Der Codex - Teil 9

jon

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Teil 8




Es war ein kurzer Abend geworden: Tomann hatte sich unmittelbar nach dem Essen verabschiedet und Caro mit ihren Grübeleien allein gelassen. Sie machte sich Gedanken darüber, was er sich nach ihren zugegeben unbedachten Worten zusammenreimen würde. Konnte er auf die Idee kommen, nicht die Mutter Jesu müsste zwangsläufig unsterblich sein, es würde genügen, dass Christoffer es ist? Und wenn: Würde er dann auf die restlichen Ratsmitglieder schließen? Auf Erich? Und schließlich auf sie? All das lag durchaus nah, wenn man sich einmal mit der Idee der Unsterblichkeit angefreundet hatte. Peter Tomann war alles anders als dumm oder gedanklich unflexibel. Was würde sie tun, wenn er ihr auf die Spur kam? In seinen Geist eindringen? Sie war als Mensch nicht sehr begabt für soetwas und hatte es zudem lange nicht getan …
Als Caro am Morgen aufwachte, schwangen all diese Sorgen noch in ihr nach. Ihr fiel auf, dass keinen Gedanken an die Information verschwendet hatte, dass Ines erst elf gewesen war, als sie schwanger wurde. Sie wusste, dass das nicht entschuldbar war, dennoch weigerte sich alles in ihr, nicht an die Exiszenz einer akzeptierbaren Entschuldigung zu glauben. Es gab sicher eine. Es musste eine geben.
Tagsüber traten auch diese Gedanken in den Hintergrund, die Büroarbeit forderte sie mehr als sonst. Tomann tauchte nicht auf, was sie zu ignorieren beschloss.
Kurz nach Feierabend – Caro war gerade beim Einkaufen – rief Erich an und fragte, ob sie Zeit hätte. Sie dachte einen Moment lang an Ines und sagte dann zu, ihn in der Stadt zu treffen.
Als sie ihm anderthalb Stunden später gegenüberstand, war sie sicher, dass sie ihn nicht auf Ines ansprechen würde. Offenbar lebte er mit ihr zusammen, liebte sie. Was immer da passiert war – es war eine Sache zwischen den beiden.
Erich wirkte angespannt, auch wenn er es zu überspielen versuchte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Caro deshalb.
„Nichts, was ich nicht unter Kontrolle hätte“, behauptete er, ihrem Blick ausweichend.
„Peter“, vermutete sie.
„Wie gesagt: Nichts, was ich nicht unter Kontrolle hätte. – Komm, ich lade dich ein.“ Er führte sie in eine Seitenstraße, die zwar sauber aber trist wirkte, und bog mit ihr durch ein offen stehendes Tor in einen Hinterhof ein. Überrascht stellte sie fest, dass es dort ein Restaurant gab. Am Eingang stand ein Schild mit der Aufschrift „Geschlossene Gesellschaft“, die sie alarmierte.
Erich öffnete zuvorkommend die Tür, ließ Caro eintreten und folgte ihr. „Ich glaube, Christoffer hat ihn über die Gabe informiert“, sagte er, während er ihr aus dem Mantel half.
Sie sah ihn fragend an.
„Er hat es erstaunlich gefasst aufgenommen. Zumindest schien es mir so, als ich ihn heute Mittag traf.“ Dabei hängte er den Mantel an die Garderobe in einer kleinen Nische.
„Vielleicht hatte er schon eine Vermutung. Es ist nicht dumm, weißt du.“
„Ja, ich weiß.“ Er zog seine Jacke aus.
„Warum sagst du mir das eigentlich? Ich meine jetzt.“
Umständlich platzierte er seine Jacke neben Caros Mantel. „Ich weiß es erst seit heute. Ich dachte, es könnte dir einiges erleichtern.“ Er reichte ihr seinen Arm. „Kommst du?“
Dann betraten sie den Gastraum und Caro erstarrte.
Der Ratskreis, zumindest ein Teil davon. Es mussten Ratsmitglieder sein, denn jeden einzelnen hier kannte sie. Und zwar aus früheren Leben.
Sie warf Erich einen vorwurfsvollen Blick zu, der bat mimisch um Verzeihung.
Caro kapitulierte, zumindest teilweise, denn hier zu sein hieß ja noch lange nicht, dass sie für den Orden arbeiten musste. Sie atmete tief durch und wandte sich den Anwesenden zu, um sie zu begrüßen.
Hinter ihr öffnete sich die Tür. Sie wandte sich um. Tomann. Und neben ihm Sergej, der Sohn des Schmiedes; er war dreizehn gewesen, als sie Moskau verlassen musste.
Tomann war offenbar überrascht, sie zu sehen. Allerdings nur mäßig, denn er fing sich sofort wieder und nahm weitgehend ungerührt zur Kenntnis, dass Sergej einen Schritt auf Caro zu machte, ihre Hand nahm und sie anstrahlte.
„Wie wunderbar, dich zu sehen, Katjuschenka“, sagte er auf Russisch. „Wir hatten so sehr gehofft, dass es dir gut geht.“
Sie erwiderte sein Lächeln, nicht ohne sich zu fragen, inwieweit er den Codex allein schon durch die Nennung ihres damaligen Namens verletzte. Nun, was er konnte, sollte auch für sie gelten dürfen. „Sergej“, erwiderte sie deshalb. „Schön, dich wohlauf zu sehen.“
Erich räusperte sich. Sergej ließ Caros Hand los, so dass sie sich den anderen zuwenden konnte.
Als erstes nickte die Charlie zu. „Charles.“
Dann dem Rothaarigen neben ihm. „Ian.“ Er war damals Wagenbauer gewesen, irgendwann um 700 nach Christie in Schottland.
„Marcus.“ Er hatte auf dem Hof gearbeitet, auf dem sie nach dem später als Schlacht von Lukanien genannten Gemetzel Zuflucht gefunden hatte.
„Peren.“ Sie hatten eine Zeitlang zusammen ein Heim für gefallene Mädchen geführt.
„Gerardo.“ Er handelte um 1200 mit Tuchen.
„Dischnajach.“ Sie gehörte definitiv zu den Ältesten hier im Raum.
„Utto.“ Er hatte sie für einen Jüngling gehalten und zum Knappen ausbilden wollen.
Und dann war da noch er, dessen Namen sie nicht kannte, und mit dem sie nicht mehr als eine Nacht verbracht hatte. Aber er hatte sich stärker als andere in ihr Gedächtnis geprägt. Seines Sohnes wegen vor allem. Er hatte noch immer etwas Hypnotisches an sich. Sie nickte ihm zu.
Er erwiderte das Nicken. „Antonio Rossi“, stellte er sich vor.
„Ah, der Beauftragte Jesu“, konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen.
Sein Lächeln zeigte, dass er eine Verbündete in ihr gefunden zu haben glaubte.
Sie hatte das Bedürfnis, ihn wütend als Idioten zu bezeichnen. Was immer Jesus damals gesagt haben mochte, er hatte mit Sicherheit nicht gemeint, dass dieser Typ die Weltherrschaft übernehmen sollte – weder offen noch im Geheimen.
Erich berührte ihren Arm und unterbrach so das sich anbahnende verbale Kräftemessen. Sie nickte ihm beruhigend zu. Dabei fiel ihr Blick auf Tomann. In dessen Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Begreifen. Sein Bild von ihr war offenbar soeben gründlich auf den Kopf gestellt worden. Sie registrierte es mit Genugtuung und Trauer zugleich.
Tomann drehte sich abrupt um und ging.
Carola folgte ihm. Im Vorraum holte sie ihn ein. „Peter! Bitte!“
Er drehte sich zu ihr um, der reine Vorwurf im Blick. „Du gehörst zu ihnen.“
Sie beschloss, den Spieß umzudrehen. „Ist das dein Ernst? Du arbeitest seit Jahren für den Ratskreis und regst dich jetzt auf, dass ich die Leute kenne? Kenne übrigens! Nicht mehr. Also halt mal bitte den Ball ganz flach!“
„Du bist …“, er trat nah an sie heran und zischte, als ob jemand in der Nähe wäre, der es nicht hören durfte: „Du bist unsterblich!“
„Nein, bin ich nicht.“ Das war nicht mal gelogen. „Und selbst wenn ich es wäre: Was ist daran so verwerflich? Dass ich es dir nicht schon beim Einstellungsgespräch mitgeteilt habe? Entschuldige bitte, wenn wir versuchen, uns zu schützen!“
„Ha!“ Er zeigte mit den Finger auf sie. „Wir!“
„Ich bin nicht unsterblich. Nicht mehr.“ Auch das war nicht gelogen. „Im Ernst, Peter, sehe ich so aus, als wäre ewige Jugend mein Problem?“
Er überlegte offenbar.
„Pass jetzt gut auf, was du sagst!“, sagte sie, halb scherzend.
Er grinste matt.
„Peter, ich verstehe ja, dass das … nunja … nicht eine der üblichen Überraschungen ist. Aber glaub mir: Ich wollte dich nie verletzen. Das alles …“, sie machte eine Geste zum Gastraum hin, „… ist Vergangenheit. Und zwar im Wortsinne. Erinnerungen, die heute keine Rolle mehr spielen.“ Das war gelogen.
„Das mit diesen Antonio sah nicht wie keine Rolle spielen aus.“
Sie atmete tief durch. „Naja. Es gibt solche und solche Erinnerungen.“
Er nickte verstehend. Dann lächelte er schief. „Ist das jetzt die Stelle, wo du mich töten wirst?“
„Was? Nein!“
„Also war das damals eine leere Drohung“, grinste er.
Sie zögerte.
„Du bluffst recht gut.“ Er machte Anstalten sie in den Arm zu nehmen.
Sie wollte sagen: ,Das war kein Bluff‘, schwieg dann aber. Sollte er ruhig glauben, das wäre ihr großes Geheimnis gewesen. Nur nicht auf die Idee bringen, dass es Widersprüche bei dieser Geschichte gab! Also lächelte sie ertappt und ließ sich küssen.



Teil 10
Teil 11

Epilog
 
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