Das Testament der Gräfin Ulrike, Kap. 7

blackout

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Ein Taxi fuhr vor dem Schloss vor. Eine junge, sehr schlanke Frau entstieg ihm, einen Handkoffer als Gepäck, das blonde Haar hing ihr strähnig über die Schulter. Marietta stand vor der Schlosstür und beobachtete die Angekommene skeptisch. Eine Nichte der Gräfin? Gewöhnlich, dieses Weib war ordinär, entschied sie. Instinktiv fühlte sie Abneigung gegen die Besucherin.

„Willst du mir nicht den Koffer abnehmen?" Daniela, denn um sie handelte es sich, war wütend: Die Gräfin nirgends zu sehen, dafür eine Dienstmagd als Empfangsdame. Ein schöner Empfang! „Wo ist denn die Frau Gräfin?", fragte sie aufgebracht. „Ich habe ihr doch geschrieben, dass ich komme!"

Marietta musterte schweigend den Gast. Ein billiges Kostüm, abgetretene Pumps, ordinäre dicke Ohrringe. Irgendwas gefiel ihr auch an dem Gesichtsausdruck Danielas nicht. Ihr Urteil stand fest: Mit der ist nicht gut Kirschen essen.

***

Gräfin Ulrike warf einen prüfenden Blick auf die unbekannte Nichte, die am Tisch Platz genommen hatte. „Du bist also Daniela, die Tochter meines Cousins Eduard. – Mein Beileid", fügte sie hinzu. „Damals habe ich deinen Vater sehr gemocht. Aber das ist lange her. Seitdem haben wir uns nicht wiedergesehen. – Aber nun bist du statt seiner gekommen, Kind", fügte sie freundlich hinzu.

„Tante Ulrike, ich habe doch nur noch dich auf der Welt." Daniela betupfte sich mit einem nicht mehr ganz sauberen Taschentuch die Augen.

„Komm her, Kind." Die Gräfin zog die Nichte an sich. „Es ist traurig, wenn man so allein in der Welt steht, ich weiß. Ich kann deine Tränen sehr gut verstehen. Erzähl, wie lebte dein Vater? Und deine Mutter? Sie lebt wohl auch nicht mehr?"

„Meine Mutter war die geborene Baronin Altstetten, sie ist gestorben, als ich drei Jahre alt war. Vater hat unser Schloss verkaufen müssen, und wir haben in der Stadt gelebt, in einer sehr engen Wohnung, eher einer Kammer, Tante Ulrike!"

„Ach, Kindchen, da ist dir ja schon in jungen Jahren sehr viel Leid begegnet", sagte die Gräfin mitfühlend. „Aber jetzt", sie blickte zur Tür, die einen Spalt offenstand – „jetzt bleibst du bei mir, solange es dir gefällt. Und dass du einmal meine Haupterbin sein wirst, wird dich nicht verwundern, das ist dir sicher bekannt?"

Danielas Augen leuchteten einen kurzen Moment auf. Der Gräfin entging es nicht.

„Marietta!", rief sie. „Stell mal etwas auf den Tisch. Meine Nicht Daniela wird nach ihrer Reise ausgehungert sein."

Marietta trat ein mit verräterisch roten Wangen. „Wir haben nur noch Braten von gestern", sagte sie unwirsch.

„Nun, dann bringst du den Braten von gestern." Die Gräfin lächelte. „Was stehst du noch herum? Daniela fällt mir noch in Ohnmacht vor Hunger!"

Marietta verschwand. Die Gräfin wandte sich wieder ihrer Nichte zu. „Marietta ist altes Schlossinventar, ihre Mutter hat schon den Eltern meines Mannes gedient. Eine Dynastie von Köchinnen. Ein bisschen neugierig, aber das", die Gräfin lachte hell auf, „sind wir alten Frauen alle. Ich würde gern wissen, Daniela, wie du dir die Zukunft vorstellst. Gibt es jemandem in deinem Leben, der dir nahesteht?"

Daniela antwortete nicht sofort. Zögernd sagte sie dann: „Im Moment nicht. Aber ich denke durchaus daran, nicht allein zu bleiben, Tante Ulrike. Ich hoffe, mit deinen Beziehungen zu den ersten Familien eine gute Partie finden zu können. Einen Gatten, der auch in diesem Schloss …"

Die Gräfin fiel ihr ins Wort: „Damit wird es wohl nichts werden. Ich stehe in Verhandlungen, das Schloss zu veräußern, Daniela. In diesen Mauern werden nach meinem Tode nur noch die Mäuse und der Kunstverein nisten. Du musst dich schon nach einem anderen Quartier umsehen, so leid es mir tut."

„Ach", Daniela blickte zum ersten Mal der Tante ins Gesicht, „das habe ich nicht gewusst, ich dachte …"

„Du bist und bleibst, wenn alle deine Papiere stimmen, die du mir noch vorlegen wirst, meine Nichte und Haupterbin. Aber mit dem Schloss, versteh mich, habe ich anderes vor. Halb und halb habe ich es dem Kunstverein bereits übergeben."

Daniela schoss einen unfreundlichen Blick auf die Gräfin. „Natürlich", beeilte sie sich zu sagen, „natürlich, Tante Ulrike, das Schloss gehört dir, ich habe mich da nicht einzumischen." Der Gräfin entging das verdrossene Gesicht Danielas nicht.
 

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