Demokratie braucht die Diktatur der Normalos

Ich bin gegen die Demokratie. Ich kann sie nicht mehr sehen, die, die sich eingerichtet haben in einem System, in dem alle vier oder fünf Jahre etwas gewählt wird

Ich ertrage die geschulten Politikerinnen und Politiker nicht mehr, die von ehemaligen Journalisten fit gemacht werden, wie sie Nichtantworten geben, um dann wieder von Journalisten dafür kritisiert zu werden.

Ich ertrage diese Ersatzdemokratie nicht mehr, die allabendlich über die Fernsehbildschirme flimmert, mit den Hohepriestern Plasberg, Will, Illner, Maischberger, mit den immer gleichen Gästen, den immer gleichen Fragen, den immer gleichen Antworten. Es ist eine Kaste der immer gleichen Gesichter, des immer gleichen sozialen Hintergrunds. Viele weiße, westdeutsche Männer und weniger weiße, westdeutsche Frauen. Dazwischen vermeintlich bunte Einsprengsel mit exotischen Namen oder ostdeutscher Herkunft, die nur dann mitspielen dürfen, wenn sie sich weißer und westdeutscher verhalten, als ihre weißen und westdeutschen Pendents.

In diesem Land hat sich etwas angestaut, was sich unter anderem in der AFD entlädt. So wie die rebellische Jugend oft eine natürliche Aversion gegen das Diktum der Alten hat „Du kannst mitspielen, wenn Du Dich genauso wie wir verhältst“, verhält es sich mit dem Wahlvolk der AFD und auch deren Führung. Die AFD ist nicht honorig. Da bedeutet aber eben nicht in der küchenphilosophischen Logik, dass die Gegenseite diese Kriterien erfüllt. Ihre Vorläufer waren NPD oder DVU. Sie waren genauso Bäh, es wurde geschaut, ob sie gegen die Regeln verstoßen, ob man sie verbieten kann. Es wurde zu wenig geschaut, warum sie überhaupt da waren. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Es gibt drei Gruppen in Deutschland, die haben ihre Lektion gelernt, die bewegen sich geschmeidig zwischen den Fronten, sind derzeit unangreifbar. Die Wirtschaft. Die Verbände. Die Stiftungen und Think Tanks. Die Wirtschaft: Nicht der Malermeister von nebenan, nicht die Bäckerin von Gegenüber, sondern die großen Tanker, bei denen schon längst nicht mehr drinsteckt, was draufsteht. Weltweites Kapital wird gesammelt und investiert, weltweite Hedgefonds fordern maximale Rendite, um jeden Preis. Die Lobbyisten sitzen auf dem Schoß der politisch Verantwortlichen und flüstern ihnen ihre Mantras ins Ohr oder schreiben ihnen gleich die Gesetze. Stiftungen haben die Kraft der Studien entdeckt und schicken sie in die Welt. Erstellt werden sie von Wissenschaftlern, die das jeweils Gewünschte herausfinden. Verbände (Soziales, Umwelt) lobbyieren laut für ihre Interessen. Wenn sie diese nicht durchbekommen, haben sie wenigstens laut aufgeschrien, werden kaum in Frage gestellt und ihre Vertreter verdienen mehr als genug.

Der Flaschenhals durch den das alles bis vor kurzem durch musste sind die Medien. Wer jetzt ein plumpes Medienbashing erwartet, wird enttäuscht. Es ist viel dramatischer. Dass Medien meist auch von Werbung leben ist so bekannt wie problematisch. Auch hier ist kein Platz für Verschwörungstheorien. Die Werbewirtschaft diktiert den Journalisten ihre Wünsche nicht in die Feder. Die haben das bereits in ihrer DNA. Denn da sie nur das System kennen, in dem sie existieren, werden sie niemals die Systemfrage stellen. Natürlich ließe sich jetzt hier und da ein Gegenbeispiel finden, das meine These erschüttern soll. Ich rede hier aber nicht von Feigenblättern.

Da in den deutschen Redaktionen eine Monokultur an Personen und Ansichten vorherrscht, wird jedes Thema durch diese Hypothese von Realität gefiltert. Nein, nein ruft der Medienschaffende uns entgegen: Wir beurteilen die Themen nach Relevanz. Sie übersehen dabei, dass es ihre Relevanz ist. Ein Dreijähriger hält es nicht für relevant, nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu gehen, wenn er gerade so schön auf dem Spielplatz schaukelt. Welcher 10 jährige hält Zähneputzen oder Duschen für relevant. Journalisten haben oft weder das notwendige Hintergrundwissen, noch die notwendige Haltung. Sie werden, s.o., mit Studienergebnissen und anderen Ereignissen überflutet, gefällig aufbereitet und filtern diese durch ihre Hypothese von Realität. Beispiele gefällig?

  • Hund beißt Kind in A. Hund beißt Kind in B. Hund beißt Kind in C. Zack haben wir eine Diskussion über die Gefährlichkeit von Hunden
  • Feuer in A im Regenwald, Feuer in B im Regenwald. Feuer in C im Regenwald. Zack brennt der ganze Regenwald
  • Kinderarmut, Pflege, Rente, Bildung. Die wenigsten Journalisten kennen die Funktionsweise von Sozial- und anderen Gesetzbüchern, sondern suchen sich den Schlagzeilentrigger

Was haben all diese Themen gemeinsam? Sie sind den Journalisten egal. Das Thema wird so angefasst, dass es messbare Seh- oder Klickzahlen gibt. Tage später „ist das Thema durch“. Kommt das Thema Wochen später in einem neuen Kontext auf, haben die meisten Journalisten vergessen, was sie Wochen vorher geschrieben haben.

Interessenverbände und PR haben ihre Lektion gelernt. Sie können die Journalisten „lesen“ und geben dem Affen Zucker. An den Spitzen der Redaktionen sitzen immer Altgediente, die das System niemals in Frage stellen, sondern sich freuen, jetzt auch mitspielen zu dürfen. Diese früher so genannte vierte Gewalt, hat weder Zeit, noch Ressourcen, noch Wissen, diese Gewalt auszuspielen. In ihrer Berichterstattung darf es nur schwarz oder weiß geben, keine Graubereiche. Sie hacken auf alles und jeden ein, der einen neuen Ansatz versucht und beschweren sich dann in ihren Kommentaren, dass niemand mehr Ecken und Kanten hat oder einen neuen Ansatz versucht. Ihr mangelndes Wissen in vielen Bereichen übertünchen sie mit „Experten“. So wird der eine Kollege zum „Terrorismusexperten“, der zweite zum „Wetterexperten“, der dritte zum „Klimaexperten“, je nachdem was gerade gebraucht wird. Und das was richtig oder falsch ist, aus Sicht der medialen Filterblase, wird mit dem Adjektiv „renommiert“ oder „umstritten“ tituliert, wenn beispielsweise Wissenschaftler als Steigbügelhalter herhalten müssen. Grau gibt es nicht.

Die AFD „erleidet“ dabei das gleiche Schicksal wie die DDR. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Weder um die AFD noch um die DDR als Institution ist es dabei schade. Doch mit einem reflexartigen „es ist oder es war alles schlecht“, schaffe ich es vielleicht über eine gewisse Zeit, den status quo zu konservieren, doch der Krug geht immer nur so lange zum Brunnen bis er bricht. Denn auch in Systemen, wie AFD oder DDR, leben oft unbescholtene Menschen, die zwar mit ihrer jeweiligen Institution wenig anfangen können, aber den veröffentlichten Mainstream zumindest mit einem Fragezeichen versehen.
Im Fall der Medien zeigt sich ein weiterer Systemfehler. Es ist ja nicht so, dass gar nichts recherchiert würde. Trotz angespannter Personaldecke gibt es sie noch, die sauber recherchierten Skandale, die manches wieder ins Lot bringen. Aber zu oft recherchieren sie den Splitter im Auge des Gegenübers und sehen den eigenen Balken nicht. Thema Frauen in Führungspositionen? In kaum einer Branche gibt es so wenige Frauen, wie in deutschen Chefredaktionen. Ostdeutsche, Menschen mit Migrationshintergrund, schlechte Bezahlung, Kettenverträge? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, bis hin zu #Metoo.

Politik und Medien bedienen die gefühlten 75 Prozent der Menschen, denen es gut geht. Bruchstellen werden so lange negiert, bis sie so erdrückend in der Filterblase angekommen sind, dass man sich ernsthaft damit auseinandersetzen muss.

Demokratie heißt Herrschaft des Volkes. Viele Teile des Volkes haben nichts zu sagen, werden belächelt oder ausgegrenzt. Die Teile im Volk, die weder der Politik noch den Medien vertrauen, werden größer. Mag sein, dass dieses Misstrauen durch die sozialen Medien verstärkt wird, sie sind aber maximal Verstärker, nicht Ursache. Ora et Labora war eins der Schlagwörter in absolutistisch-christlichen Zeiten. Bete und arbeite. Aber wehe Du stelltest die Art der Gebete oder die Form der Arbeit in Frage. Dann droht der Scheiterhaufen. Die sozialen Medien haben die Zahl der Scheiterhaufen erhöht, in allen Richtungen, nicht aber erfunden Diese Scheiterhaufen machen unser System brüchig. Vielleicht sorgen sie aber auch für Reinigung

Das juste milieu ist erschüttert. Das juste milieu der politischen und medialen Tonangeber. Auf der einen Seite ziehen sie an einem Strang, auf der anderen Seite sägen die Medien immer wieder an dem Ast, auf dem sie gemeinsam sitzen, da sie das Sägen für ihre Aufgabe halten. Falls es so weiter geht, bricht dieser Ast irgendwann ab. Doch die nächsten Äste sind schon nachgewachsen, dort übernehmen dann die nächsten Filterblasen.

„Ich bin gegen den Frieden“, textete Heinz-Rudolf Kunze 1984 und weiter: „Vielleicht regt wenigstens das noch einen auf. Für den Frieden sind ja alle, oder zumindest so viele, daß einige darunter sind, mit denen ich ums Verrecken nicht einer Meinung sein kann.
O diese Entrüsteten! Ich habe sie feilschen gesehen, im Halbdunkel hinter Festivalbühnen, bis an die Zähne vergoldet, ich habe sie schleimen gehört in den Redaktionsstuben der Funkhäuser, wir alten Jusos müssen zusammenhalten, wir rollen die Sahnetorte von innen auf! Niemandem glaube ich mehr, der mir vom Langen Marsch erzählt. Ein kurzer Tango auf dem Tennisplatz, dreimal gegen den Redakteur verloren, schon hast du deine kritischen Jungs in der Sendung.
Ich habe sie gerochen, die Friedensgewinnler, ihre Boutiquen-Duftspur vom Benz bis zur Bühne, Ringe an den Fingern wie babylonische Potentaten, wenn sie am Mikrophon das Maul aufreißen meint man, gleich flögen gebratene weiße Tauben hinein.
Und alle haben sie Angst, unendliche Angst, Angst in Alexandrinern und Angst in freien Versen, Angst im Scheinwerferlicht und Angst vor allem davor, mit der zweiten Antikriegs-LP der ersten in den Rücken zu fallen, denn die geht Gold, die geht garantiert Gold, und dann schüttelt man auch schon mal Heino die Hand, lächelnd, hallo Kollege, du in Windhuk vor den Siedlern, ich in Brokdorf vor den Sudlern, wir alten Künstler müssen zusammenhalten, wir wollen die Sahnetorte von ... und so weiter. […]
„How to get caught by capitalisnm in two easy lessons: Erstens – wer lautstark behauptet, dagegen zu sein, wird reich. Zweitens – wer wiederum dieses kritisiert, macht die Mode von morgen. Ich bin gegen den Frieden.
Morgen nennen sie sich Schutz-Staffel und sprechen mir das nach.

Morgen werde ich wieder für den Frieden sein.“


So weit Heinz-Rudolf Kunze im vergangenen Jahrhundert. Ich fordere die Diktatur der Normalos. Ich fordere ein System, in dem Menschen von ihrer Arbeit leben können. Ich fordere ein System, dass die Wirtschaft scharf kontrolliert, in dem Lobbyismus transparent gemacht wird. Ich fordere ein System, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft nicht behauptet, sondern an ihren Schaltstellen sichtbar macht

Ich fordere eine liberale Demokratie.
 

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