Der Codex - Teil 5

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Prolog & Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4



Peter Tomann ließ Carola da raus. Für den Rest des Tages und den nächsten Vormittag glänzte er mit Abwesenheit. Die Kollegen sahen sie fragend an, aber auch Caro konnte nur raten. Sie vermutete, dass er etwas für den Orden erledigte, aber wenn sie ehrlich zu sich war, konnte es auch genausogut sein, dass er irgendeinen guten Bekannten getroffen und mit ihm bis spät in die Nacht einen drauf gemacht hatte. Sowas lief bei ihm unter Kontaktpflege.
Als Tomann am Mittag zur ihr ins Büro kam, wirkte er wie immer: ein wenig verknittert, als hätte er zu wenig Schlaf gehabt, aber voller Elan und vor Charme sprühend. „Guten Morgen!“, sagte er gut gelaunt.
Sie runzelte die Stirn. „Halb zwölf? Guten Tag wohl eher.“ Sie merkte, dass das vorwurfsvoll geklungen hatte, und ärgerte sich darüber.
Tomann reagierte nicht auf den Tonfall. „Hast du heute Nachmittag zu tun?“
„Wenig. Warum? Hast du einen Nachfolger gefunden, den ich einweisen soll?“
Er winkte ab. „Die Anzeige kommt morgen erst raus. Nein, ich habe dummerweise eine Terminüberschneidung, es wäre schön, wenn du mich bei der Catering-Firma vertreten könntest.“
„Catering-Firma?“
„Ja.“ Er schloss die Tür hinter sich und zog einen Zettel aus der Hosentasche. Er reichte ihn ihr. „Das sind die Eckdaten. Termin und Ort habe ich mit dem Caterer schon abgestimmt, es geht eigentlich nur noch um das Essen selbst.“
Sie zog die Brauen zusammen und studierte die spärlichen Notizen. „Zwölf Leute, mehr steht nicht fest? Was ist das für ein Anlass? Gibt es Buffet, Fingerfood oder was?“
Er beugte sich etwas zu ihr und senkte die Stimme. „Es ist ein Treffen des Ratskreises.“
Sie sah ihn fragend an.
„Der Kreis um Pater Christoffer. Jaja, ich weiß“, kam er ihrem Einwand zuvor, „ich sollte dich da rauslassen. Aber ich kann da wirklich nicht hin, ich muss einen der Gäste vom Flughafen abholen. Und es geht doch nur um die Auswahl von Essen.“ Er sah sie mit einem filmreifen Dackelblick an; fehlte nur noch, dass er mit den Augen klimperte.
Caro musste sich ein Grinsen verkneifen. „Irgendwas Bestimmtes? Sind Vegetarier oder so dabei?“
„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass die aus aller Welt zusammenkommen. Ein finanzielles Limit gibt es übrigens nicht, aber das musst du dem Caterer ja nicht auf die Nase binden.“
„Wissen die über die Räumlichkeiten Bescheid? Also wie groß das Buffet sein kann und so?“
„Ja, Termin, Dauer, Lokal – alles schon geklärt.“ Er küsste sie flüchtig und verschwand wieder. Schon im Korridor rief er ihr noch ein „Danke!“ zu.
Sie atmete tief durch. Dann suchte sie im Internet nach der Adresse des Caterers. Es gab zum Glück Parkplätze in der Nähe, sie konnte also mit dem Auto fahren.
Eine halbe Stunde später war Carola vorm Büro der Catering-Firma, zwanzig Minuten zu früh. Sie blieb im Auto sitzen. ,Ratskreis‘, dachte sie. Wahrscheinlich waren das die Lenker des Ordens. Alles Unsterbliche also. Die dürften in Sachen Essen schon einiges erlebt haben, da konnte man beim Catering wohl nicht viel falsch machen. Es wäre sicher charmant, wenn man für jeden etwas aus seiner Kindheit und Jugend auftischen würde. Dazu müsste man natürlich wissen, wer da kommt und aus welcher Zeit und Weltgegend er stammte. Aber selbst wenn sie jeden einzelnen vorab treffen könnte, würde sie das nicht erfahren – der Codex verbot es, danach zu fragen. Er verbot es generell, über vergangene Leben zu sprechen. Für Caro erwies sich das als günstig, denn wenn Erich und Charlie sich über sie unterhalten würden und sie dabei feststellten, dass weder der eine noch der andere die Gabe in ihr gespürt hatte … Caro wollte sich das gar nicht vorstellen. Selbst wenn sie im Training gewesen wäre: In den sicher dicht gepackten Erinnerungen eines Unsterblichen einzelne Informationen zu blockieren, würde kein Zuckerschlecken werden. Weder für den Unsterblichen noch für sie.
Jemand klopfte an die Seitenscheibe ihres Autos. Caro schreckte auf. Es klopfte erneut. Es war Erich. Sie öffnete ihm die Beifahrertür. „Was tust du hier?“
„Das wollte ich auch grade fragen“, erwiderte Erich und setzte sich neben sie.
„Peter bat mich, das Catering zu besprechen.“
„Dich? Er hat mich doch gestern Nacht angerufen.“
„Hat er wahrscheinlich vergessen.“
„Ja.“ Er sah auf seine Uhr. „Dafür, dass du nichts mit dem Orden zu tun haben willst“, sagte er dabei, „bist du recht nah dran.“ Erst jetzt sah er sie an.
„Weil ich für euch das Essen bestelle?“ Sie lachte leise auf.
Er blieb ernst. „Das meine ich nicht.“
Sie drehte sich zu ihm. „Überwachst du mich?“
„Nein. Nicht dich.“
„Warum?“
„Warum ich dich nicht überwache?“
„Hör auf mit den Spitzfindigkeiten! Was ist dein Problem mit Peter?“
„Was ist deines?“
„Meines?“ Sie verstand wirklich nicht, was er meinte.
„Komm schon! Du hast doch nicht ohne Grund plötzlich in sein Bett gefunden.“
Carola antwortete nicht. Sie setzte sich wieder gerade hin und sah zum Büro des Caterers.
„Verstehe. Du willst nicht darüber sprechen.“
„Nein.“ Sie drehte sich erneut zu ihm. „Nein, du verstehst nicht. Ich liebe ihn. Oder begehre ihn zumindest“, korrigierte sie sich zu ihrer eigenen Überraschung. „Er ist auf mich zugekommen und ich brachte es nicht fertig, ihn abzuweisen. Aber selbst wenn ich es gekonnt hätte, ich hätte es nicht gewollt. Er ist …“ Sie suchte nach einem Wort, das liebenswerter als nur charmant klang.
Erichs Gesicht spiegelte überdeutlich seine Skepsis.
„Ich weiß, wir passen nicht zusammen …“
„Oh nein! Garantiert nicht!“, betonte er.
„… aber das heißt nicht, dass ich nur aus irgendwelchen geheimniskrämerischen Gründen mit ihm zusammensein könnte. Und überhaupt!“ Sie tat empört. „Wie willst du denn wissen, ob wir zusammenpassen?“
„Ich kenne dich“, erinnerte er. „Und ich habe ihn ein wenig kennengelernt. Er wirkt harmlos, ist es aber nicht. Auf eine beunruhigende Weise.“
Sie runzelte die Stirn.
„Doch“, antwortete er auf die unausgesprochene Frage. „Du bist auch nicht so harmlos, wie du dich gibst.“
Sie grinste schief. „Und bei mir beruhigt dich das?“
Er nickte. „Dir kann ich vertrauen.“
„Ihm nicht?“
„Vielleicht. Aber ich tu es nicht.“
„Erich?“
„Ja?“
„Du sprichst in Rätseln.“
Er atmete tief durch und sagte: „Ich weiß.“
Sie konnte hören, dass er nicht genauer werden wollte, und versuchte, das Thema zu ändern. „Und deshalb beschattest du ihn. Also nicht wegen der Rätsel, sondern weil du beunruhigt bist.“
Er nickte.
„Was genau fürchtest du?“
„Das eben weiß ich nicht. Auf den ersten Blick scheint es, dass Tomann aus alter Verbundenheit Pater Christoffer ab und an einen Gefallen tut. Ich bezweifle jedoch, dass er das in Christoffers Sinne tut. Dennoch hält dieser an ihm fest, holt ihn näher und näher in den Umkreis des Ordens.“
„Im Gegensatz zu dir vertraut er ihm offenbar.“
„Nicht genug, um ihn in Gänze einzuweihen. Mir ist nicht klar, was der Pater sich von ihm erhofft.“
„Frag ihn doch!“
„Hab ich. Er hat nur gelächelt.“
„Gelächelt“, echote sie.
„Ja. Auf diese Du-wirst-schon-sehen-Weise, die die anderen so gern als Hinweis dafür nehmen, dass er einer göttlichen Eingebung folgt.“ Er atmete tief durch. „Er selbst glaubt es wohl auch. Normalerweise lag er immer richtig, aber diesmal … Das einzig Gute bis jetzt bis du.“
Sie antwortete nicht. Der Gedanke, dass Christoffer tatsächlich einer göttlichen Eingebung folgen könnte, gruselte sie. Einem Reflex folgend legte sie die Hand auf ihren Leib.
Beim Büro des Cateres ging die Tür auf und eine geradezu dürre junge Frau stellte ein großes Schild auf den Gehweg. Die Worte „Weisse Wiesnʼ Würstle“ waren mit roter Kreide untereinander geschrieben worden, die Ws waren betont. Caro fühlte erneut ein Gruseln, diesmal weckte es allerdings das Bedürfnis, mit einem nassen Schwamm die Tafel gründlich zu säubern. Sie öffnete die Autotür und stieg aus. Erich folgte ihr. Gemeinsam gingen sie ins Büro, um für zwölf Unsterbliche ein Buffet zusammenzustellen.

Am Nachmittag rief Tomann an und entschuldigte sich. Er müsse sich noch um ein paar Gäste kümmern und könne am Abend nicht kommen. Caro erinnerte sich zwar nicht, dass sie einen gemeinsamen Abend verabredet hatten, aber sie tat so, als sei sie ein wenig enttäuscht. Immerhin kannte sie ihn seit nahezu zehn Jahren, sich zu verabreden, obwohl er eigentlich schon einen anderen Termin hatte, war nicht ungewöhnlich für ihn. Ihm frühzeitig ein schlechtes Gewissen deswegen zu machen, erschien ihr eine gute Idee. Nicht, dass sie glaubte, es würde tatsächlich funktionieren.
Als Caro am Abend vor dem Fernseher saß und bemerkte, dass sie nicht wusste, worüber die Kriminalisten da eigentliche redeten, wurde ihr klar, dass sie tatsächlich enttäuscht war. Er hätte es für wichtiger halten sollen, Zeit mir ihr zu verbringen. Selbst wenn es nur zum Schein gewesen wäre. War er sich ihrer bereits so sicher? Natürlich war er das. Und, so musste sie zugeben, durchaus zu Recht. Ihr gefiel der Gedanke nicht. Um ihn abzuschütteln, beschloss sie, ein wenig spazieren zu gehen.
Sie fand sich in der Kneipe in der Innenstadt wieder. Sie sah Erich sofort und ging zu ihm. Als sie sich setzte, war auch schon der Wirt mit dem Ginger Ale da. Erich bestellte einen Rotwein.
Caro lächelte.
„Was?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ach nichts. Ich habe mich nur gerade an unsere erste Begegnung erinnert.“
Jetzt lächelte er auch.
Caro fragte sich, wie ernst Erich den Codex nahm. Ob sie mit ihm über die gemeinsam erlebten Jahre reden konnte? Es hätte ihr im Moment gut getan. So schwer die Zeit auch gewesen war, das unbedingte Vertrauen, das sie zueinander hatten – haben mussten – war etwas, was sie vermisste. Einen Moment lang wünschte sie sich Vic her, er war der erste Mensch gewesen, dem sie die Sache mit den Zeitlöchern anvertraut hatte. Sie wechselte in Gedanken das Thema und bat Erich: „Erzähl mir was über deine Familie!“
Erich lehnte sich zurück und sah dem Wirt zu, der ihm den bestellten Wein brachte. Dann, als der Wirt außer Hörweite war, nahm er einen langen Schluck aus dem Glas.
„So kompliziert?“
„Nein.“ Er beugte sich etwas vor und begann, das Glas in der Hand zu drehen. „Ich überlege nur, was ich erzählen könnte.“
„Du tust das wohl nicht oft?“
„Nein. Wirklich nicht.“ Er machte eine kleine Pause. „Also gut. Ich habe einen dreijährigen Sohn namens Janik. Seine Mutter heißt Ines. Aber das weißt du ja schon.“
„Ja, du erwähntest es. Wie ist sie so?“
„Ines? Hochbegabt.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Sie hat mit zwölf ihr Abitur gemacht und dann studiert. Biologie zuerst, dann alles mögliche.“
„Wow!“
Er lächelte. „Ja. Sie ist unglaublich. Sie ist die jüngste Professorin Deutschlands. Mindestens.“
„Was unterrichtet sie?“
„Terraforming.“
„Terra…?“
„Ja. Da geht es darum, wie man …“
„Ich weiß, was Terraforming ist“, unterbrach sie ihn. „Ich meine, ich … Ich wusste nicht, dass es in Deutschland als Fach gelehrt wird.“
Er nickte. „Die Uni hat diesen Lehrstuhl extra für Ines eingerichtet. “
In Caro keimte ein Gedanke. „Du sagtest, ihr seid nicht verheiratet.“
„Nein. Warum?“
„Sie heißt also nicht Bernbauer?“
„Nein. Johnson.“
„… Johnson.“
Er nickte.
„Wow.“ Ines Johnson würde in der Zukunft als Mutter des Terraforming gelten. Das stimmte zwar so nicht, aber ihre Arbeiten waren grundlegend für das Fach. ,Würden es sein‘, korrigierte sich Caro.
„Wow?“ Er hob die Brauen. „Johnson ist nicht gerade ein seltener Name.“
„In Deutschland schon.“
„Ihre Mutter war Amerikanerin“, erklärte er.
„Okay. Dort ist es ein häufiger Name. – Wieso war?“
„Sie starb vor Ines‘ Geburt.“
Jetzt hob sie die Brauen. „Vor?“
„Sie wurde erschossen, als sie mit Ines hochschwanger war.“
Caro fühlte, wie sie innerlich erstarrte.
„Ein unglaublicher Zufall wollte es, dass ein Rettungswagen buchstäblich um die Ecke stand. Die Sanitäter hörten den Schuss und kamen sofort. Für Johanna kam die Hilfe zu spät, aber immerhin konnte man das Baby retten.“
Sie versuchte zu lächeln.
Er schien nicht zu bemerken, dass es in ihr brodelte. Stattdessen versank er in eigenen Gedanken.
Carola rang den Aufruhr in sich nieder. „Redet ihr miteinander?“, fragte sie.
Er sah sie irritiert an.
„Ich meine … über … nun ja …“ Sie machte eine unbestimmte Geste.
Er verstand nicht. Oder er tat nur so. „Ihre Mutter?“
„Die Gabe. Weiß sie davon?“
Er zögerte. Dann schüttelte er den Kopf.
Caro wusste, dass er log. Nach so langer Zeit kannte sie ihn noch immer gut genug dafür. Aber sie spielte mit. „Vielleicht solltest du es ihr erzählen.“
„Warum?“ Die Frage war zu schnell gekommen. „Es würde den Codex verletzen.“
„Weil man manchmal jemanden braucht, mit dem man offen reden kann.“
Sein Blick sprach Bände. Bände darüber, dass sie recht hatte, und darüber, dass es so einfach nicht war. Nur, dass er sich irrte. Es war einfach. Nur noch ein paar Jahrzehnte …
Erich trank sein Glas aus und winkte dem Wirt.
„Vertraust du ihr?“
„Ja.“
„Auch, dass sie es geheim halten würde?“
„Darum geht es doch nicht, Anna. Nicht nur. Ich weiß nicht, wie alt du bist, aber ich gehe jede Wette ein, dass es Dinge gibt, die du am liebsten nicht mal selbst von dir wüsstest.“
Sie war versucht, nein zu sagen, schwieg aber. So krass hätte sie es nicht formuliert, aber sie wusste, worauf Erich hinaus wollte. Und es ging dabei nicht nur um Dinge, die man getan hatte, sondern auch um welche, die man erlitten hatte. Schlimme Dinge. „Trotzdem“, sagte sie dennoch. „Es geht nicht darum, es jemandem zu erzählen, sondern jemanden zu haben, von dem man sich vorstellen könnte, es zu erzählen. Bei dem man nicht bei jedem Satz aufpassen muss, sich nicht zu verplappern.“
Er lächelte matt. Sehr matt. Gerade genug, um sehen zu lassen, dass er sie verstanden hatte. Und dass er ihr nicht zustimmte.
Caro versuchte, das Thema zu wechseln. „Warum lässt …“
Der Wirt trat an den Tisch und stellte Erich ein frisches Glas Rotwein hin. „Ein Snack?“, fragte er dabei, ohne sich konkret an einen von ihnen zu wenden. Dann sagte er in Carolas Richtung: „Meine Frau hat ihre berühmten Dips gemacht. Brotsticks dazu oder Gemüse?“
„Eigentlich keine schlechte Idee. Ich würde Gemüsesticks nehmen.“
„Auch Knoblauchsoße?“
„Warum nicht, es ist ja Wochenende.“
„Und der Herr?“, wandte er sich an Erich.
„Für mich auch. Aber Brot.“
Der Wirt nickte bestätigend und ging.
„Warum lässt der Orden eigentlich Peter die Sache mit den Papieren regeln?“, nahm Carola den Faden wieder auf.
„Warum nicht?“
„Naja … Ihr habt doch schon lange vor ihm das Problem mit den …“, sie sah sich kurz um, beugte sich etwas vor und senkte die Stimme, „… Identitäten gelöst. Ich denke, jeder von euch hat passende Kontakte.“
„… die recht merkwürdig gucken, wenn man nach dreißig oder vierzig Jahren erneut auftaucht, ohne sich geändert zu haben.“
Sie grinste. „Verstehe.“
Erich ging nicht darauf ein.
Der Wirt kam und stellte ein Tablett auf den Tisch, das rappelvoll von Schälchen und anderen Gefäßen war. Offenbar hatte er den „Snack“ bereits vorbereitet gehabt.
Als er verschwunden war, lehnte sich Carola zurück. „Weißt du, wohin Charlie gehen wird?“
„Blackwood? Wohin sollte er gehen?“
„Es hat neue Papiere gekauft.“
„Für einen Neuling in Los Angeles.“
„Oh. Aha. Er … betreut ihn wohl.“
„Sozusagen.“ Erich nahm eine der Brotstangen und tunkte sie in eine giftgrüne Soße. „Wir versuchen, Neulingen den Übergang so glatt wie möglich zu gestalten. Schon damit sie sich nicht verraten.“ Er biss ab. Offenbar war die Soße sehr scharf, denn ihm schossen Tränen in die Augen und er nahm hastig einen großen Schluck von seinem Wein. Als er wieder sprechen konnte, sagte er: „Meerrettich. Mindestens.“
„Der Farbe nach wohl eher Wasabi.“
„Oder das.“ Für den nächsten Bissen wählte er die Salsa. „Diesmal wird es einfacher. Der Neue war Polizist und hat viel undercover gearbeitet. Er ist Rollenwechsel also gewöhnt.“
Carola fragte sich, ob die den Mann kannte. Wohl kaum, entschied sie. Erstens war LA groß und zweitens war es lange her. Dann fragte sie sich, warum Erich ihr das erzählte. Bei allem Vertrauen: Sie gehörte nicht dazu. Nicht mehr aus seiner Sicht, aber das erklärte nicht, warum er sie in solche Interna einweihte. War es ein erneuter Versuch, sie in den Orden zu holen? Caro nahm einen Möhrenstick und dippte ihn in eine weiße Soße, die von Kräutern durchsetzt war. Sie kostete. „Lecker. Echt.“ Sie knabberte weiter.
„Christoffer hofft, mit seiner Hilfe die Queen zu finden.“
Carola verschluckte sich und hustete. Als wieder Luft hatte, fragte sie: „Die britische Königin?“
Er lächelte matt. „Die Schneekönigin von LA.“
Etwas zu schnell fragte sie: „Wozu?“
Er hatte es bemerkt. Er musterte Caro.
Sie schwieg. Anscheinend begriff Erich, dass sie die Queen gewesen war. Sie sah keinen Grund, ihm zu widersprechen. Oder ihm offen zuzustimmen. Sag nichts, frag nichts – der Codex half ihr, nicht daran erinnert zu werden, was sie damals getan hatte. Und was sie deswegen verloren hatte.
Erich lehnte sich zurück, streckte sich ein wenig und sah sich um. Warum immer er auf die Queen zu sprechen gekommen war, es schien plötzlich nichtig zu sein. Caro war es recht. Sie nahm einen Kohlrabistick und testete sich durch die Dipps. Auch den mit Wasabi. Und obwohl sie vorgewarnt war, schossen auch ihr die Tränen in die Augen. Erich grinste.


Intermezzo & Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11

Epilog
 
Zuletzt bearbeitet:

Oben Unten