Deichgeschichten

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Ciconia

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Die graue Bank auf dem Deich unter dem Leuchtturm wird wie jeden Vormittag von Kuddel in Beschlag genommen. Er sitzt mittig, breitbeinig, Pfeife rauchend, aber Geert und Willem, die kurz nach ihm aus Richtung Dorf angeschlurft kommen, haben reichlich Platz an jeder Seite. Sie sind, nach Meinung vom dicken Kuddel, ja auch nur noch „halbe Hemden“.
„Moin!“
„Moin!“
„Moin!“
Mehr Unterhaltung ist vorerst nicht drin. Kuddel hat wie immer sein Fernglas umgehängt und wirft alle paar Minuten einen ausgedehnten Blick über den Fluss. Im Dorf lästert man, dass er, der Leuchtturmwärter, für jede Wasserleiche, die er berge, zehn Mark bekomme. Genau weiß das keiner. Aber es wird schon was dran sein, sonst wäre Kuddel ja nicht ständig so wachsam.

Zumindest von der Kleidung her ähneln sich die drei: Mehr oder weniger speckige Elbsegler auf dem Kopf, beige-graue Joppen und dunkle Manchesterhosen. Etwas Anderes tragen sie schon seit Jahren nicht mehr. Was soll man als Rentner denn sonst anziehen? Die Kleidung passt gut zu ihren wettergegerbten Gesichtern. Sie haben ihr Leben lang draußen gearbeitet: Willem in der Landwirtschaft, Geert im Straßenbau. Und Kuddel war schon immer Leuchtturmwärter mit viel Auslauf.

Eine Touristin hat mal vor mehreren Jahren eine Karte an sie geschickt, über die sie heute noch manchmal reden: Eine Postkarte mit Foto der drei Männer. Da sie die Namen nicht kannte, schrieb sie nur „An die abgebildeten Männer“, Postleitzahl und Ort. Aber für den hiesigen Briefträger war die Zustellung natürlich ein Leichtes. Er hat sie einfach bei Kuddel abgegeben, der bekommt immer die meiste Post, weil manchmal auch Behördliches dabei ist.

Eine halbe Stunde ist vergangen, und sie haben noch kein weiteres Wort miteinander gewechselt. Erst als Kuddel ein wenig hektisch an seinem Fernglas herumzudrehen beginnt und den Blick gar nicht mehr vom Fluss lassen kann, fragt Geert:
„Süst du wat?“
Kuddel brummelt Unverständliches, die inzwischen erkaltete Pfeife immer noch im Mund. Erstaunlich flink erhebt er sich dann mit den Worten „Ick bün glieks wedder dor“ und eilt Richtung Leuchtturm.

Geert und Willem sehen sich vielsagend an. Also doch.
„Ob dat die Pickenpacksche ist?“
„Nee, dat is doch eerst fiev Doog her”.
Irma Pickenpack, die den Unfalltod ihres Sohnes nicht verwunden hatte, ist letzte Woche “ins Wasser gegangen”. Nach fünf Tagen ist das Auftauchen einer Wasserleiche allerdings eher unwahrscheinlich.

Unten am Anleger wird ein kleines Motorboot angelassen. Die beiden Alten sehen Kuddel nach, der nun in Richtung Fahrrinne tuckert. Ohne Fernglas können sie nichts Näheres erkennen, aber daran, dass er in Höhe der nächsten Boje etwas Schweres in sein Boot hievt, besteht kein Zweifel.

Willem und Geert versuchen die Zeit zu überbrücken.
„Schall jo vandaag noch Regen geven“, meint Willem.
„Jau!“

Kuddel kommt schwerfällig und verschwitzt den Deich hinauf.
„Se sünd glieks dor“, schnauft er. Offensichtlich hat er vorhin gleich telefoniert.
„Und wokeen weer dat nu?“
„Dat weet ick nich, is keen von hier“.
„Och so“.

Langsam schiebt sich ein langes schwarzes Auto an den Anleger. Ein zweites Mal wieselt Kuddel von dannen.

„Ick go denn mol“, sagt Geert, „Middag is fertich“.
„Jau, ick ook“.

Während Kuddel am Boot den beiden Bestattern mit der Zinkwanne hilft, ziehen Geert und Willem gemächlich von dannen. Soll Kuddel für seine zehn Mark doch ruhig ein bisschen arbeiten.
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia,

Kurze Geschichte, knapp und amüsant.

Ich habe sogar alles verstanden, bis auf dies hier:

„Se sünd glieks dor“, schnauft er. Offensichtlich hat er vorhin gleich telefoniert.
„Und wokeen weer dat nu?“

Könnest du es mir übersetzen? ;)

Gruss, Ji
 

Ciconia

Mitglied
Aber gerne doch, JiRina. ;)

Se sünd glieks dor = Sie sind gleich da.

Und wokeen weer dat nu? = Und wer war das nun?

Freut mich, dass die Geschichte Dir trotzdem gefallen hat.

Gruß, Ciconia
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia,

witzige Geschichte mit Tiefgang.

Die Männer erinnern mich an die des so genannten "Duhner Reichstags" in Cuxhaven, die mit Figuren auf einer Bank an der Promenade verewigt wurden.

:)

Gruß DS
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Doc.

Den Duhner Reichstag kannte ich nicht. Aber ich versichere, dass es bei uns im Dorf vor etlichen Jahren eine ähnliche Bank gab ...

Gruß, Ciconia
 

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