Der Codex - Teil 8

jon

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Teil 7




Am nächsten Tag war Peter Tomann nichts anzumerken. Er war für seine Verhältnisse früh in der Firma erschienen, besprach mit Törmchen einen neuen Auftrag, telefonierte mit seinem Steuerbüro und verschwand dann, ohne jemandem zu sagen, wohin und für wie lange. Kurz vor Feierabend tauchte er wieder auf. Als Carola ging, werkelte er in seinem Büro am Drucker herum.
Eine Stunde später stand er vor Carolas Tür und streckte ihr eine Sektflasche entgegen. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Caro ließ ihn eintreten. „Du weißt schon noch, dass ich schwanger bin.“
„Alkoholfrei“, erklärte er und stellte die Flasche auf den Couchtisch. Dann zog er die Jacke aus und warf sie über den Schreibtischstuhl. Caro nahm sie und trug sie in die Garderobe. „Was gibt es denn zu feiern?“ Drinnen hörte sie Gläser klingen.
Als sie zurückkam, öffnete Tormann gerade die Flasche. Er goss ein, nahm die Gläser, reichte eines an Caro und sagte: „Ich habe mich von Olivia getrennt.“
„Aha.“
Sein Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen Enttäuschung und Belustigung. „Aha? Ist das alles?“
„Es kommt etwas überraschend. Nach gestern zumal.“
Er kam näher. „Eben wegen gestern. Nach dem ersten Schock ist mir aufgefallen, dass es mir egal ist, wer der Vater ist. Maier, Schulze oder eben Bern – das sind nur Namen. Es sei denn, du hast vor, mit ihm dort anzuknüpfen, wo ihr aufgehört habt.“ Bei diesen Worten verlor er ein wenig an Glanz und Sorge schlich sich in seinen Blick.
Caro unterdrückte ein Lächeln. „Das habe nicht vor.“
„Gut!“ Er schien wirklich erleichtert zu sein. Er hob ihr sein Glas entgegen. „Nach dem, was da ablief, war ich nicht sicher.“
„Nachdem er das von dem Baby erfahren hatte, war ich sicher“, log sie.
„Wie das?“
„Er war so entsetzt, dass es plötzlich mehr als ein unverbindliches Abenteuer sein könnte, dass seine Ausstrahlung sofort verblasste.“ Das war zumindest nicht ganz gelogen.
„Ich weiß nicht, ob mich das tatsächlichen beruhigen sollte, aber ich bin ein unverbesserlicher Optimist.“ Er stieß mit ihr an. „Auf uns?“
Sie wiederholte das Anstoßen. „Auf uns!“
Sie tranken. Dann setzten sie sich: Er auf die Couch, sie auf den Schreibtischstuhl, den sie an den Tisch gerückt hatte. Sie sahen einander an und nippten am Sekt.
„Ich hätte nicht gedacht, dass … dass das hier jemals passieren könnte“, sagte Caro.
„Ich auch nicht. Nicht, dass das Leben mit Olivia unerträglich gewesen wäre, aber … Nunja. Wahrscheinlich hat mir Pater Christoffer einen größeren Dienst erwiesen, als er mich um den ersten Gefallen bat, als ich ihm von Nutzen war.“ Sein Lächeln vertiefte sich. „Es fühlt sich wie ein großes Abenteuer an. Der Orden, du …“
Sie setzte ebenfalls ein Lächeln auf. „Es könnte auch das größte Desaster werden, das du je erlebt hast.“
„Ist das nicht der Reiz an einem Abenteuer? Dass man den Ausgang nicht kennt?“
„Ich steh nicht auf Abenteuer“, bremste sie ihn. „Zu gefährlich.“
„Und da gibst du dich mit Hans Bernbauer ab?“
Caro stellte das Sektglas hart auf den Tisch. „Nicht das schon wieder. Wir sind Freunde, ob es dir gefällf oder nicht. Nichts wird das ändern.“ Dazu haben wir zu viel miteinander durchgemacht, hätte sie beinahe ergänzt, verkniff es sich aber.
„Ach so? Na gut!“ Er schob sein Glas ein Stück beseite. „Meine Möglichkeiten sind zwar etwas begrenzt, aber ich habe mich mal umgesehen. Der Name Bernbauer ist häufiger, als ich dachte, aber es gibt ein paar interessante Fälle, in denen Bernbauers sich einfach in Luft aufgelöst zu haben scheinen.“ Er kramte einen Zettel hervor und legte ihn vor Caro auf den Tisch. „Hier: 1805 wird angeblich ein Friedrich Ernst Bernbauer in Köln geboren, der dort aber weder zur Schule gegangen zu sein scheint noch dort gewohnt hat. Erst 1837 taucht er in Hameln auf, als er dort einen Droschkendienst – wohl sowas wie ein Taxiunternehmen – gründet. Um 1860 geht die Firma pleite und F. E. Löst sich in Luft auf. Dann 1918 Anna Bernbauer. Angeblich eine Enkelin des besagten Friedrich Ernst: In einem Nest in Schlesien geboren, taucht ihr Name erst 1938 in einer Mieterliste in Hamburg wieder auf. In den 1940ern lebt sie in Dresden, bekommt dort 1943 eine Tochter. Elisabeth …“
Caro unterbrach ihn. „Was um Himmels willen machst du da?“
Er sah sie überrascht an.
„Ich meine es ernst: Was machst du da? Weiß Pater Christoffer, dass du Hans nachspionierst?“
„Um ihn geht es nicht“, antwortete er. „Ich weiß ja, dass du große Stücke auf deinen Hans hältst, aber er hat Dreck am Stecken. Jede Menge Dreck, wie es aussieht.“
„Peter! Das da“, sie deutete auf den Zettel, „hast du nicht erst rausgefunden, seit du weißt, dass Hans und ich uns kennen.“
Er atmete durch. „Stimmt. Ich habe mit der Recherche schon vor drei Jahren angefangen. Ich dachte, ein Kerl, der eine Elfjährigen schwängert, hat sich schon …“
„Eine was?“
„Elfjährige.“ Tormann lehnte sich zurück. „Hat dir der feine Herr das nicht gesagt? Natürlich hat er das nicht. Was hat er denn erzählt, wie alt Ines ist?“
Er hatte nichts gesagt, aber Caro hätte es wissen müssen. Ihr hätte es auffallen müssen. Sie hätte nachrechnen müssen.
„Ist er immer noch einer der Guten?“
„Sie ist hochbegabt“, versuchte Caro zu erklären.
Tomann sah sie fragend an. „Wofür ist das relevant?“
„Ich weiß nicht“, gab sie zu. „Vielleicht war sie auch frühreif.“
„So frühreif?“
„Oder er wusste es nicht.“
„Oder …? Caro!“ Er rückte an die Kante der Couch und beugte sich beschwörend zu Caro. „Er ist schlicht ein Dreckskerl, egal, wie sauber seine Fassade ist. Und ich wette, dass Hans Bernbauer nichtmal sein richtiger Name ist, denn interessanterweise gibt es zwar eine Geburtsurkunde für ihn, aber ebenfalls kein Schulunterlagen oder dergleichen. Wenn du mich fragst, ist diese ganze Bernbauer-Dynastie nur eine Kette von falschen Identitäten. Das fängt spätestens bei Friedrich Ernst an, reicht über diese Anna …“
„Peter!“
„Was?“
„Du spielst mit deinem Leben, ist dir das bewusst?“
„Ja, dem traue ich zu, dass er alles macht, um seine dreckige Vergangenheit zu schützen. Aber darum geht es längst nicht mehr. Das hier“, er tippte auf den Zettel, „hat System. Das tauchen regelmäßig Leute auf und wieder unter!“
Sie versuchte abzuwiegeln. „Und wenn schon. Das ist es nicht wert, sein Leben zu riskieren.“
„Nimm diese Elisabeth: Es gibt von ihr nur eine Geburtsurkunde und sonst nichts, dafür lässt 1966 eine gewisse Danuta Król Anna Bernbauer für tot erklären. Und jetzt kommts: Danuta Król ist die Halbschwester von Miroslaw Król väterlicherseits und dieser wiederum sah in jungen Jahren aus wie der Zwillingsbruder des heutigen Hans Bernbauer.“
Caro rang um Fassung. „Halbschwester?“ Das erklärte natürlich einiges.
Tomann sah sie fragend an. „Das ist es, was dich daran interessiert? Tatsächlich?“
„Ich bin Król-Fan“, erwiderte sie so lapidar wie möglich. „Er war der erste Schauspieler, für den ich als Kind geschwärmt habe.“
„Was ist mit all den falschen Identitäten?“
Sie tat erstaunt. „Du, ausgerechnet du wunderst dich über falsche Identitäten? Du verkaufst gefälschte Papiere, Peter!“
„Ich vermittle nur.“
„Und das ist warum ein wesentlicher Unterschied? Was denkst du denn, warum diese Leute Papiere brauchen? Weil sie die Abwechslung lieben? Oder das Risiko?“ Jetzt rückte auch sie an den Rand der Sitzfläche und beugte sich vor. „Peter! Bevor du dich in Teufels Küche bringst, solltest du mit Pater Christoffer reden. Er hat dich in diesen Kreis reingebracht, er soll dir erklären, was Fakt ist. Oder welche Grenze du nicht überschreiten solltest.“
Tormann lehnte sich wieder zurück und starrte Caro an.
„Was?“
„Du wusstest das alles schon“, stellte er fest.
Sie hielt es nicht für nötig, das Offensichtliche zu bestätigen.
„Seit wann kennst du ihn eigentlich?“
„Jetzt spielst du definitiv mit einem Leben. Sprich mit Christoffer! Ich meine das ernst.“
„Was kann er mir erzählen, was du mir nicht erzählen kannst?“
„Wie weit der Ratskreis bereit ist, dich einzuweihen, zum Beispiel.“
„Sag du es mir.“
„Ich gehöre nicht dazu, ich weiß es nicht. Sprich mit Christoffer! Oder traust du auch ihm nicht?“
Er zögerte.
„Was? Ich dachte, ihm zu liebe bis du überhaupt erst in die Sache eingestiegen. Er ist dein Beichtvater, oder?“
„War er, ehe ich nach Dresden gezogen bin. Ich vertraue ihm schon, nur … Ich vertraue vor allem seinen Ambitionen und Absichten. Das heißt nicht, dass ich nicht neugierig hinsichtlich seiner Methoden sein könnte. Und seit ich mit Bernbauer zu tun bekommen habe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob Pater Christoffer nicht gelegentlich etwas zu … gutmütig, um nicht zu sagen blauäugig ist.“
„Hast du dem Pater mal nachgeforscht?“
„Natürlich nicht!“
„Weil du zwar seinen Ambitionen aber nicht seinen Methoden traust?“
„Weil …“ Er stutzte. „Was willst du mir sagen? Was weißt du über ihn?“
„Wissen? Extrem wenig. Hans erwähnte, dass Christoffer wohl mal …“, sie suchte nach einer passenden Formulierung, „… eine spezielle Begegnung gehabt hat. Und ich wette, dass du auch für seine Person auf eine falsche Identität stoßen dürftest.“
Er starrte sie an.
„Vielleicht ist sie auch so gut gemacht, dass du es nicht merkst, das kann natürlich sein.“ Noch während sie das aussprach, fragte sie sich, was in Teufels Namen sie da tat. Wollte sie ihn wirklich mit der Nase auf die Gabe stoßen? Vielleicht würde man ihm dann auch das mit dem Codex vermitteln und er würde in ihrem Fall nicht weiterforschen. Andererseits …
„Christoffer spricht nie über diese Begegnung“, sagte Tormann wie tief aus den Gedanken heraus.
„Trotzdem wissen offenbar alle davon“, antwortete Caro, vom plötzlichen Themenwechsel überrascht.
„Er hat mich mal korrigiert. Als ihn fragte, was ihn so sicher gemacht hat, dass ihm die Jungfrau Maria erschienen ist, sagte er, so sei das nicht gewesen. Er sei der Mutter Jesu begegnet. Ich hab nicht weiter gefragt, weil ich den Unterschied nicht verstanden habe.“
Caro atmete tief durch.
„Er meinte das wörtlich. Er hat die Frau getroffen, die Jesus geboren hat.“ Er sah Caro an. „Sie könnte unsterblich sein.“
Sie verkniff sich eine Antwort.
„Dich berührt das gar nicht“, stellte er fest.
„Warum sollte es? Ich bin Atheist.“ Ehe er den Faden weiterspinnen konnte, stand sie auf. „Ich habe Hunger. Willst du auch was essen?“
„Was? Nein. – Der Orden könnte sich zum Schutz Mariens gegründet haben.“
„Ich habe Hackbraten im Kühlschrank, ich würde mir Kartoffelbrei dazu machen. Das würde für zwei reichen.“
„Was, wenn …“
„Also soll ich dir auch eine Portion mit warmmachen? Ich habe auch Gemüse im Frost.“
Endlich schien sie ihn erreicht zu haben. Sein Blick kehrte aus den sprichwörtlichen fernen Sphären zurück zu ihr. „Gemüse? Klingt gut. Brauchst du Hilfe?“


Teil 9
Teil 10
Teil 11

Epilog
 
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