Das schöne Nichts

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blackout

Mitglied
Den Dichter kommt das holde Dichten an.
Ein bissel dies und das, nur bissel dichten,
mehr will der Dichter nicht, der brave Mann,
will ernst sein ernstes Tagewerk verrichten.

Noch ahnt er nicht, wovon er heute schreibt.
Die Wände schweigen, und es schweigt die Muse.
Er stutzt: Wo heut denn nur die Muse bleibt?
Verzweifelt ruft er nach der Frau, der Suse.

Die Hausfrau kommt, der erste Vers, er steht.
Wie aber, liebe Suse, geht’s nun weiter?
Er fühlt, dass ihn der Muse Hauch umweht,
und plötzlich ist der Dichter fast schon heiter.

Ihm ist, als schriebe es von selbst aus ihm,
es strömt der Vers ihm in die Dichterfeder,
er spürt den Flügelschlag des Cherubim,
und gar gewaltig zieht er jetzt vom Leder.

Dann hält er inne, und es schweift sein Blick
aufs Werk, das ihm, Gott weiß, wie nie gelungen.
Er staunt: Das heute ist sein Meisterstück!
Nie haben seine Verse so geklungen.

Doch eine Stimme tönt: Wo bleibt der Geist?
Er lauscht in sich hinein und in die Stille,
gebrochen nunmehr, elend und verwaist.
Wie unergründlich doch der Musen Wille!

Lass ab, du Leser, such nicht nach dem Sinn,
welch Dichter hat noch etwas zu verkünden?
Wohl liegt in seinem Werk kein Geist mehr drin,
doch suche nur, vielleicht wirst du ihn finden.
 

Mondnein

Mitglied
Nun ja, der Geist fehlt bei diesem Ding hier in der Tat. Es ist selbstreferent.

"Cherubim" ist ein Plural, Singular "Cherub" wie in Schillers Textvorlage zu Beethovens "Freude usw."

Aber das ist egal bei Selbstbejammerungs-Versen aus der Echokammer, die die Welt nicht braucht.
 

blackout

Mitglied
Es geht eben nichts über eine grundehrliche Haut. Es gibt so viele schlechte Dichter in der Welt, du aber bist einer der Größten!

Gruß, blackout
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Verstehe deine Antwort nicht wirklich. Aber egal! Mir ist es schnuppe, ob du in deinem Gedicht jemanden bestimmten ansprichst.
Selbst wenn du mich meinen würdest, wäre es mir schnuppe. Ich lese Gedichte aus einer neutralen Sicht. Gefällt mir Inhalt und Sprache,
bewerte ich dies dementsprechend. Ich bin da ganz außen vor, enthalte mich persönlicher Wertungen. Dies Gedicht ist dir gelungen.

Meine Sicht!
 

blackout

Mitglied
Aber Otto, Lieber, sei nicht traurig, ich hab niemand Bestimmtes gemeint. Mach ich prinzipiell nicht. Hat einfach nur Spaß gemacht, das Gedicht zu schreiben, das ist alles. Für so ein Gedicht kommt immer vieles zusammen, man sieht mal hier und mal dort was, und am Ende versucht man was draus zu machen. Aber ist doch interessant, wer sich die Jacke anzieht. Ach, die Poeten, mit denen kann schon geschlagen sein.

Gruß, blackout
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ist nun schon die zweite Aussage an dieser Stelle, die ich nicht verstehe. Ich denke, wir lassen es nun gut sein.
 
Hallo blackout,

das Schicksal des von dir beschriebenen Dichters hat vor rund 200 Jahren Christian Dietrich Grabbe in seinem Theaterstück «Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung» aufs Prägnanteste dargestellt (2. Akt, 2. Szene). Grabbe nennt seinen Helden RATTENGIFT (ich zitiere die Szene aus [URL="http://www.zeno.org"][URL="http://www.zeno.org"][URL="http://www.zeno.org"][URL="http://www.zeno.org"]www.zeno.org[/URL][/URL][/URL][/URL] ). Dein Gedicht halte ich insofern für vergebliche Liebesmühe, als es Grabbe nichts Neues hinzufügt.


RATTENGIFT sitzt an einem Tische und will dichten. Ach, die Gedanken! Reime sind da, aber die Gedanken, die Gedanken! Da sitze ich, trinke Kaffee, kaue Federn, schreibe hin, streiche aus, und kann keinen Gedanken finden, keinen Gedanken! – Ha, wie ergreife ichs nun? – Halt, halt! was geht mir da für eine Idee auf? – Herrlich! göttlich! eben über den Gedanken, daß ich keinen Gedanken finden kann, will ich ein Sonett machen, und wahrhaftig dieser Gedanke über die Gedankenlosigkeit, ist der genialste Gedanke, der mir nur einfallen konnte! Ich mache gleichsam eben darüber, daß ich nicht zu dichten vermag, ein Gedicht! Wie pikant! wie originell! Er läuft schnell vor den Spiegel. Auf Ehre, ich sehe doch recht genial aus! Er setzt sich an einen Tisch. Nun will ich anfangen!

Er schreibt.

Sonett.
Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn,
So wie – –

Ja, was in aller Welt sitzt nun so, daß es aussieht wie ich, wenn ich Federn kaue? Wo bekomme ich hier ein schickliches Bild her? Ich will ans Fenster springen und sehen, ob ich draußen nichts Ähnliches erblicke! Er macht das Fenster auf und sieht ins Freie. Dort sitzt ein Junge und kackt – Ne, so sieht es nicht aus! – Aber drüben auf der Steinbank sitzt ein zahnloser Bettler und beißt auf ein Stück hartes Brot – Nein, das wäre zu trivial, zu gewöhnlich! Er macht das Fenster wieder zu und geht in der Stube umher. Hm, hm! fällt mir denn nichts ein? Ich will doch einmal alles aufzählen, was kauet. Eine Katze kauet, ein Iltis kauet, ein Löwe – Halt! ein Löwe! – Was kauet ein Löwe? Er kauet entweder ein Schaf, oder einen Ochsen, oder eine Ziege, oder ein Pferd – Halt! ein Pferd! – Was dem Pferde die Mähne ist, das ist einer Feder die Fahne, also sehen sich beide ziemlich ähnlich – Jauchzend. Triumph, da ist ja das Bild! Kühn, neu, calderonisch!

Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn,
So wie

Indem er hinzuschreibt.

Der Löwe, eh der Morgen grauet,
Am Pferde, seiner schnellen Feder kauet –

Er liest diese zwei Zeilen noch einmal laut über und schnalzt mit der Zunge, als ob sie ihm gut schmeckten.

Nein, nein! So eine Metapher gibt es noch gar nicht! Ich erschrecke vor meiner eignen poetischen Kraft! Behaglich eine Tasse Kaffee schlürfend. Das Pferd eine Löwenfeder! Und nun das Beiwort »schnell«! Wie treffend! Welche Feder möchte auch wohl schneller sein als das Pferd? – Auch die Worte »eh der Morgen grauet!« wie echt homerisch! Sie passen zwar durchaus nicht hieher, aber sie machen das Bild selbstständig, machen es zu einem Epos im kleinen! – O, ich muß noch einmal vor den Spiegel. laufen! Sich darin betrachtend. Bei Gott, ein höchst geniales Gesicht! Zwar ist die Nase etwas kolossal, doch das gehört dazu! Ex ungue leonem, an der Nase das Genie!
 
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blackout

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Was willst du mir denn nun sagen, Joe? Weil Grabbe zum selben Thema geschrieben hat, sei mein Gedicht - was? Nichts gegen Grabbe, aber mein Fall ist er nicht. Goethe hat auch schon mal ein Naturgedicht geschrieben: "Über allen Wiipfeln ist Ruh ..." Meiner Ansicht nach eines der schönsten Gedichte Goethes, das vielleicht gar nicht übertroffen werden kann. Soll ich das aber so verstehen, dass nun niemand mehr über Wipfel oder Ruhe schreiben darf, weil er ja nichts Neues hinzufügt? Deine Argumentation ist ein bisschen weit hergeholt, will mir scheinen. Aber warum immer um den heißen Brei herumschreiben? Schreib doch, dass dir das Gedicht nicht gefällt, du hast es schon besser bei Grabbe gelesen. Hätte ich verstanden und dir beigepflichtet. Bin ja auch nicht Grabbe.

Gruß, blackout
 
Doch nicht gleich den Goethe, blackout! Ich stimme dir zu: «Über allen Wipfeln» ist nicht zu übertreffen, aber es wurden dann noch hunderte Wipfel-Gedichte geschrieben, und alle haben ihre Berechtigung – liegt am Thema. Die Dichterfigur, zu der du deine Strophen erfunden hast, war aber schon von Grabbe ziemlich weit hergeholt und in ihrer arbeitswütigen Einfallslosigkeit derart grob gestrickt, dass sie gerade noch als Karikatur etwas hergab. Als Duplikat (auch nach Jahrhunderten) jedoch gar nichts mehr hergibt. Diese Figur existiert allenfalls unter den millionen reimenden Sonntagslyrikern, aber über die, meine ich, muss man keine anspruchsvollen Gedichte schreiben (und in der Abteilung «anspruchsvoll» siehst du dein Gedicht doch eingeordnet, oder?)

Gegen alle Einsicht habe ich einen dieser Sonntagsdichter in bemühte Verse gefasst, und herausgekommen ist eine Belanglosigkeit, über die du dich nach Belieben lustig machen kannst. Ich werde es aushalten. Gruß JF

Fliederstein verehrt mit schlichter
Leidenschaft in sich den Dichter,
Sitzt um Mitternacht am Ofen,
Wärmt sich und erfindet Strophen,
Strophen, die er liebgewinnt,
Weil es eigne Strophen sind.
Denkt er, was er denkt, zu schildern,
Denkt ers in gereimten Bildern:
Stabgereimtes, Endgereimtes,
Dreigezeilt- und Abgefeimtes,
Blankgeverst- und Grundsolides,
Sternenstündlich Tryptichides
Der Vollendung anvermählt –
Welten werden durchgezählt.
Nacht um Nacht. Und endlich steigt
Fliederstein ins Bett und zeigt
Sich dem lieben Gott erkenntlich,
Macht ihn reimend gegenständlich,
Weil, wenn er ihn sehen kann,
Er ihn auch verstehen kann.
Friedlich schläft der Dichter ein.
Reimt er weiter? Träumt er? Nein,
Nein, er schnarcht. Er hört es nicht.
Andre hörns, ihn stört es nicht.
 
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blackout

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Hast recht, unter Goethe sollte man gar nicht erst anfangen. Man hat so seine Maßstäbe. Ja, so kann man es auch schreiben. Aber man kann es auch so wie ich schreiben. Oder wie Grabbe. Oder wie Otto Normalverbraucher. Ist doch völlig Wurscht. Und wie kommst du denn darauf, dass ich mein Gedicht als "anspruchsvoll" ansehe? Nein, es ist eine kleine Gemeinheit, die zu schreiben mir einfach nur Spaß gemacht hat. Weiter nichts. Aber jede kleine Gemeinheit geht auf etwas zurück. das mit Wirklichkeit zu tun hat. Und sagen wir es mal so: Ich hatte Gelegenheit, eine gewisse Menge Wirklichkeit zu sammeln. Und warum sollte ich mich über dein Gedicht lustig machen? Ich finde es ganz lesbar, aber dass ich mich lustig mache darüber - warum sollte ich? Soo schlecht ist es ja nun auch wieder nicht. Wenn es Scheiße wäre, hätte ich es dir schon geschrieben. Oder auch nicht. Kommt aufs Wetter an. Ich werde es mal meinem Enkel vorlesen, vielleicht kann er über dein Gedicht lachen. Alles ist möglich. Übrigens meldet das TV gerade, dass Ernesto Cardenal gestorben ist. Da wird sich manch einer freuen. Er ist 95 geworden.

Gruß, blackout
 
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