Der Codex - Teil 10

jon

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Teil 9



Zwei Tage lang sprachen sie nicht darüber – nicht über diesen Abend, nicht über den Orden, über Papiere, Unsterbliche und Geheimnisse und auch nicht über Erich.
Im Büro lief alles so, wie es schon immer gelaufen war. Sogar Siegtraud Törmchen fiel das auf und sie kam während einer von Tomanns Abwesenheitsphasen wie nebenbei in Caros Büro, um sich – wie sie wohl glaubte – ganz unauffällig zu erkundigen, ob sie denn nun beide zusammen wären oder nicht.
Am Abend kam Tomann zu Caro, sie kochten gemeinsam, was in der engen Küche eine logistische Glanzleistung darstellte, und sahen ein Weilchen fern. Dann hatten sie Sex, Tomann versuchte, neben Caro in ihrem Bett zu schlafen, zog dann aber auf die Couch um. Dort hielt er es offenbar nicht lange aus, denn gegen Mitternacht hörte Caro ihn gehen. Danach schlief sie entspannt weiter.
Auch der Freitag sah bis zum Nachmittag so aus, als würde der Abend auf die gleiche Weise ablaufen, doch ein Anruf änderte alles.
„Sag mal“, kam ihre Mutter direkt zur Sache, „läuft da was zwischen dir und Tomann?“
„Was?“ Caro schloss die Bürotür, was immer jetzt kam, musste nicht die ganze Belegschaft mitbekommen. „Wie kommst du darauf?“
„Weil er mich heute Vormittag vor dem Supermarkt angesprochen und nach dir gefragt hat.“
„Wie: Vor dem Supermarkt? In Radebeul?“
„Ja. Er hat behauptet, er wäre zufällig in der der Gegend und wäre neugierig geworden, wo du aufgewachsen bist.“
Carola wurde schlecht. „Was hat er genau gefragt?“
„Ob du damals schon Geschichten geschrieben hast und ob du noch Kontakt zu deiner besten Freundin von damals hättest und solche Sachen.“
„Und? Was hast du gesagt?“
„Dass er dich fragen soll. Caro was ist bei dir los? Hat es mit dem Baby zu tun? Ist es seins?“
„Nein, Mutsch, es ist nicht seins. Aber ja: Wir sind seit ein paar Tagen zusammen, ich wollte es nur noch nicht erzählen, weil ich echt nicht weiß, worauf das hinausläuft.“ Caro konnte sich das sorgenvolle Gesicht ihrer Mutter nur zu gut vorstellen. Nun ja, sie hatte ihr ja auch nicht eben ein besonders Schwiegersohn-taugliches Bild von ihm vermittelt. „Es ist alles okay, wirklich. Es ist eben nur so neu, ich …“ Ihr gingen die Worte aus. ,… bin glücklich‘, wäre deutlich übertrieben gewesen, besonders im Moment, als sich ihre schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten schienen: Er schnüffelte in ihrem Leben herum. Vermutlich dachte er, sie hätte sich eine Alibi-Mutter engagiert, und die abweisenden Antworten mochten ihn darin sogar bestätigt haben. Aber das würde nicht lange funktionieren. Nicht wenn sie den Kontakt zu ihrer Familie nicht rigoros abbrechen würde, was angesichts der räumlichen Nähe kaum möglich war. Und was sie auch unter keinen Umständen gewollt hätte. Außerdem gab es Schulunterlagen von ihr, Fotos – wenn auch nicht viele – und Klassenkameraden, die Tomann sich nicht scheuen würde, aufzustöbern. Dann die Abiturzeit – wieder Unterlagen, Lehrer und Mitschüler – und das Studium. Eine dichte Spur, die beweisen würde, dass sie dieses Leben wirklich gelebt hatte. Da war keine Lücke, in der sie Hans, Charles und die anderen hätte kennenlernen können. Einen unter Umständen – aber alle?
„Caro? Bist du noch dran?“
„Ja, Mutsch.“
„Du warst ja schon immer ein bisschen in ihn verliebt“, sagte sie mit einer Mischung aus Frage und Neckerei.
„Ein bisschen?“ Caro lachte gerade so laut, dass ihre Mutter es am anderen Ende der Leitung hören musste. „Das ist maßlos untertrieben. Er ist … einfach … Naja, eben er. Charmant, gutaussehend, weltgewandt … Nur manchmal ein bisschen anstrengend. So überschwänglich.“
Ihre Mutter wurde wieder ernst. „Weiß er von dem Baby?“
„Ja, Mutsch.“
„Und es macht ihm nichts aus?“
„Offenbar nicht. Er hat sich schon ausgemalt, was er dem Jungen beibringen wird. Wenn es denn ein Junge wird.“
„Was ist denn mit seiner Freundin, dieser Olivia?“
„Mutsch! Mach dir keine Sorgen, okay? Mit der hat er Schluss gemacht, er behandelt mich gut, ich genieße seine Nähe – es ist alles Ordnung. Wirklich. Wir werden halt sehen müssen, wohin das alles führt. – Du, ich muss auflegen“, log sie, um nicht weiter lügen zu müssen. „Ich muss noch was machen vor dem Feierabend. Ich komme morgen Nachmittag mal zum Kaffee rum, dann können wir reden, okay? Mach‘s gut! bis dahin!“ Sie unterbrach die Verbindung.
Dann saß sie ein paar Minuten vor ihrem Bildschirm und versuchte, nicht durchzudrehen. Ihr Optionen war beschränkt, äußerst beschränkt. Sie konnte versuchen, direkt sein Gehirn zu manipulieren. Aber sie war nur ein Mensch, kein XXX, und selbst als sie noch regelmäßige Mentalübungen mit Tonha gemacht hatte, hatte sie bei Weitem nicht die Fähigkeiten erreicht, die hier nötig waren. Es ging ja nicht um eine verhältnismäßig einfache Gedächtnislöschung oder -manipulation. Tomann würde ja nicht plötzlich mit seiner Arbeit für den Orden aufhören können, Personen aus diesem Kreis würde ihn womöglich ansprechen und ihn stutzig werden lassen. Davon, dass er inzwischen die meisten seiner Einkünfte aus dem Identitätenhandel bezog, ganz zu schweigen.
Vielleicht sollte sie gar nichts tun oder ihn sogar einweihen. Immerhin vertraute Pater Christoffer ihm genug, um riskiert zu haben, dass er das mit der Gabe herausfand. Nur: Tomann war eine Tratsche, vielleicht nicht so stark, wie Caro bislang vermutete hatte, aber jedes Restrisko größer null war zu hoch. Sie liebte ihn, aber sie vertraute ihm nicht.
Was also blieb? Ihn zu töten? Darauf würde es wohl hinauslaufen, egal, wie oft sie die anderen Optionen durchspielte, variierte und optimierte. Und trotzdem. Sie vertraute ihm zwar nicht, aber sie liebte ihn.
In diesem Moment ging die Tür auf und Tomann streckte den Kopf ins Büro. „Hast du noch zu tun?“
Sie war versucht zu nicken, nur damit er wieder ging. Dann verneinte sie jedoch.
„Gut. In zehn Minuten bei dir.“
Noch ehe sie sagen konnte, dass sie das nicht schaffen würde, war er wieder verschwunden.
„Verdammt“, zischte sie. „Verdammt, verdammt!“

Sie brauchte zwanzig Minuten. Er war schon da, hatte Kaffee gekocht. Caro erinnerte sich nicht, ihm ihre Wohnungsschlüssel gegeben zu haben, und sagte das auch.
„Schatz, für deine Tür reicht ein einfacher Dietrich. Wieso benutzt du das Sicherheitsschloss nicht? Es ist doch eins dran.“
„Faulheit“, antwortete sie und ärgerte sich. Er hatte ein deutliches Talent, die Schuldfrage einfach rumzudrehen. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, wieso er ihre Mutter belästigte, aber etwas in ihr warnte sie, dass dieses Gespräch schnell in die falsche Richtung abdriften konnte. Also nahm sie das Kaffeegeschirr, drehte sie sich um und ging ins Wohnzimmer.
Er folgte ihr mit der Kaffeekanne. Sie setzten sich an den Tisch, er schänkte ein. Schweigend tranken sie. Nach einer Weile sagte er: „Ich habe heute deine Mutter getroffen.“
„Ich weiß. Sie hat angerufen.“
„Eine sehr nette Dame.“
„Sie war völlig durch den Wind.“
„Wieso?“ Er sah so aus, als wundere es ihn tatsächlich.
„Weil ich ihr noch nichts von uns erzählt hatte, vielleicht?“
„Oh.“ Er schenkte sich Kaffee nach.
Sie schwiegen wieder.
Dann sagte er: „Ihr seht euch wirklich ähnlich.“ Das Lauern in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Das ist bei Müttern und Töchtern oft so.“
Er musterte sie.
Sie tat, als merke sie es nicht, und versuchte, das Thema zu wechseln. „Ich sollte dir mal meine Schlüssel geben, damit du nicht wieder bei mir einzubrechen brauchst.“
„Du solltest vor allem das Sicherheitsschloss benutzen“, antwortete er. „Wir könnten morgen Nachmittag auch zum Baumarkt fahren und ein ordentliches Hauptschloss kaufen.“
„Ich muss nach Radebeul. Meine Mutter beruhigen.“
„Soll ich mitkommen?“
„Lieber nicht. Ich denke, sie muss das erstmal verdauen.“
Wieder musterte er sie und wieder tat sie, als merke sie es nicht. „Am Montag hab ich nicht viel zu tun. Ich will sowieso mal nach einem passenden Bettchen schauen. Die im Internet sind immer zu breit.“
„Zu breit? Wo willst du es denn hinstellen?“
Sie deute mit einer Kopfbewegung zu ihrem Arbeitszimmerchen, wie sie es nannte. Im Moment stand dort ein Regal mit Ordnern und ein großer Schreibtisch mit allerlei Ablagen.
„Ich dachte, du ziehst zu mir“, sagte er.
„Bestimmt nicht!“ Sie hatte seine Wohnung mal gesehen. Sie war so verschnitten, dass keine Einrichtung der Welt daraus etwas Gemütliches hätte machen können.
„Du hast recht, sie ist zu klein. Sie hätte auch gar kein Kinderzimmer. – Olivias Wohnung wird frei.“
Jetzt musterte sie ihn. „Im Ernst?“
„Keine gute Idee?“
Sie schüttelte den Kopf.
Wieder schwiegen sie eine Weile. Dann sagte er: „Bist du verärgert?“
Sie stand auf. „Ich geh duschen.“
„Ich hoffte, wir könnten essen gehen. Ich habe im Paulaner reserviert.“
„Kann ich trotzdem vorher duschen?“
Er machte eine gönnerhafte Zustimmungsgeste.
Sie verließ das Wohnzimmer, holte sich ihren Bademantel, kramte dem Fön aus der dem Schrank und ging duschen. Sie ließ sich Zeit. Vom Wohnzimmer her kamen Fernsehgeräusche, dann telefonierte Tomann. Caro konnte nicht verstehen, mit wem er sprach und worüber. Als die den Föhn anstellte, sprach er noch immer. Irgendwann musste er aufgelegt haben, denn als Caro ins Wohnzimmer zurückkam, lag er auf der Couch und schlief.
Sie räumte das Kaffeegeschirr in die Küche, wusch es ab und kehrte die Küche aus. Dann goss sie alle Blumen in der Wohnung. Sie bemühte sich nicht sonderlich, dabei leise zu sein, Tomann wachte jedoch nicht auf. Also ging Caro ins Schlafzimmer, nahm sich ein Buch und begann zu lesen. Es gelang ihr nicht, sich auf die Geschichte einzulassen, also klappte sie das Buch wieder zu und ging zurück ins Wohnzimmer.
Tomann schlief noch immer. Er hatte etwas rührend Kindliches an sich, wie er da so lag – halb zusammengerollt, um überhaupt auf die Couch zu passen. Caro fühlte, wie sie lächelte. Ihre Sorge kam zurück. Und die Idee, dass sie das Problem vielleicht doch noch gewaltfrei lösen könnte.
Sie trat an das Sofa heran, kniete sich davor, betrachtete Tomann. Sie unterdrückte den Reflex, ihn zu berühren. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, sich in die passende Stimmung für einen mentalen Kontakt zu bringen. Als sie die Geistfenster geöffnet hatte, wie Tonha es ausgedrückt hätte, konnte sie Tomann bereits spüren. Es war wie ein Lächeln, das von ihm ausging. Je mehr sie sich seinem Ich näherte, desto unruhiger wurde seine Ausstrahlung, so als bewegte sie sich auf einen Stern zu und könnte dessen brodelndes Inneres immer deutlicher sehen. Es war irritierend, dass dieser Eindruck nicht mit Glut einherging, aber immerhin erlaubte ihr dieser Umstand, die Sternenoberfläche zu durchdringen.
Darunter herrschte Chaos. Es war anders als das regellos scheinende Wabern von eben, härter, eher wie eine außer Kontrolle geratene Maschinerie. Caro wusste, dass sie die Zimmer in Tomanns Geist finden musste, jene Bereiche, in denen er sein Nachdenken über sie, Caro, verwaltete. Aber immer, wenn sie glaubte, eine Struktur gefunden zu haben, die dem entsprach, zersprang sie in tausend Splitter, wurde von malmendem Rädern zerquetscht oder löste sich einfach in nichts auf. Es war ihr unmöglich, hier irgendwo zuzugreifen, geschweige denn, etwas gezielt umzuformen.
Ein Eishauch durchzog Caros Wahrnehmung. Sie öffnete die Augen. Tomann räkelte sich im Schlaf. Wenn Caro jetzt eine Giftinjektion bereit gehabt hätte, wäre Tomann nicht in der Lage gewesen, den Angriff abzuwehren. Aber er durfte ohnehin nicht hier in ihrer Wohnung sterben, auch wenn sie es wie einen natürlichen Tod aussehen ließ.
Caro stand auf und ging in ihr Arbeitskämmerchen. Sie kam mit einem dicken Kuli zurück. Mit diesem ging sie in die Küche, holte dort die halbvolle Whiskyflasche vom Schrank, zerlegte den Kuli und schüttet die Flüssigkeit aus der Phiole, die im Stift versteckt gewesen war, in den Whisky. Dann schraubte sie den Kuli wieder zusammen und trug ihn zurück zum Schreibtisch. Sie begann, den Papierstapeln aufzuräumen, der sich in den letzten Monaten aufgetürmt hatte.
Sie kam nicht weit. Im Wohnzimmer erhob sich Tomann, das Sofa knarzte. Caro hörte, wie er den Raum verließ. Wenig später kam er zurück und kam zu ihr. Sie sah zu ihm auf. Er hatte wie erwartet ein Glas Whisky in der Hand, von dem er nippte.
„Wollten wir nicht essen fahren?“, fragte Caro.
Er runzelte fragend die Stirn.
Sie deutete mit einem Kopfnicken auf das Glas.
Er trank es mit einem Schluck aus. „Wir nehmen die Straßenbahn. – Ich hol mir noch einen. Für dich auch?“
Sie schüttelte den Kopf und überschlug kurz, wie viele Gläser sie ihm gestatten durfte, damit er nicht doch bereits in ihrer Gegenwart kollabierte. Drei, maximal vier heute Abend, dann sollte sein Herz morgen im Laufe des Tages versagen.
„Natürlich. Das Baby“, sagte er.
Sie nickte mit aufgesetztem Lächeln.
Er holte sich einen zweiten Whisky und stellte sich demonstrativ in die Tür des Arbeitszimmers. „Brauchst du noch lange?“
„Fünf Minuten, okay?“
„Okay.“ Er blieb stehen.
Caro seufzte demonstrativ und stand auf. „Na gut. Gehen wir?“
Er trank aus. „Gehen wir.“


Teil 11
Epilog
 
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