Das Meer trug morgens spiegelblau

4,10 Stern(e) 11 Bewertungen

Ciconia

Mitglied
Das Meer trug morgens spiegelblau, den Saum verziert mit rosa Muschelschalen. Eine Möwenkolonie in zartem Weiß-hellgrau dümpelte zufrieden im glatten Wasser und schwieg sich an. Kein Windhauch störte das Leuchten.

Neidisch betrachtete ich das Idyll. Den Tag anzunehmen wie er kommt, jede Minute zu genießen, sich keinerlei Sorgen zu machen – welch ein scheinbar einfaches Unterfangen.

Ich setzte meinen Spaziergang fort, atmete bewusst die reine Winterluft ein. Versuchte, Probleme und trübe Gedanken loszulassen, mich auf das Hier und Heute zu konzentrieren. Eine Weile gelang es.

Im Laufe des Vormittages erwachte das Meer, es spielte zunächst sanfte, dann immer kräftigere Wogen ans Ufer. Möwen fanden Gefallen am Wellenreiten. Wurde die Brandung zu hoch, flatterten sie kreischend auf, nur um sich einige Meter weiter wieder in die Fluten zu stürzen. Ein ewig gleiches Schauspiel, das mich irgendwann ermüdete. Ich kehrte zurück ins Haus.

Am späten Nachmittag kam ein lautstarker Sturm auf. Nur wenige gefiederte Gesellen liefen noch zerzaust über den Strand. Jetzt war ich froh, nicht unter ihnen sein zu müssen. Ich heizte den Kachelofen an und bereitete mir einen steifen Grog.
 

Val Sidal

Mitglied
@Ciconia

Der Text gefällt mir sehr gut.
Das Tempo, Timing und der Rhythmus tragen den Inhalt, die Stimmung unauffällig – wunderbar mit dem Bildgeschehen verwoben.

Vordergründig, ein Panorama, aber bei näherem Hinschauen steht der Protagonist vor einem Spiegel seiner Emotionen und Reflexionen – an drei Punkten („Den Tag anzunehmen wie er kommt“, „Ein ewig gleiches Schauspiel, das mich irgendwann ermüdete“ und „Jetzt war ich froh, nicht unter ihnen sein zu müssen“) sehr gekonnt verankert.

Einzig:
Neidisch betrachtete ich das Idyll. Den Tag anzunehmen wie er kommt, jede Minute zu genießen, sich keinerlei Sorgen zu machen – welch ein scheinbar einfaches Unterfangen.
… mit „scheinbar“ wird das Bewundern der „Einfachheit“ draußen mit der inneren Bewertung „schwer und komplex“ komprimiert – das Bild bricht.

Ich würde mich für die Hinwendung zum Naturgeschehen entscheiden und „scheinbar“ einfach streichen.

Sehr gerne gelesen.
 
S

Steky

Gast
Wunderbar atmosphärischer Text. Deswegen verliere ich gar nicht viele Worte und gebe dir eine 8 :) LG Steky
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Val,

danke für Deinen Kommentar und die gute Bewertung. Freut mich sehr, dass Dir der Text gefallen hat.
Deinen Einwand in Bezug auf das „scheinbar“ nehme ich an, ich werde es streichen. Wahrscheinlich hast Du Recht mit dem Bruch.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Das Meer trug morgens spiegelblau, den Saum verziert mit rosa Muschelschalen. Eine Möwenkolonie in zartem Weiß-hellgrau dümpelte zufrieden im glatten Wasser und schwieg sich an. Kein Windhauch störte das Leuchten.

Neidisch betrachtete ich das Idyll. Den Tag anzunehmen wie er kommt, jede Minute zu genießen, sich keinerlei Sorgen zu machen – welch ein einfaches Unterfangen.

Ich setzte meinen Spaziergang fort, atmete bewusst die reine Winterluft ein. Versuchte, Probleme und trübe Gedanken loszulassen, mich auf das Hier und Heute zu konzentrieren. Eine Weile gelang es.

Im Laufe des Vormittages erwachte das Meer, es spielte zunächst sanfte, dann immer kräftigere Wogen ans Ufer. Möwen fanden Gefallen am Wellenreiten. Wurde die Brandung zu hoch, flatterten sie kreischend auf, nur um sich einige Meter weiter wieder in die Fluten zu stürzen. Ein ewig gleiches Schauspiel, das mich irgendwann ermüdete. Ich kehrte zurück ins Haus.

Am späten Nachmittag kam ein lautstarker Sturm auf. Nur wenige gefiederte Gesellen liefen noch zerzaust über den Strand. Jetzt war ich froh, nicht unter ihnen sein zu müssen. Ich heizte den Kachelofen an und bereitete mir einen steifen Grog.
 
E

eisblume

Gast
Hallo Ciconia,

wenn es hier eine Kategorie gäbe, für die man den besten Titel nominieren könnte, würde ich das bei diesem Titel auf der Stelle tun!
Den Text insgesamt würde ich dann nicht mehr ganz so euphorisch bewerten, einfach weil ich finde, dass in einem so kurzen Text JEDES Wort sitzen muss, und das ist mMn hier noch nicht der Fall, wäre aber leicht zu beheben, weil die Basis an sich schon sehr gut ist.

Freundlichen Gruß
eisblume
 

Ciconia

Mitglied
wenn es hier eine Kategorie gäbe, für die man den besten Titel nominieren könnte, würde ich das bei diesem Titel auf der Stelle tun!
Dankeschön, Eisblume!
einfach weil ich finde, dass in einem so kurzen Text JEDES Wort sitzen muss, und das ist mMn hier noch nicht der Fall, wäre aber leicht zu beheben
Hättest Du denn Verbesserungsvorschläge?

Gruß Ciconia
 
E

eisblume

Gast
Hallo Ciconia,

das wäre jetzt ein Vorschlag, dem du natürlich nicht folgen musst. Mir ist dabei klar, dass es immer ein Stück weit anmaßend ist, in einem fremden Text zu "wüten", aber ich denke, in diesem Fall ist es so am einfachsten.

Das Meer trug morgens spiegelblau, den Saum verziert mit rosa Muschelschalen. Eine Möwenkolonie in zartem Weiß-hellgrau dümpelte [strike]zufrieden[/strike] im glatten Wasser und schwieg sich an. [strike]Kein Windhauch störte das Leuchten.[/strike]
[blue]Dümpeln empfinde ich als redundant, da es (zumindest für mich) schon etwas Zufriedenes/Entspanntes ausdrückt. Mit dem "glatten" Wasser assoziiere ich schon, dass es windstill ist, insofern braucht es (für mich) den Windhauch nicht.[/blue]

Neidisch betrachtete ich das Idyll. Den Tag an[strike]zu[/strike]nehmen wie er kommt, jede Minute [strike]zu[/strike] genießen, sich keinerlei Sorgen [strike]zu[/strike] machen – welch [strike]ein[/strike] einfaches Unterfangen.

Ich setzte meinen Spaziergang fort, atmete bewusst die reine Winterluft ein. Versuchte, Probleme und trübe Gedanken loszulassen, mich auf das Hier und Heute zu konzentrieren. Eine Weile gelang es.

Im Laufe des Vormittages erwachte das Meer,[strike] es[/strike] spielte zunächst sanfte, dann immer kräftigere Wogen ans Ufer. Möwen fanden Gefallen am Wellenreiten. Wurde die Brandung zu hoch, flatterten sie kreischend auf, nur um sich einige Meter weiter wieder in die Fluten zu stürzen. [strike]Ein e[/strike][blue]E[/blue]wig gleiches Schauspiel.[strike], das mich irgendwann ermüdete. Ich kehrte zurück ins Haus.[/strike][blue]Ermüdet kehrte ich zurück ins Haus.[/blue]

Am späten Nachmittag kam ein lautstarker Sturm auf. Nur wenige gefiederte Gesellen liefen noch zerzaust über den Strand. [strike]Jetzt war i[/strike][blue]Ich war[/blue] froh, nicht unter ihnen sein zu müssen. [strike]Ich heizte den Kachelofen an und bereitete mir einen steifen Grog.[/strike]
Wobei du jetzt den letzten Satz nicht zwingend streichen, dann aber anders formulieren müsstest/solltest/könntest. Der klingt genauso steif wie der Grog :)

Wie gesagt, das entspricht jetzt nur meiner persönlichen Sicht, andere sehen das vielleicht ganz anders.

Lieben Gruß
eisblume
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Ciconia,
dein Text beeindruckt mich ziemlich.
Ein schönes Beispiel für einen Text, der
a) wirklich ganz schön nichtssagend ist
b) hinter dieser Fassade eine quälende Unruhe erzeugt und den Leser - jedenfalls mich - fast martert. Der Text kippt. Und das auf eine Art und Weise, die wehtut. Aber warum und wieso? Ich verstehe es nicht. Es lässt sich nicht herleiten. Plötzlich ist es da. Die Viecher kriegen das irgendwie noch gepeilt, sie sind an ihre Umwelt angepasst.
[ 4]Doch der Mensch scheitert. Er schlägt sich wacker, greift zu bewährten Hausmitteln, aber im Grunde seines Herzens begreift er seine tiefe Vereinsamung.

lg wüstenrose
 

Ciconia

Mitglied
Das Meer trug morgens spiegelblau, den Saum verziert mit rosa Muschelschalen. Eine Möwenkolonie in zartem Weiß-hellgrau dümpelte zufrieden im glatten Wasser und schwieg sich an. Kein Windhauch störte das Leuchten.

Neidisch betrachtete ich das Idyll. Den Tag anzunehmen wie er kommt, jede Minute zu genießen, sich keinerlei Sorgen zu machen – welch einfaches Unterfangen.

Ich setzte meinen Spaziergang fort, atmete bewusst die reine Winterluft ein. Versuchte, Probleme und trübe Gedanken loszulassen, mich auf das Hier und Heute zu konzentrieren. Eine Weile gelang es.

Im Laufe des Vormittages erwachte das Meer, spielte zunächst sanfte, dann immer kräftigere Wogen ans Ufer. Möwen fanden Gefallen am Wellenreiten. Wurde die Brandung zu hoch, flatterten sie kreischend auf, nur um sich einige Meter weiter wieder in die Fluten zu stürzen. Ein ewig gleiches Schauspiel, das mich irgendwann ermüdete. Ich kehrte zurück ins Haus.

Am späten Nachmittag kam ein lautstarker Sturm auf. Nur wenige gefiederte Gesellen liefen noch zerzaust über den Strand. Jetzt war ich froh, nicht unter ihnen sein zu müssen. Ich heizte den Kachelofen an und bereitete mir einen steifen Grog.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Eisblume,

danke für Deine Mühe und die Vorschläge. Ich habe den Text ein wenig abgeändert.

Bei dem Infinitivsatz bin ich mir nicht sicher: Wenn man den Satz umdreht, gehört das "zu" meiner Meinung nach auf jeden Fall dahin ("Welch einfaches Unterfangen, den Tag zu genießen") - warum also nicht auch bei der jetzigen Satzstellung?

Mit den Streichungen kann ich mich nicht recht anfreunden, das Minimalistische ist nicht so ganz mein Ding. Vor allem der Grog gehört auf jeden Fall dazu. :D

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Wüstenrose,

vielen Dank für die Gedanken, die Du Dir über meinen Text gemacht hast. Was will ein Autor mehr, als dass die Geschichte einen starken Eindruck beim Leser hinterläßt!

Gruß Ciconia
 
E

eisblume

Gast
Guten Morgen, Ciconia,

ja, mir war schon klar, dass ich mich meinen Streichungsvorschlägen nicht zwingend auf Gegenliebe stoßen würde ;-)
Gegen den Grog an sich habe ich nicht wirklich etwas einzuwenden, mir sagt nur die jetzige Formulierung nicht zu.
Und den Infinitiv verbuche ich ebenfalls unter Geschmacksfrage :)

Gruß
eisblume
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Eisblume,

ich glaube, Du hast Recht. Ohne "zu" klingt der Satz wirklich besser - auch wenn ich von der grammatikalischen Richtigkeit immer noch nicht überzeugt bin.

Nochmals danke!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Das Meer trug morgens spiegelblau, den Saum verziert mit rosa Muschelschalen. Eine Möwenkolonie in zartem Weiß-hellgrau dümpelte zufrieden im glatten Wasser und schwieg sich an. Kein Windhauch störte das Leuchten.

Neidisch betrachtete ich das Idyll. Den Tag annehmen wie er kommt, jede Minute genießen, sich keinerlei Sorgen machen – welch einfaches Unterfangen.

Ich setzte meinen Spaziergang fort, atmete bewusst die reine Winterluft ein. Versuchte, Probleme und trübe Gedanken loszulassen, mich auf das Hier und Heute zu konzentrieren. Eine Weile gelang es.

Im Laufe des Vormittages erwachte das Meer, spielte zunächst sanfte, dann immer kräftigere Wogen ans Ufer. Möwen fanden Gefallen am Wellenreiten. Wurde die Brandung zu hoch, flatterten sie kreischend auf, nur um sich einige Meter weiter wieder in die Fluten zu stürzen. Ein ewig gleiches Schauspiel, das mich irgendwann ermüdete. Ich kehrte zurück ins Haus.

Am späten Nachmittag kam ein lautstarker Sturm auf. Nur wenige gefiederte Gesellen liefen noch zerzaust über den Strand. Jetzt war ich froh, nicht unter ihnen sein zu müssen. Ich heizte den Kachelofen an und bereitete mir einen steifen Grog.
 
E

eisblume

Gast
Ich bin absolut FÜR grammatikalische Richtigkeit, meine aber, dass man da schon ein wenig damit spielen darf, wenn es zu der Geschichte passt und den Lesefluss nicht stört ;-)

LG
eisblume
 

Ciconia

Mitglied
Hallo HelenaSofie,

danke für die gute Bewertung. Freut mich, dass auch Dir der Text gefallen hat.

Gruß Ciconia
 
Was ist das bloß für ein Mensch, der mit neidvollem Blick ein Stück Natur betrachtet? Es ist mir wie an jenem Tag, als ich eine Galerie besuchte. Ein Mann, er war ganz in Schwarz gekleidet und erinnerte mich an die Krähen auf dem Feld, stand an meiner linken Seite vornübergebeugt und zum Greifen nahe. Ein Bild an der Wand hielt uns beide gefangen, so lieblich gemalt wie deine beschreibende Worte. Und in seinen Augen - der blanke Neid.

Ein einziges Wort kann einen ganzen Text zunichte richten. Wenn du aus der Ich-Perspektive heraus einen Text wie diesen schreibst, dann lasse deinen Helden dem Publikum nicht unsympathisch sein, denn Neid ist pure Missgunst.

Es gilt, das harte Wort zu entschärfen oder ein anderes an seine Stelle zu setzen.

Beste Grüße
 

Oben Unten