Der Codex - Teil 7

jon

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Teil 4
Teil 5
Intermezzo & Teil 6



Der Montag war grau und neblig. Carola empfand das als das reinste Klischee, so, als wollte ein mäßig guter Autor die Stimmung seines Protagonisten durch das Wetter ausdrücken. Aber sie musste zugeben, dass es eine äußerst passende Illustration war, denn sie fühlte sich zum Verkriechen schlecht. Die Schwangerschaftsbeschwerden stellten dabei nur einen Teil des Problems dar, viel gewichtiger waren die zunehmend undurchsichtigen Verhältnisse, in die Caro sich immer tiefer hineinmanövriert fand. Sie wünschte sich zurück nach LA, zurück zu Vic, mit dem sie solche Sachen wie die hier hätte besprechen können. 1988 hatte sie ihn zum letzten Mal getroffen, im April 1989 – drei Tage vor Johannas Tod – zum letzten Mal mit ihm telefoniert. Es gab wenige Jahreszahlen, die sie sich merken konnte, die vom Verlust Vics gehörten dazu.
Halb zwölf rief Tomann an und bat sie, in einer Stunde in der Stadt zu sein. Er nannte ihr ein Hotel, das eine vage Erinnerung in ihr weckte. Als sie dort ankam, wusste sie auch, woher sie es kannte: Hier hatte sie mit Tom geschlafen. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen und zu gehen. Die Vorstellung davon, wie sie das Tomann erklären müsste, hielt sie davon ab. Wahrscheinlich hatte er ein tolles Essen hier im Restaurant bestellt oder einen Wellness-Nachmittag arrangiert. Er gab gerne ein wenig mit seiner Weltläufigkeit an.
Tomann erwartete sie schon in der Lobby. Das war ungewöhnlich, in der Regel kam er auf den letzten Drücker oder – häufiger – zu spät. Diesmal eilte er ihr entgegen, über das ganze Gesicht strahlend. Carola wurde etwas flau im Magen: Das sah nach weit mehr als nach einen stilvollen Essen oder einem Wellness-Nachmittag aus.
Er umarmte sie. „Schön, dass das klappt. Wie geht es dir?“
„Gut.“
Er strahlte sie an. „Bis du bereit?“
„Wofür?“, fragte sie und merkte, dass seine Vorfreude auf sie überschwappte.
„Deinem Star zu begegnen.“
„Meinem …“ Sie verstand nicht. „Was für ein Star?“
„Ich weiß, dass du ein Fan bist, also dachte ich, wenn er schon mal für eine Pressesache in der Stadt ist …“
,Tom?‘, dachte Caro. ,Nein, seine Werbetour hatte im Juli hier Station gemacht.‘
„Thomas Bern!“, sagte Tomann und strahlte sie erwartungsvoll an. „Ich habe uns ein Viertelstündchen seiner Zeit reservieren können und …“ Endlich fiel ihm auf, dass Caro sich mitnichten freute. „Was ist?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Was nein?“
„Peter, ich … Ich kann das nicht.“
„Was? Ihn treffen?“ Tomann lächelte ihr aufmunternd zu. „Ich glaube nicht, dass er beißt.“
Sie versuchte, ebenfalls zu lächeln. Vielleicht hatte Tomann recht, vielleicht würde es gar nicht so schlimm. Vielleicht erinnerte sich Tom nicht mal an sie. Noch während Caro das dachte, wurde ihr bewusst, dass Thomas Bern nicht in dem Ruf stand, bei all seinen Bettgeschichten den Überblick zu verlieren.
Tomann sah auf seine Uhr. „Er müsste gleich da sein. Ich habe ein Separee reservieren lassen, damit wir nicht so auf dem Präsentierteller sitzen.“
„Du bist dabei?“, entfuhr es ihr.
Er überhörte es offenbar, denn er begann, sie zum Restaurant zu lotsen. Während sie durch den Gastraum gingen, kämpfte Caro mit dem Verlangen, einfach wegzurennen. Auch das bemerkte Tomann nicht.
Dann traten sie in das Zimmerchen. Es wirkte gemütlich, aber nicht wie befürchtet anrüchig-kuschlig. Wie für Geschäftsessen, die man nicht in der Öffentlichkeit abhalten wollte. Und Tom war bereits da. Er stand auf, als Caro und Tomann eintraten, und kam einen Schritt auf sie zu, so als sei er der Gastgeber. Er war gut gelaunt, das war sofort zu erkennen. Er nickte Tomann grüßend zu und reichte Caro die Hand.
Und da erkannte er sie. Sein Lächeln vertiefte sich augenblicklich, Caros Herz setzen einen Schlag lang aus.
„Wir freuen uns sehr, dass Sie Zeit für uns haben“, sagte Tomann. „Carola ist wahrscheinlich Ihr größter Fan, ich musste ihr sogar mal Urlaub geben, damit sie auf eines Ihrer Konzerte konnte.“
Tom reagierte kaum auf diese Übertreibung. Er sah Caro an und sagte schmunzelnd: „Siehst du, ich brauche deine Telefonnummer gar nicht, um dich wiederzusehen.“
„Offenbar nicht.“ Sie fühlte, wie sein Lächeln sie wärmte. Davon wollte sie mehr. „Glückwunsch zu Platz eins übrigens. Ich habe es heute im Internet gelesen. Nicht, dass das nicht zu erwarten gewesen wäre.“ Sie drehte sich zu Tomann. „Toms Alben landen alle auf Platz eins, sobald sie rauskommen.“
Tomann nickte. Er wirkte ein wenig irritiert. „Ich wusste nicht, dass ihr euch schon kennt.“
„Ja, ganz gut sogar“, antwortete Tom und komplimentierte Caro in einen der Sessel. Er setzte sich neben sie.
Wie aufs Stichwort tauchte ein Kellner auf und platzierte Gläser und eine Auswahl an Getränken auf dem Tisch. Als er gegangen war, setzte sich auch Tomann.
„Wie geht es dir?“, fragte Tom und nahm Caros Hand.
Sie spürte die Berührung tief in ihrem Leib. „Gut.“ Sie betete, dass er nicht sehen konnte, dass sie mit den Tränen rang. Um davon abzulenken, sagte sie: „Ich wundere mich, dass du nach so einer PR-Tour noch Nerven für ein Fantreffen hast.“
„Dein Chef war recht hartnäckig.“
„War er das?“ Sie sah kurz zu ihm hinüber. Er wirkte verloren, fast ein wenig verstört. Aber darum konnte sie sich jetzt nicht kümmern. Tom war da. „Wie kommt es, dass du bei einer Runde zweimal in der gleichen Stadt bist?“
„Ein Termin hat sich verschoben, ich bin eher zufällig hier.“
„Zufällig?“
„Um ehrlich zu sein, ich hatte schon ein wenig gehofft, dich zu treffen.“ Er grinste breit. „Ganz zufällig natürlich.“
Caro schwieg. Das Ganze lief in die falsche Richtung. Sie entzog Tom ihre Hand und wich seinem Blick aus, indem sie zu Tomann schaute. „Dann solltest du dich wohl bei ihm bedanken.“
Toms Lächeln kühlte schlagartig ab. „Ja, das sollte ich wohl. Du musst eine Spitzenkraft sein, wenn dein Chef sich so für dich ins Zeug legt.“
„Auch“, erwiderte Tomann und stand auf. „Entschuldigen Sie, ich muss noch ein wichtiges Telefonat erledigen. Caro?“, sagte er, sich leicht zu ihr herab beugend, als wollte er ihr einen Kuss geben. „Wir sehen uns ja heute Abend. Wir haben was zu bereden, denke ich.“ Dabei warf er einen schnellen Blick auf ihren Bauch. Dann ging er.
Tom sah ihm einen Moment lang nach. „Heute Abend?“, fragte er dann.
Caro hob entschuldigend die Schultern.
„Seit wann seid ihr schon zusammen?“
„Ein paar Tage.“
Tom lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Strahlen war erloschen. Er wirkte plötzlich alt. Enttäuscht.
„Echt jetzt?“, entfuhr es ihr.
„Was?“
„Du bist echt sauer, weil ich mit einem anderen zusammen bin?“ Sie hatte das Gefühl, lachen zu sollen, dabei hätte sie am liebsten geweint.
Er atmete tief durch und versuchte, zu lächeln. „Du hast recht. Das ist dumm von mir.“
„Oh ja! Du bist hier der mit Frau und Familie.“
„Ich sagte ja schon, es war dumm von mir.“
Eine Weile saßen sie einfach so da, jeder ein Glas Wasser in der Hand, an dem sie nippten. Dann sagte er: „Ich habe oft an dich gedacht.“
,Ich auch‘, war sie versucht zu antworten, tat es aber nicht.
„An unser Gespräch. Du weißt schon, über Johanna.“
Caro wusste nicht, ob sie erleichtert oder alarmiert sein sollte.
„Manchmal träume ich von Jo. Dann hat sie dein Gesicht.“
Das war definitiv ein Alarmzeichen. Sie musste das stoppen. Dringend! „Hör zu, Tom. Es ist … es ist schon ein bisschen schmeichelhaft, dass du mir so … persönliche Sachen anvertraust, aber … Ich bin nur ein Fan.“ Sie versuchte, es so ehrlich wie möglich klingen zu lassen.
Entweder gelang ihr das nicht oder er verstand nicht, was sie damit sagen wollte. Denn er lächelte und erwiderte: „Nach dieser Nacht wohl kaum.“
„Gut, ich bin ein verliebter Fan“, räumte sie ein, „und wenn du Sex von mir willst, bin ich kaum charakterstark genug, dir das abzuschlagen. Aber ich bin nicht deine Lösung in Sachen Jo.“
Er grinste. „Du meinst, wenn ich dich um diese Nacht bitten würde, würde dein Chef heute Abend vergeblich auf dich warten?“
„Was?“
„Du hast gesagt …“
„Verdammt, Thomas! Darum geht es doch gar nicht!“
„Mir schon.“
Sie antwortete nicht. Aufschießende Tränen raubten ihr die Stimme.
Toms Grinsen wurde weicher, sein Blick bat um Entschuldigung. Er beugte sich zu ihr, nahm erneut ihre Hand. „Ich wollte dich nicht verletzen. Du gehst mir nur einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ist das so schlimm?“
Sie nickte. Bis jetzt hatte sie noch gedacht, gehofft, sie könnte ihn einfach so über das Baby in Kenntnis setzen. Das war jetzt unmöglich geworden. Ein Kind würde eine Verbindung schaffen, die er nicht verkraften würde. Der Gedanke fühlte sich unendlich falsch und zugleich wie die einzig richtige Entscheidung an. Wiedermal. Nur dass die Lage jetzt eine andere war: Sie wusste nicht, was kommen würde. Sowas wie das hier konnte seine Karriere nicht mehr zunichtemachen. Seine Ehe schon. Andererseits hatte er die bereits aufs Spiel gesetzt, als er mit Caro geschlafen hatte.
Sie stand auf.
Tom, der noch immer ihre Hand hielt, erhob sich ebenfalls. „Er wartet sicher.“
„Ja. Wahrscheinlich.“ Sie begann, in ihrer Tasche nach Schreibzeug zu suchen. Ein kleiner Block ließ sich finden.
Als sie ihn rausnahm, reichte Tom ihr einen Stift. „Krieg ich deine Nummer also doch noch.“
Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Und während sie schrieb, sagte sie: „Falls du mal wissen willst, wie es deinem Kind geht.“

Der Abend mit Tomann wurde sehr kurz. Genau genommen beschränkte er sich auf die Heimfahrt vom Hotel zu ihrer Wohnung, während der er fragte: „Es ist seins, oder?“ und sie nickte. Mehr Worte fielen nicht zwischen ihnen. Und seltsamerweise fühlte sich das für Caro genau richtig an.


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Epilog
 
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