Der Codex - Teil 3

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Prolog & Teil 1
Teil 2



Als sie am nächsten Tag von der Arbeit kam, wartete Erich bereits vor ihrer Wohnungstür. Obwohl Carola sich müde fühlte – Tomann hatte kurz vor Feierabend noch einmal versucht, sie als Knopflers Nachmieterin zu rekrutieren – freute sie sich, Erich zu sehen. Sie bat ihn herein.
„Kaffee?“, fragte sie, während sie ihn ins Wohnzimmer lotste und dabei ihre Tasche im Flur abstellte.
„Nein danke, ich hab grade.“ Er sah sich um und lächelte.
„Was?“
„Kommt mir vertraut vor. Andere Möbel, andere Accessoires, aber der gleiche Stil.“
Sie lachte. „Nett, dass du das Chaos Stil nennst!“
Er tat, als wüsste er nicht, was sie meinte, und setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch. Seine Haltung wirkte angespannt.
Caro nahm auf der Couch Platz. „Das ist kein Höflichkeitsbesuch, oder?“
„Wir haben einander nie aus Höflichkeit besucht“, erinnerte Erich.
„Stimmt. Das ist aber auch kein Stelldichein.“
Der Anflug eines Lächelns zog über sein Gesicht, er schwieg jedoch.
„Übrigens“, versuchte Caro, die Lage etwas zu lockern, „Charlie war überrascht, dass ich dich mit Erich angesprochen habe.“
„Er nahm wohl an, dass du meinen aktuellen Namen kennst.“
„Der wäre?“
„Hans Bernbauer.“
Sie starrte ihn an. „Das ist ein Scherz.“
Er grinste. „Hab ich auch erst gedacht, aber der Kerl mit den Papieren hat mir das als die am besten abgesicherte Identität verkauft.“
„Hat die was mit den Bernbauers zu tun, die ich damals benutzt habe?“
„Ich glaube, dein angeblicher Großvater war ein Cousin meines angeblichen Urgroßvaters.“
„Und wahrscheinlich war mein Identitäten-Händler der Großvater von deinem.“
Er grinste. „Gut möglich.“
„Und außerdem noch Hans …“ Sie schüttelte den Kopf. „Echt, wenn das jemand in einer Geschichte schreiben würde, würde man dem sein eigenes Buch wegen absurder Zufälle um die Ohren hauen.“
„Apropos Zufälle …“ Er rollte mit dem Stuhl etwas näher zur Sitzecke mit der Couch. „Du weißt, dass dein Chef für den Orden arbeitet, oder?“
„Tomann? Nein.“ Irgendwas an dem Gedanken fühlte sich logisch an. „Nein, das wusste ich nicht. Er ist Christ, katholisch sogar, aber Fanatiker …?“
„Nein nein, ich denke nicht, dass er deshalb dabei ist. Ich bin nicht mal sicher, dass ihm das ganze Ausmaß des … der Organisation bekannt ist. Er ist, wenn ich es richtig verstehe, über Christoffer dazu gekommen und wohl auch nicht wirklich eingeweiht. Ich nehme an, der macht es seinem alten Beichtvater zu liebe.“
„… und wegen der sich ergebenden geschäftlichen Kontakte“, ergänzte Caro.
„Ja, vermutlich. Er ist beauftragt, ein paar Dinge hinsichtlich eines Großtreffens der Lenker zu organisieren. Ich habe allerdings den Eindruck, dass er weiterreichende Pläne hat. Ist dir was Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Die Knopfler zieht weg.“
„Das wissen wir schon. Sonst noch was?“ Er sah sie fragend an.
Caro fühlte sich auf einmal zurückversetzt, konnte fast den Geruch der Petroleum-Lampe riechen, die im Versteck der Gruppe für gewöhnlich brannte. Das Geräusch der vor ihrem Haus vorbeifahrenden Autos erinnerte an das Grollen der näherrückenden Front. Und beinahe fühlte es sich so an, als trete das Baby in ihrem Bauch. Ihr wurde übel.
„Anna? Alles in Ordnung?“ Er setzte sich neben sie. „Anna?“
Sie atmete tief durch. „Nur ein Deja vu“, beruhigte sie ihn.
Er nickte verstehend.
Dann schwiegen sie eine Weile und es fühlte sich so an, als schwiegen sie über dasselbe. Aber es war nicht dasselbe, nicht ganz. Sie hatte damals gewusst, dass der Krieg länger dauern würde, als die Genossen hofften, sie kannte bereits die Bilder aus Auschwitz, Bergen-Belsen und Majdanek, lange bevor die Russen und Amerikaner sie veröffentlichten. Sie wusste, dass ihre Arbeit im Untergrund nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war, aber sie hoffte auch, dass dieser stete Tropf den Stein etwas aushöhlen würde. Viel hatte es nicht gebracht, nur zwei Wochen weniger Krieg. Aber immerhin …
Erich stand auf. „Ich sollte gehen. Du bist müde.“
„Ich könnte uns noch Abendbrot machen“, bot sie an.
„Danke, aber … Ines erwartet noch meinen Anruf.“
„Deine Frau?“
Er nickte. „Gewissermaßen. Ich hab’s nicht so mit Trauscheinen.“
„Ach ja? Ich hab’s dir damals ausreden müssen.“
„Das waren andere Zeiten.“
„Es sind immer andere Zeiten, Janek.“
Er nickte erneut, berührte Carola kurz an der Schulter und ging dann.

Am nächsten Tag fiel es Carola schwer, sich zu konzentrieren. Die Routinearbeit war nicht sonderlich hilfreich dabei, die Gedanken von Tomann abzulenken. Auch Tomann selbst war nicht sonderlich hilfreich dabei – alle paar Minuten schaute er bei Carola im Büro herein, um irgendwas Belangloses zu fragen. Sie war kurz davor, ihn anzublaffen. Entweder merkte er es oder ihm gingen die Ausreden aus: Am Nachmittag wurden seine Fragen seltener. An sinnvolle Arbeit war trotzdem nicht mehr zu denken; Carola ging weit vor dem regulären Feierabend.
Zu Hause nahm sie die Wohnungssuche wieder auf, schon um Tomann bei seinem nächsten Rekrutierungsversuch etwas Handfestes entgegenhalten zu können. Abgesehen davon, dass sie sich kaum vorstellen konnte, dass eine Wohnung, die Olivia Knopfler gefallen hat, ihren Geschmack treffen würde, schüttelte sie sich bei den Gedanken, in ihren Räumen zu leben. Selbst wenn es dann nicht mehr ihre Räume wären. Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, fluchte Carola und schaltete den Rechner ab.
Dann saß sie unschlüssig auf der Couch. Sie hatte das Bedürfnis, mit jemandem zu reden, ohne zu wissen, worüber eigentlich. Ihre Gedanken kreisten um Tomann und dessen plötzlich erwachtes Interesse an ihr. Sie versuchte, sich einzureden, dass es die pure Neugier war, die ihn trieb, zugleich wusste sie aus Erfahrung, dass das nicht sehr wahrscheinlich war. Versuchte er, sie zum Bleiben zu bewegen? Das lag schon näher. Aber was sollte das mit der Wohnung? Was sollte das mit der Knopfler überhaupt? Wenn sie sich trennten … Carola verbot sich den anschließenden Gedanken.
Stattdessen versuchte sie, darüber nachzudenken, wie Tomann an den Orden geraten sein mochte. Und noch wichtiger, was er sich davon erhoffte. Einfluss? Er war der Typ, der sich gern als Mann mit Einfluss sah. Oder besser als Mann mit Kontakten. Die würde er bekommen, wenn er es schaffte, sich in den Kreis der Lenkenden einzuklinken. Allerdings erschien es ihr eine Nummer zu groß für das, was Tomann für gewöhnlich so trieb. Was immer das war. Carola wurde sich bewusst, dass sie es gar nicht wusste, dass es nur so ein Gefühl war, dass er übers reine Kontakteknüpfen eigentlich nie hinaus kam. Zumindest für die Firma war nie etwas Einträgliches dabei herausgesprungen. Er war, wenn man es böse formulierte, ein Schaumschläger.
Es sei denn, er tat nur so.
Dann wäre er ein genialer Schauspieler. Und das wieder hieße, dass er gefährlich werden konnte, wenn er ihr zu nahe kam.
Nur dass er das nie tun würde.
Leider.
Hoffentlich.
Warum interessierte sich Erich für ihn? Carola spielte mit dem Gedanken, ihn anzurufen und zu fragen. Sie beschloss, es nicht zu tun. Dann ging sie ins Bett.

Eine Woche lang hörte Carola nichts von Erich, dafür wurde es immer deutlicher, dass Tomann sich um sie bemühte. Die Kollegen warfen ihr bereits fragende Blicke zu, die sie mit demselben fragenden Ausdruck erwiderte. Dann, am Mittwochvormittag, schaute er wiedermal wie zufällig bei ihr im Büro herein und sagte: „Haben Sie gerade zu tun?“
„Nichts Unaufschiebbares“, antwortete sie.
„Könnten Sie mich in die Stadt fahren?“
,Ungern‘, war sie versucht zu antworten. „Innenstadt?“, fragte sie stattdessen.
„In der Neustadt. Sie können direkt vorm Haus parken, ich muss nur schnell etwas abholen.“
Sie nickte und schloss die Ordner auf ihrem Desktop, die sie gerade hatte entrümpeln wollen.
Auf dem Weg zu ihrem Auto erklärte er, seines sei in der Werkstatt, weil etwas mit den Bremsen nicht stimmte. Sie nahm es zur Kenntnis, stieg ein, fuhr aus dem Hof und ließ ihn – nachdem er das Tor geschlossen hatte – einsteigen. „Wohin genau?“
Er nannte eine Straße. „Recht weit draußen, kurz vor dem alten Fabrikgelände.“
Caro kannte die Gegend, sie hatte 1944 ein paar Wochen mit Erich dort gelebt. Sie fuhr los.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, begann er das Gespräch.
Sie nickte.
„Sie wirken etwas angestrengt in letzter Zeit.“
„Das kann daran liegen, dass es etwas anstrengend ist.“ Sie merkte, dass das ein wenig zu aggressiv geklungen hatte, und schwächte ab: „Ich versuche, alles übergabefertig zu machen. Es hat sich ein Haufen Zeug angesammelt.“
„Kann ich bei irgendwas helfen?“
Sie schüttelte den Kopf. Hoffentlich kam er nicht wieder auf die Wohnung zu sprechen.
„Sie werden uns fehlen.“
Was sollte sie darauf sagen?
„Sie werden mir fehlen.“
Sie spürte, dass er sie anlächelte. Sie schaute nicht hin. Etwas schnürte die Kehle zu. Sie hätte sich freuen sollen, ungeachtet der Tatsache, dass sie wusste, dass ein Leben mit ihm nur in einem Desaster enden konnte. Im Moment aber war es ein Gemisch aus Argwohn und Trauer und Wut, das sich in ihr ausbreitete. Zu sehr fühlte es sich an, als hätte sein Werben eher mit der Firma als mit ihr zu tun. Oder dem Orden. Eine scheiternde Liebe, damit würde sie leben können, aber sowas? Sie wollte ein normales Leben, eines ohne Intrigen und Weltrettung und diese übergroße Verantwortung, die alles in ihr übernahm und sie innerlich erfrieren ließ. Am Anfang war es ihr wie eine große Chance vorgekommen, all diese Dinge tun zu können, stärker, größer zu sein, als die Frau, die sie vor dem ersten Sprung gewesen war. Aber inzwischen hatte sie keine Kraft mehr dafür.
„Habe ich was Falsches gesagt?“, fragte Tomann und er hatte dabei diesen weichen Tonfall in der Stimme, auf den sie so lange gewartet hatte.
Sie winkte ab, mit den Tränen kämpfend.
„Verstehe“, behauptete er und schwieg. Das gab ihr Gelegenheit, sich zu fangen. Ihre Gedanken begannen sich wieder um die Frage zu drehen, was Tomann mit dem Orden zu tun haben könnte.
„Dort vorn ist es“, sagte Tomann und wies auf eine Lücke in der Häuserfront. Das Grundstück war offenbar noch bis vor Kurzem bebaut gewesen, die Natur hatte gerade erst begonnen, sich das Terrain zurück zu erobern. Carola rollte auf den zur Parkfläche ausgebauten Bürgersteig und hielt an.
Tomann stieg aus. „Es dauert nicht lange.“ Dann ging er in eines der Häuser neben der Baulücke. Es sah wie ein reines Wohngebäude aus.
Carola sah sich um. Sie suchte das Haus, in dem sie damals mit Hans und Elisabeth gewohnt hatte, aber sie war nicht sicher. Es war eine unruhige Zeit damals, sie hatte sich auf anderes konzentriert. Und auch danach gab es Wichtigeres.
Ein Mann fiel Carola auf. Er erinnerte sie an irgendjemanden. Als er in das selbe Haus ging, in dem Tomann verschwunden war, wusste er, wem er ähnelte: dem Fälscher, bei dem Caro 1964 die Papiere von Sieglinde Bergmayr auf sich hatte anpassen lassen. Vielleicht war es sein Sohn. Gab es sowas wie Fälscher-Dynastien? Gut möglich.
Tomann kam zurück, beim Aus-der-Tür-Treten steckte er gerade etwas in die Innentasche seines Sakkos. Beim Einsteigen ins Auto sagte er: „Ich lade Sie zum Essen ein. Italiener?“
„Okaayy …“
Sie fuhren zurück zur Firma. Statt ins Büro gingen sie jedoch zum Restaurant um die Ecke. Sie bestellte Salat, er eine Pizza.
Während sie auf das Essen warteten, musterte er sie. Sie tat, als merke sie es nicht.
Schließlich sagte er: „Ich meinte es ernst vorhin. Ich würde Sie vermissen.“
Sie hörte das „würde“ sehr deutlich, ignorierte es aber. „Was erwarten Sie jetzt? Dass ich sage, ich Sie auch?“
Er lächelte schelmisch. „Das wäre ein Anfang.“
„Etwas spät für einen Anfang“, erwiderte sie und merkte, dass sie nicht die war, die das vor ein paar Wochen noch gesagt hätte.
Er merkte es wohl auch. „Ich hoffe, nicht zu spät.“ Er beugte sich etwas vor. „Die Lage hat sich verändert.“ Er lächelte entschuldigend. „Affären im Büro – Sie wissen schon.“
Sie entzog sich seinem Charme, es fiel ihr leichter, als sie es für möglich gehalten hätte. „Dass ich schwanger bin, ist Ihnen doch noch bewusst, oder?“
Er nickte und lehnte sich zurück. „Verstehe. Sie lieben ihn.“
„Ja, aber das ist weitgehend irrelevant.“
„Weitgehend … Aha.“
„Ja.“
Er lächelte erneut. Es wirkte siegessicher. Carola wusste, dass sie sich darüber ärgern sollte, aber sie tat es nicht. Stattdessen erwiderte sie das Lächeln. Gerade als es ihr bewusst wurde, kam der Kellner und brachte das Essen.
Tomann nutzte die Gelegenheit, um auf einen sachlicheren Tonfall umzuschwenken. „Ich habe derzeit außerhalb der Firma ein paar wichtige Dinge zu tun, vielleicht könnten Sie bei der Suche nach einem Nachfolger für Sie helfen. Ich habe vorgestern eine Anzeige aufgegeben, die ersten Bewerbungen sollten also in den kommenden Tagen ankommen.“
Carola nickte. Es entspann sich ein oberflächliches Gespräch über Dienstliches und Halbprivates in einem seltsamen Tonfall zwischen Vertrautheit und Abstandhalten. Tomann fiel ab und an in diesen weichen, zuwendenden Tonfall, benutzte aber auch dabei konsequent das Sie. Es fühlte seltsam an, so als wolle er sich alle Türen offenhalten. Und vielleicht war es ja auch so.
Bevor sie das Lokal verließen, lud er Carola noch für den kommenden Abend in ein Restaurant in der Altstadt ein. Dann ging sie ins Büro und er zu einem Termin, wie er erklärte. Er kam bis zum Feierabend nicht zurück.


Teil 4
Teil 5
Intermezzo & Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11

Epilog
 
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