf Spuren zu untersuchen. Deshalb müssen wir Sie auch bitten, die Kleidung, die Jennifer gestern getragen hat, der KTU zur Verfügung zu stellen. Und ich muss Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Caroline Franke hatte sich noch nicht von dem Schock erholt und saß völlig regungslos kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie musste sich erst einmal räuspern, bevor ihre Stimme ihr gehorchte. „Wie ist er denn zu Tode gekommen, dieser junge Mann? Und was hat Jennifer mit ihm zu tun?“
„Über die Todesursache darf ich Ihnen nichts sagen. Und was Jennifer damit zu tun hat, das versuchen wir gerade herauszufinden. Deshalb muss ich Ihre Tochter sprechen, das sehen Sie doch ein, oder?“
„Selbstverständlich, Herr Kommissar.“ Franke hatte sich wieder in der Gewalt. „Aber Sie erlauben doch, dass ich zuerst unseren Anwalt, Herrn Dr. Grünwald [blue](wieder ein Name, der nicht gebraucht wird)[/blue] anrufe, damit er bei der Befragung dabei seinkann.“
„Selbstverständlich, Dr. Franke. Und selbstverständlich können Sie als Jennifers Eltern auch dabei sein, Jennifer ist ja erst zwölf Jahre alt.“

Der Vernehmungsraum war unpersönlich und zweckmäßig eingerichtet. An dem großen Tisch in der Mitte saßen sich Hauptkommissar Winter, seine Kollegin, Kommissarin Anette Hilvers, [blue](auch hier ein Name, den man sich völlig unnötig merken will[/blue]) und Jennifer gegenüber. [blue](Wie sitzen sich drei Leute gegenüber? Ich weiß – auf einer Seite die Beamten, auf der anderen das Mädchen. Aber warum schreibst du das nicht? Das Verschieben eines kleinen „und“ hätte genügt.)[/blue] Neben Jennifer hatte ihre Mutter Platz genommen, die die Hand ihrer Tochter in der ihren hielt, [blue](Warum immer diese vielen Kommas – nicht nur hier – wo man sich als Leser einen Punkt herbei sehnt)[/blue] etwas weiter hinten saßen Jennifers Vater und der Anwalt.
Auf dem Tisch standen ein Aufnahmegerät mit Mikrofon und eine Videokamera, die die Befragung aufzeichneten. Eine einseitige Milchglasscheibe [blue](echt? Ne Milchglasscheibe ist von einer Seite aus durchsichtig? Ich glaube, die Dinger heißen wohl Einwegspiegel und haben mit Milchglas nichts zu tun.)[/blue] erlaubte von außen den Blick in den Raum.
Winter strich sich mit der Hand über sein [blue](hier hätte ich „übers Kinn“ geschrieben. Dass er über sein Kinn und nicht über das anderer streicht, ergibt sich wohl von selbst[/blue]) Kinn und musterte das Mädchen vor ihm. Jennifer saß gerade und angespannt auf ihrem Stuhl und schaute zu Boden. [blue](NZ[/blue])
‚Was für ein hübsches Kind‘, [blue](!)[/blue] dachte Winter. Sie hat die Schönheit ihrer Mutter geerbt: Dieselben rotblonden Locken, die weiße Haut, die bei Jennifer auf dem Nasenrücken einige kleine Sommersprossen aufwies. Flüchtig musste er an seine eigene Tochter denken, die mit ihren fünfzehn Jahren alles tat, um möglichst hässlich auszusehen: blau gefärbte Haare, die sie an den Seiten abrasiert [blue]hatte[/blue], schwarz umrandete Augen und schwarze Lippen. blue](NZ)[/blue]
Das ist nur die übliche rebellische Phase in der Pubertät, hatte seine Frau versucht ihn zu beruhigen, sie protestiert gegen die Spießigkeit und Bürgerlichkeit ihrer alten Eltern. Das geht vorbei. [blue](das ist wohl eher eine wörtliche Rede[/blue]) Er konnte nur hoffen, dass sie recht hatte, seine Frau.[blue](Seltsame Kommissar-Gedanken bei einem Mordfall – aber seis drum)[/blue]
„Möchtest du vielleicht etwas trinken, Jennifer? Eine Cola vielleicht oder ein Glas Tee?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Kurz trafen sich ihre Blicke. Winter war erschüttert über den Ausdruck in den großen graublauen Augen. Woher kam diese abgrundtiefe Verzweiflung? [blue](„abgrundtiefe Verzweiflung“ muss ich auch schon mal gelesen haben)[/blue]
„Jennifer, du weißt, warum du hier bist?“
Wieder ein Kopfschütteln, wieder dieser Blick.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Jennifer. Deine Eltern sind bei dir, es kann dir nichts passieren. Okay?“
Stummes Kopfnicken.
„Ich werde dir jetzt alles sagen, was ich über den Ablauf der letzten Tage weiß, der Reihe nach, und du korrigierst mich, wenn etwas falsch ist, in Ordnung? Und bitte, du musst mir laut antworten, damit dich alle hören können, ja?“
„Ja“. Unglaublich klein und zaghaft klang die Stimme des Kindes.
„Gut. Also: Fangen wir an dem Tag an, an dem es Zeugnisse geben sollte. Du gehst ja aufs Gymnasium in Bad Harzburg, in die 7. Klasse, nicht wahr?“
„Ja.“
„Du bist an diesem Tag aber nicht zur Schule gefahren wie üblich, sondern bist mit dem Fahrrad in diese verlassene Gartenlaubenkolonie bei Braunlage gefahren, zu dem Gartenhäuschen, das den Eltern deiner Freundin gehört. Wie heißt sie noch, deine Freundin?“
„Sandra Meinert“.
„Woher kanntest du denn diese Gartenlaube?“
„Wir haben einmal Sandras Geburtstag dort gefeiert, mit Grillen und so.“ Die Stimme des Mädchens hatte an Festigkeit gewonnen. Sie wagte es, den Kommissar offen anzusehen.
„Es ist ganz schön weit von Bad Harzburg nach Braunlage, mehr als zwanzig Kilometer. Und meistens geht es bergauf. Bist du denn nicht müde geworden? Oder hungrig und durstig?“
[blue] Das verstehe ich jetzt nicht ganz. Den vorhergehenden Abschnitten ist zu entnehmen, dass in Braunlage ein Mädchen vermisst wird. Also wohnt Jennifer dort. In Bad Harzburg geht sie zur Schule. An dem bewussten Tag fährt sie aber nicht zur Schule. Wieso fährt sie dann aber von Bad Harzburg los? )[/blue]
„Ach, das ging schon. Ich habe öfter Pause gemacht. Ich hatte mir eine Flasche Cola und belegte Brötchen und ein paar Joghurts gekauft für unterwegs. Und ein paar Äpfel. [blue](Nimm es mir nicht übel, aber diese ewige Aufzählerei unwichtiger Dinge, nervt nur. Wenn sie geantwortet hätte, dass sie sich etwas zu essen und zu trinken eingepackt hat, wäre das völlig ausreichend gewesen)[/blue] Ich wollte ja länger dort bleiben in der Hütte.“
Jennifer hatte ihre Hand aus der ihrer Mutter gelöst und sah wieder zu Boden. Caroline Franke legte demonstrativ den Arm um die Schulter ihrer Tochter.
„Aber das hat Jennifer doch schon alles auf der Polizeistation erzählt, Herr Kommissar“, sagte sie, „ist es denn wirklich nötig, alles noch einmal zu wiederholen?“ In ihrer Stimme lagen sowohl Sorge als auch Ungeduld.
„Frau Franke, ich verstehe Ihre Bedenken, aber ich muss Sie bitten, die Befragung nicht zu unterbrechen.“
Winter war verärgert. Nun musste er das Vertrauen des Kindes, das gerade aufgekeimt war, neu gewinnen.
„Also, Jennifer. Du hattest dir Proviant besorgt für die Fahrt und für die Zeit, die du in der Hütte verbringen wolltest. Gut. Dann hast du es dir in der Laube gemütlich gemacht. Wie bist du denn hineingekommen? Hattest du einen Schlüssel?“
„Nein, aber ich wusste, wo der Schlüssel versteckt war: Unter einer Blumenschale neben der Tür. So haben Sandras Eltern das immer gemacht.“
„Hm, kein besonders kluges Versteck, oder?“
Ein kleines Lächeln huschte über Jennifers Gesicht. „Nein, wirklich nicht“, bestätigte sie.
„Wie lange wolltest du denn in der Laube bleiben? Es war doch bestimmt sehr langweilig dort, oder?“
„Ich wollte zwei Tage dort bleiben. Ich hatte mir was zum Lesen mitgenommen. Und mein iPod mit meiner Musik hatte ich auch dabei.“
„Dein Handy hast du zu Hause gelassen. Warum?“
Jennifer warf einen verstohlenen Blick auf ihre Mutter, die den Arm wieder von ihrer Schulter genommen hatte.
„Ich wusste aus dem Fernsehen, dass man Handys orten kann. Und ich wollte nicht, dass die Polizei mich findet. Ich wäre ja von alleine wieder nach Hause gekommen.“
„Du hastauf der Polizeistation gesagt, dass du Angst hattest, deine Eltern könnten böse sein wegen deines Zeugnisses. Weil du nicht versetzt wirst. Wäre das denn so schlimm gewesen? Viele Schüler müssen ein Schuljahr wiederholen, da ist doch nichts dabei.“ ([blue]Na das nenn ich mal Pädagogik! Ach Gottchen, so ein Jährchen dranhängen - iss doch nicht schlimm. Aber gedanklich den Eltern das Ausüben von Leistungsdruck vorwerfen, wenn selbige die schlechten Leistungen ihrer fast 13-jährigen Tochter kritisieren. Kein Wunder, dass Papa Winter selbst ne durchgeknallte Tochter hat)[/blue]
„Ja, schon...“ Jennifer warf einen scheuen Blick zu ihrem Vater hinüber.
„Nun, dich bedrückt doch noch etwas, Jennifer. Heraus damit, nur Mut“.
„Ich habe gehört, wie Papa zu Mama sagte, wenn ich nicht versetzt werde, müsste ich in ein Internat. [blue](Internat - schweres Geschütz also. Da muss es noch andere Gründe geben. Sonst scheint es für mich ein wenig an den Haaren herbeigezogen.)[/blue] Schließlich könne es nicht angehen, dass seine Tochter das Abitur nicht schaff[strike]t[/strike]e.“ Trotzig presste sie die Lippen aufeinander. „Und ich wollte ihnen zeigen, wie es ist, wenn ich nicht mehr da bin.“ [blue](Bis jetzt machte dieses Mädchen auf mich einen eher unterentwickelten Eindruck, aber die letzten Worte sind geschliffen wie bei einem Erwachsenen)[/blue]
Winter [red]be[/red]merkte, dass Jennifers Vater sich anschickte, etwas zu sagen, und hob warnend die Hand. Der Anwalt legte beruhigend die Hand auf Frankes Arm und flüsterte ihm etwas zu. Der Arzt beruhigte sich.
„Also: Jetzt warst du in der Laube.Hattestdu denn gar keine Angst, als es dunkel wurde?“
„Ja, schon ein bisschen. Aber ich bin da auf der Liege sehr schnell eingeschlafen. Ich war ziemlich müde.“
„Und den nächsten Tag hast du damit verbracht, zu lesen, etwas zu essen, Musik zu hören und herum zu faulenzen, ist das richtig?“
Wieder huschte ein Lächeln über die kindlichen Züge.
„Ja, so war es“.
„Und dann wurde es wieder Abend. Was ist dann passiert?“
Jennifers Gesicht verschloss sich. Wieder trat dieser verängstigte Ausdruck in ihre Augen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her.
„Du musst uns alles erzählen, was passiert ist in dieser Nacht, Jennifer.“ Kommissar Winter gab seiner Stimme einen eindringlichen Ton. Das Mädchen starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß unablässig die Finger kneteten.
„Jennifer, wir haben auf deinem Sweatshirt, das du gestern getragen hast, Blut gefunden. DasBlut stammt nicht von dir. Bitte erkläre uns, wie das Blut auf dein Shirt geraten ist.“
Jennifer richtete sich auf und holte tief Luft. Aufgeregt biss sie sich auf die Lippen. Dann sah sie den Kommissar offen an.
„Ich hatte schon geschlafen. Da hörte ich plötzlich Geräusche an der Tür. Es war ganz dunkel in der Hütte. Ich hatte solche Angst! Dann ging plötzlich die Tür auf und drei Männer kamen herein. Sie hatten Taschenlampen und leuchteten mir damit ins Gesicht. Zuerst konnte ich nichts sehen. Sie leuchteten mit den Taschenlampen in der Hütte herum. Einer kam auf mich zu. Ich lag ja auf der Liege. Er hatte eine Maske auf, so eine Skimaske. Alle hatten solche Masken auf. [blue](Die muss wohl Lukas vorher verteilt haben[/blue]) Der eine packte mich an den Haaren und zerrte mich hoch. Er hatte ein Messer. Das hielt er mir vors Gesicht. Ich habe laut geschrien. Da hat er mir den Mund zugehalten und mich auf den Stuhl am Tisch gesetzt. „Sei still“, hat er gesagt, ganz nah an meinem Ohr, „sonst mach ich dich kalt, du Göre“.
Jennifer rutschte auf ihrem Stuhl [strike]unruhig [/strike] hin und her. Ihre Mutter nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. „Mein armes Kind“, murmelte sie, „meine arme Kleine“.
Es klopfte [strike]an der Tür[/strike]. Winter unterdrückte einen Fluch. Ein Polizeibeamter betrat den Vernehmungsraum und legte eine Akte vor den Kommissar auf den Tisch. Der seufzte und schlug die Akte auf. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Notiz zu lesen.
„Entschuldigen [red]S[/red]ie, ich komme gleich wieder. Meine Kollegin übernimmt solange die Befragung.“ Er nickte der Kommissarin zu und verließ [strike]mit schnellen Schritten [/strike]den Raum.
Anette Hilvers brauchte nur einen Moment, um sich auf ihre neue Rolle zu konzentrieren. Sie lächelte Jennifer freundlich an.
„Jennifer. Es ist gut, dass du uns alles erzählst. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht für dich ist. Also: drei maskierte Männer kamen mitten in der Nacht in die Gartenlaube, wo du gerade geschlafen hast. Wie ging es dann weiter?“
„Ich... ich weiß es nicht mehr so ganz genau. Ich hatte schreckliche Angst.“
„Das kann ich gut verstehen, Jennifer. Trotzdem, versuche dich zu erinnern, was geschehen ist.“
„Der eine Mann hielt mich auf dem Stuhl fest, mit dem Messer in der Hand. Die beiden anderen liefen herum und warfen alles durcheinander. Dabei lachten sie und sagten irgendetwas[blue]."(Das Wort "irgendwas" sollte man unter Quarantäne stellen. Es signalisiert meist nur, dass der Autor auch nur an "irgendwas" gedacht hat)
[/blue]„Kannst du dich erinnern, was sie sagten?“
„Irgendetwas von, dass hier nichts zu holen ist (sei)), alles nur Schrott, ja, Schrott, sagte der eine. Und dann sagte einer: Mal sehen, vielleicht bringt die Kleine uns ja was.“
„Und dann, was ist dann passiert, Jennifer?“
Das Kind war wieder [blue](wieso wieder?)[/blue] aufgesprungen, ganz in der Erinnerung gefangen.
„Der Mann, der mich festhielt, nahm einen von meinen Äpfeln, [strike]die auf dem Tisch lagen[/strike], und fing an ihn aufzuessen. Das Messer hatteer auf den Tisch gelegt. Ich nahm das Messer und habe es ihm in den Bauch gestochen. Da hat er mich losgelassen und ich bin ganz schnell zur Tür gelaufen und hinaus. Ich habe gehört, wie einer der Männer hinter mir herkam und habe mich hinter einem der Büsche versteckt, bis er wieder zur Hütte zurückging. Dann bin ich zur Hauptstraße gelaufen. Ich hatte solche Angst, dass sie doch noch hinter mir herkommen würden. Dann bin ich vor das Auto gelaufen.“
Erschöpft ließ sie sich auf den Stuhl sinken und fing an zu weinen. Ihre Mutter legte sanft ihren Arm um sie. [blue](Habe ich mich verzählt, oder ist das jetzt das dritte Mal, dass der Arm sanft...?)[/blue] Jennifer barg ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter.
„Komme ich jetzt ins Gefängnis, Mama?“ Nur undeutlich war die Kinderstimme zu verstehen.
„Nein, ganz sicher nicht, Jennifer“, versuchte Anette Hilvers das Mädchen zu beruhigen. „Kinder kommen nicht ins Gefängnis.“

Hauptkommissar Winter kam wieder in den Raum und setzte sich auf seinen Platz. Er hatte von außen die Vernehmung verfolgt, während er sich von seinen Kollegen über die neuesten Ermittlungsergebnisse hatte informieren lassen. Nun übernahm er wieder die Leitung.
„Danke, Jennifer. Es war sehr tapfer von dir, dass du uns alles so gut geschildert hast. Deine Eltern können dich jetzt mit nach Hause nehmen.“
Winter stand auf und räusperte sich.
„Herr und Frau Franke, ich setzte Sie jetzt von dem aktuellen Stand der Ermittlungen in Kenntnis.
Die Kollegen haben in einer der verlassenen Hütten des Schrebergartens Diebesgut sichergestellt und durch die dort gefundenen Fingerabdrücke einen vorbestraften Kriminellen dingfest gemacht.[blue](identifiziert)[/blue] Der Verdächtige ist inzwischen verhaftet worden. [blue](„Dingfest machen“ und „verhaften“ ist so ziemlich das Gleiche. Deshalb habe ich „dingfest“ durch „identifiziert“ ersetzt. Dann stimmt die Reihenfolge der polizeilichen Handlungen)[/blue] Es handelt sich um einen gewissen Lukas Möhlenkanp. Er hat den Hergang der Tat so geschildert, wie Jennifer vorhin. Allerdings behauptet er, sie seien nur zu zweit gewesen. Dieser Punkt muss noch geklärt werden. Das wäre alles. Ich danke Ihnen für ihre Kooperation.“
Er erhob sich und verließ zusammen mit seiner Kollegin den Raum.


8
Kevin hatte an dem Abend lange nicht einschlafen können.
Unruhig hatte er sich hin und her gewälzt. Immer wieder musste er an das viele Blut denken, das aus der Stichwunde, die das Mädchen Benny zugefügt hatte, hervorgequollen war. Wahrscheinlich hätte er das Messer nicht herausziehen dürfen, aber es hatte so entsetzlich ausgesehen, wie es aus Bennys Bauch herausgeragt hatte.
[blue](Das mit dem Herausziehen des Messers mag ja richtig sein – ich weiß das nicht genau. Doch ist das für diese Geschichte von Bedeutung? Denn was wäre gewesenen, wenn er das Messer drin gelassen hätte? Benny wäre vielleicht etwas später gestorben. Mehr nicht. Es fehlt bei dir dagegen jeglicher Hinweis darauf, ob die Vollidioten überhaupt daran gedacht haben, eventuell Hilfe (Notarzt) zu holen. In der Tatsache, dass das nicht erfolgte, sehe ich die Hauptschuld von Kevin und Lukas. Ist Kevin so abgebrüht, dass ihn das nicht kratzt und er nachts im Bett keinen Gedanken daran verschwendet? Hier liegt doch einer der größten Konflikte in deiner Geschichte. Doch er passt wohl nicht zu deinem „Alle-haben-sich-lieb-Ende“. Oder sehe ich das falsch?) [/blue]Und dann wollte die Wunde gar nicht mehr aufhören zu bluten, der ganze Boden, auf dem Benny lag, war schon voll gewesen von seinem Blut. Das Messer, das Kevin fallen gelassen hatte, lag mitten darin. [blue](Ich verstehe das nicht. Dass dieses blöde Messer im Blut lag ist dir offensichtlich wichtig. Mir nicht. Ich hätte gern gewusst, was mit Benny los war. Hat er geschrien, gejammert, gestöhnt? Wann und wie ist er vom Stuhl gekippt? Hat er sich vor Schmerzen gewälzt. Oder war er ohnmächtig geworden. Hat er seine "Freunde" angefleht, ihm zu helfen und und und. Aber nee - das muss ich nicht wissen - Hauptsache ich weiß, wo das Messer lag)[/blue]
Als Lukas, [strike]der hinter dem Mädchen hergelaufen war, [/strike] [blue](wissen wir doch längst)[/blue] wieder in die Hütte gekommen war, hatte er zuerst nur geglotzt. Sie warenbeide völlig geschockt gewesen und hatten nicht gewusst, was sie tun sollten. Entsetzt hatten sie zugesehen, wie Benny angefangen hatte zu zucken, seine Beine und sein ganzer Körper: es war schrecklich gewesen. Seine Augen hatten sich verdreht und er war kreideweiß geworden [strike]im Gesicht[/strike]. Dann war er plötzlich ganz still geworden. [blue]Das ist mir zu viel „geworden“ und „gewesen“[/blue]
Lukas hatte sich über ihn gebeugt, um zu sehen, ob er noch atmete. Nach einer Weile hatte Lukas gesagt: „Da ist nichts mehr zu machen.“ Dann hatte er sich umgesehen. „Hier sind jetzt überall unsere Fingerabdrücke. Meine kennt die Polizei, Bennys werden sie auch identifizieren, aber deine sind nicht registriert. Das ist gut für dich.“ Mit einem prüfenden Blick hatte er Kevin gemustert. „Du musst die Klamotten, die du jetzt anhast, verschwinden lassen. Sicher ist Blut daran oder irgendwelche anderen Spuren.“ Kevin hatte wie gelähmt dagestanden. Er hatte es nicht fassen können, dass Benny tot sein sollte. Er war doch sein bester Freund gewesen. „Komm jetzt, Kevin“, hatte Lukas gedrängt, „wir müssen hier verschwinden.“
„Wir können Benny doch nicht hier einfach liegen lassen!“, hatte Kevin protestiert, aber Lukas hatte ihn mitgezogen und sie waren so schnell wie möglich zu ihrer Hütte gelaufen. Dort hatte Lukas schnell einige Sachen zusammengepackt und sie in die Satteltaschen seines Motorrades gesteckt.
„Hör zu, Kevin.“ Lukas hatte ihn an den Schultern gepackt und geschüttelt. „Du fährst jetzt mit dem Fahrrad nach Hause. Ich komme mit dem Motorrad hinterher. Ich stelle es bei euch in der Garage unter, hörst du? Du musst auf mein Motorrad aufpassen.“
Kevin war verwundert gewesen. „Warum das denn?“, hatte er gefragt.
„Das Mädchen wird jetzt sicher zur Polizei gehen. Wir haben zwar nichts Schlimmes [blue](Nichts Schlimmes? Das soll wohl ein Witz sein! Dass das Eindringen in die Laube, die Verwüstung der Einrichtung, das brutale Vorgehen gegen das Mädchen und die Absicht, sie als Geisel zu nehmen sehr wohl etwas Schlimmes ist, dürfte selbst einem Lukas klar sein. Dazu kommt für beide noch die unterlassene Hilfeleistung.)[/blue] getan, aber Benny ist tot, und sie kommen mir sicher auf die Spur, weil ich vorbestraft bin. [blue]("...aber Benny ist tot, und sie kommen mir sicher auf die Spur..." wie kann man solch völlig verschiedene Gesichtspunkte mit einem simplen "und" verknüpfen) [/blue]Dann werden sie mich verhören, und ich werde sagen, dass ich allein mit Benny in die Hütte zu dem Mädchen gegangen bin. Dass wir ihr nur einen kleinen Schrecken einjagen wollten. Auf dem Messer sind [blue](unter anderem!!!) [/blue]ihre Fingerabdrücke, das ist ein Beweis, dass sie Benny erstochen hat.“ Lukas hatte ihn eindringlich angesehen.
„Ich halte dich aus dem Schlamassel raus, Kevin. Dafür musst du auf mein Motorrad aufpassen, versprochen? Ich bleibe bestimmt nicht lange im Knast, und ich will nicht, dass sie mir mein Motorrad wegnehmen. Alles klar?“ Kevin hatte gar nicht richtig verstanden, was Lukas meinte, nur, dass er ihn aus allem heraus halten wollte. Er hatte genickt und Okay gesagt.
Kevin hatte sich zu Hause umgezogen und die Jeans und den Pullover, den er getragen hatte, in die Mülltonne gestopft. [blue]Das Verschwinden der Klamotten fällt der treusorgenden Mutter natürlich nicht auf.[/blue] Dann war er ins Bett gegangen. Seine Eltern hatten von alldem nicht mitgekriegt, sie schliefen schon seit Stunden. [blue](Und wann hat Lukas sein Motorrad bei Kevin abgeliefert?)[/blue]
Wieder wälzte Kevin sich auf die andere Seite. Immer wieder musste er an Benny denken. Er spürte kaum, wie ihm die Tränen aus den Augen liefen.
[blue](Die letzten Sätze ab: "Wieder wälzte Kevin..." sind im Präteritum geschrieben, die Einleitung zu diesem Abschnitt aber im Plusquamperfekt. Verwendet man als Erzähltempus das Präteritum,(so wie in deiner Erzählung) drückt es hier jedoch die Gegenwart innerhalb der erzählten Geschichte aus. Vergangenes wird mit dem Plusquamperfekt ausgedrückt. Da sich aber Kevin in einer Zeit im Bett herum wälzt, die hinter dem erreichten Zeitpunkt (Vernehmung) zurück liegt, wäre auch in den letzten Sätzen der Plusquamperfekt angebracht. Solche Rückblenden sind schwierig und wären in dieser Erzählung durch die Wahl anderer Handlungsstränge vermeidbar gewesen.)[/blue]

9
Zwei Jahre später

Kevin kam mit einem großen Korb frisch gebackener Brötchen in den Verkaufsraum der Bäckerei. Er schüttete die duftenden Backwaren in die dafür vorgesehene Mulde unter der Glasscheibe des Tresens. Maja, die Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin, wie ihr offizieller Titel lautete, lächelte ihn an. Ihre Wangen bekamen dabei diese unglaublichen ([blue]Was sind denn „unglaubliche“ Grübchen? Die können unglaublich faszinierend, niedlich, schön oder auch entstellend oder… sein.)[/blue] Grübchen, in die Kevin sich sofort verliebt hatte, als sie vor ein paar Wochen beim Bäcker Riesenbeck angefangen hatte. Und in ihre lockigen braunen Haare, die sie jetzt zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, der bei jeder Kopfbewegung lustig hin und her wippte. Ganz zu schweigen von ihren haselnussbraunen Augen unter den endlos langen geschwungenen Wimpern!
[blue](Wieder diese Aufzählungen, die den Handlungsfluss so herrlich unterbrechen. Wenn du schon nicht darauf verzichten willst, dann bau doch solche Eigenschaften einfach mit in die Handlung oder Dialoge ein)[/blue]
„Na, Kevin“, begrüßte sie ihn fröhlich, „wieder Mal in aller Herrgottsfrühe gearbeitet?“
„Och“, sagte er, „das ist gar nicht so schlimm. Dafür hat man nachmittags eher frei.“
[blue](Ich glaube, du möchtest mit diesen Begrüßungsworten darauf verweisen, dass Kevin längst seinen Frieden mit dem Bäckerhandwerk geschlossen hat. Aber das klingt hier ziemlich altbacken, um im Faschjargon Thema zu bleiben. Da fragt diese Maja doch einen ausgewachsenen Bäckerlehrling „wieder mal in aller Herrgottsfrühe gearbeitet?“ Ja wann denn sonst? Du fragst doch auch keinen Dampflokführer: „Na wieder mal ein schwarzes Gesicht gekriegt?“ Und Kevin erklärt ihr, dass er „dafür nachmittags frei hat“ – als wenn sie das nicht wüsste. Das ist so dahergestelzt – ich weiß nicht… Ich denke, es gibt auch andere Möglichkeiten für nette Begrüßungsworte zwischen den beiden)[/blue]
Er war trotz seines wild klopfenden Herzens drauf und dran, sie zu fragen, ob sie nicht mit ihm ins Kino gehen möchte [blue](möge[/blue]), [strike]das übliche Anmach-Ritual eben[/strike], da klingelte die Türglocke [blue](Ne Glocke klingelt nicht. Sie schlägt, läutet, ertönt oder bimmelt.) [/blue]und ein Kunde betrat den Verkaufsraum. Ärgerlich über die unliebsame Unterbrechung, warf Kevin ihm einen Blick zu und erstarrte. Es war Lukas.
Seit den Ereignissen [blue](von)[/blue] vor zwei Jahren hatte Kevin ihn nicht mehr gesehen. Aus der Zeitung hatte er von seiner [blue](dessen)[/blue] Verhaftung erfahren und dass er wegen der Einbruchsdiebstähle, die man ihm nachweisen konnte, und des Überfalls auf das Mädchen in der Hütte zu zwanzig Monaten Jugendknast verurteilt worden war.
„Hallo Kevin“, sagte Lukas.
„Hallo Lukas“, brachte Kevin mit Mühe heraus. Er war überrascht, wie gut Lukas aussah. Er hatte seine Haare wachsen lassen und sah viel jünger aus als damals. Kevin hattesofort ein schlechtes Gewissen, weil er ihn nie besucht hatte in der JVA, aber er hatte sich einfach nicht getraut. Dabei hatte Lukas es tatsächlich geschafft, ihn aus der ganzen schrecklichen Geschichte herauszuhalten, indem er steif und fest behauptet hatte, er wäre mit Benny allein zu der Hütte mit dem Mädchen gegangen, obwohl das Mädchen von drei Männern gesprochen hatte. Zuletzt hatte man wohl angenommen, sie hätte sich getäuscht bei all der Aufregung.
[blue](Um deiner Erzählung den von dir gewünschten Verlauf bzw. Schluss zu geben, muss es natürlich so gewesen sein. Doch wenn man logisch heran geht, bewegst du dich auf sehr dünnem Eis. Wenn das Mädchen behauptet, drei Männer gesehen zu haben, dürfte die Polizei wohl etwas hartnäckiger sein – zumal es sich um ein Tötungsdelikt handelt. Also schnüffelt man im Umfeld, und Benny war Kevins angeblich bester Freund. Ich weiß nicht, aber ich habe Zweifel, dass es sich in der von dir geschilderten Form abgespielt haben könnte. Das ist mir zu simpel gestrickt)[/blue]
Benny! Plötzlich waren all die Bilder wieder da. Auch die von der Beerdigung, an der die meisten Dorfbewohner teilgenommen hatten. Kevin hatte noch Bennys Mutter vor Augen, wie sie so herzzerreißend geweint hatte.
„Du weißt, weshalb ich hier bin, Kevin?“
„Ja, natürlich. Das Motorrad! Es ist genau da, wo du es hingestellt hast, Lukas. Unversehrt. Ich habe es mit einem Laken zugedeckt, damit es nicht verstaubt.“
[blue](Und davon haben Kevins Eltern nichts gemerkt, denn sonst hätte es ja dumme Fragen geben müssen. Wieder mehr als naiv)[/blue] Kevin hatte verstanden, dass Lukas' Besitz, hätte er welchen gehabt, als Schadensersatz für seine Diebstähle verwendet worden wäre, und dass er deshalb sein Motorrad in Sicherheit gebracht hatte. Seine Honda war nun mal sein Ein und Alles. [blue](Falls zivilrechtliche Ansprüche von den Geschädigten geltend gemacht wurden, bestehen sie auch nach der Haftzeit weiter. Und außerdem – da lief ja wohl noch ein Kredit. Aber die Bullen sind ja sowas von doof)[/blue]
„Gut“, sagte Lukas, „dann lass es uns holen.“
Kevin wagte nicht zu fragen, wie es im Gefängnis gewesen wäre, auch nicht, wie es ihm jetzt ginge, als er nach der fadenscheinigen Entschuldigung, ihm sei plötzlich schlecht geworden, mit Lukas den kurzen Weg zum Haus seiner Eltern ging.
„Was hast du denn jetzt vor, Lukas?“, fragte er schließlich.
„Weiß ich noch nicht.“ Lukas entfernte das Laken von dem Motorrad und strich mit den Fingern liebevoll, [strike]fast zärtlich [/strike]über die Maschine. Dann holte er seine Motorradkluft aus den Satteltaschen und zog sie an. Seine Jeans und die anderen Kleidungsstücke verstaute er wieder in den Taschen.
Vorsichtig schob er die Honda aus der Garage auf die Straße, wo die Sonne die Chromteile hell aufblitzen ließ. Er setzte den Helm auf und schwang sich in den Sattel.
„Wo willst du denn jetzt hin, Lukas?“, fragte Kevin.
„Mal sehen. Erst einmal fahre ich jetzt weg. Irgendwohin.“
Er drückte auf den Anlasser, und der Motor heulte gehorsam auf, als wären nicht fast zwei Jahre seit dem letzten Mal vergangen.
„Mach's gut, Lukas“, sagte Kevin. Lukas hob die Hand zum Abschied und brauste los. Kevin sah ihm hinterher, bis das Motorrad hinter der Kurve verschwand.
[blue]Na ja – und wenn sie nicht gestorben sind…[/blue]
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo Ralph!

Wow! Nachdem ich deine Kritik an meiner Geschichte gelesen hatte, musste ich heftig schlucken und dem Impuls widerstehen, mein ganzes Geschreibsel schnellstens in den Orkus zu befördern. Aber allmählich hat sich mein Möchte-gern-Schriftstellerherz wieder beruhigt, und ich bin in der Lage, die Geduld, mit der du mit Hilfe der (Lese)lupe nicht nur die groben Schnitzer, sondern auch die kleinste inhaltliche und formale Ungereimtheit ausgemacht hast, zu würdigen. :)

Was die vielen Hilfsverben angeht: Wenn man im Imperfekt schreibt, kann man kaum verhindern, dass Vergangenes im Plusquamperfekt geschrieben, also mit 'sein' oder 'haben' gebildet werden muss. Dennoch werde ich versuchen, wo es geht, eine bessere Formulierung zu finden.

Die vielen genauen Beschreibungen muss ich reduzieren, da hast du Recht. Andererseits habe ich mal gelernt, dass anschauliche Schilderungen einen Text bereichern, oder?

Da ich meistens den personalen Erzähler in der 3. Person wähle, wechselt die Perspektive natürlich recht häufig. Das verlangt besondere Aufmerksamkeit vom Leser, ist aber meines Erachtens interessanter als die Perspektive des auktorialen Erzählers, weil die subjektiven Empfindungen, Gefühle und Meinungen des jew. Protagonisten besser zum Ausdruck kommen.
Deshalb darf man meiner Meinung nach die Ansichten eines Prot. nicht aus der Warte eines Außenstehenden beurteilen, wie du es z. B. in der Kritik zu Kevin tust (Kap. 1): "Ach, der Ärmste kann nichts dafür? Warum? Irgendeine Behinderung? Nein, blanke Faulheit!"

So, jetzt will ich mich mal daran machen, den Text zu korrigieren und zu retten, was noch zu retten ist. :)

Gruß, Hyazinthe
 

Ustrarisa

Mitglied
Jeder hat seinen eigenen Stil und selbst Goethe, wenn ich ihn manchmal aus meiner Perspektive lese, ist nicht immer richtig geschrieben! Und doch ist es GOETHE! Ich nicht zu viel herumkorrigieren! Ich fand die Geschichte sehr interessant und man übt sich im Schreiben! Ich würde sie jetzt auch nicht umschreiben, schon gar nicht nach de Vorstellung anderer. "Jedem alles recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann!"
Außerdem, ich habe Harry Potter gelesen....keine große Kunst und doch so interessant! Die meisten Leser sind keine Literaturwissenschaftler! Wenn man alles zu genau nimmt und sich nach den Forderungen der anderen richtet, ist es nicht mehr das eigene Werk, sondern die erfüllten Vorstellungen der anderen.
Lies dir die Kritik durch, benutze deinen Menschenverstand und schreibe lieber ein neues Stück und wende das an, was du meinst, dass es umsetzbar für dich ist!
Die meisten, die so viel herumkritteln und andere es doch lesenswert finden, schreiben selbst zwar in den richtigen Zeiten, machen alles richtig und doch ist es oft langweilig oder zu kompliziert!
Viele Grüße Ustrarisa
 

Hyazinthe

Mitglied
Danke, Ustrarisa, für deine aufbauenden Worte!

Ich werde sicher einiges von dem, was Ralph angemerkt hat, korrigieren, aber nicht so, dass ich das ganze Stück umkrempele.

Manche seiner Anregungen werde ich auch beim Schreiben weiterer Geschichten beherzigen, denn ich will mich ja verbessern. :)

Ansonsten gebe ich dir Recht: Es ist wichtig, dass man sich selbst vertraut, auch beim Schreiben. Es muss (und kann) ja nicht allen gefallen.

Gruß, Hyazinthe
 

Ustrarisa

Mitglied
JA, was du selbst als richtig erachtest, das wirst du dann auch richtig einbauen! Wenn man sich zu sehr abmüht, alles nach Vorschrift und manchmal nicht nachvollziehbar richtig zu machen, da vergeht einem die Lust am Schreiben und es wird auch nicht mehr gut!
Denke immer daran, du selbst seiest der Leser und was du erwarten möchtest! Die Emotionen beim Schreiben ist eine andere als die des Lesers.
Meine Erfahrung ist es, dass man sein Stück erst einmal runter schreiben muss, liegen lassen, zumindest ein paar Tage und dann wieder vornehmen. Manchmal lasse ich Stücke sogar Monate liegen, krame es wieder hervor und dann kann ich wesentlich objektiver an die Geschichte herangehen. Denn dann bist du eine Leserin.....deine Lesart ist eine andere. Die Gefühle sind runter gespielt und du siehst die Fehler!
Ja, man muss aus den Fehlern lernen. Ich denke nur, wenn einer das Stück so seziert, dann hat er entweder zu wenig zu tun oder es stecken für mich zweifelhafte Gründe dahinter. Man kann nämlich einen guten Schreiber, der nach einer Zeit ein sehr guter Schreiber werden wird, mit so einer Rezension erstens verunsichern und zweitens die Lust verlieren lassen und das manchmal auch mit nicht eingestandener Absicht! Man liest oft die Stücke als Konkurrent und daraus erwachsen solche an den Haaren herbeigezogenen Kritikpunkte. Wenn ich meinen Kinder bei ihren ersten Schreibversuchen auch gesagt hätte, dass sie das alles neu schreiben müssen und mich nicht für den Inhalt gefreut hätte, sie hätten nie mehr geschrieben und heute sind sie sehr gut! Ich finde, dass du sehr gutes Potential hast und du wirst deinen Weg finden und gehen. Alles braucht seine Zeit!Wenn man sich mit Freude der Schreiberei widmet und Ideen hat, bekommt man dieses Fokussieren auf alles, was einem weiter bringt! Vertraue dir!
Liebe Grüße Ustrarisa
 
A

aligaga

Gast
JA, da muss man jetzt durch, mein lieber @Ralph. Ich weiß, wie du dich fühlst, nach all dem Aufwand, den du getrieben hast, weil du einem jungen Ding helfen wolltest, vom Quark weg und hin zur Erzählung zu kommen.

Mach dir nicht allzuviel draus und bleib dem Forum weiter ein treu sorgender Redaktör. Schon die analoge Welt ist voller @Ustrarisas;, erst recht die digitale. Sie zu bekämpfen ist zwecklos; sie wachsen immer wieder neu aus den Ritzen zwischen den Festplatten und werden bis ans Ende der Cyberwelt weiterwuchern, ganz egal, ob man sie beschneidet oder mit Gift bespritzt. Wir müssen mit ihnen leben.

Die Kunst besteht darin, dennoch sinnstiftend zu wirken.

Tröstender Gruß

@aligaga
 

Ji Rina

Mitglied
@ Ustrarisa

--------------------------------------------------------------------
Ich denke nur, wenn einer das Stück so seziert, dann hat er entweder zu wenig zu tun oder es stecken für mich zweifelhafte Gründe dahinter. ............ Man liest oft die Stücke als Konkurrent und daraus erwachsen solche an den Haaren herbeigezogenen Kritikpunkte.
--------------------------------------------------------------------
Diese Sätze, Ustrarisa,
sind sehr gewagt......
 

Ustrarisa

Mitglied
Ja....meine Sätze sind sehr gewagt!! Aber....wer nicht wagt, der nicht gewinnt....ich lebe und betrachte die Dinge nicht mainstreammäßig....und, das oft vergiftete Unkraut entpuppt sich wertvoller und als Heilpflanze, besser als chemisch behandelte Kulturpflanzen! ;)
 
A

aligaga

Gast
Ja....meine Sätze sind sehr gewagt!! Aber....wer nicht wagt, der nicht gewinnt....
Das Dumme ist: Du hast damit nichts gewonnen, @Ustrarisa, sondern

a) Ralph düpiert
b) einer jungen Schreiberin Schmarren erzählt
c) es mit @aligaga verscherzt.

Si tacuisses ...

aligaga
 

Hyazinthe

Mitglied
1
Kevin kaute missmutig an seinem Toast und starrte vor sich hin. Es war halb elf, und er war gerade aufgestanden.
„Hast du die Bewerbung fertig?“ fragte seine Mutter nun schon zum zweiten Mal. Ihre Stimme wurde drängend. „Du weißt doch, die Frist läuft in dieser Woche ab.“
Sie stand an der Spüle und schälte Kartoffeln. Energisch führte sie das scharfe Messer und warf die geschälten Kartoffeln mit einer ungeduldigen Bewegung in das Wasser. Ihre grauen Haare, sonst meistens ordentlich gewellt, standen in Büscheln von ihrem Kopf ab. Der Ärger vertiefte die Falten um ihren Mund herum und ließ ihr hageres Gesicht verhärmt aussehen. Sie wischte sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab und drehte sich zu Kevin um.
„Du kannst doch nicht den halben Tag verschlafen und dann nur rumhängen, Kevin. Das musst du doch einsehen. Und schließlich ist Bäcker ein guter Beruf.“
Kevin verdrehte die Augen, aber so, dass seine Mutter es nicht sah. Er fühlte sich richtig mies: Sein Kopf schien platzen zu wollen, seine Augen brannten und im Mund hatte er einen scheußlichen Geschmack. Kein Wunder, schließlich hatte er gestern mit Lukas und Benny nicht nur ein harmloses Bier getrunken.
"Komm, trink doch einen mit", hatte Lukas immer wieder gesagt, "oder bist du noch ein Baby?" Also hatte er den klaren Wodka aus der Flasche getrunken, obwohl er widerlich geschmeckt hatte. Ihm war immer noch schlecht.
Wenn seine Mutter doch nur aufhören würde herumzukeifen. Er hatte eben keinen Bock auf eine Lehrstelle als Bäcker. Jeden Morgen um vier Uhr aufstehen und ackern, nur damit die Leute zum Frühstück frische Brötchen auf dem Tisch hatten? Lieber würde er Hartz IV beantragen, damit kam man ja anscheinend auch ganz gut über die Runden und brauchte gar nichts zu tun.
„Kevin, ich spreche mit dir. Hörst du mir eigentlich zu?“ Die Stimme seiner Mutter war schrill geworden. Am liebsten hätte Kevin sich die Ohren zugehalten. Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen würde! Immer fing sie wieder damit an. Er konnte doch schließlich nichts dafür, dass seine Bewerbungen bisher immer abgelehnt worden waren. Er wollte nun mal Automechaniker werden, oder wenigstens etwas mit Technik zu tun haben. Er hatte sich ja auch überall im Harz beworben, sogar in Goslar und Braunschweig, obwohl die Städte natürlich viel zu weit weg waren.
Okay, sein Hauptschulabschluss war nicht besonders gut, besonders die Fünf in Mathe war nicht gerade ein Glanzstück. Aber trotzdem! Er kannte alle technischen Details der Automarken und wusste, wie man einfache Sachen in Ordnung brachte. Er hatte oft beim Reparieren von Autos zugesehen, als Benny noch in der Werkstatt von Pavlovski in die Lehre gegangen war, und schon eine ganze Menge gelernt. Aber nun hatte Pavlovski Pleite gemacht, und Benny stand auf der Straße.
Ärgerlich knallte Kevin seine nur halb leer getrunkene Kaffeetasse auf den Tisch, sprang auf und verließ die Küche, ohne auf seine Mutter zu hören, die ihm empört hinterher rief, er solle gefälligst dableiben, wenn sie mit ihm spräche.
In dem düsteren Wohnzimmer - die kleinen Fenster des alten Fachwerkhauses ließen durch ihre geteilten Scheiben nur wenig Licht herein – saß sein Vater auf dem durchgesessenen Ledersofa und sah sich im Sportkanal ein Basketballspiel an.
„Na, Kevin, ist wohl ziemlich spät geworden gestern, was?“, sagte er und warf seinem Sohn einen prüfenden Blick zu.
„Hm, hab' noch mit Benny und Lukas rumgehangen“, antwortete Kevin. Er ließ sich auf das Sofa fallen und streckte die langen Beine von sich.
Insgeheim fand er es ganz beeindruckend, dass sein Vater ganze fünfundvierzig Jahre auf dem Bau durchgehalten hatte, zuerst in der DDR, dann, nach der Wende, auf verschiedenen Baustellen im Westen. Jetzt, mit vierundsechzig Jahren, hatte er Rente beantragt, weil sein Rücken nicht mehr mitspielte.
Verstohlen musterte Kevin seinen Vater. Er fand, er sah alt und verbraucht aus, wie er so dasaß, mager und fast kahl, in ausgebeulten Hosen und einem alten Baumwollhemd. Sein langes Gesicht war zerfurcht von Falten, sein Kinn unrasiert. Doch seine hellen Augen sahen Kevin aufmerksam an, als er ihn jetzt fragte:
„Du, sag mal, dieser Lukas, was ist das eigentlich für einer?“
Kevin wusste, dass sein Vater sich Gedanken machte, mit wem er sich herumtrieb, aber er hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Schließlich war er kein kleines Kind mehr. Und er war nun mal nicht so wie seine beiden älteren Schwestern, die beide schon verheiratet waren und Kinder hatten. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch kamen, gab es ein großes Hallo um die Kleinen. Wie ihn das nervte!
„Der Lukas ist ganz in Ordnung,“ sagte er, „er findet nur nicht die richtige Arbeit, du weißt ja wie das hier ist. Er hat Schreiner gelernt, aber hier in der Gegend gibt’s nichts für ihn. Er hat ein geiles Motorrad, manchmal nimmt er mich mit und wir fahren 'ne Runde.“
Sein Vater nahm die Fernbedienung und stellte den Ton leiser.
"Kevin, hör mal. Ich habe gehört, dass dieser Lukas schon mal was mit der Polizei zu tun hatte. Besser, du triffst dich nicht mehr mit diesem Kerl."
Kevin sprang genervt auf.
„Lasst mich doch alle einfach in Ruhe!“, rief er und stürmte aus der Stube Er knallte die Tür seines Zimmers hinter sich zu und warf sich auf sein ungemachtes Bett. Seine Kopfschmerzen waren noch schlimmer geworden. Vielleicht konnte er noch etwas schlafen, um seinen Kater auszukurieren. Gegen Abend wollte Lukas sich mit ihm und Benny in der Gartenanlage treffen. Er wollte etwas Wichtiges mit ihnen besprechen, hatte er gesagt.Kevin hatte keine Ahnung, was das sein könnte. Jetzt musste er jedenfalls erst mal eine Runde pennen.

2
Benjamin war wütend. Es war nicht ein gewöhnlicher, kurz aufwallender Ärger, nein, die Wut lag wie ein Stein in seinem Bauch, kalt und schwer, und sie war immer da. Er wusste nicht mehr, wie lange schon. Manchmal verwandelte sich der Stein in glühende Kohle, dann loderte seine Wut wie eine heiße Flamme auf und er hatte den Drang, um sich zu schlagen, etwas zu zerstören, jemandem weh zu tun. Benjamin wusste, er musste sich kontrollieren. Zu oft hatten ihn seine Wutausbrüche schon in Schwierigkeiten gebracht.
Er stand vor dem Spiegel im Badezimmer und starrte sich in die Augen. Sie waren blutunterlaufen. Die spärlichen Barthaare zwischen seinen entzündeten Aknepickeln ließen seine Wangen aussehen wie einen schlecht gepflügten Acker. Zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte, und in den Mundwinkeln um seine trockenen Lippen herum zeigten sich Einkerbungen, die ihn missmutig aussehen ließen und alt. Dabei war er gerade mal siebzehn Jahre!
Die grauen Augen sahen ihn aus dem Spiegel unverwandt an. Jede Unebenheit, jeder Makel und jede Rötung in seinem Spiegelbild verhöhnte ihn, flüsterte ihm zu „Du bist hässlich, du bist dumm, du bist wertlos.“
Er starrte so lange, bis seine Augen sich mit Tränen füllten. Gewaltsam riss er schließlich seinen Blick vom Spiegel los und wandte sich ab. Während er heiß duschte, vermied er es, seine mageren Körper anzusehen. Er wusch sich die Haare, stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Nachdem er sich frische Unterwäsche, eine saubere Jeans und das fast neue Kapuzenshirt angezogen hatte, fühlte er sich ein bisschen besser.
Benjamins Mutter saß am Küchentisch und las die Zeitung. Sie schaute kurz auf, als Benjamin eintrat, und lächelte ihn an.
„Gut, dass du an den Kurs gedacht hast“, sagte sie.
Schon ihr freundlicher Tonfall ging Benjamin auf die Nerven. Wie konnte sie nur immer so gut gelaunt sein? Als Verkäuferin im Supermarkt musste sie Tag für Tag immer nur Waren einordnen oder an der Kasse sitzen, musste tun, was ihr Chef ihr sagte und stets freundlich zu den Kunden sein. Und das alles für einen Hungerlohn! Ihr Chef dagegen, der smarte Herr Supermarktleiter, fuhr schon wieder den neuesten Audi. Gestern erst hatte Benjamin ihn gesehen.
Er spürte, wie die Wut in seinem Bauch sich wieder rührte. Verzweifelt versuchte er sich auf seine Cornflakes zu konzentrieren, schüttete Milch und Zucker in die kleine Schüssel und füllte das Müsli mit Bananenstücken und Rosinen auf. Während er heftig in seiner Schüssel rührte, warf er seiner Mutter einen schnellen, aufgebrachten Blick zu. Überhaupt war seine Mutter nicht ganz unschuldig an seiner Wut. Er nahm ihr übel, dass er keinen Vater hatte. Es sei nur eine einzige Nacht gewesen, hatte sie ihm erklärt, sie habe lediglich seinen Vornamen gekannt, und er sei ein netter Kerl gewesen. Sie habe ihn anschließend nie wiedergesehen und nicht gewusst, wo er wohnte.
Verstohlen musterte Benjamin seine Mutter. 'Es hat ihr in all den Jahren anscheinend nichts ausgemacht, allein mit einem Kind zu sein', dachte er erbost, aber er, Benjamin, hatte einen Vater schrecklich entbehrt. Jedes Mal, wenn seine Mutter einen Mann mit nach Hause gebracht hatte, hatte er gehofft, dass sie eine richtige Familie werden würden, aber immer war er enttäuscht worden. Insgeheim glaubte er, dass es seine Schuld war. Wer wollte schon ein fremdes Kind? Schon, als er zum ersten Mal festgestellt hatte, dass ihm etwas fehlte, was für alle anderen Kinder selbstverständlich war, war er wütend geworden. Andere Jungen gingen mit ihren Vätern zum Fußball, fuhren mit Vater und Mutter in den Urlaub, lernten Fahrradfahren und Schwimmen mit ihrem Vater. Nur er nicht.
Mit einer aggressiven Bewegung schob er seine Müslischüssel zur Seite. Seine Mutter schaute auf und sah ihn erstaunt an. Er wich ihren Blick aus und stand auf.
„Fährst du mit dem Fahrrad oder nimmst du den Bus“, fragte sie. „Der Bus geht in einer Viertelstunde, da musst du dich beeilen.“
„Mit dem Rad“, gab er einsilbig zur Antwort. Sie hob die Zeitung.
„Schau mal, Benny, in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Hier ist ein Bild von ihr in der Zeitung“. Seine Mutter hielt ihm die aufgeschlagene Tageszeitung hin und zeigte auf das Bild von einem Mädchen. „Wahrscheinlich hat die Kleine Zoff mit ihrer Familie gehabt und ist abgehauen. Es dauert sicher nicht lange, und sie kommt wieder zurück. Sieh nur, hier steht, die Polizei hat sie die ganze Nacht gesucht, mit Hubschraubern und Suchhunden. So ein Aufwand!“
Benjamin warf einen Blick auf das Foto, ohne zu antworten. 'Typisch', dachte er, 'meine Mutter muss selbstverständlich wieder das Harmloseste annehmen. Wahrscheinlich ist das Mädchen in die Hände eines Kinderschänders gefallen und längst tot, oder ein Erpresser hält sie irgendwo fest. So etwas liest man doch dauernd in der Zeitung. Seine Mutter mit ihrem nervigen Optimismus!'
„Ich fahre dann los“, sagte er. Er achtete nicht auf das freundliche „Tschüss, bis heute Abend“, das seine Mutter ihm nachrief, als er die Haustür hinter sich schloss.
Benjamin hasste es, zu dieser unsinnigen Fortbildung zu fahren. Sie sollten dort lernen, wie man eine Bewerbung richtig schrieb oder wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch verhielt. Als wenn ihm das etwas helfen würde!
Seine Lehre in der Werkstatt von Pavlovski hatte ihm Spaß gemacht. Er hatte sogar angefangen, einen alten Schrottwagen wieder auf Vordermann zu bringen. Gert Raschke hatte ihm dabei geholfen. Als Mechatroniker hatte Gert natürlich schon viel mehr Ahnung als er. Sie hatten vorgehabt, das Auto komplett aus gebrauchten Einzelteilen zusammen zu setzen. Wochenlang hatten sie alle Schrottplätze der Umgebung nach passenden Teilen abgesucht. Er hatte einen großen Teil seines Lehrlingsgehaltes gespart, um den Führerschein machen zu können, jetzt, wo er bald achtzehn wurde. Das Auto wäre so toll geworden! Sie hätten es neu gespritzt, und Benjamin hätte rote und orangefarbene Flammen auf die Kotflügel gemalt.
Aber dann war Pavlovski Pleite gegangen. Zu wenig Kunden im Dorf und der Umgebung, zu wenig Umsatz. Gert und Benjamin saßen auf der Straße. Hartz IV für Gert! Dabei hatte er zwei kleine Kinder, und sein Haus war gerade fertig geworden. Und er, Benjamin wurde in diese unsinnige Fortbildungsmaßnahme gesteckt. Es war so ungerecht! So gemein! Wieder fühlte er den harten Klumpen im Bauch. Es gab keine Mechatroniker-Lehrstelle weit und breit. Sollte er etwa Hotelkaufmann werden oder Friseur? Unmöglich! Außerdem würden sie ihn ohnehin nicht nehmen, so wie er aussah. Mit seinen Pickeln und den strähnigen Haaren.
Erbittert trat Benjamin in die Pedale. Der Wind ließ seine Augen tränen.

3
Seine schwarze Honda-Tourer, Baujahr 2003, 85 kW, war für Lukas nicht nicht nur ein Motorrad, die Maschine war eine Weltanschauung und seine einzige Leidenschaft. Über ein Jahr lang hatte jeden Cent von seinem Lehrlingsgehalt, den er erübrigen konnte, zurückgelegt und hatte sogar zeitweise mit dem Rauchen aufgehört, um sich den Traum vom eigenen Motorrad verwirklichen zu können. Dann hatte er mit achtzehn den Motorradführerschein gemacht, nachdem er auch dafür lange gespart hatte. Sein Betreuer im Heim hatte ihn ermutigt dazu. "Einen Traum im Leben muss jeder haben", hatte er gesagt. Die Lehre als Schreiner hatte Lukas erfolgreich abgeschlossen, obwohl die Arbeit mit Holz ihm keinen Spaß gemacht hatte. Viel lieber wäre er Auto- oder Zweiradmechaniker geworden, aber mit seinem Hauptschulzeugnis hatte er eben nehmen müssen, was er kriegen konnte.
Aber dann, gerade als er gedacht hatte, er könnte endlich richtiges Geld verdienen, wurde er gefeuert. Nicht übernommen, hieß es. Und er stand da mit Hartz 4. Kurz vorher hatte er sich das Motorrad gekauft, mit einem kleinen Kredit von der Bank, an dem er jetzt noch abbezahlte. Es war günstig gewesen, aber reparaturbedürftig und schlecht gepflegt. Er hatte sich die nötigen Ersatzteile besorgt und die Maschine wieder auf Vordermann gebracht. Jetzt war die Honda mit einem Akrapovic-Auspuff ausgestattet, der ihr den unvergleichlichen Sound verlieh, ein Windshield gab ihr das sportliche Gesicht, und die LED-Rückleuchten mit der Klarglasabdeckung hatten richtig viel Geld gekostet. Die Sitzbank hatte Lukas so lange mit Reinigern und Ledermitteln bearbeitet, bis sie aussah wie neu.
Alle Chromteile hatte er gesäubert und poliert, so dass sie wie Silber glänzten. Jedes Mal, wenn Lukas sich seine Motorradkluft anzog, den Helm aufsetzte und auf sein Motorrad stieg, erfüllte ihn ein Gefühl unbändiger Freude. Zwar wusste er oft nicht, wovon er das nächste Benzin bezahlen sollte, aber darüber machte er sich keine großen Gedanken. Schließlich hatte er 'Beziehungen', und mit etwas Glück konnte er immer das nötige Kleingeld beschaffen.
Gut, dass er diesen Typ kennengelernt hatte, damals in der Kneipe in Braunlage. 'Organisier doch einfach ein paar Sachen, ich kaufe dir alles ab', hatte er gesagt. Und es hatte ganz gut geklappt mit dem Organisieren. Dennoch: Sein Hartz IV-Geld reichte gerade aus um über den Monat zu kommen. Gut, das Amt bezahlte die Miete für seine Bude in der schäbigen Mietskaserne, aber Lukas war klar, dass er sich weitere Geldquellen erschließen musste. Der Typ, der ihm die geklauten Sachen abkaufte, drängte ihn, bessere Ware zu liefern, und vor allem mehr. Bisher hatte er vor allem Zigarettenautomaten geknackt und mit seinen Einbrüchen in Schulen oder Kindergärten einige gute Elektroniksachen beschafft, aber das Geld, das er dafür bekam, reichte nicht lange. Er musste sich besser organisieren. Alleine war es schwierig, größere Brüche durchzuziehen, schon wegen des Transportproblems. Er brauchte Helfer. Zwar musste der Gewinn dann geteilt werden, wenn man zu mehreren arbeitete, aber die Ausbeute war ungleich höher.
Heute Abend wollte er Benny und Kevin in seine Pläne einweihen. Die beiden waren genau die Richtigen für ergiebigere Beutezüge. Wenn er ihnen erst einmal beigebracht hatte, wie man Automaten knackte und Fenster aufhebelte, könnten sie zusammen einen ganz schönen Gewinn erzielen. Dann würde es sich auch lohnen, stundenweise einen kleinen Transporter zu mieten, um die Beute zu transportieren. Er müsste den beiden die Sache nur noch schmackhaft machen.
Lukas setzte sich auf den kleinen Falthocker und lehnte sich an die Bretterwand der Gartenlaube. Er steckte sich eine Zigarette an und betrachtete sein Motorrad. Wie schön sie war, seine Honda, dachte er. Andere hatten eine Familie oder Freunde, er hatte seine Maschine. Er stand auf und holte sich eine Flasche Bier aus der Kühlbox, die in dem Gartenhäuschen stand. Wie gut, dass sie dieses Hütte für sich entdeckt hatten. Hier waren sie ungestört, konnten in Ruhe Musik hören, quatschen und rumhängen. Und vor allem, es war das ideale Versteck für die geklauten Sachen. Das Fenster hatte Lukas sorgfältig mit lichtdurchlässigem Papier verklebt, damit man nicht von draußen ins Innere schauen konnte. Das Türschloss war für ihn kein Problem gewesen; nachts sicherte er die Tür mit einem starken Vorhängeschloss. Die Karbidlampe gab abends genug Licht, wenn sie Karten spielen oder einfach nur abhängen wollten. Die Kleingartenanlage sollte bald abgerissen werden, hatte Lukas gehört, die Grundstücke waren alle unbenutzt. Kein Mensch störte sie hier, zumindest vorläufig. Zufrieden nahm Lukas einen Schluck Bier.

4
'Warum brennt Licht in der Hütte', fragte Kevin sich.
Vorsichtig trat er die Brennnesseln nieder, bog die Zweige der verwilderten Rhododendronbüsche auseinander und näherte sich der Hütte. Seine schmutzigen Turnschuhe machten kein Geräusch auf dem sandigen Grasboden, als er über den niedrigen, halb verfallenen Holzzaun stieg und die wenigen Meter zum Fenster des verwahrlosten Gartenhäuschen zurücklegte. Das Holz des Fensterrahmens war rissig, die ehemals grüne Farbe war abgeblättert und nur noch an einigen Stellen zu erahnen. Er spähte durch die vor Schmutz fast blinden Fensterscheiben ins Innere der Hütte. Ein uralter, geblümter Vorhang war vorgezogen worden, an der Seite jedoch war ein Spalt offen geblieben.
Er konnte einen Teil des Raumes einsehen. Auf dem staubigen, verwitterten Holzfußboden stand mitten im Raum eine starke Batterielampe, die das Zimmer in ein unangenehmes weißes Licht tauchte. Auf dem Campingtisch daneben stand eine große Coca Cola -Flasche, daneben lagen auf einem Pappteller belegte Brötchen und ein paar Äpfel. Er konnte außerdem Joghurtbecher und Schokoriegel erkennen. Auf den zwei Plastikstühlen, die an dem Tisch standen, lagen eine wattierte rote Jacke und eine Wolldecke. Das Bett war durch den Spalt, den der Vorhang freiließ, nur teilweise zu sehen.
Ein Mädchen lag auf dem Bett und las in einem Taschenbuch. Daneben auf dem Boden lagen mehrere Comicbücher und Jugendzeitschriften. Das Mädchen war allein. Kevin schätze sie auf etwa zwölf Jahre. Ihm fielen die rotblonden Locken auf, die dem Mädchen zerzaust um den Kopf herum standen.
Er veränderte seine Position um besser sehen zu können. Ein Zweig knackte unter seinem Fuß. Das Mädchen hob den Kopf und lauschte. Hatte sie etwas gehört? Schnell ging er in die Knie und kauerte sich an die Wand unterhalb des Fensters. Er hörte, wie das Mädchen vom Bett aufstand - die alten Drahtfedern des Feldbettes gaben ein quietschendes Geräusch von sich – und zum Fenster ging. Sie schob den Vorhang beiseite und versuchte es zu öffnen. Vergeblich. Dann zog sie den Vorhang sorgsam wieder zu. Nach einer Weile, als er sicher war, dass sie ihn nicht bemerkt hatte, schlich Kevin lautlos davon und lief zu dem Gartenhäuschen am anderen Ende der Gartenanlage,, in dem Lukas und Benny auf ihn warteten

„Aber wenn ich es euch doch sage, es war das Mädchen aus der Zeitung!“ Kevins Stimme klang aufgeregt. „Ich habe sie genau gesehen.“
„Ach, du spinnst ja“, meinte Benny missmutig,. „Was sollte ein kleines Mädchen wohl ganz allein dort in der Gartenlaube machen?“ Lukas lag ausgestreckt auf dem Sofa und blätterte in einer Motorradzeitschrift.
„Was für ein Mädchen aus der Zeitung?“ fragte. Er hatte seine Zeitschrift beiseite gelegt und sah Kevin interessiert an. Sein schwarzes Achselshirt brachte die farbigen Tätowierungen auf seinen muskulösen Oberarmen erst richtig zur Geltung, fand Kevin. Wenn ihm seine Eltern nur auch ein Tattoo erlauben würden, aber dazu waren sie ja viel zu spießig. Er bewunderte die Lässigkeit, mit der Lukas die Asche von seiner Zigarette schnippte und in den übervollen Aschenbecher fallen ließ. Nicht einmal das Rauchen erlaubten ihm seine Eltern, obwohl er schon sechzehn war.
„Hast du es nicht gelesen?“, fragte er, „in Braunlage wird ein Mädchen vermisst. Zwölf Jahre alt. Es war ein Foto in der Zeitung. Und ich bin sicher, dass sie hier ist. In der Hütte weiter hinten. Ich habe sie heute Abend gesehen, als ich durchs Fenster guckte. Sie war es.“
Lukas setzte sich auf. Sein Interesse war geweckt.
„Das ist ja ein Ding“, sagte er. „Benny, weißt du was davon?“
Benny schaute von dem Comic aus, den er gerade las.
„Ja, ich habe heute Morgen das Foto in der Zeitung auch gesehen. Meine Mutter meinte, das Mädchen sei sicher nur von zu Hause weggelaufen wegen irgendwelchem Stress.“
„Und das Mädchen ist hier in einer der Hütten, sagst du, Kevin? Erzähl mal genau, was du gesehen hast, Kleiner“.
Kevin mochte es nicht, wenn Lukas Kleiner zu ihm sagte. Schließlich war er nur ein paar Jahre älter als er. Aber er freute sich, dass er nun die volle Aufmerksamkeit von Lukas besaß.
„Ihr kennt doch die Gartenhäuser am Hauptweg, die einigermaßen in Schuss sind. Als ich eben herfuhr, habe ich Licht gesehen. Und das, wo hier doch gar kein Strom mehr ist. Ich bin hin geschlichen und habe durchs Fenster geschaut. Das Mädchen lag auf dem Bett und hat gelesen. Fast hätte sie mich entdeckt, aber Gott sei Dank ließ sich das Fenster nicht öffnen.“
„Aha“, sagte Lukas, „und sie war ganz allein dort? Das ist wirklich komisch. Was konntest du denn noch erkennen, Kevin, erzähl mal genau. Wie sah es aus in der Hütte?“
Inzwischen hatte auch Benny seinen Comic weg gelegt und hörte
gespannt zu. Kevin erzählte haarklein, was er durch das Fenster beobachtete hatte.
„Interessant“, sagte Lukas. Er starrte Kevin grüblerisch an.
„Sag mal, Kevin, hattest du den Eindruck, dass die Kleine freiwillig dort ist? Oder wird sie gefangen gehalten? Wenn das Fenster sich nicht öffnen lässt und die Tür verschlossen ist, kann sie ja nicht weg. Vielleicht ist sie ja entführt worden? Was meinst du?“ Er war ganz aufgeregt. „Vielleicht gibt es ja so etwas wie einen Finderlohn, wenn wir sie zurückbringen. Schließlich wird sie gesucht.“
Kevin fühlte, wie Lukas' Erregung ihn ansteckte. Auch Benny sah ihn gespannt an.
„Sie war nicht gefesselt oder so. Und es standen leckere Sachen auf dem Tisch. Ich glaube nicht, dass jemand sie gekidnappt und dort eingesperrt hat. Sie sah auch gar nicht ängstlich aus.“ Er schüttelte den Kopf.
„Aber warum sollte sie sich denn in dieser blöden Hütte verstecken“, fragte Benny. "Das ist wirklich komisch“.
Lukas stand auf und drückte seine Zigarette aus. „Das werden wir bald herausfinden“, sagte er entschlossen.

6
Rolf Bergmann war müde und genervt. Die Geburtstagsparty seines Schwagers war so verlaufen, wie die Familienfeiern in der Familie seiner Frau jedes Mal verliefen: es gab ein riesiges Büfett, alberne Partyspiele und viel Alkohol. Letzeres jedoch nicht für ihn, denn er hatte wieder einmal den Fahrdienst übernommen. Seufzend öffnete er beim Einsteigen unauffällig einen Knopf seiner Hose, um bequemer hinter dem Steuer seines Mercedes sitzen zu können.
„Mach doch mal Musik an“, bat Marietta, seine Frau, die sich neben ihm auf dem Sitz räkelte. Sie war in weinseliger Stimmung, was sie regelmäßig veranlasste, unablässig zu quatschen. „Hast du Julias Kleid gesehen, Rolf, Schätzchen? Dieses Muster! Und viel zu eng. Man konnte jedes Speckpölsterchen genau erkennen. Mit ihrer Figur sollte sie doch besser etwas Dezenteres tragen. Und dieses Dekolletee? Unglaublich!“
Sie kicherte. Dann gähnte sie herzhaft und Rolf hoffte, dass sie bald schläfrig werden würde und aufhören zu reden. Er drehte das Radio an. 'Nights in white satin' von den Moody Blues erklang. Endlich anständige Musik, dachte er.
Die kurvige Straße führte bergab in einem stellenweise starken Gefälle, so dass man ständig bremsbereit sein musste. Jetzt um diese Zeit war auf der B4 nur wenig Verkehr, und Rolf fuhr zügig, ohne allerdings die erlaubten achtzig Stundenkilometer weit zu überschreiten.
Als plötzlich die Gestalt aus dem Dunkel im Kegel des Scheinwerferlichtes auftauchte, reagierte er vorbildlich. Er bremste und versuchte, nach links auszuweichen, konnte aber nicht verhindern, dass das Auto mit dem rechten vorderen Kotflügel die Person im hellen Pullover streifte. Sie wurde zu Boden geschleudert und blieb am Straßenrand liegen. Rolf fuhr rechts ran und hielt an. Sein Herz raste, seine Hände umfassten völlig verkrampft das Lenkrad und er merkte erst jetzt, dass er die Luft anhielt.
„Was ist?“, fragte Marietta und setzte sich auf. „Warum halten wir?“ Sie war wohl eingedöst und hatte von dem Unfall nichts mitbekommen.
Rolf war unfähig zu antworten. Er stellte den Motor ab, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Seine Knie zitterten. Etwa fünf Meter hinter dem Auto sah er das Unfallopfer liegen. Es bewegte sich. 'Gott sei Dank', dachte Rolf. Schnell ging er zu der Person und kniete sich neben sie nieder. 'Oh Gott, das ist ja ein Kind! Ein kleines Mädchen!' Die Kleine versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Sie sah ihn verständnislos an.
„Hast du dir wehgetan? Komm, ich helfe dir aufstehen. Geht's?“ Rolf Bergmann atmete erleichtert auf, als er sah, dass das Mädchen aufstehen konnte. Offensichtlich war sie nur ein wenig benommen von dem Aufprall gegen das Auto. Jedenfalls schien sie nicht ernsthaft verletzt zu sein.
„Am besten, du setzt dich erst einmal ins Auto. Wo bist du denn so plötzlich hergekommen? Und was machst du hier, mitten in der Nacht?“
Er führte das Kind zum Wagen, öffnete die hintere Tür und schob sie vorsichtig auf den Rücksitz. „Tut dir irgendetwas weh? Am besten, wir bringen dich ins Krankenhaus. Einverstanden?“
Marietta war inzwischen halbwegs nüchtern geworden. Sie stieg aus dem Auto aus und setzte sich hinten auf die Rückbank zu dem Kind.
„Na, da hast du uns aber einen schönen Schrecken eingejagt, meine Kleine. Aber Gott sei Dank ist dir ja wohl nichts Schlimmes passiert, oder?“
Sie knipste die Innenbeleuchtung an und betrachtete das Mädchen.
„Oh Gott, du blutest ja! Wo hast du dich denn verletzt? Am Arm? Oder an der Hand? Da ist Blut auf deinem Shirt.“
Das Mädchen sah sie nur verständnislos an. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie fing an haltlos zu schluchzen. Marietta tätschelte tröstend ihre Schulter.
„Fahr los, Rolf!“

7
Kommissar Winter runzelte die Stirn. Dann hob er den Blick von der Akte, die aufgeschlagen vor ihm lag und musterte das Ehepaar, das in seinem Büro ihm gegenüber saß.
„Es tut mir Leid, Dr. Franke, dass ich Sie und Ihre Frau heute noch einmal hierher bitten musste. Es ist mir durchaus bewusst, was Sie in den letzten Tagen durchgemacht haben müssen. Aber wir müssen Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Dr. Dietmar Franke war Facharzt in der Kurklinik in Bad Harzburg, fünfundvierzig Jahre alt, schlank und sportlich, mit graumeliertem dunklem Haar und randloser Brille. So stellt man sich einen erfolgreichen Chefarzt vor, dachte Winter.
Seine Frau, die neben ihm saß und nervös ihre rot lackierten Finger knetete, ergänzte ihn äußerlich aufs Vortrefflichste: ein hübsches, sorgfältig zurecht gemachtes Gesicht, in dem die großen graublauen Augen das Bemerkenswerteste waren, sorgfältig frisierte rotblonde Haare, die in weichen Wellen das blasse Gesicht umrahmten, geschmackvolle modische Markenkleidung, teure italienische Schuhe.
„Aber wieso denn? Wir haben Ihnen doch alles gesagt. Jennifer ist völlig erschöpft und braucht jetzt Ruhe. Bei dem Unfall hat sie sich etliche Hämatome zugezogen. Was wollen Sie denn noch von ihr?“
Dr. Dietmar Franke wirkte ungehalten. Verständlich, dachte Winter. Das Verschwinden der kleinen Jennifer hatte den ganzen Polizeiapparat in Bewegung gesetzt, ohne Erfolg. Die Eltern mussten zwei schlaflose Nächte gehabt haben vor Sorge um ihre Tochter. Und dann die Blamage. Nicht nur, dass seine Tochter, nachdem sie endlich gefunden worden war und seine Frau und er sie erleichtert in die Arme schließen konnten, gestanden hatte, dass sie aus Angst, ihre Eltern könnten wütend sein wegen ihres schlechten Schulzeugnisses, von zu Hause weggelaufen war und sich in der Gartenlaube der Familie ihrer Freundin versteckt hatte. Sie hatte auch noch zugegeben, dass sie die Unterschrift ihres Vaters auf den blauen Briefen, die dem Zeugnis vorangegangen waren, gefälscht hatte. Dies alles musste dem angesehenen Chefarzt natürlich mehr als peinlich sein, dachte Winter, warf es doch ein bedenkliches Licht auf die Erziehungsmethoden des Ehepaares, die offensichtlich geprägt waren von Leistungsdruck und Strenge.
„Es geht jetzt um eine andere Sache, Doktor Franke.“ Winter richtete sich zu seiner vollen Größe auf und straffte die Schultern, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen. „ In der Gartenlaube, in der sich Ihre Tochter versteckt gehalten hat, ist eine Leiche gefunden worden. Die Leiche eines jungen Mannes.“
Entsetzt starrte das Ehepaar den Kommissar an. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen.
Franke fand als Erster seine Sprache wieder.
„Eine Leiche? Um Gottes Willen! Was für eine Leiche?“
„Wir haben sie noch nicht identifiziert, der junge Mann hatte keine Papiere bei sich. Aber die Spurensicherung ist dabei, die Gartenlaube und die gesamte verlassene Laubenkolonie auf Spuren zu untersuchen. Deshalb müssen wir Sie auch bitten, die Kleidung, die Jennifer gestern getragen hat, der KTU zur Verfügung zu stellen. Und ich muss Ihre Tochter noch einmal befragen.“
Caroline Franke hatte sich noch nicht von dem Schock erholt und saß völlig regungslos kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie musste sich erst einmal räuspern, bevor ihre Stimme ihr gehorchte. „Wie ist er denn zu Tode gekommen, dieser junge Mann? Und was hat Jennifer mit ihm zu tun?“
„Über die Todesursache darf ich Ihnen nichts sagen. Und was Jennifer damit zu tun hat, das versuchen wir gerade herauszufinden. Deshalb muss ich Ihre Tochter sprechen, das sehen Sie doch ein, oder?“
„Selbstverständlich, Herr Kommissar.“ Franke hatte sich wieder in der Gewalt. „Aber Sie erlauben doch, dass ich zuerst unseren Anwalt, Herrn Dr. Grünwald anrufe, damit er bei der Befragung dabei sein kann.“
„Selbstverständlich, Dr. Franke. Und selbstverständlich können Sie als Jennifers Eltern auch dabei sein, Jennifer ist ja erst zwölf Jahre alt.“

Der Vernehmungsraum war unpersönlich und zweckmäßig eingerichtet. An dem großen Tisch in der Mitte saßen sich Hauptkommissar Winter, seine Kollegin, Kommissarin Anette Hilvers, und Jennifer gegenüber. Neben Jennifer hatte ihre Mutter Platz genommen, die die Hand ihrer Tochter in der ihren hielt, etwas weiter hinten saßen Jennifers Vater und der Anwalt.
Auf dem Tisch stand ein Aufnahmegerät mit Mikrofon und eine Videokamera, die die Befragung aufzeichneten. Eine einseitige Milchglasscheibe erlaubte von außen den Blick in den Raum.
Winter strich sich mit der Hand über sein Kinn und musterte das Mädchen vor ihm. Jennifer saß gerade und angespannt auf ihrem Stuhl und schaute zu Boden. Was für ein hübsches Kind, dachte Winter. Sie hat die Schönheit ihrer Mutter geerbt: Dieselben rotblonden Locken, die weiße Haut, die bei Jennifer auf dem Nasenrücken einige kleine Sommersprossen aufwies. Flüchtig musste er an seine eigene Tochter denken, die mit ihren fünfzehn Jahren alles tat, um möglichst hässlich auszusehen: blau gefärbte Haare, die sie an den Seiten abrasiert hatte, schwarz umrandete Augen und schwarze Lippen. Das ist nur die übliche rebellische Phase in der Pubertät, hatte seine Frau versucht ihn zu beruhigen, sie protestiert gegen die Spießigkeit und Bürgerlichkeit ihrer alten Eltern. Das geht vorbei. Er konnte nur hoffen, dass sie recht hatte, seine Frau.
„Möchtest du vielleicht etwas trinken, Jennifer? Eine Cola vielleicht oder ein Glas Tee?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Kurz trafen sich ihre Blicke. Winter war erschüttert über den Ausdruck in den großen graublauen Augen. Woher kam diese abgrundtiefe Verzweiflung?
„Jennifer, du weißt, warum du hier bist?“
Wieder ein Kopfschütteln, wieder dieser Blick.
„Du brauchst keine Angst zu haben, Jennifer. Deine Eltern sind bei dir, es kann dir nichts passieren. Okay?“
Stummes Kopfnicken.
„Ich werde dir jetzt alles sagen, was ich über den Ablauf der letzten Tage weiß, der Reihe nach, und du korrigierst mich, wenn etwas falsch ist, in Ordnung? Und bitte, du musst mir laut antworten, damit dich alle hören können, ja?“
„Ja“. Unglaublich klein und zaghaft klang die Stimme des Kindes.
„Gut. Also: Fangen wir an dem Tag an, an dem es Zeugnisse geben sollte. Du gehst ja aufs Gymnasium in Bad Harzburg, in die 7. Klasse, nicht wahr?“
„Ja.“
„Du bist an diesem Tag aber nicht zur Schule gefahren wie üblich, sondern bist mit dem Fahrrad in diese verlassene Gartenlaubenkolonie bei Braunlage gefahren, zu dem Gartenhäuschen, das den Eltern deiner Freundin gehört. Wie heißt sie noch, deine Freundin?“
„Sandra Meinert“.
„Woher kanntest du denn diese Gartenlaube?“
„Wir haben einmal Sandras Geburtstag dort gefeiert, mit Grillen und so.“ Die Stimme des Mädchens hatte an Festigkeit gewonnen. Sie wagte es, den Kommissar offen anzusehen.
„Es ist ganz schön weit von Bad Harzburg nach Braunlage, mehr als zwanzig Kilometer. Und meistens geht es bergauf. Bist du denn nicht müde geworden? Oder hungrig und durstig?“
„Ach, das ging schon. Ich habe öfter Pause gemacht. Ich hatte mir eine Flasche Cola und belegte Brötchen und ein paar Joghurts gekauft für unterwegs. Und ein paar Äpfel. Ich wollte ja länger dort bleiben in der Hütte.“
Jennifer hatte ihre Hand aus der ihrer Mutter gelöst und sah wieder zu Boden. Caroline Franke legte demonstrativ den Arm um die Schulter ihrer Tochter.
„Aber das hat Jennifer doch schon alles auf der Polizeistation erzählt. Herr Kommissar“, sagte sie, „ist es denn wirklich nötig, alles noch einmal zu wiederholen?“ In ihrer Stimme lag sowohl Sorge als auch Ungeduld.
„Frau Franke, ich verstehe Ihre Bedenken, aber ich muss Sie bitten, die Befragung nicht zu unterbrechen.“
Winter war verärgert. Nun musste er das Vertrauen des Kindes, das gerade aufgekeimt war, neu gewinnen.
„Also, Jennifer. Du hattest dir Proviant besorgt für die Fahrt und für die Zeit, die du in der Hütte verbringen wolltest. Gut. Dann hast du es dir in der Laube gemütlich gemacht. Wie bist du denn hineingekommen? Hattest du einen Schlüssel?“
„Nein, aber ich wusste, wo der Schlüssel versteckt war: Unter einer Blumenschale neben der Tür. So haben Sandras Eltern das immer gemacht.“
„Hm, kein besonders kluges Versteck, oder?“
Ein kleines Lächeln huschte über Jennifers Gesicht. „Nein, wirklich nicht“, bestätigte sie.
„Wie lange wolltest du denn in der Laube bleiben? Es war doch bestimmt sehr langweilig dort, oder?“
„Ich wollte zwei Tage dort bleiben. Ich hatte mir was zum Lesen mitgenommen. Und mein iPod mit meiner Musik hatte ich auch dabei.“
„Dein Handy hast du zu Hause gelassen. Warum?“
Jennifer warf einen verstohlenen Blick auf ihre Mutter, die den Arm wieder von ihrer Schulter genommen hatte.
„Ich wusste aus dem Fernsehen, dass man Handys orten kann. Und ich wollte nicht, dass die Polizei mich findet. Ich wäre ja von alleine wieder nach Hause gekommen.“
„Du hast auf der Polizeistation gesagt, dass du Angst hattest, deine Eltern könnten böse sein wegen deines Zeugnisses. Weil du nicht versetzt wirst. Wäre das denn so schlimm gewesen? Viele Schüler müssen ein Schuljahr wiederholen, da ist doch nichts dabei.“
„Ja, schon...“ Jennifer warf einen scheuen Blick zu ihrem Vater hinüber.
„Nun, dich bedrückt doch noch etwas, Jennifer. Heraus damit, nur Mut“.
„Ich habe gehört, wie Papa zu Mama sagte, wenn ich nicht versetzt werde, müsste ich in ein Internat. Schließlich könne es nicht angehen, dass seine Tochter das Abitur nicht schaffte.“ Trotzig presste sie die Lippen aufeinander. „Und ich wollte ihnen zeigen, wie es ist, wenn ich nicht mehr da bin.“
Winter merkte, dass Jennifers Vater sich anschickte, etwas zu sagen, und hob warnend die Hand. Der Anwalt legte beruhigend die Hand auf Frankes Arm und flüsterte ihm etwas zu. Der Arzt beruhigte sich.
„Also: Jetzt warst du in der Laube. Hattest du denn gar keine Angst, als es dunkel wurde?“
„Ja, schon ein bisschen. Aber ich bin da auf der Liege sehr schnell eingeschlafen. Ich war ziemlich müde.“
„Und den nächsten Tag hast du damit verbracht, zu lesen, etwas zu essen, Musik zu hören und herum zu faulenzen, ist das richtig?“
Wieder huschte ein Lächeln über die kindlichen Züge.
„Ja, so war es“.
„Und dann wurde es wieder Abend. Was ist dann passiert?“
Jennifers Gesicht verschloss sich. Wieder trat dieser verängstigte Ausdruck in ihre Augen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her.
„Du musst uns alles erzählen, was passiert ist in dieser Nacht, Jennifer.“ Kommissar Winter gab seiner Stimme einen eindringlichen Ton. Das Mädchen starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß unablässig die Finger kneteten.
„Jennifer, wir haben auf deinem Sweatshirt, das du gestern getragen hast, Blut gefunden. Das Blut stammt nicht von dir. Bitte erkläre uns, wie das Blut auf dein Shirt geraten ist.“
Jennifer richtete sich auf und holte tief Luft. Aufgeregt biss sie sich auf die Lippen. Dann sah sie den Kommissar offen an.
„Ich hatte schon geschlafen. Da hörte ich plötzlich Geräusche an der Tür. Es war ganz dunkel in der Hütte. Ich hatte solche Angst! Dann ging plötzlich die Tür auf und drei Männer kamen herein. Sie hatten Taschenlampen und leuchteten mir damit ins Gesicht. Zuerst konnte ich nichts sehen. Sie leuchteten mit den Taschenlampen in der Hütte herum. Einer kam auf mich zu. Ich lag ja auf der Liege. Er hatte eine Maske auf, so eine Skimaske. Alle hatten solche Masken auf. Der eine packte mich an den Haaren und zerrte mich hoch. Er hatte ein Messer. Das hielt er mir vors Gesicht. Ich habe laut geschrien. Da hat er mir den Mund zugehalten und mich auf den Stuhl am Tisch gesetzt. „Sei still“, hat er gesagt, ganz nah an meinem Ohr, „sonst mach ich dich kalt, du Göre“.
Jennifer rutschte auf ihrem Stuhl unruhig ihn und her. Ihre Mutter nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. „Mein armes Kind“, murmelte sie, „meine arme Kleine“.
Es klopfte an der Tür. Winter unterdrückte einen Fluch. Ein Polizeibeamter betrat den Vernehmungsraum und legte eine Akte vor den Kommissar auf den Tisch. Der seufzte und schlug die Akte auf. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Notiz zu lesen.
„Entschuldigen sie, ich komme gleich wieder. Meine Kollegin übernimmt solange die Befragung.“ Er nickte der Kommissarin zu und verließ mit schnellen Schritten den Raum.
Anette Hilvers brauchte nur einen Moment, um sich auf ihre neue Rolle zu konzentrieren. Sie lächelte Jennifer freundlich an.
„Jennifer. Es ist gut, dass du uns alles erzählst. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht für dich ist. Also: drei maskierte Männer kamen mitten in der Nacht in die Gartenlaube, wo du gerade geschlafen hast. Wie ging es dann weiter?“
„Ich... ich weiß es nicht mehr so ganz genau. Ich hatte schreckliche Angst.“
„Das kann ich gut verstehen, Jennifer. Trotzdem, versuche dich zu erinnern, was geschehen ist.“
„Der eine Mann hielt mich auf dem Stuhl fest, mit dem Messer in der Hand. Die beiden anderen liefen herum und warfen alles durcheinander. Dabei lachten sie und sagten irgendetwas.“
„Kannst du dich erinnern, was sie sagten?“
„Irgendetwas von, dass hier nichts zu holen ist, alles nur Schrott, ja, Schrott, sagte der eine. Und dann sagte einer: Mal sehen, vielleicht bringt die Kleine uns ja was.“
„Und dann, was ist dann passiert, Jennifer?“
Das Kind war wieder aufgesprungen, ganz in der Erinnerung gefangen.
„Der Mann, der mich festhielt, nahm einen von meinen Äpfeln, die auf dem Tisch lagen, und fing an ihn aufzuessen. Das Messer hatte er auf den Tisch gelegt. Ich nahm das Messer und habe es ihm in den Bauch gestochen. Da hat er mich losgelassen und ich bin ganz schnell zur Tür gelaufen und hinaus. Ich habe gehört, wie einer der Männer hinter mir herkam und habe mich hinter einem der Büsche versteckt, bis er wieder zur Hütte zurückging. Dann bin ich zur Hauptstraße gelaufen. Ich hatte solche Angst, dass sie doch noch hinter mir herkommen. Dann bin ich vor das Auto gelaufen.“
Erschöpft ließ sie sich auf den Stuhl sinken und fing an zu weinen. Ihre Mutter legte sanft ihren Arm um sie. Jennifer barg ihr Gesicht an der Schulter ihrer Mutter.
„Komme ich jetzt ins Gefängnis, Mama?“ Nur undeutlich war die Kinderstimme zu verstehen.
„Nein, ganz sicher nicht, Jennifer“, versuchte Anette Hilvers das Mädchen zu beruhigen. „Kinder kommen nicht ins Gefängnis.“
Hauptkommissar Winter kam wieder in den Raum und setzte sich auf seinen Platz. Er hatte von außen die Vernehmung verfolgt, während er sich von seinen Kollegen über die neuesten Ermittlungsergebnisse hatte informieren lassen. Nun übernahm er wieder die Leitung.
„Danke, Jennifer. Es war sehr tapfer von dir, dass du uns alles so gut geschildert hast. Deine Eltern können dich jetzt mit nach Hause nehmen.“
Winter stand auf und räusperte sich.
„Herr und Frau Franke, ich setzte Sie jetzt von dem aktuellen Stand der Ermittlungen in Kenntnis.
Die Kollegen haben in einer der verlassenen Hütten des Schrebergartens Diebesgut sichergestellt und durch die dort gefundenen Fingerabdrücke einen vorbestraften Kriminellen dingfest gemacht. Der Verdächtige ist inzwischen verhaftet worden. Es handelt sich um einen gewissen Lukas Möhlenkanp. Er hat den Hergang der Tat so geschildert, wie Jennifer vorhin. Allerdings behauptet er, sie seien nur zu zweit gewesen. Dieser Punkt muss noch geklärt werden. Das wäre alles. Ich danke Ihnen für ihre Kooperation.“
Er erhob sich und verließ zusammen mit seiner Kollegin den Raum.

8
Kevin hatte an dem Abend lange nicht einschlafen können.
Unruhig hatte er sich hin und her gewälzt. Immer wieder musste er an das viele Blut denken, das aus der Stichwunde, die das Mädchen Benny zugefügt hatte, hervorgequollen war. Wahrscheinlich hätte er das Messer nicht herausziehen dürfen, aber es hatte so entsetzlich ausgesehen, wie es aus Bennys Bauch herausgeragt hatte. Und dann wollte die Wunde gar nicht mehr aufhören zu bluten, der ganze Boden, auf dem Benny lag, war schon voll gewesen von seinem Blut. Das Messer, das Kevin fallen gelassen hatte, lag mitten darin.
Als Lukas, der hinter dem Mädchen hergelaufen war, wieder in die Hütte gekommen war, hatte er zuerst nur geglotzt. Sie waren beide völlig geschockt gewesen und hatten nicht gewusst, was sie tun sollten. Entsetzt hatten sie zugesehen, wie Benny angefangen hatte zu zucken, seine Beine und sein ganzer Körper: es war schrecklich gewesen. Seine Augen hatten sich verdreht und er war kreideweiß geworden im Gesicht. Dann war er plötzlich ganz still geworden.
Lukas hatte sich über ihn gebeugt um zu sehen, ob er noch atmete. Nach einer Weile hatte Lukas gesagt: „Da ist nichts mehr zu machen.“ Dann hatte er sich umgesehen. „Hier sind jetzt überall unsere Fingerabdrücke. Meine kennt die Polizei, Bennys werden sie auch identifizieren, aber deine sind nicht registriert. Das ist gut für dich.“ Mit einem prüfenden Blick hatte er Kevin gemustert. „Du musst die Klamotten, die du jetzt anhast, verschwinden lassen. Sicher ist Blut daran oder irgendwelche anderen Spuren.“ Kevin hatte wie gelähmt dagestanden. Er hatte es nicht fassen können, dass Benny tot sein sollte. Er war doch sein bester Freund gewesen. „Komm jetzt, Kevin“, hatte Lukas gedrängt, „wir müssen hier verschwinden.“
„Wir können Benny doch nicht hier einfach liegen lassen!“, hatte Kevin protestiert, aber Lukas hatte ihn mitgezogen und sie waren so schnell wie möglich zu ihrer Hütte gelaufen. Dort hatte Lukas schnell einige Sachen zusammengepackt und sie in die Satteltaschen seines Motorrades gesteckt.
„Hör zu, Kevin.“ Lukas hatte ihn an den Schultern gepackt und geschüttelt. „Du fährst jetzt mit dem Fahrrad nach Hause. Ich komme mit dem Motorrad hinterher. Ich stelle es bei euch in der Garage unter, hörst du? Du musst auf mein Motorrad aufpassen.“
Kevin war verwundert gewesen. „Warum das denn?“, hatte er gefragt.
„Das Mädchen wird jetzt sicher zur Polizei gehen. Wir haben zwar nichts Schlimmes getan, aber Benny ist tot, und sie kommen mir sicher auf die Spur, weil ich vorbestraft bin. Dann werden sie mich verhören, und ich werde sagen, dass ich allein mit Benny in die Hütte zu dem Mädchen gegangen bin. Dass wir ihr nur einen kleinen Schrecken einjagen wollten. Auf dem Messer sind ihre Fingerabdrücke, das ist ein Beweis, dass sie Benny erstochen hat.“ Lukas hatte ihn eindringlich angesehen.
„Ich halte dich aus dem Schlamassel raus, Kevin. Dafür musst du auf mein Motorrad aufpassen, versprochen? Ich bleibe bestimmt nicht lange im Knast, und ich will nicht, dass sie mir mein Motorrad wegnehmen. Alles klar?“ Kevin hatte gar nicht richtig verstanden, was Lukas meinte, nur, dass er ihn aus allem heraus halten wollte. Er hatte genickt und Okay gesagt.
Kevin hatte sich zu Hause umgezogen und die Jeans und den Pullover, den er getragen hatte, in die Mülltonne gestopft. Dann war er ins Bett gegangen. Seine Eltern hatten von alldem nicht mitgekriegt, sie schliefen schon seit Stunden.
Wieder wälzte Kevin sich auf die andere Seite. Immer wieder musste er an Benny denken. Er spürte kaum, wie ihm die Tränen aus den Augen liefen.

9
Zwei Jahre später

Kevin kam mit einem großen Korb frisch gebackener Brötchen in den Verkaufsraum der Bäckerei. Er schüttete die duftenden Backwaren in die dafür vorgesehene Mulde unter der Glasscheibe des Tresens. Maja, die Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin, wie ihr offizieller Titel lautete, lächelte ihn an. Ihre Wangen bekamen dabei diese unglaublichen Grübchen, in die Kevin sich sofort verliebt hatte, als sie vor ein paar Wochen beim Bäcker Riesenbeck angefangen hatte. Und in ihre lockigen braunen Haare, die sie jetzt zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, der bei jeder Kopfbewegung lustig hin und her wippte. Ganz zu schweigen von ihren haselnussbraunen Augen unter den endlos langen geschwungenen Wimpern!
„Na, Kevin“, begrüßte sie ihn fröhlich, „wieder mal in aller Herrgottsfrühe gearbeitet?“
„Och“, sagte er, „das ist gar nicht so schlimm. Dafür hat man nachmittags eher frei.“ Er war trotz seines wild klopfenden Herzens drauf und dran, sie zu fragen, ob sie nicht mit ihm ins Kino gehen möchte, das übliche Anmach-Ritual eben, da klingelte die Türglocke und ein Kunde betrat den Verkaufsraum. Ärgerlich über die unliebsame Unterbrechung, warf Kevin ihm einen Blick zu und erstarrte. Es war Lukas.
Seit den Ereignissen vor zwei Jahren hatte Kevin ihn nicht mehr gesehen. Aus der Zeitung hatte er von seiner Verhaftung erfahren und dass er wegen der Einbruchsdiebstähle, die man ihm nachweisen konnte, und des Überfalls auf das Mädchen in der Hütte zu zwanzig Monaten Jugendknast verurteilt worden war.
„Hallo Kevin“, sagte Lukas.
„Hallo Lukas“, brachte Kevin mit Mühe heraus. Er war überrascht, wie gut Lukas aussah. Er hatte seine Haare wachsen lassen und sah viel jünger aus als damals. Kevin hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil er ihn nie besucht hatte in der JVA, aber er hatte sich einfach nicht getraut. Dabei hatte Lukas es tatsächlich geschafft, ihn aus der ganzen schrecklichen Geschichte herauszuhalten, indem er steif und fest behauptet hatte, er wäre mit Benny allein zu der Hütte mit dem Mädchen gegangen, obwohl das Mädchen von drei Männern gesprochen hatte. Zuletzt hatte man wohl angenommen, sie hätte sich getäuscht bei all der Aufregung. Benny! Plötzlich waren all die Bilder wieder da. Auch die von der Beerdigung, an der die meisten Dorfbewohner teilgenommen hatten. Kevin hatte noch Bennys Mutter vor Augen, wie sie so herzzerreißend geweint hatte.
„Du weißt, weshalb ich hier bin, Kevin?“
„Ja, natürlich. Das Motorrad! Es ist genau da, wo du es hingestellt hast, Lukas. Unversehrt. Ich habe es mit einem Laken zugedeckt, damit es nicht verstaubt.“ Kevin hatte verstanden, dass Lukas' Besitz, hätte er welchen gehabt, als Schadensersatz für seine Diebstähle verwendet worden wäre, und dass er deshalb sein Motorrad in Sicherheit gebracht hatte. Seine Honda war nun mal sein Ein und Alles.
„Gut“, sagte Lukas, „dann lass es uns holen.“
Kevin wagte nicht zu fragen, wie es im Gefängnis gewesen wäre, auch nicht, wie es ihm jetzt ginge, als er nach der fadenscheinigen Entschuldigung, ihm sei plötzlich schlecht geworden, mit Lukas den kurzen Weg zum Haus seiner Eltern ging.
„Was hast du denn jetzt vor, Lukas?“ fragte er schließlich.
„Weiß ich noch nicht.“ Lukas entfernte das Laken von dem Motorrad und strich mit den Fingern liebevoll, fast zärtlich über die Maschine. Dann holte er seine Motorradkluft aus den Satteltaschen und zog sie an. Seine Jeans und die anderen Kleidungsstücke verstaute er wieder in den Taschen.
Vorsichtig schob er die Honda aus der Garage auf die Straße, wo die Sonne die Chromteile hell aufblitzen ließ. Er setzte den Helm auf und schwang sich in den Sattel.
„Wo willst du denn jetzt hin, Lukas?“, fragte Kevin.
„Mal sehen. Erst einmal fahre ich jetzt weg. Irgendwohin.“ Er drückte auf den Anlasser, und der Motor heulte gehorsam auf, als wären nicht fast zwei Jahre seit dem letzten Mal vergangen.
„Mach's gut, Lukas“, sagte Kevin. Lukas hob die Hand zum Abschied und brauste los. Kevin sah ihm hinterher, bis das Motorrad hinter der Kurve verschwand.
 

Ciconia

Mitglied
Alles Quark, @aligaga:

a) Glaubst Du nicht, dass Ralph sich selbst wehren kann (wenn er denn überhaupt will)?
b) Die Schreiberin ist nicht jung.
c) Ich lach mich schlapp! Was wäre daran schlimm? Du selbst hast es doch schon mit (fast) allen verscherzt.

Ciconia
 

Oben Unten