Das Mädchen von Kasse 2

Terminator

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Das Mädchen von Kasse 2




Ein Päckchen Hagebuttentee für 7,99 DM! Die haben wohl einen Knall, dachte Julian, 25 Jahre alt, erfolgreicher Single, der vom täglichen Einkauf im Supermarkt die Preise genau im Kopf hatte. „0,99 kostet der Tee“, maulte Julian leise vor sich hin, während er mit seiner Karre Richtung Kasse fuhr. „Den Fuzzis hier blas´ ich mal richtig den Marsch! Hören und Sehen soll denen vergehen!“ Es war nicht zu verleugnen, Julian war sturzschlecht gelaunt.

Kaum an Kasse 2 angekommen, kriegte Julian plötzlich eine butterweiche Stimme: „Irrtümlicherweise klebt auf dem Hagebuttentee ein falsches Preisschildchen.7,99 DM. Kann ja mal vorkommen. Ich wollt´s nur sagen, damit Sie nicht´s Falsches eintippen!“ Julian lächelte und geriet mit seinen Fingern verdammt nah an die Hand von der Kassiererin, die ruck, zuck ein Teil nach dem anderen auf dem Warenband weiterschob.

Was Julian wiederrum gar nicht so gut fand. Das ging ihm alles viel zu rasch. Mann, o Mann, konnte die Süße nicht mal ein bisschen langsamer machen, nur einmal den Kopf heben...?

Julian versuchte es noch mal: „Der Hagebuttentee kostet keine 7,99 DM...“

„Ich weiß“, endlich guckte Sonja hoch, „wahrscheinlich hat Winfried wieder die falsche Preisauszeichnung gemacht. Winfried ist unser Azubi und seit drei Tagen mächtig verliebt, was für uns bedeutet, dass er ein Schussel ersten Ranges geworden ist. Er ist ein richtiges Kreuz geworden...“

„Naja, wenn er verliebt ist...“, murmelte Julian, „das erklärt vieles.“

„Aber bei den 7,99 DM für den Hagebuttentee hört´s auf“, erklärte Sonja energisch.

„Waren Sie denn noch nie so richtig toll verliebt?“ Julian flüsterte nur.

„Doch! Nein! Also, ich will sagen...“ Sonja stammelte sich `ne ganz schöne Naht zusammen. „Herrje, jetzt habe ich auch noch den Zwiebelbeutel gleich doppelt berechnet!“

„Bring` ich Sie richtig durcheinander?“ Julian grinste. „Vielleicht sollten wir uns heute abend

einfach mal auf `n Cola treffen. Sie würden dann den heiß verliebten Azubi Winfried viel besser verstehen!“

„Jetzt brat mir einer `nen Storch“, schimpfte Sonja. „Bei den beiden Joghurtbechern hab` ich Ihnen nun glatt jeweils fünf Pfennige zu wenig berechnet!“

„Winfried! Ich sehe nur Winfried!“ Julian schickte ein kleines Pusteküsschen zu dem Kassenmädchen. „18.40 Uhr, ich warte vor der Tür.“

„Ja, ja, ja“, flüsterte Sonja leicht entnervt. Da vertippt man sich, da verknallt man sich und darf sich mit keinem Gesichtsmuskel verraten, weil Abteilungsleiter Schöning viel zu oft um die Kasse herumschlich, als das auch nur ein privates Sätzchen mal schnell zu murmeln gewesen wäre.



Spätestens um 18.35 Uhr wussten es alle Verkäuferinnen und Kassenmädchen des Supermarktes, dass es Sonja mit Haut und Haaren erwischt hatte.

„Los, lass uns die Strümpfe tauschen, ich hab` `ne breite Laufmasche drin“, Sonja knuffte Uschi in den Waschräumen verschwörerisch in die Seite. „Und, Angelika, du könntest mir doch bitte mal für heute deinen glutroten Lippenstift leihen.“

„Parfum brauchst du“, sagte Dorle, „Parfum ist überhaupt das allerwichtigste. Und wenn du jetzt noch die beiden Kämme von Moni ins Haar steckst, siehste richtig flippig aus.“

Als Sonja schließlich so aufgepeppt durch die Tür rauschte, blieben vier Freundinnen zurück,

die alle ganz fest sämtliche Daumen drückten.



Es wurde ein Abend, von dem irgendwann morgens um 2 Uhr Sonja nicht mehr wusste, was sie mit Julian gegessen oder getrunken hatte.

Sie erinnerte sich nur noch an die Küsse. 39 waren´s. 39, die sie von einem Wölkchen zum anderen nach oben schubsten. Ganz nah Richtung siebten Himmel.

Trunken vor Glück wisperte sie es: „Ich fühl` mich schon ganz oben, auf dem siebten Wölkchen...“

„Oh, nein, wir sind erst auf dem vierten Wölkchen. Es gibt da noch auf Wolke 5 und auf Wolke 6 ein paar wunderschöne Dinge, die man gemeinsam erleben kann...Nur in Toni´s Bierstuben, also da geht´s nicht so gut...“

„Wo denn?“ Sonjas Gesicht glühte vor Lust und Zärtlichkeit.

„Bei mir...“

„Und da stört keiner? Da guckt auch bestimmt keiner?“ seufzte Sonja selig.

„Nur Balduin, mein knallgelber Kanarienvogel, aber dem legen wir einfach ein großes Tuch übern Käfig. Der Rest der Welt gehört dann uns.
 

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