Das Testament der Gräfin Ulrike, Kap. 6

blackout

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Joshua hatte sich das Vertrauen der Gräfin Ulrike erworben in den zwei Jahren, die seit seinem Ankommen im Schloss vergangen waren. Die Gräfin war bezaubert von dem jungen Mann. Ihr Park war ein Park aus dem Bilderbuch geworden. Jeden Nachmittag ließ sie sich von Marietta den Stammsessel ans Fenster rücken und sah stundenlang hinaus. Nicht wiederzuerkennen das einst so heruntergekommene Kleinod ihres verstorbenen Mannes. Und das alles dank der Tatkraft dieses jungen Menschen, den sie viel zu schlecht bezahlte.

Gräfin Ulrike saß nachmittags am Tisch, über Papiere gebeugt. Ach, das Testament! Sie würde es ändern, der junge Joshua sollte auch noch bedacht werden. „Joshua! Bitte komm doch mal!" Marietta steckte den Kopf zur Tür herein. „Joshua ist im Wirtschaftsgebäude, ich hole ihn, Frau Gräfin!"

Joshua kam, mit Gärtnerschürze und zünftigem Strohhut. Er wischte sich die Hände an der Schürze ab.

Gräfin Ulrike überkam jedesmal, wenn sie ihn anblickte, eine Wärme, die sie sich nicht recht erklären konnte. War es die stattliche Gestalt des jungen Mannes, seine Bescheidenheit oder dieser offene, ehrliche Blick? Inzwischen war die Gräfin zum Du übergegangen, sie brachte es nicht über die Lippen, Joshua noch weiter mit Sie anzureden, das so viel Abstand schaffte. Manchmal sogar hatte sie den Eindruck, dass Joshua mehr und mehr ihrem verunglückten Sohn ähnelte. Ein mütterliches Gefühl überkam sie dann, und am liebsten hätte sie ihn in die Arme geschlossen, wie sie es einst mit ihrem kleinen Sohn getan hatte.

„Joshua, ich habe beschlossen", begann die Gräfin, „dich in mein Testament aufzunehmen. Muss aber noch notariell festgelegt werden. Du fährst mich in die Stadt, zu Notar Wettlinger, zu meinem alten Freundfeind. Er wird überrascht sein!" Sie lachte.

Noch überraschter, als der Notar sein würde, aber war Joshua. „Frau Gräfin", stotterte er, „das ist doch nicht nötig. Sie bezahlen mich doch gut!"

„Nicht gut genug, Joshua! Keine Widerrede! Was ich beschlossen habe, wird getan. Wann passt es dir? In einer Stunde?"

***

Joshua ließ den Motor des goldmetallicfarbenen Mercedes laufen. Die Gräfin, von Marietta gestützt, erschien an der Schlosstür. Joshua sprang aus dem Wagen und riss die Tür auf.

Während der Fahrt beobachtete die Gräfin den jungen Mann. „Ich sollte dir eine Chauffeursmütze kaufen", sagte sie spitzbübisch, „sie würde dich bestimmt gut kleiden."

Der Notar Dr. Wettlinger machte gute Miene, obwohl sie ihm schwerfiel. Wie oft wollte die Gräfin Rheinstein noch ihr Testament ändern? Zugunsten dieses jungen Schnösels, den sie wer weiß wo aufgegriffen hatte? Das sollte einer verstehen! Nun gut, dachte er sich dann, jede Änderung bedeutete zwar Schreibarbeit, doch jeder Handschlag erhöhte auch seinen Verdienst.

„Ich hoffe, dies war das letzte Mal, lieber Dr. Wettlinger", sagte die Gräfin, entschuldigend lächelnd, als sie sich verabschiedete. „Nicht böse sein. Ich habe eben so meine Vorstellungen vom Umgang mit zuverlässigem Personal."

Als sie im Schloss ankamen, lag die Post auf dem Tisch der Gräfin. Ihr Blick fiel auf den obersten Brief: „An die Gräfin Ulrike von Rheinstein". Ungeduldig schlitzte sie das Kuvert mit dem kleinen goldenen Brieföffner auf. Der Brief bestand aus einem Blatt und war handschriftlich verfasst.

„Liebe Tante Ulrike", las sie voller Verwunderung. Tante Ulrike, Tante? Sie hatte doch überhaupt keine Verwandtschaft mehr!

„Mein Vater", las sie, „hatte mir vor seinem Tod ans Herz gelegt, mich unbedingt bei Dir zu melden. Ich bin die Tochter deines Cousins dritten Grades Eduard, von dem Du Dich vor Jahrzehnten getrennt hattest, wie er mir sagte. Das aber soll kein Hinderungsgrund für mich sein, eine Blutsverwandte dennoch aufzusuchen. Ich komme am Zwölften des Monats nach Rheinstein, und dann erkläre ich Dir alles. Deine Dich liebende Nichte Daniela."

Der Brief fiel der Gräfin Ulrike aus der Hand. Cousin Eduard, natürlich, an ihn konnte sie sich sehr gut erinnern, wenn auch viele, viele Jahre vergangen waren. Damals hatte er um ihre Hand angehalten, aber aus der Heirat wurde nichts. Sie konnte sich heute kaum noch an die Gründe erinnern. Waren eigentlich die Eltern gegen diese Verbindung gewesen? Nein, sie wusste es nicht mehr. Aber etwas war dazwischengekommen, etwas sehr Unangenehmes. Damals, erinnert sie sich, hatte sie geglaubt, ihr Leben sei zu Ende. Sie hatte sogar Hand an sich legen wollen. Aber dann hatte sie den Grafen Rheinstein auf einer Soiree kennengelernt, und nicht lange danach waren sie verheiratet gewesen.. Eduard hatte ihr das niemals verzeihen können und sich nie mehr bei ihr gemeldet, die Familien hatten sich aus den Augen verloren, und die Gräfin dachte nie mehr an Eduard, die verflossene Liebe. Also eine Tochter hatte er, diese Daniela. Gut, sollte sie kommen. Dann musste Notar Dr. Wettlinger eben nochmals das Testament ändern. Gräfin Ulrike seufzte.

Aber dass der Kunstverein das Schloss und einen Teil ihres Vermögens bekäme, dafür würde sie schon sorgen! Und Marietta und Joshua sollten auch nicht vergessen werden, egal, wie diese Nichte dritten Grades dazu stehen würde!
 

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