Das Mädchen mit den Zöpfen

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Ciconia

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Das kleine Mädchen mit den stramm geflochtenen Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Ich sei ja immer artig“, erwidert Karla und kichert. Natürlich weiß sie schon lange, dass es „ich bin“ heißt, aber sie findet „ich sei“ lustiger. Manchmal verbessert die Mama sie, dann freut sich Karla diebisch, dass ihr der Spaß gelungen ist.

„Artig sein“ heißt für Karla jetzt, dass sie ein paar Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das Alleinsein nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Mama, Papa und sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, hat die Mama gesagt. Karla freut sich sehr auf die Schule, denn sie möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um der Mama im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über so allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama mussten noch im Krieg ihre Heimat verlassen. Karla wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie die Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, stellt sich Karla vor. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne zu. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut sie auf einem Zopfende herum, das macht sie immer, wenn sie in Gedanken ist. Gut, dass Mama es nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu, deswegen heißen sie auch so. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsfiguren aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Karla baut sich einen großen Tiergarten mit einem Zaun. Die Tiere laufen hin und her, versuchen über den Zaun zu klettern – aber Karla passt auf. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist das Mädchen eine lange Zeit beschäftigt.

Karla möchte als nächstes mit ihrer neuen Puppenstube spielen. Der Papa hat sie selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln. Sie ist sehr stolz darauf. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Das ging ganz einfach, und wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Das Mädchen ist so in das Spiel versunken, dass es die Mama gar nicht zurückkommen hört. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, sagt die Mama und reißt Karla damit aus ihrer Traumwelt. Das Mädchen räumt die Spielsachen in den kleinen Schrank im Flur, in dem alles aufbewahrt ist, was nur ihr gehört. Viel ist es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Mehlspeisen oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Karla findet es gar nicht schön, dass die Omi immer so schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch ganz lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und Papa ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Manchmal geht Papa auch mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gerne einen kleinen Bruder und streut immer Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, hat Mama gesagt. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat sich Karla überlegt.

Das Mädchen wird jetzt ein bisschen unruhig. Sie fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und Karla eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat gleich fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um nicht im Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass sich Papas Schritte heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt ein bisschen. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.
 

Ciconia

Mitglied
Das kleine Mädchen mit den Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Ich sei ja immer artig“, erwidert Karla und kichert. Natürlich weiß sie schon lange, dass es „ich bin“ heißt, aber sie findet „ich sei“ lustiger. Manchmal verbessert die Mama sie, dann freut sich Karla diebisch, dass ihr der Spaß gelungen ist.

„Artig sein“ heißt für Karla jetzt, dass sie ein paar Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das Alleinsein nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Mama, Papa und sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, hat die Mama gesagt. Karla freut sich sehr auf die Schule, denn sie möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um der Mama im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über so allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama haben ihre Heimat verloren und fast alles, was ihnen gehört hat. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst. Sie wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie die Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, stellt sich Karla vor. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne nach. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut sie auf einem Zopfende herum, das macht sie immer, wenn sie in Gedanken ist. Gut, dass Mama es nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu, deswegen heißen sie auch Margarinefiguren. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsfiguren aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Karla baut sich einen großen Tiergarten mit einem Zaun. Die Tiere laufen hin und her, versuchen über den Zaun zu klettern – aber Karla passt auf. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist das Mädchen eine lange Zeit beschäftigt.

Karla möchte als nächstes mit ihrer neuen Puppenstube spielen. Der Papa hat sie selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln. Sie ist sehr stolz darauf. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Das ging ganz einfach, und wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Das Mädchen ist so in das Spiel versunken, dass es die Mama gar nicht zurückkommen hört. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, sagt die Mama und reißt Karla damit aus ihrer Traumwelt. Das Mädchen räumt das Spielzeug in den kleinen Schrank im Flur, in dem alle ihre Sachen aufbewahrt sind. Viele sind es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Mehlspeisen oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Karla findet es gar nicht schön, dass die Omi immer so schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch ganz lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und Papa ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Manchmal geht Papa auch mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gerne einen kleinen Bruder und streut immer Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, hat Mama gesagt. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat sich Karla überlegt.

Das Mädchen wird jetzt ein bisschen unruhig. Sie fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und Karla eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat gleich fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um nicht im Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass sich Papas Schritte heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt ein bisschen. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.
 

Ciconia

Mitglied
1954

Das kleine Mädchen mit den Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Ich sei ja immer artig“, erwidert Karla und kichert. Natürlich weiß sie schon lange, dass es „ich bin“ heißt, aber sie findet „ich sei“ lustiger. Manchmal verbessert die Mama sie, dann freut sich Karla diebisch, dass ihr der Spaß gelungen ist.

„Artig sein“ heißt für Karla jetzt, dass sie ein paar Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das Alleinsein nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Mama, Papa und sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, hat die Mama gesagt. Karla freut sich sehr auf die Schule, denn sie möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um der Mama im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über so allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama haben ihre Heimat verloren und fast alles, was ihnen gehört hat. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst. Sie wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie die Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, stellt sich Karla vor. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne nach. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut sie auf einem Zopfende herum, das macht sie immer, wenn sie in Gedanken ist. Gut, dass Mama es nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu, deswegen heißen sie auch Margarinefiguren. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsfiguren aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Karla baut sich einen großen Tiergarten mit einem Zaun. Die Tiere laufen hin und her, versuchen über den Zaun zu klettern – aber Karla passt auf. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist das Mädchen eine lange Zeit beschäftigt.

Karla möchte als nächstes mit ihrer neuen Puppenstube spielen. Der Papa hat sie selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln. Sie ist sehr stolz darauf. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Das ging ganz einfach, und wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Das Mädchen ist so in das Spiel versunken, dass es die Mama gar nicht zurückkommen hört. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, sagt die Mama und reißt Karla damit aus ihrer Traumwelt. Das Mädchen räumt das Spielzeug in den kleinen Schrank im Flur, in dem alle ihre Sachen aufbewahrt sind. Viele sind es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Mehlspeisen oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Karla findet es gar nicht schön, dass die Omi immer so schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch ganz lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und Papa ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Manchmal geht Papa auch mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gerne einen kleinen Bruder und streut immer Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, hat Mama gesagt. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat sich Karla überlegt.

Das Mädchen wird jetzt ein bisschen unruhig. Es fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und Karla eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat gleich fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um nicht im Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass sich Papas Schritte heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt ein bisschen. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.
 

raineru

Mitglied
hallo Ciconia,

wunderschön, wie du die kleine zarte Kinderseele
zum klingen bringst.
Ich habe richtig mit gelitten.

raineru
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Rainer,

danke für Deinen Kommentar und die Bewertung! Tut mir leid, aber das Mitleiden war so gedacht ...
Ich bin beruhigt, dass es auch wirklich so rübergekommen ist, nachdem ich sehr lange mit diesem Text gerungen habe. :(

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
1954

Das kleine Mädchen mit den Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Artig sein“ heißt für das Mädchen jetzt, dass es einige Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, glaubt die Mama. Das Mädchen freut sich sehr auf die Schule, denn es möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama haben ihre Heimat verloren und fast alles, was sie besessen haben. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst. Sie wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, hofft Karla. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne nach. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut das Mädchen auf einem Zopfende herum, das macht es immer, wenn es in Gedanken ist. Gut, dass Mama das nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsteile aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Einen großen Tiergarten mit einem Zaun baut sie sich. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist das Mädchen eine lange Zeit beschäftigt.

Als nächstes möchte Karla mit ihrer neuen Puppenstube spielen, die hat der Papa selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln, Karlas ganzer Stolz. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Das Mädchen ist so in das Spiel versunken, dass es alles um sich herum vergisst. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, hört es plötzlich die Mama sagen. Karla räumt das Spielzeug in den kleinen Schrank im Flur, in dem alle ihre Sachen aufbewahrt sind. Viele sind es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Mehlspeisen oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Das Mädchen ist sehr traurig, wenn die Omi schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch sehr lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und er ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Sonntags geht Papa auch oft mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gern einen kleinen Bruder und streut manchmal Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, sagt Mama. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat Karla überlegt.

Das Mädchen wird jetzt ein bisschen unruhig. Es fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und ihr eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um aus dem Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass Papas Schritte sich heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.
 

holzwurm

Mitglied
Ich habe jetzt alle Deine Geschichten gelesen . Ich wollte mal sehen wie Du das mit den Absätzen machst!!!
Von all deinen Geschichten gefällt mir diese am besten.
Deswegen vergebe ich auch nur hier Punkte.
Grüße Ellis
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Holzwurm,

danke für die Bewertung. Man freut sich natürlich immer, wenn ein Text nach längerer Zeit noch Leser findet.
Vielleicht hast Du die eine oder andere Anregung mitnehmen können - zumindest was die Absätze anbelangt. ;)

Gruß Ciconia
 
1954

Hallo Ciconia,
da ich noch nicht lange in diesem Forum veröffentliche, habe ich deine Erzählung erst heute gelesen. Sie hat mich emotional sehr gepackt; ich kann mich noch gut erinnern, wie in meiner Grundschulzeit so genannte Flüchtlinge in unserem Dorf einquartiert wurden, meist argwöhnisch von den Einheimischen gemieden. Ein Klassenkamerad lebte auch in einer kleinen Dachwohnung. Wir nannten ihn "Sanella" (Name für eine Margarinemarke), weil sich die Flüchtlinge keine "gute Butter" leisten konnten. Es ist wichtig, dass die damalige Notzeit nicht vergessen wird, sondern in Geschichten weiterlebt.
Ich finde, du hast auch die Sprache und Denkweise eines Kindes sehr gut getroffen.
LG Bertl
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Bertl,

danke für Deine lobenden Worte. Ja, ich habe versucht, aus Sichtweise eines Kindes zu schreiben, was nicht einfach ist, wenn man nicht ins Triviale oder Lächerliche abgleiten will.
Wir nannten ihn "Sanella"
Kinder können grausam sein, weil sie die Tragweite ihrer Handlung noch nicht erkennen können. Andererseits war Armut damals zumindest für Kinder leichter zu ertragen, weil nach dem Krieg kaum jemand mehr besaß.
Es ist wichtig, dass die damalige Notzeit nicht vergessen wird, sondern in Geschichten weiterlebt
Wenn Du Lust und Zeit hast, magst Du vielleicht mal meine Erzählung „Paul“ lesen, auch sie beschäftigt sich mit den Zeiten des Krieges und dem Leid einer Familie.

Gruß Ciconia
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

zu distanziert, zuviel "Das Mädchen". Die Einschübe über das Umfeld zerreissen den Text weiter. Omis Mann könnte z.B. einen Absatz später kommen und gleich einen Namen haben. Er könnte auch ganz einfach Opa sein.

Statt "Draussen regnet es jetzt. Karla..." könnte man auch "Karla.... . Draussen regnet es." schreiben.

Ich hoffe, Du verstehst was ich meine. Nimm alles, was zuviel Distanz schafft heraus, überlege, wie man Einschübe so platziert und Beginnt, dass man keine Distanz schafft.

Distanz ist jedenfalls aus meiner Sicht das Problem Deines Textes.

Gruss

Jürgen
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Jürgen,

danke für Deinen Kommentar, den ich leider nicht ganz verstehe.
Distanz kann es nur zwischen zwei Punkten geben – welches sind diese Punkte?

Die „Einschübe über das Umfeld“ sind doch Teil der Schilderung ihrer Lebenssituation – wie können sie den Text zerreißen? Für mich gehören sie unbedingt dazu.

Omis Mann ist übrigens für Karla sehr weit weg, denn er ist seit Jahren tot und also nie ein Opa für sie gewesen. Deswegen hat sie auch keinen Namen für ihn.

Vielleicht kannst Du noch einmal deutlicher erklären, wie Du Dir den Text vorstellst.

Gruß Ciconia
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,*

Der Text erscheint mir wie eine Draufsicht aus einer fernen Galaxie. Da kommt die Empathie mit der Hauptprotagonistin, der kleinen Karla, zu kurz. Du belässt es eben nicht auf einer Draufsicht, Du schaffts mir vielerlei Elementen noch grössere Distanz, was den Text fast akademisch und weniger literarisch wirken lässt.

Du erzählst eigentlich eine persönliche Geschichte, willst den Leser in etwas hineinversetzten, aber das kann m.E. so nicht gelingen. Du hältst den Leser künstlich von Karla und ihrer Gefühlswelt fern, Du fremdelst mit ihr.

Ich weiss ja auch nicht, wie ich das jetzt besser beschreiben kann, ich schreibe Dir einfach, was ich beim Lesen des Textes empfunden habe. Da ich mich mit solchen Texten zu wenig befasse, kann ich's gerade nicht besser beschreiben. Da ist einfach diese Bauchgefühl, ich bliebe zu weit weg von Karla.

Vielleicht ist es auch ein grundsätzlicheres Problem, dass ich sehe. Eventuell solltest Du dir auch überlegen ob es gut ist, nur bezüglich von Karla in die Subjektive zu gehen. Ich denke, die müsste tiefer gehen oder unterbleiben. Keinesfalls, finde ich, kann man erst sehr sehr distanziert "das Mädchen" schreiben und sie dann doch etwas intensiver kennen wollen. Das ist nicht glaubhaft und wirkt auf mich gekünstelt.
Man könnte auch weitere Subjektiven, die von Mama und Oma, einbringen und bei allen gleichermassen "tief rein". Ich weiss es nicht. So wie er ist, fehlt dem Text m.E. die Richtung.

Gruss

Jürgen

*verdammt, ich denke immer an Illona Staller :D
 

Ciconia

Mitglied
verdammt, ich denke immer an Illona Staller
Der kleine Schlenker musste noch sein, was? :box: Aber ich bin ganz bestimmt kein „Schnuckelchen“, keine Cicciolina.

Ja, Jürgen, jetzt verstehe ich eher, was Du meinst – die Distanz der Erzählerin zu ihrer Prota. Schade, dass der Text so nicht an Dich rankommt. Andere haben ihn als sehr emotional empfunden.

Ohne jetzt Deine Kritik von der Hand zu weisen: Ich kann und will diese Distanz nicht aufheben, sonst hätte ich diese Geschichte gar nicht schreiben können. Ich hoffe, Du verstehst mich.

Gruß Ciconia
 

JoteS

Foren-Redakteur
Teammitglied
Verstehe ich. Trotzdem wäre es ein Leichtes und würde Dich sicher nicht umbringen, Dich nochmals mit den Hinweisen aus meinem ersten Kommentar zu befassen. "Das Mädchen" wenigstens raus.
Einfach weil ich der Überzeugung bin, das würde den Text deutlich verbessern.

Ist Dein Text und verzeih meine teils sehr abseitigen Assoziationen... :D
 

Ciconia

Mitglied
1954

Das kleine Mädchen mit den Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Artig sein“ heißt für Karla jetzt, dass sie einige Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, glaubt die Mama. Karla freut sich sehr auf die Schule, denn sie möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama haben ihre Heimat verloren und fast alles, was sie besessen haben. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst. Sie wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, hofft Karla. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne nach. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut sie auf einem Zopfende herum, das macht sie immer, wenn sie in Gedanken ist. Gut, dass Mama das nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsteile aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Einen großen Tiergarten mit einem Zaun baut sie sich. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist sie eine lange Zeit beschäftigt.

Als nächstes möchte Karla mit ihrer neuen Puppenstube spielen, die hat der Papa selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln, Karlas ganzer Stolz. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Karla ist so in das Spiel versunken, dass sie alles um sich herum vergisst. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, hört sie plötzlich die Mama sagen. Karla räumt das Spielzeug in den kleinen Schrank im Flur, in dem alle ihre Sachen aufbewahrt sind. Viele sind es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Mehlspeisen oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Karla ist sehr traurig, wenn die Omi schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch sehr lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und er ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Sonntags geht Papa auch oft mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gern einen kleinen Bruder und streut manchmal Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, sagt Mama. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat Karla überlegt.

Karla wird jetzt ein bisschen unruhig. Sie fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und ihr eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um aus dem Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass Papas Schritte sich heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Jürgen,

ich hab eben erst gemeerkt, dass ich vorhin etwas übersehen hatte.
Man könnte auch weitere Subjektiven, die von Mama und Oma, einbringen und bei allen gleichermassen "tief rein".
Nein, ich will nicht "tief rein" in die Anderen, hier geht es nur um Karla und wie sie die Welt sieht.

Das "Mädchen" habe ich - außer am Anfang, als ihr Name noch nicht bekannt ist - herausgenommen, wenn's der Sache dienlich ist ... Mag sein, dass Du Recht hast. :p

Danke nochmals für Deine Mühe!

Gruß Ciconia
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Mir gefällt die Geschichte gut, die in meinem Geburtsjahr spielt.
Sie hat eine interessante "doppelte" Erzählperspektive.
Erzählt wird aus der Sicht des Kindes - aber "von außen" und wie man sich diese Sicht heute vorstellt.
Ich könnte mir denken, es ist entweder autobiografisch oder zum Beispiel die Geschichte der Mutter.

Einen kleinen Punkt:
"Mehlspeisen" scheint nicht gut in die Kinderperspektive zu passen, es ist eher Mutterperspektive. Als Kind habe ich nicht Mehlspeisen gekocht, sondern Pudding. Besser wäre zum Beispiel: Nudeln oder Eierkuchen.

Andererseits vergrößert "Mehlspeisen" die Distanz und zeigt die doppelte Perspektive, die Perspektivenprojektion durchs Filter der Jahre.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Bernd,

schön, dass Du hier vorbeigeschaut hast und auch noch zufrieden warst mit dem Lesestoff. Vielen Dank dafür!
Der Einwand wegen der Mehlspeisen ist interessant, wahrscheinlich hast Du Recht, dass dies keine Kinderperspektive ist. Vielleicht ändere ist das noch.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
1954

Das kleine Mädchen mit den Zöpfen nimmt vorsichtig die bunten Holzklötzchen aus dem Kasten. Zwölf Klötzchen mit Märchenmotiven müssen es sein, soweit kann es schon zählen. Daraus lassen sich sechs verschiedene Märchenbilder zusammensetzen: „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Frau Holle“, „Hänsel und Gretel“, „Der Froschkönig“ und „Rotkäppchen“. Das Mädchen kennt diese Märchen, die Mama liest ihm jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem dicken Märchenbuch vor. „Rotkäppchen“ mag es am liebsten, deshalb beginnt das Kind mit dem Bild, auf dem das Rotkäppchen und der böse Wolf im Wald zu sehen sind.

„Ich geh dann runter, Karla“, sagt die Mama leise und streicht dem Kind dabei leicht über den Kopf, „sei schön artig!“

„Artig sein“ heißt für Karla jetzt, dass sie einige Stunden allein spielen muss, solange die Mama nachmittags unten im Laden bei Frau Niemann arbeitet. Karla macht das nichts aus, sie ist daran gewöhnt. Andere Kinder kennt sie in der neuen Umgebung noch nicht. Sie sind erst vor kurzem in diese zwei kleinen Zimmer unter dem Dach gezogen, weil Omis Wohnung zu eng für alle geworden war. Im nächsten Jahr kommt Karla in die Schule, dort wird sie bestimmt schnell Freundinnen finden, glaubt die Mama. Karla freut sich sehr auf die Schule, denn sie möchte vor allem ganz, ganz schnell lesen lernen.

Morgen ist Samstag, fällt Karla ein, während sie die Klötzchen konzentriert hin und her schiebt, und samstags kommt immer die Omi, Mamas Mutter. Sie kommt, um im Haushalt zu helfen, und bleibt dann bis Montag, weil sonntags kein Bus fährt. Die Eltern überlassen der Omi dann ihr Bett und schlafen auf einer Matratze in der Wohnküche. Mama hat neulich zu einer Nachbarin gesagt, dass der Papa am Sonntag auch gern mal seine Ruhe hätte. Aber weil die Omi schon die ganze Woche über allein ist, kann man sie doch nicht wegschicken. Sie hat in ihrem Leben so viel durchmachen müssen!

Omis Mann, der Karlas Opa gewesen wäre, ist nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Omi und Mama haben ihre Heimat verloren und fast alles, was sie besessen haben. Zwei Koffer hat jede von ihnen nur mitnehmen können, Karla kann sich denken, dass da nicht viel hineinpasst. Sie wird jedes Mal sehr traurig, wenn sie Geschichten vom Krieg und von der Flucht hört.

Die Omi bringt morgen bestimmt wieder etwas Schönes mit, hofft Karla. Die erste Frage, wenn Omi mit der großen Tasche vom Bus kommt, ist immer: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Dann tut Omi ganz geheimnisvoll, öffnet langsam ihre schwarze Einkaufstasche und zieht ein Stück nach dem anderen heraus, meistens Süßigkeiten, aber auch mal ein Bilderbuch. Karla ist ihre einzige Enkelin, ihr „Ein und Alles“, sagt Omi manchmal.

Draußen regnet es jetzt stark. Karla drückt das Gesicht an das beschlagene Fenster und schaut dem weißen Schiff hinterher, das langsam auf dem großen Fluss hinter dem Deich vorbeigleitet. „Wenigstens die Aussicht von hier oben ist gut“, hat Papa gesagt, als sie eingezogen sind. Karla sieht den Schiffen gerne nach. Sie überlegt, wohin dieses weiße Schiff wohl fahren mag. Vielleicht bis nach Amerika? Träumend kaut sie auf einem Zopfende herum, das macht sie immer, wenn sie in Gedanken ist. Gut, dass Mama das nicht sieht!

Sie kehrt zurück zu ihren Spielsachen, räumt die Klötzchen zusammen und holt den Karton mit den Margarinefiguren aus dem Schrank. Immer, wenn Mama Margarine kauft, gibt es so eine Figur als Geschenk dazu. Bedächtig wählt Karla ihre Lieblingsteile aus. Sie mag vor allem die Tiere, davon hat sie schon sehr viele, sogar Saurier. Einen großen Tiergarten mit einem Zaun baut sie sich. Sie spricht mit den Tieren und sagt ihnen, was sie tun sollen. So ist sie eine lange Zeit beschäftigt.

Als nächstes möchte Karla mit ihrer neuen Puppenstube spielen, die hat der Papa selbst gebaut, mit zwei Zimmern und winzigen Möbeln, Karlas ganzer Stolz. Die Mama hat ihr drei kleine Püppchen gekauft und Omi winzige Kleidung dafür gehäkelt. Wenn Karla mal größer ist, will Omi ihr zeigen, wie man näht, häkelt und strickt.

Karla ist so in das Spiel versunken, dass sie alles um sich herum vergisst. „Na, warst Du schön artig? Papa kommt gleich von der Arbeit, wir wollen dann essen“, hört sie plötzlich die Mama sagen. Karla räumt das Spielzeug in den kleinen Schrank im Flur, in dem alle ihre Sachen aufbewahrt sind. Viele sind es nicht. Deswegen braucht sie auch kein eigenes Zimmer, Karla schläft in dem kleinen Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern.

Mama stellt sich an den Herd und bereitet das Abendessen zu. Papa muss immer sehr schwer arbeiten, deswegen bekommt er abends ein schönes Stück Fleisch. Mama und Karla essen mittags andere Sachen, Nudeln oder Suppe zum Beispiel. Fleisch für alle gibt es nur am Sonntag, wenn auch die Omi da ist.

Die Omi steckt der Mama oft ein bisschen Geld zu. Sie bekommt eine gute Rente, hat Karla mal gehört. Schade nur, dass Papa und Omi sich nicht mögen. Karla ist sehr traurig, wenn die Omi schlecht über Papa redet. Einen „ollen Suffkopp“, hat sie ihn neulich genannt, da musste Karla fast weinen. Der Papa kann nämlich auch sehr lieb sein, zum Beispiel wenn sie sonntags mal mit den Fahrrädern einen Ausflug machen und er ihr alles erklärt, was man in der Natur so sieht. Bei den Ausflügen ist die Omi nie dabei, sie kann ja nicht Rad fahren.

Sonntags geht Papa auch oft mit Karla zum Storchennest am Ende des Dorfes, und wenn ein Storch im Nest zu sehen ist, muss sie singen: „Klapperstorch, du Luder, bring mir einen Bruder!“ oder „Klapperstorch, du Bester, bring mir eine Schwester!“ Papa freut sich dann immer und lacht laut. Sie hätte gern einen kleinen Bruder und streut manchmal Zucker auf die Fensterbank, das soll den Storch anlocken, sagt Mama. Aber bisher hat es nicht geholfen. Vielleicht weiß der Storch auch, dass in der engen Wohnung gar kein Platz mehr für ein Brüderchen ist, hat Karla überlegt.

Karla wird jetzt ein bisschen unruhig. Sie fragt sich, wie der Papa heute gelaunt sein wird. Manchmal trinkt er unterwegs schon ein Bierchen, oder auch zwei, dann muss Karla sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass sie nichts Verkehrtes sagt. Wenn Papa mal die Hand ausrutscht, kann das sehr weh tun. Neulich, am letzten Samstag, hat er den heißen Feuerhaken vom Herd genommen und ihr eins damit übergezogen, als sie gerade in der kleinen Zinkbadewanne gebadet wurde und ein bisschen geplantscht hatte. Omi hat fürchterlich geschimpft, Karla musste weinen, und eigentlich wusste sie gar nicht richtig, warum der Papa so wütend war. Mama hat sie getröstet und schnell ins Bett gebracht. Einschlafen konnte sie aber nicht gleich, weil Papa und Omi nebenan noch eine Weile sehr laut miteinander geredet haben.

Die Schritte auf der Treppe kommen näher. Karla beeilt sich, am Tisch Platz zu nehmen, um aus dem Weg zu sein. Sie lauscht und merkt, dass Papas Schritte sich heute nicht gut anhören – so ungleichmäßig und schwer. Karla erschrickt. Papa wird wohl wieder ein Bierchen oder auch mehrere getrunken haben. Jetzt muss sie sehr artig sein, sie will sich wirklich anstrengen.

Und morgen bringt Omi bestimmt wieder etwas Schönes mit.
 

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