Das psychologisch-literarische Porträt einer Familie, der Schlimmes widerfährt

Rezension zu:
Bret Anthony Johnstone, Justins Heimkehr, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-69742-5

Was geschieht mit einer Familie, deren Kind im Alter von 12 Jahren entführt wird? Wie gehen die Eltern und Geschwister mit ihren Gefühlen um, wenn umfangreiche Suchmaßnahmen und Aufrufe erfolglos bleiben und das über vier lange Jahre?

Doch was geschieht mit dieser Familie, wenn mitten hinein in die sinkenden Hoffnungen und dem Sichfügen in das erbarmungslose Schicksal der lange Vermisste plötzlich wieder auftaucht?

Genauso geht es der von Bret Anthony Johnstone in seinem Romandebüt mit außerordentlichem psychologischem Feingefühl beschriebenen Familie von Justin Campbell.

Als der Junge von einem Tag auf den anderen nicht mehr wiederkommt, steht die ganze Familie unter Schock. Ihr Leben ist verändert über Nacht. Eltern und Bruder suchen in verzweifelten Aktionen nach ihm, ergebnislos. Mit den Jahren, das beschreibt der Autor überzeugend dicht und unter die Haut gehend, haben die Mitglieder der Familie je eigene Wege gefunden, um mit diesem Ereignis umzugehen und mit ihrem inneren Erleben und dem Verlust zurechtzukommen. Fakt ist, und das ist auch nicht verwunderlich und schon sehr oft für ähnliche traumatische Erlebnisse von Familien beschrieben worden: die Familie driftet über die Jahre immer mehr auseinander.

Als Justin nach vier Jahren wie durch ein Wunder ganz in der Nähe seines Heimatortes aufgefunden wird, kehrt er in seine Familie zurück.
Diese völlig überraschende Rückkehr schleudert die ganze Familie aus einer über vier Jahre zementierten Schockstarre und Leblosigkeit hinein in eine neue Wirklichkeit. Ja, es scheint so, das gelingt dem Autor auf eine sehr intensive Weise zu beschreiben, dass Justins Heimkehr die Familie mindestens genauso stark traumatisiert, wie sein Verschwinden vier Jahre zuvor. Obwohl sie die ganze Zeit versuchten, sich gegenseitig zu stützen, sind am Ende nur Verzweiflung und Schweigen geblieben.
Justin war die ganze Zeit in der Nähe in der Gewalt eines Mannes, der dem Großvater bekannt war. Alle fühlen sich auf unterschiedliche Weise schuldig und keiner kommt so recht damit klar, wirklich wahrzunehmen, was dem Jungen in dieser Zeit an seelischer und sexueller Gewalt angetan wurde. Sie können weder mit Justin noch untereinander darüber sprechen.

Hinzu kommt, dass der Täter nach seiner Verhaftung plant, vor Gericht zu behaupten, er sei nicht schuldig. Alle erwarten diese Verhandlung mit großer Sorge und die führt sie wieder ein Stück weit zusammen. Als der Täter aber auf Kaution freigelassen wird, scheint alles wieder dahin. Doch Justins Vater Eric und sein Großvater fassen einen dramatischen Entschluss…

Bret Anthony Johnston hat ein überzeugendes Debüt vorgelegt und mit seiner von psychologischen Feingefühl geprägten Sprache das Porträt einer Familie gezeichnet, der das schlimmste Vorstellbare widerfährt und die versucht, sich daraus zu retten.

Auf seinen zweiten Roman, den vielleicht wieder C.H Beck verlegen wird, darf man sehr gespannt sein.
 

Ciconia

Mitglied
Lieber Wilfried Stanzick,

das klingt sehr interessant.

Mir fehlt hier allerdings die Angabe, dass es sich im Original um einen englischsprachigen Roman handelt, der wohl auch in Großbritannien spielt, und natürlich der Name der Übersetzerin.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

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Lieber Winfried Stanzick,

ich finde es immer sehr schade, dass Übersetzer meistens irgendwo „untergehen“ und man in vielen Büchern erst sehr lange suchen muss, bis man eine Namensangabe findet. Damit wird die Arbeit von Übersetzern ein wenig herabgewürdigt. Was wären gute Autoren ohne sehr gute Übersetzer?

Die Handlung dieses Romans erinnerte mich übrigens sofort an Jacquelyn Mitchards „The deep end of the ocean“ von 1996. Auch dort verschwindet ein Kind und taucht erst Jahre später wieder auf. Ebenfalls sehr spannend!

Gruß Ciconia
 
Liebe Ciconia,

ich stimme Dir zu und habe mir vorgenommen, bei meinen Rezensionen in der Zukunft mehr darauf zu achten.

Mit guten Wünschen für ein schönes (Lese) Wochenende


Winfried Stanzick
 

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