Der Codex - Teil 4

jon

Foren-Redakteur
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Prolog & Teil 1
Teil 2
Teil 3



Tomann kam auch am nächsten Tag nicht ins Büro. Caro versuchte, Erich anzurufen. Er ging nicht ran. Stattdessen meldete sich Charlie und wollte sie für den Abend einladen. Sie vertröstete ihn auf ein andermal.
Nach Feierabend, Carola war gerade dabei, zu ihrer Verabredung mit Peter Tomann aufzubrechen, rief dieser an. Caro vermutete schon, dass er absagen würde, doch er bat sie lediglich, in ein anderes Restaurant zu kommen, da er ohnehin in diesem sei und noch ein paar Minuten, wie er es ausdrückte, dort zu tun hätte. Es handelte sich um das Lokal, in dem sie sich vor ein paar Tagen mit Erich getroffen hatte, ein Umstand, der sie in Alarmzustand versetzte.
Als sie in der Kneipe ankam, erwies sich, dass sie recht damit gehabt hatte: Sie sah Charlie sofort und erkannte in dem Mann, der mit dem Rücken zu ihr gewandt bei ihm saß, Peter Tomann. Noch während sie überlegte, ob sie zu ihnen gehen sollte, wurde sie von Charles entdeckt. Er winkte ihr zu.
Tomann drehte sich um. Sie konnte sehen, wie er erst fragend, dann sie erkennend und dann erst recht fragend zu ihr schaute.
Sie trat an den Tisch. Charlie stand auf, um ihr einen Stuhl zurecht zu rücken.
„Ich bin wohl etwas zu zeitig da“, sagte Carola zu Tomann. „Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Nein, alles erledigt“, antwortete Charlie und klopfte sich auf die Brusttasche seiner Lederjacke.
„Woher kennen Sie sich?“, fragte Tomann. Es sollte wohl beiläufig klingen.
„Durch einen gemeinsamen Bekannten“, sagte Carola und schaute zu Charlie. Der verstand den Blick und erklärte, leider gehen zu müssen.
Als er fort war, zog Carola ihren Mantel aus und hängte ihn über den Stuhl, auf dem gerade noch Charlie gesessen hatte.
„Ein gemeinsamer Bekannter?“, fragte Tomann. Er tat schelmisch. „Doch nicht etwa …“ Sein Blick zu ihrem Bauch vervollständigte die Frage.
Sie setzte sich. „Nein. Nur ein alter Freund.“ Im selben Moment ärgerte sie sich über den verräterischen Zungenschlag und hoffte, dass Tomann das „alt“ nicht allzu wörtlich nahm. Sie versuchte abzulenken, indem sie sich demonstrativ umsah und sagte: „Ich wusste nicht, dass Sie auf so kuschlige Kneipen stehen.“
„Es kommt nicht auf das Lokal an, sondern auf die Begleitung“, erwiderte er flirtend.
Caro lächelte pflichtschuldig. Ihr Gehirn verarbeitete noch die Information, dass Tomann Charles offenbar das übergeben hatte, was er gestern in der Neustadt abgeholt hatte. Papiere?
Tomann merkte wohl, dass sie nicht so unbefangen war, wie sich geben wollte. Er musterte sie. „Merkwürdige Situation, oder?“, sagte er dann.
Sie sah ihn fragend an.
„Wir haben so lange so getan, als wären wir nur Kollegen, das jetzt plötzlich zu ändern, ist nicht ganz einfach.“
„Ja. Irgendwie schon. Es ist …“
Der Wirt unterbrach sie durch sein Kommen. Er stellte Caro ungefragt ein Glas Ginger Ale hin und nahm Tomanns leeres Bierglas an sich. Er reichte Caro die Speisekarte und empfahl dabei den Sauerbraten. Sie bestellte ihn. Tomann schloss sich an.
Als der Wirt weg war, schaute Tomann fragend auf Carolas Glas. „Sie sind wohl öfter hier?“
„Nein. Aber ich war …“ Sie brach ab.
„Sie waren was?“
„Mit Freunden hier, es war ein langer Abend. Wahrscheinlich hat der Wirt sich daran erinnert.“
„Blackwood?“, vermutete Tomann.
Sie nickte.
Er dachte einen Moment lang über etwas nach.
Carola beschloss, es misszuverstehen, und sagte: „Wir sind wirklich nur Freunde. Nichtmal besonders enge.“
Er nahm das Angebot an und tat erleichtert. Er kam auf das vorherige Thema zurück. „Ich gebe zu, ich war noch nie in so einer Situation. So muss sich ein Blind Date anfühlen, oder? Man weiß gar nicht recht, worüber man reden könnte.“
„Ja, wahrscheinlich. Normalerweise redet man dann davon, was man so arbeitet und was man für Hobbys hat und sowas.“
„… oder erzählt sich was aus seiner Lebensgeschichte.“
Sie lachte leise auf.
„Nicht?“
„Das ist so ziemlich die schlechteste Idee für ein Blind Date. Ich meine, wieso hat man denn eins? Weil es anders nicht geklappt hat. Nichts ist deprimierender, als dem andern irgendwas von unglücklichen Beziehungen zu erzählen, oder?“
„Sie meinen also, ich sollte nicht fragen.“
„Nach dem Vater?“ Sie lehnte sich zurück. „Ach da gibt es nicht viel zu erzählen. Eine … ein One-Night-Stand, sowas passiert. Darf ich auch was fragen?“
„Sicher.“
„Was ist mit Frau Knopfler?“
Jetzt lehnte auch er sich zurück und atmete tief durch. „Tja …“
„Das klingt nicht danach, als ob Sie sich getrennt hätten.“
„Ich sollte es, oder?“
„Ihre Entscheidung“, hörte sie sich sagen.
Er runzelte die Stirn.
„Nein im Ernst: Ihre Entscheidung. Ich käme klar damit. Solange sie nicht eines Tages vor meiner Tür steht und mir Prügel androht.“
Tomann lachte. „Na so schlimm ist sie nun auch nicht.“
„Ja, ich weiß.“
Er beugte sich vor. „Sie würden also …“
Der Wirt brachte ihm ein neues Glas Bier. Tomann dankte. Dann nahm er den Faden wieder auf: „Sie wären also auch mit einer … Affäre zufrieden?“
„Zufrieden? Nein. Aber man nimmt, was man kriegt.“ Carola hatte das Gefühl, einer Fremden zuzuhören.
Tomann grinste. Dann hob er prostend sein Bier und sagte: „Auf du! Nenn mich Peter.“
Carola hob ebenfalls ihr Glas. „Auch in der Firma?“ Das würde seine Chance erhöhen, dass die Knopfler sich von ihm trennte.
Er nickte mit großer Geste. „Auch in der Firma.“
Dann stießen sie an.

Carola wachte weit vor dem Morgengrauen auf. Peter Tomann schnarchte leise vor sich hin. Caro sah ihm ein Weilchen dabei zu. Alles hatte sich einfacher gefügt, als sie befürchtet hatte. Als er nach dem Essen den Stuhl wechselte, um neben ihr zu sitzen, hatte sie einen Moment lang Panik beschlichen. Seine Nähe, sein Duft, die Stimme – das alles hatte sie regelrecht überrollt, alles Denken ausgelöscht, jede Kontrolle ausgehebelt. Dann hatte er ihre Hand genommen und diese Berührung hatte sie wieder zurückgeholt. Sie hatten geplaudert, über belanglose Dinge, an die sie sich jetzt, da sie neben ihm lag, nicht mehr erinnerte. Nur dass es einer der wohligsten Abende war, die sie seit Langem erlebt hatte, wusste sie, wusste ihr Körper noch.
Tomann drehte sich schniefelnd zur Seite. Carola stand vorsichtig auf und tappte aus dem Schlafzimmer. Unterwegs sammelte sie ihre Sachen zusammen, zog sich an und dann verließ sie Tomanns Wohnung.

„Du warst früh schon weg“, sagte Tomann, als er am Mittag in Carolas Büro reinschaute.
„Ich konnte schlecht mit denselben Sachen wie gestern auf Arbeit gehen. Die Kollegen tuscheln sowieso schon.“
Tomann grinste. „Lass sie doch.“
„Auch, dass du wahrscheinlich …“, sie zeigte auf ihren Bauch.
Das schien ihn tatsächlich zu schockieren. Carola fand das albern. Eine Beziehung jetzt fand er völlig okay, eine vor zwei, drei Monaten wäre peinlich gewesen? Der Mann tickte schon sehr seltsam. Sie lächelte beruhigend. „Keine Panik, war ein Scherz.“
Er drohte ihr gespielt vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger. Sein Gesicht verriet, dass ihn die Sorge, als Vater von Caros Kind zu gelten, nicht wirklich losließ. Zugleich hatte Carola den Eindruck, ihm läge die Frage nach dem Vater auf der Zunge. Sie hatte nicht vor, ihm diese Frage zu beantworten – weder jetzt noch irgendwann.
Tomann wechselte das Thema. „Hast du im Moment viel zu tun?“
„Nicht sonderlich.“
Er schloss die Tür hinter sich. „Woher kennst du Blackwood?“
Sie sah ihn fragend an. „Durch einen gemeinsamen Bekannten. Warum?“
„Er ist nicht so harmlos, wie er aussieht.“
Sie gab sich erstaunt. „Aber du machst Geschäfte mit ihm.“
„Eben. Dieser Bekannte – wer ist das?“
Sie setzte ein Grinsen auf. „Schon eifersüchtig?“
Er blieb ernst. „Der Wirt in der Kneipe gestern beschrieb mir diesen Bekannten; ich will sichergehen, dass ich den richtigen im Blick habe.“
„Der Wirt … Du spionierst mir nach?“ Sie tat empört.
Er sah sie einen Moment lang grübelnd an. Dann sagte er: „Du solltest dich vor Hans Bernbauer vorsehen.“
„Warum?“
„Vertrau mir einfach. Ich kenne ihn besser als du.“
Jetzt grübelte sie einen Moment lang und sagte danach: „Nein. Tust du nicht.“
Er lächelte nachsichtig. „Caro, glaub mir, er ist …“ Er unterbrach sich.
„Er ist was? Dein Kunde? Warum ist es in Ordnung, wenn du ihm Papiere verkaufst, aber nicht, wenn ich mich mit ihm treffe?“
Sie sah ihm an, dass er sich ertappt fühlte. „Woher weißt du …“
„Ich bin nicht blind. Und ich kenne Hans und Charlie besser, als du glaubst.“
„Woher?“ Die Frage kam ohne Zögern.
„Frag du nicht, woher ich sie kenne, und ich frag dich nicht, woher du die Papiere bekommst, die du ihnen verkaufst.“
Er musterte sie. „Wer bist du?“
„Falls du das je rauskriegst, werde ich dich töten.“
Er stutzte, dann lachte er.
Sie stand auf und sah ihn wortlos an.
Das Lachen verging ihm.
Als sie sicher war, dass er den Ernst ihrer Worte begriffen hatte, nahm sie ihren Blick von ihm und setzte sich wieder. Sie spürte ihren Puls rasen. Sich ihm zu verraten, war wahrscheinlich das Dümmste, was sie seit Langem getan hatte. Er würde nachforschen. Aber wahrscheinlich hätte er das früher oder später sowieso getan. Was konnte er finden? Dass sie eine Unsterbliche war, die ihre Gabe verloren hatte? Wenn er ohnehin von der Gabe wusste, war das unerheblich. Vielleicht ging ihm auf, dass er vor Jahren ihrer Mutter und ihrem Bruder begegnet war. Etwas, was bei einer normalen Untersterblichen schlichtweg unmöglich sein müsste. Er könnte natürlich annehmen, dass sie sich einfach eine perfekte Tarnung aufgebaut hatte. Wahrscheinlich würde er es annehmen. Hoffentlich würde er es.
Und was, wenn er nichts von der Gabe wusste? Erich hatte so etwas erwähnt …
„Du bist wirklich immer für eine Überraschung gut“, sagte Tomann. Es klang fast ein bisschen respektvoll.
Caro schwieg.
„Ich wusste, dass das eine große Sache ist, mir war nur nicht klar, wie groß.“
Sie hatte nicht die Absicht, aus dem Busch zu springen, auf den er da klopfte.
„Gehörst du zu ihnen?“
„Zu wem?“
„Dem Kreis um Pater Christoffer.“
„Nein.“
„Du weißt aber, von wem ich rede?“
„Nur dem Namen nach.“
„Und was weißt du über den Kreis?“
Sie runzelte demonstrativ die Stirn. „Erwartest du im Ernst, dass ich dir erkläre, für wen du arbeitest?“
Er grinste. „So nah, wie wir uns stehen …“ Als sie nicht antwortete, fragte er: „Oder ist das auch etwas, wofür du mich töten würdest?“
„Ich? Nein. Aber ich kenne die Gepflogenheiten des … dieses Kreises nicht.“
Er musterte sie.
Sie fühlte sich außerstande, den angeschlagenen Tonfall beizubehalten. „Hör zu“, bat sie, „du hast dich auf diesen Job eingelassen, lange bevor du aus mir unerfindlichen Gründen beschlossen hast, mich … also mit mir was anzufangen. Und zwar ohne, dass du wusstest, dass ich die beiden kenne. Belass es dabei! Ich habe keine Ahnung, wie dieser Kreis tickt und was dich in Gefahr bringen könnte. Ich habe mit ihm nichts zu tun und will es auch nicht.“ Sie bemerkte, dass sie die Hand auf ihren Leib gelegt hatte. „Meine Prioritäten sind ganz andere. Was immer du tust: Lass mich da raus, okay?“
Sein Blick wurde weich. Er nickte. „In Ordnung.“


Teil 5
Intermezzo & Teil 6
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Teil 10
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Epilog
 
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