Das Sandkorn - Für den Dt. Buchpreis zu Recht nominiert

2,50 Stern(e) 2 Bewertungen
Rezension zu:

Christoph Poschenrieder, Das Sandkorn, Diogenes 2014, ISBN 978-3-257-06886-3

Wir schreiben derzeit das Jahr 2014. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg und schon in den ersten drei Monaten des Jahres ist die Fülle von Publikationen zu diesem Thema kaum mehr zu überblicken.

Der in München lebende Schriftsteller und Drehbuchautor Christoph Poschenrieder hat mit seinen beiden ersten Büchern „Die Welt ist im Kopf“ über den jungen Schopenhauer und „Der Spiegelkasten“, wo es auch um die Aktualität der Ereignisse der Ersten Weltkriegs ging, gezeigt, wie er auf eine bewundernswerte Weise historische Ereignisse, die er aufwändig und sauber recherchiert, verbindet mit nicht weniger sorgfältig recherchierten Biographien ausgesuchter Personen.

In seinem neuen Roman „Das Sandkorn“ erzählt er von der Geschichte des deutschen Kunsthistorikers Jacob Tolmeyn, der wegen seiner Homosexualität von einem ehemaligen Lover erpresst wird und auch deshalb vor dem preußischen Militarismus der Kaiserzeit nach Rom flüchtet, wo er im Deutschen Archäologischen Institut angestellt und von dort aus mit Expeditionen nach Apulien geschickt wird. Dort soll er zusammen mit seinem Assistenten Beat aus der Schweiz, der schon bei der Schweizergarde des Vatikans gedient hat, die Spuren und Bauten des in Apulien immer noch beliebten Stauferkönigs Friedrich II. ausfindig machen.

Zunächst erfahren diese Forschungen nicht nur die volle Unterstützung seines Chefs Stammschröer, sondern sie erhalten auch allerhöchste Protektion aus dem kaiserlichen Berlin. Beim besten Fotografen Berlins muss Tolmeyn einen Kurs absolvieren und kann sich nur mit Mühe seinem Erpresser entziehen. Nach Rom zurückgekehrt, werden die Bedingungen für die Expeditionen, die nun auch mit vielen Fotos dokumentiert werden, schwieriger. Erst recht, als der Krieg beginnt und auch die politische Unterstützung in Italien schwindet. Jacob Tolmeyn und Beat bekommen mit Letizia eine Aufpasserin zur Seite gestellt, von der sich herausstellt, dass sie mehr an gesellschaftlichen Fragen, vor allem der der Frauenemanzipation interessiert ist, als an Kunstgeschichte.
Alle drei so unterschiedliche Menschen, die Poschenrieder da zusammenführt, verbindet die leidenschaftliche Suche nach einem anderen Leben, ein Leben, das damals aus der Zeit fiel und das nicht von Vorurteilen sich bestimmen lassen will.

Und dann ist da noch eine vierte Hauptfigur, der Berliner Kommissar Franz von Treptow, der die ganze Geschichte aus seiner Warte aufgeschrieben hat, nachdem Jacob Tolmeyn, 1915 nach Berlin zurückgekehrt, dort aufgefallen und verhaftet worden ist, weil er , seltsame Worte murmelnd, durch Berlin geht und an verschiedenen Stellen Sand ausstreut.

In langen Verhören erfährt er Tolmeyns Geschichte und notiert sie. Seine Notizen lässt Poschenrieder sich abwechseln mit langen und ausführlichen Berichten über die vielen Reisen und Stationen, die Jacob, Beat und Letizia in Apulien unternommen haben.

Obwohl reine literarische Kunstfiguren, hat Christoph Poschenrieder sich mit seiner Geschichte von Jacob und Beat inspirieren lassen von der von Arthur Haseloff und Martin Wackernagel, die zwischen 1904 und 1908 eine möglichst lückenlose Bestandsaufnahme der Bauten aus der Zeit Friedrichs II. (1194-1250) machten. Er hat sie in Zeit vor und nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs verlegt. Der Kommissar Franz von Treptow hat sein historisches Vorbild in Hans von Tresckow, der sich vorsichtig für die Abschaffung des § 175 einsetzte und aus dessen Lebenserinnerungen Poschenrieder immer wieder zitiert.

„Das Sandkorn“ ist ein spannender und auch anspruchsvoller Roman. Er bewegt sich in mehreren Genres und verbindet sie auf geniale Weise. Er ist ein historischer Roman, er handelt von Liebe und Toleranz, er besitzt Aspekte eines Krimis und er ist durch und durch antimilitaristisch.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Schade, dass erst im letzten Absatz so etwas wie eine Bewertung auftaucht. Nach dem Untertitel »Für den Dt. Buchpreis zu Recht nominiert« hätte ich mehr darüber erwartet.

So bleibt eine längere Inhaltszusammenfassung die nicht erklärt, warum das Buch nun preiswürdig ist.
 
D

Dominik Klama

Gast
Die Inhaltsangabe und Stellen wie dieses "Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie auf der Suche nach einem andren Leben sind..." klingen irgendwie nach Unterhaltungsroman-Märchen für Erwachsene, was ja zum Verlagsnamen Diogenes auch ganz gut passt. Da wäre doch nett, erklärt zu bekommen, warum es das nicht oder nicht allein ist, sondern ein sprachliches Kunstwerk, wie man es sich beim Dt. Buchpreis vorstellt. Obwohl, natürlich sind da auch schon andere leichtgewichtige Unterhaltungsbüchlein unter den Nominierten der ersten Jahre gewesen. (2006 z.B. "Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer, wenn ich das schon sehe: "Grxxxxcks!")

Sagt jemand Arno Abendschön Bescheid, dass er das auch noch rezenzieren soll? Es müsste doch genau der Stoff sein für ihn.
 
Heureka?

Ach, Dominik, ich habe den Buchtipp schon selbst gefunden, ohne Nachhilfe, so wahr ich Abendschön heiße.

Stoff liest sich interessant und wird hier, finde ich, ansprechend ausgebreitet. Andererseits ist der Einwand des Erstkommentators berechtigt - die besonderen literarischen Qualitäten des Buches bleiben uns noch weitgehend verborgen.

Eins steht fest: Ich werde das Buch weder lesen noch rezensieren. Diese Vermischung von Authentischem mit Fiktionalem lehne ich grundsätzlich ab, unabhängig von der Qualität im Einzelfall. Für mich ist das schon eine Frage des Ethos: Was einmal realen historischen Personen geschehen ist, hat genau so seinen eigenen Wert und seine eigene Würde. Man vergeht sich an beidem, wenn man sie als Rohstoff für semidokumentarisches Infotainment benutzt, sei es auch mit bester Absicht.

Arno Abendschön
 
D

Dominik Klama

Gast
Alle Wetter, Arno! Von "Faust", "Dantons Tod", "Marat/Sade", "Hamlet" und "Der englische Patient" hast jetzt aber nichts gesagt?

Man könnt sich aber ja schon mal leicht wundern über diese Heimkino-Lebensentwürfe von Nach-Nach-Nach-Nach-Geborenen, die da in Deutschland kreisen, wenn es gut-literarisch-gepflegt werden soll. All die Pariser Parfum-Kompositeure, Göttinger Zahlengenies, österreichischen Payer-Weiprecht-Expeditionen nach Franz-Joseph-Land, langmütigen Entdecker der Langsamkeit, "deutsche Sommer" mit Galdbecker Geiselgangstern. Alles, wie es zwar nicht war, dafür Großes Kino.
 
Dominik, man muss das Problem enger fassen, als du es zuletzt getan. Ich habe mich gegen die Verwurstung einer konkreten und durch viele Details gut belegten Biographie gewandt, indem ein Autor später seinen Senf noch dazugibt, umrührt und so etwas Halbneues fabriziert. Das Problem stellt sich nur bei historischen Figuren aus neuerer Zeit, nicht bei mehr oder weniger legendären Gestalten wie Hamlet oder Faust. Wenn aber aus einem von Tresckow ein von Treptow wird und Vorkriegsepisoden in die Zeit nach dem Krieg verlegt werden, kommt mir das willkürlich und nicht gerechtfertigt vor.

Ich will später auch keinen Roman über eine Kanzlerin Mirckel lesen, die Vorgängerin von Kanzler Schredder war und als IM Veronika die Nachrüstung durchsetzte! Mag es noch so großes Kino sein, ich will das nicht. Die Historie ist kein Computerspiel.

Arno Abendschön
 

Oben Unten