Der Codex - Teil 11

jon

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Teil 10




Sie war nach dem Essen allein nach Hause gefahren, hatte Unwohlsein vorgetäuscht. Ob er ihr geglaubt oder einfach selbst noch etwas vorgehabt hatte an diesem Abend, wusste Caro nicht. Es interessierte sie auch nicht. Sie war dankbar, dass sie ihm nicht die Unbeschwerte vorspielen musste, während sich in ihr die Last der Jahrtausende zu einem schwarzen Loch verdichtete. Es würde schwer genug werden, ihrer Mutter gegenüber so zu tun, als gäbe es keinen Grund zur Sorge. Carola erwog, das Treffen mit ihr abzusagen, entschied sich aber dagegen. Je weiter weg von Toman sie morgen sein würde, desto besser.
Als sie im Bett lag, drängten sich ihr Bilder des Toten auf. Sie versuchte durchzuspielen, wie sie reagieren sollte. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, ihn einfach nachts ins Nichts zu beamen. Allerdings hatte Jonathan sie vor ein paar Monaten wissen lassen, dass er das Shuttle von der Erde entfernt hatte – irgendwas von defekter Tarnung hatte er in dem Brief angedeutet, zu deutlich wollte er wohl nicht werden. Wahrscheinlich wäre es aber sowieso keine gute Idee gewesen, denn ein Vermisstenfall hätte unnötige Aufmerksamkeit erzeugt. So allerdings … Tomanns Herz war ohnehin nicht ganz gesund, niemand würde sich wundern, dass es aufgehört hatte zu schlagen.
Ihre Gedanken schweiften zurück. Weit zurück. Schelo. Er war der Erste gewesen, der Erste von vielen. Im Gegensatz zu anderen Sachen hatte sie nie mitgezählt, wie viele Menschen sie ermordet hatte, aber sie hatte das Gefühl, sich jeden einzelnen zu erinnern. Und möglicherweise war es auch so. Hoffentlich kam niemand auf die Idee, nach ihrem Tod ihr Gehirn zu untersuchen – die organischen Spuren der Unmengen an Erinnerungen wären sicher nicht zu übersehen. Sie sollte verfügen, eingeäschert zu werden.
Ob Tomann Vorkehrungen für den Fall seines Todes getroffen hatte?
Sollte sie weinen, wenn man ihr mitteilte, dass er gestorben war? Sie hatte viel gelernt in den vergangenen Jahrhunderten – auf Knopfdruck Tränen zu vergießen, gehörte nicht dazu. Es wäre einfacher, einen Schock vorzugaukeln.
Gaukeln. Das hatte sowas Leichtes. Es würde nicht leicht werden.
Es war nie leicht gewesen. Fast nie. Mit Charlie und Glowing Ice war es das. Dieser Verlust brannte noch immer so heiß in ihr, dass sie nie wieder in der Gegend gewesen war. Nichtmal auf Durchreise, selbst wenn der Weg um das alte Stammesgebiet herum sie Stunden oder gar Tage gekostet hatte. Selbst heute noch würde sie lieber einen Bogen darum machen. Dabei hätte es doch langsam mal vorbei sein müssen, oder? Dieser Schmerz. Und jeder andere auch. Sie war immerhin schon viele Jahre zurück, wieder zu Hause. In Sicherheit. In Frieden …

Der Samstag fühlte sich an wie mit Watte ausgepolstert. Caro hatte lange geschlafen, war aber nie richtig munter geworden. Noch während sie zu Mittag aß, vergaß sie, was sie sich gekocht hatte. Nach Radebeul beamte sie sich offenbar – zumindest erinnerte sie sich nicht, wie sie zu ihrer Mutter gelangt war. Und das Gespräch mit ihr führte irgendwer anderes, jemand, der so aussah und so klang wie Carola. Die Carola, die die Mutter erwartete, trotz der Nachrichten hinsichtlich Tomanns. Und trotz der Eröffnung, dass Bern der Vater des Babys war. Diese andere trank Kaffee und aß Kuchen, sah mit der Mutter fern und bereitete das Abendbrot vor. Und während all das passiert, wartete Caro auf die Todesnachricht.

Am Sonntag erwachte Carola zu Hause. Sie erinnerte sich nicht, wann und wie sie von Radebeul nach Dresden gekommen war, was sie am Abend noch gemacht hatte und wann sie ins Bett gegangen war. Sie wusste nur, dass die Nachricht noch nicht da war. Hatte man ihn noch nicht gefunden? Durchaus möglich. Sehr wahrscheinlich sogar, wenn es ihn zu Hause erwischt hatte.
Erwischt hatte. Das klang fast harmlos.
Sollte sie zu ihm gehen? Es wäre erklärbar. Aber nicht zwingend nötig. Eigentlich sogar unlogisch, denn bisher war sie noch nie einfach so zu ihm gegangen. Sie musste ihn also nicht finden. Der Gedanke erleichterte sie nicht.
Doch, sie sollte zu ihm gehen. Nicht, um endlich diese Anspannung zu lösen, sondern weil dann niemand dabei war, wenn sie es „erfuhr“. Menschen hatten ein feines Gespür dafür, wenn anscheinend spontane Reaktionen nicht gänzlich glaubhaft waren.
Wenn er bis Mittag nicht anrief, würde sie hingehen. Einen Moment lang glomm in Caro wirklich der Gedanke, dass er ja anrufen könnte.
Obwohl sie es besser wusste.
Aber vielleicht hatte die Dosis nicht gereicht.
Doch, hatte sie. Die Menge bestimmte nur, wann das Herz aussetzte, nicht ob es das tat.
Es klingelte.
War sie das, die Nachricht?
Caros Herz schlug bis zum Hals. Noch während sie das registrierte, empfand sie es als kitschig. Sie atmete das Gefühl weg und flüsterte sich zu: „Du weißt von nichts.“ Dann ging sie zur Tür, setzte ein Lächeln auf und öffnete.
Peter Tomann.
Und er wusste, was sie getan hatte.
Peter Tomann trat ein, ging an Caro vorbei und reichte ihr dabei einen Briefumschlag.
Caro schloss die Tür und schaute auf den Brief. Ihr Name stand darauf, sonst nichts. Die Handschrift kam ihr bekannt vor. Es war nicht die von Tomann.
Aus dem Wohnzimmer drang der Klang von Gläsern.
Caro öffnete den Brief. Er war von Jonathan, er hatte ihn in der Muttersprache seines Vaters geschrieben. „Sein Tod“, stand da, „hätte weitreichende Folgen. Ich habe ihm den Codex eingebrannt.“ Und dahinter ein Symbol, das für innige Zuneigung stand.
Jonathan hatte ihn also gerettet. Caro wusste, dass sie jetzt erleichtert sein sollte. Tomann lebte und offenbar hatte Jonathan ihn konditioniert, so dass er keine Gefahr mehr darstellte. Warum also war sie es nicht?
Sie steckte den Brief in den Umschlag zurück, stopfte ihn in die Hosentasche und ging ins Wohnzimmer. Tomann stand dort und schaute aus dem Fenster. Sie blieb nahe der Tür stehen und schaute zu Tomann.
„Ich verstehe, warum du das getan hast“, sagte er in Richtung des Blumen auf dem Fensterbrett. „Ich wusste von dem Codex, mir war nur nicht bewusst, wie ernst es euch damit ist.“
Caro runzelte die Stirn. Nicht über vergangene Leben zu sprechen, war ein akzeptabler Grund für Mord? Sogar, wenn man selbst ermordet wurde? Jonathan musste erheblich in Tomanns Denken eingegriffen haben.
„Ich liebe dich“, sagte Tomann und drehte sich um. Er streckte ihr ein Kästchen entgegen. „Ich möchte, dass du meine Frau wirst.“
Jonathan hatte wohl irgendwas in seinem Kopf kaputt gemacht. „Ich habe dich vergiftet, Peter.“
Er lächelte. „Ich weiß. Und obwohl ich das weiß, liebe ich dich.“ Er ging zwei Schritte auf sie zu, das Kästchen, in dem sie jetzt einen Ring mit dezent glitzerndem Stein erkannte, noch immer vor sich haltend. Sein Lächeln wurde schwächer, dafür bekam seine Stimme etwas Eindringliches. „Ich weiß, dass das verrückt klingt, Caro, glaub mir. Und wenn jemand anderes sowas sagen würde, würde ich ihn zum Psychiater schicken. Aber im Ernst: Nach all dem, was ich in den letzten Monaten und vor allem den letzten Wochen erlebt und erfahren habe, ist das hier …“ Er suchte nach dem passenden Wort, etwas, was Caro von ihm nicht kannte. „… logisch.“
„Logisch“, wiederholte sie. Das Fragen legte sie in ihren Blick.
„Ja.“ Er kam einen weiteren Schritt näher. „Es geht um ein so unglaubliches Geheimnis, sowas kann man nur unter Aufbietung aller Mittel schützen. Wenn es bekannt würde, dass es Menschen wie euch gibt, würdet ihr nur zu Versuchsobjekten und von Historikern belagert, es würden Verschwörungstheorien gesponnen und ihr würdet für viele als Inkarnation des Bösen gelten.“
Er war völlig auf dem Holzweg. Nicht nur was sie und die Gabe anging, auch den Zweck des Codex hatte er nicht verstanden. Dafür hatte seine Erklärung den Vorteil, für die allermeisten Menschen logisch zu klingen. Vor allem fand er sie logisch und das würde – hoffentlich – seine Neugier deutlich dämpfen.
Aber auch das erleichterte Caro nicht. Diese ganze Situation war absurd, so völlig unglaubhaft, bizarr geradezu. Nicht einmal, wenn sie die schärfste Braut des Planeten gewesen wäre, hätte Tomanns Antrag einen Sinn ergeben.
„Was sagst du?“, fragte er.
„Du bist verrückt.“
Er schmunzelte. Er lächelte diese lausbübische, wärmende, unwiderstehliche Lächeln und verhinderte so, dass sie „Das ist mein Ernst“ sagen konnte. Stattdessen schwieg sie.
„Na gut.“ Sein Lächeln erlosch und er trat zurück. Dabei legte er das Schächtelchen mit dem Ring in die Schrankwand. „Du kannst es dir ja noch überlegen. Nimm den Ring oder gib ihn mir zurück. In Ordnung?“
Sie nickte. „Okay.“ Dabei fragte sie sich, warum sie ihm den Ring nicht sofort in die Hand drückte.
Tomann atmete einmal kräftig durch. „Ich wollte dich eigentlich zum Essen einladen.“
Caro wartete auf das Aber.
„Wir müssten nur vorher einen kleinen Abstecher machen.“
„Okay.“
Er stand noch immer mitten im Wohnzimmer, als warte er auf etwas.
„Soll ich mich da jetzt schon umziehen?“
„Was?“
„Ob ich mich umziehen soll.“
Er ließ seinen Blick über sie gleiten.
„Ich meine, ob ich mich jetzt umziehen soll. Müssen wir jetzt schon los?“
Er nickte. Was immer ihn gerade beschäftigte, es forderte offenbar den größten Teil seiner Aufmerksamkeit.
Als Caro aus dem Schlafzimmer zurück kam, wirkte Tomann so leicht gestimmt wie üblich. Mimisch sandte er ihr ein Kompliment für ihr Outfit. Es fühlte sich gut an.
Während sie in die Stadt fuhren, plauderte Tomann über eine neue Idee, die er mit einem Kunden gesponnen hatte, über die lustige Episode aus seiner Studienzeit, die ihn auf diese Idee gebracht hatte, und über eine genauso komische Begebenheit, die viele Jahre später stattfand, aber wie ein Spiegelbild der ersten wirkte. Dabei schaute er immer wieder zu Caro herüber, was ihr zeigte, dass er tatsächlich zu ihr sprach. Zu Wort kam sie nicht. Wollte sie auch nicht. Sie genoss es einfach, dass der gestrige Tag keine Rolle mehr spielte und sie nicht mehr wie ein Schießhund aufpassen musste, dass Tomann keinen Verdacht schöpfte. Endlich war sie da, die Erleichterung. Caro dankte Jonathan im Stillen, dass er das möglich gemacht hatte.
Der Abstecher erwies sich als ein Treffen mit Erich in einem Café. Erich hatte bereits eine Tasse Kaffee vor sich stehen, Tomann bestellte für sich einen doppelten Espresso, Caro nahm einen Kakao. Tomann kam – wenn auch angesichts der öffentlichen Umgebung verklausuliert – gleich zur Sache, offenbar ging es um jemanden aus dem Ratskreis, der neue Papiere brauchte. Ein Name fiel nicht. Das Problem war wohl, dass der Betreffende zu schlecht deutsch sprach, um als gebürtiger Deutscher durchzugehen. Warum er unbedingt deutsche Papiere bekommen musste, wurde Caro nicht ganz klar. Wahrscheinlich hatte er zuletzt am anderen Ende der Welt gelebt und wollte so viel räumlichen Abstand wie möglich zwischen sein jetziges und das kommende Leben bringen.
Tomann stand auf und ging zum Tresen. Zu Caros Überraschung kam er mit einem belegten Brötchen zurück. Es würde wohl etwas länger dauern. Tatsächlich begann sich das Gespräch um andere Themen zu drehen. Tomann schlug dabei einen Ton an, als sei Erich sein Helfer und nicht er der Helfer des Ordens. Erich nahm das gelassen, was Tomann nur noch mehr anzustacheln schien. Caro kam sich zunehmend fehl am Platz vor.
Dann betrat Charlie das Café. Neben ihm ging leicht gebeugt ein alter Mann. Das Gespräch zwischen Erich und Tomann verstummte. Tomann stand auf und ging dem Alten entgegen. Erich rutschte auf der Bank, auf der er saß, etwas beiseite, um Platz machen.
Tomann begrüßte den Alten ehrfürchtig, Charlie gönnte er kaum ein Kopfnicken.
„Pater Christoffer“, erklärte Erich leise.
Charles übernahm es, am Tresen etwas für sich und Christoffer zu bestellen. Tomann führte seinen alten Beichtvater an den Tisch. Der Blick des Paters war die ganze Zeit auf Caro gerichtet.
Und sie erkannte ihn. Es war weniger sein Aussehen – damals war er fast noch ein Knabe gewesen – als vielmehr die Art, wie er sie ansah. Als hätte er etwas unendlich Erleichterndes erkannt und zugleich etwas unendlich Schweres.
Tomann rückte einen Stuhl zurecht, damit Christoffer sich setzen konnte. Dabei stellte er ihm Caro vor. Der Pater lächelte. Caro reichte ihm die Hand. Er nahm sie, beugte sich leicht vor und küsste sie. Ein paar Augenblicke lang stand er so – ihre Hand in seiner, der Kopf demütig gesenkt. Und Caro nahm diese Huldigung an, wissend, dass jeder das erkennen konnte.
Auch Tomann.
Sie sah es, als Christoffer sich aufgerichtet hatte und ihr Blick auf Tomann fiel. Er wirkte erschüttert. Er hatte offenbar verstanden. Und es entsetzte ihn.
Pater Christoffer setzte sich neben Erich. Dessen Blick zu Caro verriet, dass auch er verstanden hatte, doch anders als Tomann schien es ihm eine Bestätigung zu sein für etwas lang Vermutetes. Was immer das war.
Charlie kam und stellte das Tablett mit zwei Tassen Tee und einem Stück Kuchen auf den Tisch. Dafür schob er Erichs Tasse beiseite. Dann setzte er sich auf einen Stuhl. Auch Tomann nahm wieder neben Caro Platz. Sie konnte sein Entsetzen förmlich spüren.
„Es ist schön, dich zu sehen“, sagte Christoffer zu Caro. „Hans hat bereits erwähnt, dass du den Ratskreis verstärken könntest.“
Caro lächelte. „Da war der Wunsch der Vater des Gedanken. Ich bin zu alt dafür. Zu müde.“
Christoffer nickte verstehend. „Und die andere Angelegenheit?“
Erich mischte sich ein. „Wir sprachen noch nicht darüber.“ Zu Caro sagte er: „Es geht um eine bestimmte Ware. Tagora.“
Sie kannte Tagora. Die Droge war ideal, um schnell und effektiv Erinnerungen zu manipulieren. Der Orden musste vor sehr langer Zeit an Restbestände der Paste gekommen sein. „Ich glaube nicht, dass es noch jemanden gibt, der weiß, wie man Tagora gewinnt.“ Außer Dischnajach wahrscheinlich, aber sie hatte wohl gute Gründe, dieses Wissen für sich zu behalten.
Pater Christoffer wirkte nicht enttäuscht. Im Gegenteil – er schien so eine Antwort erwartet zu haben. „Nun, es war eine Hoffnung. Aber …“, er atmete tief durch, „… lasst uns von Leichterem sprechen. Ich war gestern Nachmittag an der Frauenkirche und staunte nicht schlecht, sie schon so weit wiederhergestellt zu sehen. Überhaupt bin ich sehr angetan von der Stadt, kaum zu glauben, dass diese Perle mir bislang entgangen war …“
Es entspann sich eine locker-heitere Unterhaltung, zuerst über architektonische Kleinode, später auch über andere Themen. Tomann war schon bald mit knappen Gruß gegangen, Caro nahm es nur am Rande wahr. Christoffer erwies sich als wissensreicher und angenehm bescheidener Mensch, als fröhlicher Plauderer, der auch tiefsinnige Bemerkungen ohne jegliches Pathos einzuflechten verstand. Zwischen ihnen vier herrschte eine Vertrautheit, als kennten sie sich schon seit ewigen Zeiten.
Irgendwann verabschiedete sich Christoffer, da er noch eine andere Verabredung wahrnehmen wollte. Charlie begleitete ihn und auch Erich und Caro brachen auf.
Er brachte sie nach Hause, sie verabredeten ein Treffen für den Dienstagnachmittag. Dann betrat Caro ihre Wohnung, schälte sich aus dem Mantel und ging in die Küche, um sich ein Wurstbrötchen zu schmieren. Mit diesem in der Hand ging sie ins Wohnzimmer.
Die Schachtel mit dem Ring fehlte. Es überraschte Caro nicht.


Epilog
 
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