Der Algerienkrieg als schwärende Wunde in der französischen Gesellschaft

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Rezension zu:

Laurent Mauvignier, Die Wunde, DTV 2011, ISBN 978-3-423-24868-6

Ein Wintertag in einer Kleinstadt in Frankreich. Eine Familienfeier, unter den Gästen zwei Männer, die bei Oran gekämpft haben und ein Algerier. Und plötzlich ist der Krieg, über den alle immer geschwiegen haben, wieder da.

Der Krieg, egal wo und von wem er geführt wird, verändert das Leben und die Psyche der Männer, die in ihm kämpfen. Er hinterlässt Wunden nicht nur in den einzelnen Personen, sondern infiziert ganze Familien und Nationen. Der Krieg, den Laurent Mauvignier in seinem in Frankreich sehr beachteten und diskutierten Roman „Die Wunde“ beschreibt, ist der Algerienkrieg, ein für viele Beteiligte und in der ganzen französischen Gesellschaft bis heute nicht wirklich bearbeiteter und bewältigter Teil der französischen Geschichte.

Meisterhaft gelingt es ihm, mit einer nicht leicht eingängigen Sprache, teilweise aus der Sicht von Rabut, dem Cousin der Hauptfigur Bernhard zu schildern, wie selbst nach vielen Jahrzehnten der Krieg in den Psychen der Betroffenen weitergeht.

Alles wird ausgelöst dadurch, dass Bernhard, mit dem Rabut zusammen 1960-1962 in Algerien kämpfte, und der seither verdreckt und verwahrlost in einer Baracke lebte, zum Geburtstag seiner Schwester auftaucht, wie ihn noch keiner gesehen hat. Er hat sich gewaschen, trägt eine Krawatte, und er überreicht seiner Schwester ein wertvolles Geschenk.

Die Familie ist wie vor den Kopf geschlagen, ihr Erstaunen verwandelt sich schnell in Empörung. Woher hat der, der ständig allen auf Tasche liegt, plötzlich soviel Geld? Mitten in den immer aggressiver werdenden Anfeindungen fällt Bernards Blick auf Said, einen Algerier, der auch Gast bei seiner Schwester ist.

Und plötzlich stürzt er aus dem Haus und macht sich auf den Weg zu dem anderen Haus, in dem Saids Familie lebt. Etwas Furchtbares geschieht: Bernhards Wunde ist wieder aufgeplatzt und nur Rabut kann verstehen, warum.

Laurent Mauvignier geht den Gründen dieser Eskalation von Aggression und Gewalt am Rande einer normalen Geburtstagsfeier in zahlreichen Rückblenden in die Zeit zwischen 1960 und 1962 nach, als Bernhard und Rabut in Algerien kämpften und insbesondere Bernhard mit Erlebnissen konfrontiert war, die ihn seither aus der Bahn geworfen haben.

Es ist wieder einmal die alte psychoanalytische Erkenntnis: was nicht bearbeitet wurde, was verdrängt wurde, gleich ob individuell oder gesellschaftlich, bricht als schwärende Wunde wieder auf und entlädt sich. Hier in diesem Roman wird es dargestellt am Beispiel von einzelnen Menschen, aber Mauvignier lässt an keiner Stelle seines Buches einen Zweifel daran, dass sein Adressat die französische Öffentlichkeit ist, die quer durch alle politischen Strömungen das furchtbare Geschehen des Algerienkriegs, das brutale Vorgehen gegen die algerische Befreiungsbewegung und die skandalöse Behandlung der sogenannten pied-noirs nach wie vor verdrängt.

Im übertragenen Sinn handelt das Buch aber auch von den Wunden des Krieges generell, die er immer und überall in den Seelen der Menschen hinterlässt.

Mich hat es bewegt und ich kann es nur empfehlen.
 

 
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