Der alte Dichter Scal

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Scal

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Um seinem Haupte einen Kranz hinzuzufügen
ersann der alte Dichter Scal sich ein Sonett.
Er zwängte sich ins königliche Wortkorsett
mit Hoffnung und mit innig angespannten Zügen

und dichtete drauf los, auch wenn ihm schien, dass Themen
die dieser hochverehrten Shakespeare-Kunst gemäß
inzwischen allesamt wie glänzend Altgefäß
am Geisteshorizonte dämmern, ähnlich Schemen

wie sie der Jüngling sah. Was hatte der erschaut
als er die ersten Verse in sein Heft gebaut
weit jenseits von Kadenzen und Figurstrukturen

so atemfrei und ferne aller Prüfungskuren?
Dies sei mir selbst, verschwitzt inzwischen, anvertraut:
Er hoffte, dass der eig'ne Alte ihn nicht haut.
 

atira

Mitglied
... da haute dich der Alte bestimmt mit der Form-Peitsche, wenn er noch lebte ;) siehe die Besternung.

LG
atira
 

Scal

Mitglied
Vielen Dank für die Bekundung Eures heiteren Wohlwollens = Sternderl !

Der indirekte Anlass für das selbstironische Werklein ergab sich durch Johann Nestroys Posse "Einen Jux will er sich machen", mit der ich aus verschiedenen Gründen sehr vertraut bin. Die Hauptfigur Weinberl schlägt sich dort plötzlich mit der Äußerung "Ich mach mir einen Jux!" auf die Schenkel, fest entschlossen, mit seinem Lehrling Christopherl in die Stadt auszubüxen.
In meinem Fall entspricht dies dem Ausflug zu den "festen, gereimten Formen".

Den traditionell-klassischen Sonett-Standards (englisch, italienisch oder auch deutsch) - wie Tula und Atira bemerkt haben - entspricht mein Werklein nicht, allerdings zeigt die spätere Sonett-Historie vor allem in Bezug auf die Terzette vielerlei Reimschema-Variationen, vereinzelt u.a. auch die von mir hier gewählte.
Aber, wie schon Tula andeutete, die poetologischen Analysen (z.B. auch die Anzahl der Hebungen) sind hier nicht so wesentlich.

Atira: Der Alte bin ich selbst (nicht mein Papa, der sehr freilassend war).

LG
Scal
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Sehr schön selbstironisch und selbstbezüglich.
Interessant ist auch die Verflechtung von "erhabener" Sprache und Alltagssprache. Sehr ungewöhnlich.
Mir gefällt es.

Bei "Mein Alter" hatte ich aber auch an "Papa" gedacht und an eine lange vergangene Zeit.
 

Scal

Mitglied
Vielen Dank Bernd!
Jetzt gibt es drei "Alte-Perspektiven", die von Atira ist für mich eine Neuentdeckung.
Intendiert war "der Alte" im Sinne einer Erinnerung an die Zukunft.

LG
Scal
 

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