Deichgeschichten Nr. 3

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Ciconia

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META

In Meta Pickenpacks Dorf am Deich wuchs man mit drei Sprachen auf, behaupteten böse Zungen: Hochdeutsch, Plattdeutsch und „über andere Leute“, wobei die Reihenfolge je nach Alter und Herkunft, seltener auch Schulbildung, variieren konnte. Die Älteren sprachen fast ausnahmslos Platt, die Jüngeren (außer vielleicht die Bauernsöhne) lehnten dies als völlig veraltet ab. Die Ostflüchtlinge waren zumindest in Bezug auf das Plattdeutsche außen vor. Was Frau Stepanek aus Ostpreußen, Frau Drage aus Pommern und Frau Kowalski aus Schlesien (alle drei Kriegerwitwen) abends beim Klönschnack auf dem Deich sprachen, war allerdings von astreinem Hochdeutsch auch ziemlich weit entfernt. Was die Einen über die Anderen dachten und redeten, blieb nie lange ein Geheimnis.

„Hest all hört?“, begann Meta gerne ein Gespräch, wenn sie mal wieder einen halben Nachmittag über dem Gartentor lehnte und dabei vorbeigehende oder –radelnde Dorfbewohner abfing. Meta hatte alles schon gehört; woher sie ihre Informationen bezog, erschloss sich nicht immer. Aber man konnte davon ausgehen, dass mehrere von ihr ausgeübte Hilfsjobs durchaus dem Sammeln von Informationen dienten.

„Gerda Behrens schall jo watt Lüttes kriegen!“ Gerda? Die war doch nicht einmal verheiratet. Eben!
„Den Breevdräger sien Radd het hüüt wedder een heele Stünn bie Hanna stohn!"
Inzwischen wusste jeder, dass Johann, der Briefträger, zwischendurch immer gerne auf einen Kaffee zu Hanna kam – allerdings fragte man sich, ob es den Kaffee „davor“ oder „danach“ gab. Na ja, Hanna war ja nun auch schon seit zwei Jahren Witwe.

Jeder im Dorf kannte auch Metas Vergangenheit: Klaus, Metas Mann, war im Krieg verschollen. Nachdem sie sich allmählich damit abgefunden hatte, dass sie ihn wohl nie wieder wiedersehen würde, vermietete sie ein Zimmer ihres Hauses an den neuen Volksschullehrer Hagemann. Als Klaus dann drei Jahre später völlig ausgemergelt doch noch aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte, hatte der Herr Lehrer nicht nur ein Zimmer, sondern auch das Ehebett in Beschlag genommen. Klaus zog noch am selben Tag weiter in die Stadt. Zum Kämpfen um Meta hätte er sowieso keine Kraft mehr gehabt.

Doch die Sache mit Lehrer Hagemann stand unter keinem guten Stern. Geschieden wurde Meta nie, selbst wenn sie es gewollt hätte: Klaus‘ Adresse war nicht bekannt. Also konnte sie Hagemann erst mal nicht heiraten. Was ihr wirklich leid tat, als der Lehrer ein Jahr nach Klaus‘ Verschwinden plötzlich einen Rückfall seiner im Krieg erworbenen TBC erlitt und kurz darauf starb. Schade um die entgangene Witwenrente!

Aber Meta war nicht nur redselig, sondern auch ausgesprochen fleißig, das wussten alle im Dorf. Vor allem konnte sie sehr gut nähen und hielt sich mit Ausbesserungsarbeiten und dem Nähen von Kinderkleidung über Wasser. Daneben half sie ein- bis zweimal in der Woche in der Heißmangel und bei vielen Feierlichkeiten auch in Krögers Gasthof in der Küche. So kam sie ganz gut über die Runden und hatte vor allem genügend soziale Kontakte, um Informationen zu sammeln und weiterzugeben. Und eines Tages passierte doch noch etwas in Metas Leben.

„Hest all hört?“, fragte sie eines Tages wieder mal ihre Nachbarin Grete. „Dor schall wedder een niegen Lehrer koomm.“
„Und? Hett he all een Fruu?“, konterte Grete.
„Weet ick doch nich!“, schnappte Meta zurück und entfernte sich vom Gartenzaun.

Es dauerte natürlich nicht lange, bis Meta Näheres wusste. In der Wäscherei und Heißmangel war ein Herr Steinicke aufgetaucht, den hier noch niemand zuvor gesehen hatte. Er gab einige Oberhemden zum Waschen und Bügeln ab, und so kam Lisa, die Besitzerin, mit ihm ins Gespräch.

„Hest all hört?“, fragte Lisa am nächstenTag, als Meta mal wieder in der Mangel aushalf. Steinicke heiße der neue Lehrer, und er sei offensichtlich nicht verheiratet, wenn er seine Hemden in die Wäscherei gebe. Meta hörte sehr interessiert zu.
„Wat is dat denn för een?“, wollte sie dann auch gleich wissen. Lisa wusste noch mehr. Er sei jetzt aus Hamburg gekommen, aber in der Großstadt habe es ihm gar nicht gut gefallen. Er möge es lieber ein wenig ruhiger. Und ursprünglich käme er aus Pommern.
„Also ok‘n Flüchtling!“, bemerkte Meta etwas abschätzig. „Un wie old is de denn?“
Das wusste Lisa nun nicht, aber er sei nicht mehr ganz jung und ein sehr stattlicher Herr.

Die Heißmangel lief, die beiden Frauen streckten und falteten schwitzend Bettbezüge, und während Meta schon wieder Überlegungen anstellte, wie und wo sie diesem Herrn Steinicke am besten begegnen könnte, trat ein Mann mittleren Alters ein.
„Guten Tag, die Damen. Steinicke. Ich möchte meine Hemden abholen“, sagte er freundlich, und Meta verschlug es für einen Moment die Sprache. Gut, dass Lisa hier die Bedienung übernahm.
„Ich hab gehört, dass es hier eine Schneiderin geben soll, eine Frau Pickenpack. Wo finde ich die denn?“
Meta konnte gar nicht schnell genug ins Hochdeutsche wechseln. „Da.. dat bün ick!“, stotterte sie.
„Angenehm! Das trifft sich ja gut. Ich hätte da ein paar Hosen enger zu machen. Würden Sie das übernehmen? Ich würde sie Ihnen morgen vorbeibringen.“
Und so geschah es, dass Lehrer Steinicke nun des Öfteren bei Meta zu tun hatte. Kaffee gab es auch, ein paar Wochen später sogar „danach“.

„Hest all hört?“, verbreitete die Kaufmannsfrau, „Meta hett een niegen Kerl!“

Mit dem zeigte sich Meta bald auch öffentlich. Gerne gingen sie im Sommer eingehakt auf dem Deich spazieren und erzählten sich ihre Lebensgeschichten. Na ja, zumindest das Beste daraus. Denn eines Abends, als Frau Stepanek aus Ostpreußen, Frau Drage aus Pommern und Frau Kowalski aus Schlesien auch mal wieder auf dem Deich sitzend ihre Lebens- und Kriegserinnerungen austauschten und Meta mit ihrem Galan anspaziert kam, kreischte Frau Drage plötzlich auf.

„Dat gloob ick jetzt nich!“, gluckste sie. „Dat is doch der Steinicke aus Züllchow! Bei dem is meene Lotte in die Schule jejangen. Dat war’n alter Schwerenöter, mein lieber Scholli! Mit meener kleenen Schwester wollt er ooch mal wat anfangen, aber da hab ich uffjepasst! Na, da hat die Pickenpack ja’n Fang jemacht!“

Steinicke wunderte sich, dass die drei Damen auf der Bank so überaus fröhlich grüßten. Meta war in Gedanken ganz woanders. Diesmal würde sie mit dem Heiraten nicht lange zögern. Ein Lehrergehalt und später eine gute Beamtenpension wären sicher nicht zu verachten. Jetzt müsste nur noch Klaus sterben, dann hätte sie sogar Anspruch auf eine magere Witwenrente.

Die drei Flüchtlingsfrauen kicherten noch eine Weile, während Frau Drage Anekdoten aus Züllchow zum Besten gab. So ein ganz klein wenig neidisch waren sie aber doch. Sie wussten längst, dass sie wohl so schnell keinen Mann mehr finden würden.




Ein paar kleine Übersetzungshilfen:

Hest all hört? – Hast du schon gehört?
Gerda Behrens schall jo watt Lüttes kriegen – Gerda Behrens soll ja was Kleines kriegen
Den Breevdräger sien Radd het hüüt wedder een heele Stünn bie Hanna stohn. – Das Fahrrad vom Briefträger hat heute wieder eine ganze Stunde bei Hanna gestanden.
Dor schall wedder een niegen Lehrer koomm. – Da soll wieder ein neuer Lehrer kommen.
Hett he all een Fruu? – Hat er schon eine Frau?
Weet ick doch nich! – Weiß ich doch nicht!
Wat is dat denn för een? – Was ist das denn für einer?
Meta hett een niegen Kerl – Meta hat’n neuen Kerl
 
Zuletzt bearbeitet:

hein

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Hallo Ciconia,

der Inhalt ist absolut nachvollziehbar, und dein norddeutscher Stil gefällt mir.

Worüber ich nachdenke ist, ob man das Plattdeutsche übersetzen sollte. Bei Mundarten wird ja auch vorausgesetzt, das man es versteht.

Aber Platt ist ja keine Mundart, sondern eine eigenständige Sprache. Und gegen die Übersetzung einer "Fremdsprache" ist wohl nichts einzuwenden.

LG
hein
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Hein,

danke auch hier fürs Reinschauen und die Wertung.
Die "Übersetzung" habe ich nur eingestellt, weil es bei der ersten Geschichte Verständnisprobleme gab.

Gruß, Ciconia
 

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