Der Brief

4,80 Stern(e) 8 Bewertungen

Mimi

Mitglied
Diese Zeilen sind für dich, weil diese ganze Sache zwischen uns, momentan das Einzige ist, woran ich denken kann.

Ich weiß gar nicht mehr, wie lange es her ist, seit du in die alte Finca aus weißem Naturstein eingezogen bist.
Manchmal kommt es mir wie eine Ewigkeit vor und manchmal, als wäre dein Einzug erst gestern gewesen.

Es war März.
Das weiß ich, weil die vielen Büsche und Bäume auf deinem Grundstück noch nicht in der Blüte standen und einen kleinen Einblick durch das große Fenster in dein Wohnzimmer erlaubten. Das Erste, was ich damals von dir sah, war ein wuscheliger Haarschopf. Dein schwarzes Haar, welches mir so intensiv-dunkel vorkam, dass es förmlich das Weiß der kahlen Wand hinter dir zu absorbieren schien.
Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Moment. Ich war gerade erst wieder aus Málaga zurück, stand wie angewurzelt in meiner Küche vor dem Fenster und konnte nicht aufhören dich anzustarren.
Einige Tage später, klopfte es nachmittags an meiner Tür.
Du hast mir mal erzählt, du würdest keine andere Person kennen, die so einen altmodischen und grässlichen Türklopfer freiwillig an der Tür hängen hatte.
Ich habe dir nie erzählt, dass dieser Türklopfer ein Erbstück ist. Eigentlich ist das ganze Haus ein Erbstück und oft fühle ich mich selbst wie eins.
Beeinflusst, verformt von unzähligen Vorbesitzern.
Und da standst du nun, direkt vor mir. Auf deinen Lippen lag dieses unsichere Lächeln und dein Blick huschte ständig zur Seite, als würde dort jemand mit einem Plakat stehen, von dem du die ganze Zeit deinen Text ablesen würdest.
Deine rechte Hand umschloss den Hals einer Weinflasche, die du mir schwungvoll entgegen hieltst. Ein Châtaeu Margaux aus dem Jahrgang 1961.
Ich wusste bereits vom ersten Augenblick an, dass ich mit dir schlafen wollte. Und ehrlich gesagt, will ich es immer noch. Sogar jetzt in diesem Moment, wo ich dir diese Zeilen schreibe und hunderte von Kilometern zwischen uns liegen.
In dieser Nacht träumte ich das erste Mal von dir. Eigentlich war es nur dieser eine, immer wiederkehrende Traum, der mich noch heute plagt.
In diesem Traum stand ich meistens neben einem Bett, nackt und frierend, während sich vor mir eine Gestalt aufbaute. Oft hatte diese Gestalt das Gesicht meines Vaters oder das lederartige Gesicht von Señor Báez, meinem Chef aus der Redaktion. Manchmal waren es die Gesichter von Menschen, denen ich nur flüchtig auf der Straße begegnet war.
Aber in dieser Nacht war es dein Gesicht. Du schlugst mich abermals mit der flachen Hand , so fest und so lange, bis ich aus der Nase blutend, erschöpft auf das Bett fiel.

Es vergingen viele Wochen, in denen wir uns nur gelegentlich sahen und jeder dem anderen, von seinem Grundstück aus, ein beiläufiges "buenos días" oder ein höfliches "buenas tardes" zu warf.
Bis zu jener Sommernacht, in der ich nicht einschlafen konnte.
Weißt du noch? Es war diese typische sevillianische Dauerhitze, die einem selbst das Atmen erschwerte. Ich blickte aus dem Küchenfenster und sah, dass noch Licht in deinem Wohnzimmer brannte.
In meiner Körpermitte begann plötzlich ein Funke zu lodern. Er wuchs von Minute zu Minute, wurde zu einer glühend heißen Flamme, bis mir selbst die Schwüle in dieser Nacht, wie eine kühle Brise erschien.
Der Mond leuchtete wie eine runde Laterne am Himmel und tränkte den Garten in ein mattes Licht, als ich leise hinter mir die schwere Eichenholztür ins Schloss fallen lies.
Du wirktest nicht sonderlich überrascht, als hättest du auf mich gewartet.
Und weißt du noch, was du an der Tür zu mir sagtest?
Deine Stimme war völlig ruhig und entspannt, sie hatte nichts mehr von der verkrampften Unsicherheit bei deinem letzten Besuch, der eigentlich nur ein kleiner Höflichkeitsbesuch unter Nachbarn war.
Du fragtest mich allen Ernstes, ob ich Lust hätte mit dir Salmorejo zu essen.
Ich war beeindruckt von den vielen Bildern in deinem Haus. Aquarelle, Ölbilder und Kohlestiftzeichnungen zierten die Wände.
Auf einem Bild, es war ein Aquarell, war ein wunderschöner Kirschbaum zu erkennen. Die detaillierte Ausarbeitung der rosa-weißen Blüten war hervorragend. Er sah genauso aus, wie der Kirschbaum, der auf der Südseite in meinem Garten stand.
Ich hätte es schwören können.
Die Salmorejo war köstlich, gut gekühlt und schmeckte intensiv nach sonnengereiften Tomaten.
Du erzähltest mir von deiner Arbeit als Kunstlehrer an der hiesigen Universität, von deiner Leidenschaft für Kunst und gute Weine.
Und so landeten wir in deinem angenehm kühlen Steinkeller. Die Decken waren tief und deine schwarzen Locken trennten nur wenige Zentimeter von der Decke.
Der Weinkeller war nur spärlich beleuchtet und glich einem mittelalterlichen Kerker.
Deine Weinsammlung war beachtlich. Du stelltest die Gläser und den Korkenzieher, die du aus der Küche mitgenommen hattest, auf der Steintheke ab und zeigtest mir einige deiner wertvollsten Schätze.
Ich atmete tief ein, schmeckte das erdige Aroma des Kellerbodens auf der Zunge, das sich mit deinem Duft vermischte und griff nach einer Flasche aus dem Weinregal.
Es war ein Bordeaux, Grand Cru Classé Pauillac, Jahrgang 2015.
Du fragtest mich in dieser Nacht nach dem grünen Peugeot, der sonntags immer vor meinem Haus parkte und ich belog dich, obwohl ich ahnte, dass du meine Lüge erkannt hattest.
Ich muss dir das jetzt erzählen, weil ich sonst nicht mehr in den Spiegel schauen kann, ohne mich vor mir selbst zu ekeln.
Damals nahmst du die Flasche vorsichtig aus meiner Hand und entkorktest sie mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die mich faszinierte.
Ich schaute gebannt auf die angespannten Muskeln deiner Oberarme, auf deine Haut, die die Farbe von Milchkaffee hatte.
Die Flamme in mir wurde zu einem lodernden Feuer.
Langsam, fast behutsam schob ich die dünnen Träger meines Nachthemdes über meine Schultern. Du schautest mir dabei die ganze Zeit in die Augen.
Heute fällt es mir unendlich schwer, deinem Blick standzuhalten. Vielleicht bin ich deswegen hier. Weil ich es nicht aushalten könnte, wie du mich nach alledem, was du nun über mich weißt, angucken würdest.
Der dünne Stoff glitt wie Wasser zu Boden und ich spürte augenblicklich die Gänsehaut, die meinen ganzen Körper erfasste.
Ich griff nach der geöffneten Flasche Bordeaux, trank einen kleinen Schluck und kippte dann vorsichtig die Flasche über meinen Hals.
Der Wein verlief in tiefroten Rinnsalen auf meiner Brust, glitt meinen Bauch hinab, bis zu meinen Schenkeln und tropfte dann auf den Boden.

Was dann passierte, nahm ich wie in Trance wahr. Dein Gesicht, plötzlich so nah an meinem. Der Duft deines Atems nach Sommerhitze und reifen Früchten und natürlich das satte Aroma des Weins, alles berauschte meine Sinne. Meine Hände versuchten Halt in deinen Locken zu finden, während dein Mund über meine Haut glitt.
Ich spürte wie sich deine Lippen öffneten, fühlte die Wärme deiner Zungenspitze, die meine Haut schmeckte und liebkoste, genoss den sanften Druck deiner Zähne, als du weiter hinab zu meinen Brustwarzen wandertest.
Ich weiß bis heute nicht mehr genau, wie ich auf die harte Holzbank gelangte, die in deinem Keller stand. Mein Mund war überflutet von deinem Geschmack und von dem des Weins.
An was ich mich noch sehr gut erinnern konnte, sogar jetzt in diesem Moment, war dein nackter Körper in diesem sepiafarbenen Licht.
Das Zusammenspiel deiner Muskeln bei jeder Bewegung und Regung betörte mich.
Ich kann dir nicht erklären, warum ich diese wöchentlichen Besuche des Señors so sehr brauche. Es widert mich an. Der Señor widert mich an.
Aber ich kann nicht aufhören, es zu brauchen. Ich kann es nicht.
Als sich meine Sinne wieder beruhigten und mein Herzschlag gleichmäßiger wurde, sah ich, dass du einen Bleistift und Zeichenblock in den Händen hieltst.
Ich lag immer noch auf der Bank, du hattest dich auf eine Holzkiste gesetzt und warst völlig konzentriert in deinem Element.
Der Bleistift in deinen Fingern tanzte förmlich auf dem Block in filigranen Linien und Kreisen. Du schautest kurz auf, unsere Blicke trafen sich und in diesem Augenblick sah ich zum ersten Mal, die reine Innere Schönheit, die tief in dir verborgen lag.
Sie hatte nichts mit deinem äußerlichen Erscheinungsbild zutun.
Deine Worte waren leise. Sie machten mich schwindelig und ließen mich gleichzeitig erschaudern.
Du bist wunderschön.
Wenn ich jetzt daran zurückdenke, kann ich nicht glauben, dass du meine Innere Schönheit gemeint haben könntest.
Denn meine Innere Schönheit ist ein altes Erbstück mit tiefen Rissen und Furchen, matt und abgenutzt.
Ich habe deine Zeichnung immer noch. Und ich habe mich noch nie durch den Blick eines andern Menschen so gesehen, wie du mich in dieser Nacht gesehen hast.
Das bin nicht ich auf dieser Zeichnung. Das kann nicht wirklich ich sein.
Denn ich bin die Frau, die voller Ekel die ledrigen Hände des alten Señor auf ihrem Körper, an ihrer intimsten Stelle braucht, förmlich danach verlangt.
Ich bin die Frau, die sich am Strand in Nerja vor den Blicken der Männer selbst berührt und dabei an die Blüten ihres Kirschbaums denkt und an die Enttäuschung im Blick ihres Vaters, der immer dann seinen Kopf schräg legte, wenn die bloße Anwesenheit seiner Tochter, zu einer untragbaren Last für ihn wurde.
Ich bin das Miststück, das auf der Weihnachtsfeier mit dem Mann ihrer Kollegin auf der Männertoilette verschwindet und sich hinterher nicht mal die Mühe macht, ihre Bluse anständig zuzuknöpfen.
Ich bin die junge Frau, die alleine in einem alten Bauernhaus lebt und im Bett ihrer Großmutter schläft, während sie ständig nachts davon träumt, geschlagen zu werden, bis der Schmerz ihre Sinne betäubt.
Die Frau auf dem Bild kann nicht wirklich ich sein und du fehlst mir, du fehlst mir.
 
Zuletzt bearbeitet:

Ji Rina

Mitglied
Liebe Mimi,
Ausführlich, atmosphärisch und sinnlich...mir gefällt sehr, wie du es geschrieben hast!
Gruß,
Ji
(y el salmorejo...con lo que me gusta...)
 

Mimi

Mitglied
Hola Ji Rina (la reina de la isla :D),
Hallo Oscarchen,

vielen Dank für Eure Kommentare und Bewertungen!
Freut mich, wenn Euch meine Prosa gefallen hat.

Ein Dankeschön an dieser Stelle auch an die anderen Werter...

Muchos recuerdos de mi parte

Mimi
 

Vitelli

Mitglied
Hallo Mimi,

schön geschrieben, da hast du eine stimmige Atmosphäre heraufbeschworen. Nur: Ich muss gestehen, dass deine Geschichte mehr Fernweh in mir ausgelöst hat als den Wunsch nach ...

Aber das lieht wohl eher an den aktuellen Umständen als an deiner Story.

LG
 

Mimi

Mitglied
Hallo Vitelli,
Danke für Deine Rückmeldung.
Nur: Ich muss gestehen, dass deine Geschichte mehr Fernweh in mir ausgelöst hat als den Wunsch nach ...
Schon komisch... bei Dir ist es Fernweh... bei mir weckt die Story Heimweh...
Das Ende Deines Satztes, lässt sich mit so vielem ausfüllen: für mich persönlich ist Sehnsucht, nach was auch immer, in jedem Fall auch ein Stück weit mit Sinnlichkeit verbunden...

Die Bilder in der Story sind aus meiner andalusischen Heimat, wobei Heimat bei mir eher relativ zu verstehen ist.
Eigentlich erfreue ich mich so um Februar bis Anfang März an den Mandelblüten in der Region... aber leider sitze ich nun (wie viele andere eben auch) hier fest...
Beruflich ist das für mich eine Katastrophe, weil ich eben auch viel reise...

Aber ich träume bereits vom Sommer...

Saludos
Mimi
 

Oben Unten