Der Codex - Epilog

jon

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Epilog (Dezember 2014)

Er wusste, dass Ines litt. Er konnte es nicht ändern. Begann so das Ende? So viele Jahre lang hatten sie mit dem Codex gelebt. Sie sprachen einfach nicht über vergangene Leben. Nicht über seine und selten über ihre. Genau genommen über die Leben ihrer Mutter, die ja auf gewisse Weise zu Inesʼ Vergangenheit gehörten. Ines erwähnte Johanna Johnson manchmal, meist im Zusammenhang mit Bern, mit dem sie innig befreundet war, und erwartete wohl, dass Erich sich an sie erinnerte. Dabei wusste er nicht einmal, unter welchem Namen er sie gekannt haben sollte. Keine der unsterblichen Frauen, denen er begegnet war, konnte er sich als Johanna Johnson vorstellen. Aber er fragte nichts und sie sagte nichts – wie es der Codex verlangte. Und es war gut so gewesen.
Wann hatte sich das geändert? Als Ines begriff, dass Katja – Berns Tochter – die Tochter der „Frau aus Dresden“ war, wie sie Caro nannten? Wie sollte er ihr erklären, dass er nicht über Katja hatte sprechen können, weil er dann auch über ihre Mutter hätte sprechen müssen? Wie konnte er ihr erklären, dass er eng befreundet war mit der Frau, die Schuld an Johanna Johnsons Tod war?
Erich sah der Kaffeemaschine dabei zu, wie sie einen Espresso fabrizierte.
„Wo warst du?“, sagte Ines.
Er hatte sie nicht kommen hören. „Wie bitte?“
„Wo warst du?“, wiederholte sie.
„In Dresden.“
„Du wolltest vor zwei Wochen zurückkommen.“
Er nahm den Kaffee aus der Maschine. „Es ist etwas dazwischen gekommen.“
„Du hättest anrufen können!“ Sie war wütend. Auf ihn.
Er nickte und trank einen Schluck.
„Ist das alles?? Ein wortloses Ja?“
Er trank den Espresso aus und sah Ines an. „Mein Sohn ist gestorben.“
„Dein …“ Ihr Gesicht verlor sofort alle Härte. Sie trat näher und berührte seinen Arm. „Das tut mir leid. Ich wusste nicht, dass du einen Sohn hast. Hattest.“
„Ich weiß. Der Codex.“ Er sah den Anflug eines Stirnrunzelns in ihrem Gesicht. „Es war abzusehen. Er war über 80. Und krank.“
„Warst du bei ihm?“
„Nicht ganz zuletzt. Das wäre schwierig gewesen.“
„Gehst du zu seiner Beerdigung?“
„Sie war schon. Wir werden an sein Grab gehen, wenn der Trubel nachgelassen hat.“
„Wir?“
Verdammt! „Sie und ich.“
„Sie? Die Frau aus Dresden?“
Er nickte.
„Sie ist seine Mutter?“
„Nein.“ Einen Moment lang wunderte er sich über die Frage. Dann verstand er, dass sie aus Inesʼ Sicht durchaus logisch war. „Nein“, wiederholte er. „Sie … liebte ihn.“
„Verstehe.“ Ihr fiel etwas anderes ein. „Was meintest du mit Trubel?“
„Naja, er war … prominent.“
Sie lächelte. „Tatsächlich?“
„In seiner Heimat. Hier weniger.“
„Kenn ich ihn?“
„Wohl kaum.“
„Versuch’s!“
„Miroslaw Król. Er war vor allem im …“
Sie riss die Augen auf. „Miroslaw? Er ist dein Sohn? Warum hast mir das nie gesagt?“
Er verstand nicht. „Mir war nicht bewusst, dass es dich interessiert. Zudem hätte dies den Codex berührt.“
„Dass es mich …? Was?“ Sie verstand offensichtlich auch nicht. „Und was für ein verdammter Codex?!“
„Der …“ Endlich dämmerte es ihm. Nach all den Jahren. „Sie hatte sie nicht", sagte er nahezu tonlos. „Oder?“
„Was? Wer hatte was nicht?“
„Deine Mutter. Die Gabe.“
„Was für eine Gabe?“
„Nein, sie hatte sie nicht. Wenn du nicht weißt, was die Gabe ist, dann hatte sie sie nicht.“ Langsam begann einiges, Sinn zu ergeben. „Deshalb erinnere ich mich nicht. Ich habe immer nach einer …“ Er unterbrach sich. „Wie hieß sie?“
„Wie hieß wer?“
„Deine Mutter. Als ich sie kannte.“
„Anna. Anna Bernbauer. Wieso?“
Er starrte sie an.
„Hans?“
Er atmete tief durch und sagte dann: „Wir müssen miteinander reden.“
 
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