Den Juli in der Brust

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blackout

Mitglied
Einst sehnte ich mich
nach den blauen Tagen des Juli,
wenn die Sonne hoch steht
und die Kastanien schon lange
ihre Blüten verloren.

Stumm heute die Erde,
der Juli mit seiner schmerzenden
Sonne brennt auf die Stadt,
die Stadt, die mich umschlingt
wie eine Boa.

Zwischen unseren Schenkeln
verlaufen die Tage. Fahles Licht
in den Nächten, die wir uns
erträumten. Und der Juli in meiner
Brust vergeht in den Winter.
 

ariel

Mitglied
Hallo blackout,
Dein Gedicht gefällt mir, besonders die Anfänge der Strophen.
Ein wenig hadere ich mit der letzten Zeile der letzten Strophe.
Statt "vergeht" kann ich mir"wandert" auch gut vorstellen, obwohl...,
"vergeht" hat die "Melodramatik":)
Viele Grüße
ariel
 

revilo

Mitglied


Gutes Gedicht , folgende Anmerkungen :
Ein Gedicht mit "einst" zu beginnen ist problematisch , weil es zu geschwollen ist und zu märchenhaft klingt.... in S 1 gefällt mir das Tempus in Z 5 nicht .... sollte es nicht eher Plusquamperfekt sein ? In Z 2 ist die Boa zu dick ... Lass das einfach weg und gib dem Leser mehr Spielraum... LG revilo
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Einst sehnte ich mich
nach den blauen Tagen des Julis,
als die Sonne hoch stand
und die Kastanien längst
ihre Blüten verloren hatten.

Die Erde verstummte,
der Juli mit seiner schmerzenden
Sonne brannte auf die Stadt,
die mich umschlang
wie eine Boa.

Zwischen unseren Schenkeln
verliefen die Tage. Fahles Licht
in den Nächten, die wir uns
erträumten. Und der Juli in meiner
Brust verging in den Winter.



Pardon, es musste sein, weil im Original fast sträflich die Einhaltung der Zeitvorgabe gebrochen wurde - mehrmals. Inhaltlich müsste weiterdiskutiert werden.

Es grüßt
Dyrk
 

Tula

Mitglied
Hallo

Die Zeitformen verwirrten mich ebenfalls etwas. Gerade in der ersten Strophe, in der es eindeutig um die Vergangenheit geht.

Auffallend ist der Sprung vom ich in S2 zum wir in S3. Bei S2 denke in an Einsamkeit und Verlorenheit in der Stadt, die - warum auch nicht - gerade im Ferien- und Erlebnismonat auf die Seele drücken. Da spielen gewiss Erinnerungen eine Rolle.

Mit S3 habe ich bis auf den Schluss einige Probleme in der Deutung. Warum verlaufen (oder doch - verliefen?) die Tage zwischen den Schenkeln? Eine Metapher für das einsam-Herumlaufen? Welche Bewandnis hat es mit dem fahlen Licht in erträumten Nächten? Fahles Licht wirkt auf mich wie - entfernt, kalt, regungslos usw., das würde ich mir so nicht erträumen wollen. So richtig ist mir die Absicht und Metapher dieser Stelle nicht klar.

Zurück zu S1: einst sehnte ich mich ... bedeutet, dass Lyri schon damals (einst) Sehnsucht verspürte, also nach etwas Verlorenem. Oder ist hier "herbei-sehnen" gemeint? Also die ungeduldige Erwartung des Julis? Dann wäre allerdings 'wenn' richtiger als 'als'. Wenn's doch als Zurücksehnen gedacht ist, wird nicht klar, warum sich nach der Sehnsucht nach bereits verloren-Gegangenem dann auch die Sehnsucht verloren hat.

Die Boa ist für mich übrigens ein sehr schöner Vergleich. Seelischer Erstickungstod in Zeitlupe ...

Stumm ist die Erde - klingt nach ausgestorben (eben, alle im Urlaub). Dennoch würde ich das 'stumm' nicht mit Erde in Verbindung setzen (welche Erde genau?), sondern mit dem Brennen der Sonne. Dann wird aus 'stumm' auch 'teilnahmslos' u.ä. wie es wohl sinngemäß auch gemeint war.


LG
Tula
 

blackout

Mitglied
Dyrk, es ist keinesfalls unerlaubt, mehrere Zeitformen in einem Gedicht zu benutzen. Du hast mein Gedicht umgeschrieben (das macht man übrigens nicht) und hast jede Strophe in die Vergangenheit gesetzt. Damit nimmst du dem Gedicht die Aussage.

Ich beginne mit der Vergangenheit. Übrigens ist "als", wie du vorschlägst, falsch. Denn die Sonne steht in jedem Juli hoch und nicht nur in der Vergangenheit.

In der zweiten Strophe gehe ich ins Heute über, wo ich beschreibe, dass mich der Juli in der Stadt quält nach der Erfahrung in der Stadt. Also Gegenwart.

In der dritten Strophe spreche ich ein nicht erwähntes Du an, wenn ich von "wir" rede. Da werde ich konkret, es ist etwas zerbrochen, vielleicht die Vorstellung, dass der Juli die Hoch-Zeit der Liebe und des Daseins überhaupt ist. Wiederum Gegenwart.

Ja, es ist schwierig, ein fremdes Gedicht zu erfassen. Das ist mir schon mehrmals so gegangen, und erst beim x-ten Lesen dann habe ich es begriffen. Kein Problem, auch das Lesen eines Gedichtes ist eine Lernfrage.

Dank dir aber, dass dich das Gedicht zum Lesen verführt hat.

blackout
 

blackout

Mitglied
Tula, du bist nahe dran. Wenn ich schreibe: "Stumm ist die Erde" sage ich allerdings weniger aus, dass die für mich interessanten Leute auf Urlaub und aus der Stadt sind, sondern es ist umfassender, da spielt eben so einiges mit hinein. Der Begriff Erde ist meiner Ansicht nach angebracht, sonst hätte ich geschrieben: Stumm ist die Stadt. Der Begriff der stummen Erde leitet indirekt zur letzten Strophe über.
Ein bisschen elegisch, zugegeben.

Was das Leben zwischen den Schenkeln ausdrücken will? Muss ich doch nicht erklären.

Deine Erklärung der ersten Strophe ist zutreffend. Denn das "einst" erklärt von vornherein, dass es in der Hauptsache um die Gegenwart geht. Ist auch kein zu vermeidbarendes Wort, wie Revilo schreibt, sondern in der Lyrik ein anerkanntes Wort, das keinerlei Geschwollenheit aufkommen lässt.

Es hat mich gefreut, dass du dich so genau mit dem Gedicht beschäftigt hast. Danke.

blackout
 

revilo

Mitglied
Hallo, es ist hier üblich, das Gedichte umgeschrieben werden, weil das ein Werk- und Arbeitsforum ist.....was der Autor/ die Autorin daraus macht, ist seine/ihre Sache... allerdings wehrst du jegliche Kritik ab, so dass ich mich ernsthaft frage, was du hier willst.....versteh mich bitte nicht falsch, du bist ein Gewinn für die LL .......aber die üblichen Geflogenheiten solltest du schon tolerieren......LG revilo

.....die Änderungen, die DOS vorgeschlagen hat, tun dem Gedicht im Übrigen sehr gut und glätten die insbesondere temporalen Unebenheiten....
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
es ist keinesfalls unerlaubt, mehrere Zeitformen in einem Gedicht zu benutzen
In den Künsten, und die Literatur gehört dazu, ist (fast) alles erlaubt. Wenn du, blackout, glaubst, in deinen lyr. Texten permanent Zeitformen wechseln zu können, dann sei dir das unbenommen. Ein Mangel ist es trotzdem und mindert die Qualität des Textes dramatisch.

sehnte...steht...verloren in S1
S2 komplett im Präsens
verlaufen...erträumten...vergeht in S3

Ich bitte dich, das kannst du doch nicht ernsthaft so stehen lassen!

Das Umarbeiten eines Textes von 'außen' ist ein diffiziles Thema. Aber irgendwie muss man es ja verdeutlichen - natürlich so, dass man den Autor nicht verletzt. Ich denke, dass ich es behutsam getan habe. Mein Vorschlag, und es ist nur ein Vorschlag, war die durchgängige Schreibung in der Vergangenheitsform. Eben lese ich das Original und denke mir eine komplette Gegenwartsform. Sehr interessant, sie könnte eine Alternative sein.

Das Belehrende am Schluss, dass
das Lesen eines Gedichtes ... eine Lernfrage
sei, kannst, nein, musst du dir vor allem selbst vorhalten. Es ist eben nicht einfach, als Autor den nötigen Abstand zum eignen Text herzustellen, um ihn anders, neu lesen zu können.

Es grüßt
Dyrk
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
dass man den Autor nicht verletzt. Ich denke, dass ich es behutsam getan habe.
Unglücklich formuliert: Natürlich habe ich nicht behutsam verletzt, wie man meinen könnte, sondern die Änderung des Originaltextes behutsam vorgenommen.

Pardon!
 

blackout

Mitglied
DOSchreiber, leider ist es so, dass auch der Kommentator eines Gedichts nur aus seinem eigenen Wissen schöpfen kann.
Mir wird vorgeworfen, ich würde Kritik abweisen. Stellst du dir da so vor: DOSchreiber hat gesprochen, und nun muss der Autor gefälligst alle seine Wünsche erfüllen? Ich sehe das nicht so, denn auch ein Kommentator kann sich bekanntlich irren.

Seit wann muss unbedingt ein lyrischer Text in einer einzigen Zeitform geschrieben werden, wenn aus dem Kontext hervorgeht, dass es sich um zwei Zeitformen handelt? Das kann passieren, muss aber nicht. Wo hast du diese Fehlinformation her? Solche "Standardsätze" geistern im Internet herum, weil sie anscheinend einleuchten. Aber stimmen sie deshalb? Dieser Satz jedenfalls stimmt, wie aus dem Kontext hervorgeht, nicht.

Und dann noch etwas: Solche Umschreibungen vorhandener Texte haben absolut nichts mit Textarbeit zu tun, sondern der Kommentator, du wirst mir verzeihen, dass ich das so deutlich sagen muss, will zeigen, dass er es besser weiß und kann. Was hat das also mit "Behutsamkeit" zu tun? So kommt es beim Autor an, das musst du doch verstehen.

Du kannst mir einen Vers nach deiner Version vorschlagen (ob ich ihn annehme, ist meine Entscheidung), dagegen habe ich nichts, aber mit der Umschreibung eines ganzen Gedichtes, noch dazu mit der damit verbundenen Verzerrung nicht nur der Aussage, sondern auch rein textlich, bin ich nicht einverstanden. Du hast mit der Umschreibung meines Gedichts auch meine ganz individuelle lyrische Sprache nach deinem Gusto verbogen. Noch einmal: Das ist keine Textarbeit, die akzeptabel ist. Sowieso, und das ist ja nun auch nicht unbekannt, ist jede Sicht auf ein Gedicht immer sehr subjektiv. Was du aus einem Gedicht machst, ist völlig dir überlassen, aber deine Sicht als die alleingültige hinzustellen, noch dazu mit solch ungesicherten Behauptungen, entschuldige bitte ...

Nun nimm es mir nicht übel, dass ich Klartext spreche, was hier üblich ist, muss nicht unbedingt das einzig Mögliche sein. Wir sollten uns von solchen dilettantischen, unprofessionellen Dingen, wenn wir ernsthaft Textarbeit machen wollen, trennen.

blackout
 

blackout

Mitglied
Revilo, das ist sehr nett von dir, dass du DOSchreiber in die Seite trittst, aber bist du sicher, dass ein Irrtum ausgeschlossen ist? Lies dir meine Antwort an DOSchreiber durch, das betrifft dich ja in diesem Fall genauso.

blackout
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
blackout, auf dein beleidigtes Leberwurstgehabe gehe ich nicht mehr ein. Wie so oft zeigst du weder in der Interpretation anderer Texte noch im Verstehen sachlicher Kritik an deinen Texten hinreichende Fähigkeiten zu differenzieren. Dein Unvermögen in diesen Dingen, was du auch bei anderen Kollegen nachhaltig unter Beweis gestellt hast, ist enervierende Tatsache und also nicht mehr diskutabel. Ende!
 

blackout

Mitglied
DOSchreiber, wie kommst du darauf, dass ich beleidigt sein könnte? Mich kann keiner so schnell beleidigen. Im Gegenteil, ich bin ein wenig entsetzt, in welchem Stil hier miteinander umgegangen wird. Selbstverständlich ist es fehlendes handwerkliches Wissen, wenn meine Kommentatoren nicht in der Lage sind, eine Rückblende zu erkennen, sich daran festbeißen und höchsteigene Regeln erfinden. Rückblenden sind nicht nur in der Prosa, sondern auch in der Lyrik ein ganz gewöhnliches Stilmittel. Das ist Grundwissen.

Und ich denke auch, dass persönliche Angriffe gegen meine Person kein Argument gegen dieses Gedicht sind, und ich wäre angenehm berührt, wenn persönliche Angriffe in Zukunft unterlassen werden. Ich lasse mich auf jede sachliche Diskussion ein, nicht aber in diesem Stil, der mir hier geboten wird, und nicht nur von dir, DOSchreiber.

blackout
 

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