Das Märchen vom unendlichen Käse

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Anonym

Gast
Das Märchen vom unendlichen Käse

Die Hochzeitsfeier sollte eine großartige werden, eine reichliche, üppige, unvergessliche. Keinem der Gäste durfte ein Eindruck von Sparsamkeit, Geiz oder permanent begrenzten finanziellen Möglichkeiten entstehen.
Mit einem geborgten Metro-Ausweis passierte das junge Paar ohne Probleme die Eingangskontrolle des Marktes, jeder griff sich einen Einkaufswagen und begann, seinen Teil der Einkaufsliste abzuarbeiten.
Als besondere Attraktion der bevorstehenden Hochzeit war das kalte Büffet am Polterabend geplant: edel, abwechslungsreich, gesund musste es werden, eine Augen- und Gaumenfreude für jeden Gourmet. Alle würden schwelgen und anschließend sich erinnern und schwärmen, jahrelang...
Als die Zettel abgearbeitet und das Fassungsvermögen der Einkaufswagen wie die Konzentration der Heiratswilligen erschöpft war, kämpften sie sich zur Schlange vor der Kasse durch. Während des Wartens fiel beider Blick auf ein Kühlregal mit dem Hinweis: Sonderangebot. Ein großes Stück Parmesankäse lag in dem Regal, sonst nichts.
Sie sahen sich an, nickten. Er legte das Stück ganz oben auf seinen Wagen.

Es wurde ein tolles Fest, alle Feinschmecker kamen auf ihre Kosten. Den Wenigsten kam auch nur eine schwache Ahnung an begrenzte finanzielle Möglichkeiten oder gar Geiz. Beide verdienten ja, da war ein solch üppiges Fest sich locker bezahlbar...
Das große Stück Parmesankäse blieb unerwarteterweise unberührt. Eine Woche nach der Hochzeit schnitt die Frau den Käse beim Frühstück an. Beide nahmen sich dicke Scheiben, belegten ihre Brötchen, aßen mit Appetit.

Das wiederholte sich in den folgenden Tagen. Am vierten oder fünften Tag sah die Frau den Käse nachdenklich an. „Sag mal“, wandte sie sich an ihren Angetrauten, „wir essen doch schon eine Zeit von dem Stück?“
„Ja und?“, entgegnete ihr Gemahl und hob den Blick von der Morgenzeitung. Er beäugte den Käse einen Moment. Die beiden sahen sich an. Sie dachten das Gleiche.
„Quatsch!“, entschied er. „Bei einem solch großen Stück – liegt sicher eine Täuschung vor. Du wirst sehen: in den kommenden Tagen, mit jeder Scheibe, wird er kleiner werden...“ Er zündete sich eine Zigarette an, stand auf, ging zum Fenster, starrte hinaus. Eine junge, gutgebaute Frau überquerte wiegenden Schrittes die Straße. Wie wäre das, dachte er mit einem Schauder, wenn dieser Käse – wirklich nicht abnähme. Wie würde er schmecken in, sagen wir: vier Wochen. Oder in, sagen wir: zwei Jahren? Würde die Qualität sinken? Hieß es nicht, je älter so ein Hartkäse, umso besser? Könnte man überhaupt noch hineinbeißen..? Ach, was für’n Quatsch. Jeder Käse nimmt ab, eines Tages ist er weg, aufgebraucht. Keiner denkt mehr dran. Wer an solche Erscheinungen glaubt, steht nicht auf dem Boden der Tatsachen! Er ging zum Tisch zurück, trat von hinten an seine Frau heran, legte seine Arme um ihre Schultern, beugte sich, küsste ihr aufs Haar. Sie starrte auf den Käse. Er folgte ihrem Blick.
„Du“, begann sie.
„Ja, Liebling?“
„Ich glaube, er ist – nicht mehr ganz frisch...“
Er löste sich von ihr. Trat dicht an den Tisch heran. Zögerte einen Moment. Nahm den Käse, suchte das Haltbarkeitsdatum, las den aufgedruckten Text. Der Hersteller versprach bei „sachgemäßer“ Lagerung – „unbegrenzte Haltbarkeit“! Seine Hände wurden feucht. Er zog die Stirn kraus, näherte seine Nase ein wenig dem merkwürdigen Käse. Ein Schweigen machte sich im Zimmer breit. Fühlbar.
„Er stinkt!“ Seine Feststellung kam eine Spur zu heftig. Er hielt ihr den Käse vor die Nase, sie schnupperte flüchtig, ohne den Kopf auch nur einen Millimeter zu bewegen, dann nickte sie steif. Sie sah ihn mit großen Augen ratlos an.
„Es scheint so“, antwortete sie schließlich. Ihre Stimme zitterte etwas. „Ich denke, wir sollten ihn...“
Er nahm das Stück mit spitzen Fingern, als sei es infektiös, brachte es in die Küche, warf es in den Behälter für kompostierbare Abfälle.
Schweigend, ohne einander anzusehen, setzten sie das Frühstück fort.
 

Anonym

Gast
Ich weiß ja nicht so recht ... dicke Scheiben vom harten Parmesan aufs Brötchen ... wär da nicht ein anderer Käse besser gewesen?

fragt Ciconia
 

Anonym

Gast
...ja sicher: das Zeug ist hart und unendlich lange haltbar! Lebenslänglich, fürchte ich...
 

Anonym

Gast
Hey Anonymus,

eine herrliche Geschichte, die (mich jedenfalls) zum Nachdenken anregt. Genial anschaulich beschrieben das ängstliche Misstrauen der Protagonisten bei der Entdeckung des Wunders. Natürlich stank der Käse nicht! Aber was der Bauer nicht versteht, das frisst er eben nicht. Schade um den tollen Käse!

Etwas Anstoss nehme ich an dem Titel. Wie ein Märchen kommt mir diese phantasievolle Geschichte nicht vor - ohne jetzt genau sagen zu können, wodurch ein solches genau definiert wäre.

LG Lord Nelson
 

Anonym

Gast
Das Märchen vom unendlichen Käse

Die Hochzeitsfeier sollte eine großartige werden, eine reichliche, üppige, unvergessliche. Keinem der Gäste durfte ein Eindruck von Sparsamkeit, Geiz oder permanent begrenzten finanziellen Möglichkeiten entstehen.
Mit einem geborgten Metro-Ausweis passierte das junge Paar ohne Probleme die Eingangskontrolle des Marktes, jeder griff sich einen Einkaufswagen und begann, seinen Teil der Einkaufsliste abzuarbeiten.
Als besondere Attraktion der bevorstehenden Hochzeit war das kalte Büffet am Polterabend geplant: edel, abwechslungsreich, gesund musste es werden, eine Augen- und Gaumenfreude für jeden Gourmet. Alle würden schwelgen und anschließend sich erinnern und schwärmen, jahrelang...
Als die Zettel abgearbeitet und das Fassungsvermögen der Einkaufswagen wie die Konzentration der Heiratswilligen erschöpft war, kämpften sie sich zur Schlange vor der Kasse durch. Während des Wartens fiel beider Blick auf ein Kühlregal mit dem Hinweis: Sonderangebot. Ein großes Stück Parmesankäse lag in dem Regal, sonst nichts.
Sie sahen sich an, nickten. Er legte das Stück ganz oben auf seinen Wagen.

Es wurde ein tolles Fest, alle Feinschmecker kamen auf ihre Kosten. Den Wenigsten kam auch nur eine schwache Ahnung an begrenzte finanzielle Möglichkeiten oder gar Geiz. Beide verdienten ja, da war ein solch üppiges Fest sicher locker bezahlbar...
Das große Stück Parmesankäse blieb unerwarteterweise unberührt. Eine Woche nach der Hochzeit schnitt die Frau den Käse beim Frühstück an. Beide nahmen sich dicke Scheiben, belegten ihre Brötchen, aßen mit Appetit.

Das wiederholte sich in den folgenden Tagen. Am vierten oder fünften Tag sah die Frau den Käse nachdenklich an. „Sag mal“, wandte sie sich an ihren Angetrauten, „wir essen doch schon eine Zeit von dem Stück?“
„Ja und?“, entgegnete ihr Gemahl und hob den Blick von der Morgenzeitung. Er beäugte den Käse einen Moment. Die beiden sahen sich an. Sie dachten das Gleiche.
„Quatsch!“, entschied er. „Bei einem solch großen Stück – liegt sicher eine Täuschung vor. Du wirst sehen: in den kommenden Tagen, mit jeder Scheibe, wird er kleiner werden...“ Er zündete sich eine Zigarette an, stand auf, ging zum Fenster, starrte hinaus. Eine junge, gutgebaute Frau überquerte wiegenden Schrittes die Straße. Wie wäre das, dachte er mit einem Schauder, wenn dieser Käse – wirklich nicht abnähme. Wie würde er schmecken in, sagen wir: vier Wochen. Oder in, sagen wir: zwei Jahren? Würde die Qualität sinken? Hieß es nicht, je älter so ein Hartkäse, umso besser? Könnte man überhaupt noch hineinbeißen..? Ach, was für’n Quatsch. Jeder Käse nimmt ab, eines Tages ist er weg, aufgebraucht. Keiner denkt mehr dran. Wer an solche Erscheinungen glaubt, steht nicht auf dem Boden der Tatsachen! Er ging zum Tisch zurück, trat von hinten an seine Frau heran, legte seine Arme um ihre Schultern, beugte sich, küsste ihr aufs Haar. Sie starrte auf den Käse. Er folgte ihrem Blick.
„Du“, begann sie.
„Ja, Liebling?“
„Ich glaube, er ist – nicht mehr ganz frisch...“
Er löste sich von ihr. Trat dicht an den Tisch heran. Zögerte einen Moment. Nahm den Käse, suchte das Haltbarkeitsdatum, las den aufgedruckten Text. Der Hersteller versprach bei „sachgemäßer“ Lagerung – „unbegrenzte Haltbarkeit“! Seine Hände wurden feucht. Er zog die Stirn kraus, näherte seine Nase ein wenig dem merkwürdigen Käse. Ein Schweigen machte sich im Zimmer breit. Fühlbar.
„Er stinkt!“ Seine Feststellung kam eine Spur zu heftig. Er hielt ihr den Käse vor die Nase, sie schnupperte flüchtig, ohne den Kopf auch nur einen Millimeter zu bewegen, dann nickte sie steif. Sie sah ihn mit großen Augen ratlos an.
„Es scheint so“, antwortete sie schließlich. Ihre Stimme zitterte etwas. „Ich denke, wir sollten ihn...“
Er nahm das Stück mit spitzen Fingern, als sei es infektiös, brachte es in die Küche, warf es in den Behälter für kompostierbare Abfälle.
Schweigend, ohne einander anzusehen, setzten sie das Frühstück fort.
 

Anonym

Gast
Märchen oder Wahrheit...

Lieber Lord Nelson,

einerseits ist es märchenhaft, wenn ein Stück Käse trotz fortwährender Nutzung nicht abnimmt; andererseits tritt - leider recht häufig - in längeren Paarbeziehungen ein derartiges Phänomen auf: alles scheint sich irgendwie in einen Käse zu verwandeln, jeder Tag, jeder Blick, jeder Kuss... Und der Käse - und auch das ist leider immer wieder zu beobachten, nimmt nicht nur nicht ab, er fängt auch noch an, in alle Richtungen zu stinken - man kann es an den sauren, gelangweilten Gesichtern der Betroffenen ablesen.
Inwieweit der Text nun unter die Rubrik "Märchen" oder "Wahrheit" fällt, kann jeder selbst entscheiden. Schön wäre es, bliebe es ein Märchen; leider scheint mir eher das Gegenteil der Fall...

Gruß

vom Käsehasser
 

 
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