DDR, das schwarze Schaf der Familie

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Es ist soweit, die Montagsdemonstrationen in Leipzig jähren sich. Im kommenden Jahr sogar zum 25. Mal. Zur Erinnerung: Jahrestag der DDR war der 7. Oktober. Los ging bekanntlich alles in Leipzig:

Ich möchte – bald 25 Jahre nach der friedlichen Revolution – den jüngst verstorbenen deutschen – in Polen geborenen – Juden – Reich- Ranicki zitieren, der daran erinnerte, dass das Kriegsende `45 für die damals Lebenden KEIN Tag der Befreiung war und der Tag für die heute lebende Jugend so fern sei, wie für ihn damals der deutsch-französische Krieg 1870/71

Zum Thema Erinnerungskultur hörte ich jüngst einen Experten der Oral History, der sinngemäß sagte, dass das Erinnern auch geprägt sei durch die fortfolgende Interpretation des Geschehens. Also nicht nur die Veredelung des Erinnerns im Nachhinein – früher war alles besser – sondern die Erinnerung wird auch geprägt durch den heutigen Mainstream "Sputnik – Schock am 4.Oktober 1957" (für wen ein Schock?)

Es gibt die offizielle Geschichtsschreibung und das Einzelerlebnis. Ich werde nie vergessen, den Satz meines KFZ-Meisters in Neudietendorf/Thüringen, auf die Frage seines damals 13 jährigen Sohnes im Jahr 2008, warum denn nun die Mauer gefallen sei: „Weil ein paar Intellektuelle Ananas essen wollten." Einzelfälle?

Leipzig steht heute für die friedliche Revolution 1989. Zu Recht. Leipzig steht. Stehen die Leipziger? Wie viele Leipziger gingen auf die Straße? Zu Beginn? Später? Wie viele saßen zu Hause und hießen das Geschehen gut. Aber wie viele hatten Angst vor dem was kommt? Was war mit denen, die an die DDR glaubten und Angst hatten? An die DDR glaubten! Wie komisch das klingt.

An die BRD glauben. Klingt das besser? Wer von Ihnen glaubt an die BRD? Wer ist die BRD? Was war die DDR?

Der westdeutsch-sozialisierte Historiker Hubertus Knabe, Gedenkstättenleiter in Hohenschönhausen, sagte mal auf die Frage, ob es in der DDR nicht auch Gutes gegeben habe? „Ich interpretiere die Geschichte der DDR aus der Perspektive der Folterkeller in Hohenschönhausen“. Das ist sein Recht.

Und ich? Ich interpretiere die Geschichte der BRD aus der Perspektive von Kiesinger, Filbinger, Besatzung, Waffen an Saudi-Arabien, Guttenberg Doktorarbeit gefälscht, Koch-Mehrin Doktoberarbeit gefälscht, Schavan Doktorarbeit wahrscheinlich gefälscht, Steinmeier Doktorarbeit angeblich gefälscht. Bringt uns das weiter?

Jede Familie hat ihr schwarzes Schaf. Es kann nicht sein, dass die DDR das schwarze Schaf des heutigen Deutschland ist. In der DDR waren Nazideutschland, BRD und USA die schwarzen Schafe. In der BRD waren Nazideutschland, DDR und Sowjetunion die schwarzen Schafe. Schwarze Schafe sind auch Schafe. Je schwärzer ein Schaf, desto weißer die anderen.

Ja, vieles in der DDR war schwarz. Das wird besprochen, diskutiert ausgewertet. Ja, vieles in der BRD war schwarz. Das wird nicht diskutiert, nicht ausgewertet.

Die Aufarbeitung zur DDR-Geschichte darf nicht aufhören. Das bedeutet aber auch, nie zu vergessen, dass die DDR auch UN-Mitglied war und von allen UN-Ländern anerkannt wurde. Waren diese Länder alle verblendet? Waren Frankreich, Belgien, die Schweiz, die USA zu doof zu sehen, was los war? Ja, all diese Länder haben die DDR erst anerkannt nach dem Segensspruch der sozial-demokratisch-liberalen Grundlagenvertragsinitiative unter Willy Brandt. War die falsch? Ein langer Diskussionsabend könnte sich entspinnen.

Mit oder ohne Grundlagenvertrag war die ganze Welt auf der traditionellen Leipziger Messe vertreten. Ja, die ist älter als die DDR je gewesen ist, aber auch ja, die funktionierte auch zu DDR-Zeiten. Und ja, westeuropäische Länder engagierten sich wirtschaftlich, kulturell und sportlich in der DDR oder pflegten den Austausch

Fazit: Es gab einmal viele deutsche Länder, dann gab es einmal eine kurze Zeit ein deutsches Reich. Dann gab es noch kürzer eine Demokratie, dann das 12 Jahre währende "1000-jährige Reich", dann zwei deutsche Staaten und jetzt gibt es wieder einen deutschen Staat. Mehr als 17 Millionen Deutsche – denn die 17 Millionen waren immer nur der Ist-Stand – haben einen deutschen Staat erlebt (oder hören über ihn von ihren Eltern und Großeltern)den es nicht mehr gibt. Doch es gibt die Geschichte. Und die ist noch nicht auserzählt.
 

Val Sidal

Mitglied
Schreibensdochauf,

Du schreibst:
Jede Familie hat ihr schwarzes Schaf. Es kann nicht sein, dass die DDR das schwarze Schaf des heutigen Deutschland ist. In der DDR waren Nazideutschland, BRD und USA die schwarzen Schafe. In der BRD waren Nazideutschland, DDR und Sowjetunion die schwarzen Schafe. Schwarze Schafe sind auch Schafe. Je schwärzer ein Schaf, desto weißer die anderen.
-- deine Metapher funktioniert: Das "schwarze Schaf DDR" ist tot. Wurde nicht geschlachtet. Starb an Organversagen, Anorexie und Zusammenbruch des Immunsystems. Die Herz-Lungen-Maschine in Moskau wurde abgestellt.

Ja, vieles in der DDR war schwarz. Das wird besprochen, diskutiert ausgewertet.
Es wird nachgeholt, was in der DDR zunächst nicht stattgefunden hat. Als damit begonnen wurde, starb das Schaf.

Ja, vieles in der BRD war schwarz. Das wird nicht diskutiert, nicht ausgewertet.
-- hier empfehle ich Dir den gesellschaftlichen Diskurs in den Medien zu verfolgen, die Gerichtsurteile des Bundesverfassungsgerichts zu studieren und in einer Kneipe z.B. in Köln ein Kölsch (oder was auch immer) zu trinken, um deinen Horizont zu erweitern.

Doch es gibt die Geschichte. Und die ist noch nicht auserzählt.
Dein Text ist keine Bereicherung der Erzählung.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das Fazit passt bis auf den letzten Satz nicht zum Text, das würde ich überarbeiten.

Ansonsten finde ich die Kolumne so in Ordnung. Vielleicht könnten ein paar der aufgeworfenen Frage bereits beantwortet werden, aber anregend sind sie allemal.

@Val Sidal

Bei der Metapher des Schwarzen Schafes geht es eben nicht darum, dass das Schaf tot ist. Sondern dass es schwarz ist.

Möglicherweise müsste man noch eine weitere Sichtweise in Betracht ziehen, nämlich die des fehlenden Schafes. Die Lücke im Stall, die keiner bemerkt, weil man vergaß, dass da ein schwarzes Schaf stand.
 

Val Sidal

Mitglied
@lapismont:

na ja, in der Herde der Ostblock-Staaten war die DDR mitnichten ein Schwarzes Schaf - im Gegenteil!

Aus der frühen BRD-Perspektive war die DDR kein Schaf(Staat), sondern ein von der Sowjetunion erzeugter Homunkulus.
Die Metapher hinkt doch - in jeder Hinsicht.

Möglicherweise müsste man noch eine weitere Sichtweise in Betracht ziehen, nämlich die des fehlenden Schafes.
Eine solche Sichtweise könnte zu einem wirklich interessanten Text führen.
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
na ja, in der Herde der Ostblock-Staaten war die DDR mitnichten ein Schwarzes Schaf - im Gegenteil!

Aus der frühen BRD-Perspektive war die DDR kein Schaf(Staat), sondern ein von der Sowjetunion erzeugter Homunkulus.
Die Metapher hinkt doch - in jeder Hinsicht.
Der Text betrachtet die DDR ja aus heutiger, gesamtdeutscher Sicht. Und da passt es perfekt.
 
@val sidal

@val Sidal Deine Einzelmeinung geht in Ordnung. Das ist Meunungsfreiheit. "Der Text ist keine Bereicherung" ist für mich leider etwas dünne. Vielleicht ließt Du den Text einfach noch mal. Herzliche Grüsse
 
F

Fettauge

Gast
Ich finde das eine sehr oberflächliche, beschönigende, um nicht zu sagen, angepasste und damit auch etwas feige Betrachtungsweise, die du hier ausbreitest. Du als ehemaliger DDR-Bürger solltest es wissen, dass heute über die DDR gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Von den Westdeutschen kann man es nicht erwarten, dass sie ein wahrheitsgemäßes Bild von der DDR haben, du redest ihnen aber noch zum Munde.

Übrigens, ich habe es auf Video: Reich-Ranicki hat gesagt, und zwar sehr energisch, dass es nicht nur für ihn selbst, sondern für ganz Polen eine Befreiung war, als die sowjetischen Truppen Polen vom deutschen Faschismus befreiten. Einschränkend hat er aber gesagt: Aber nicht für alle, und schon gar nicht für die Nazis. Wenn du also einen Beweis für eine These heranziehst, dann bitte korrekt.

Schöne Grüße, Fettauge
 

Penelopeia

Mitglied
Ja, vieles in der DDR war schwarz. Das wird besprochen, diskutiert ausgewertet. Ja, vieles in der BRD war schwarz. Das wird nicht diskutiert, nicht ausgewertet.

Die Aufarbeitung zur DDR-Geschichte darf nicht aufhören. Das bedeutet aber auch, nie zu vergessen, dass die DDR auch UN-Mitglied war und von allen UN-Ländern anerkannt wurde. Waren diese Länder alle verblendet? Waren Frankreich, Belgien, die Schweiz, die USA zu doof zu sehen, was los war?


Soll der Text "den Osten" aufwerten, soll er ihn reinwaschen von politischen Zwangsläufigkeiten und - daraus folgenden - wirtschaftlichen Gebrechen, um ihn auf eine Stufe mit "dem Westen" zu hieven? Was macht das für einen Sinn? Die beiden Staaten sind nicht miteinander vergleichbar, sie gehörten zu unterschiedlichen Hemisphären... Wenn Westdeutschland mit politischen Freiheiten und hohem Lebensstandard glänzen konnte, ist das nicht sein Verdienst. Wenn Ostdeutschland da nicht mithalten konnte, so ist das kein Grund, Minderwertigkeitskomplexe zu haben. Die sprechen mir hier an allen Ecken und Enden aus dem Text. Am deutlichsten aber aus dem Titel.

Am merkwürdigsten finde ich den Satz von den Intellektuellen, die Ananas wollten: Die wirklichen Intellektuellen waren in der Regel die, die großzügig über Versorgungsmängel hinwegsahen und sich lange bemühten, einen Zug von Menschlichkeit im "Antlitz" des Systems zu entdecken...

P.
 

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