Der Einstellungstest

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Ciconia

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Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Paare rücken enger zusammen, Alleinreisende stehen träumend an der Reling und vermissen den verlorenen oder Zuhause gebliebenen Partner. Wohlige Gänsehaut kommt auf bei denjenigen, die die Reise schon einmal oder gar mehrmals gemacht haben. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Eigentlich fühlte ich mich damals schon zu alt, um noch mit den Eltern zu verreisen, aber ich wollte sie nicht enttäuschen. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als erst einmal ein paar schöne Reisen zu machen! Zunächst natürlich die Hurtigrute, in memoriam, danach verschiedene Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie mich für einen hoffnungslosen Fall halte und keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Nach einigen Wochen in tiefster Verzweiflung begann ich Stellenanzeigen zu lesen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja – mehr oder weniger – im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er allen Ernstes und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung. ‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘

„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen. „Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen … allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb ...

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der totschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos. „Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu. Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf ging sie und blieb für den Rest des Vormittages einfach verschwunden. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Liebhaber um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige der teuren Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Liebhaber verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto. „Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann. „Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“ – "Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“ Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:

„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr: „Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal. „Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich. „Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür. „Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi. „Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht. Ohne mit der Wimper zu zucken sah ihr fest in die Augen und erwiderte höflich: „Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 
K

KaGeb

Gast
Hallo Ciconia,

ein bissel lang (für mich) und ein bisschen vorhersehbar, aber wunderbar geschrieben. Den Anfang finde ich etwas zu ausschweifend - außerdem trägt er nichts zur späteren Handlung bei.
Dennoch: Ein guter Text, den ich gern gelesen habe.

LG
 

Ciconia

Mitglied
Hallo KaGeb,

danke für Kommentar und Bewertung! Ich werde mal sehen, ob ich den ersten Teil noch ein wenig kürzen kann.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Wohlige Gänsehaut kommt auf bei denjenigen, die die Reise schon einmal oder gar mehrmals gemacht haben. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als erst einmal ein paar schöne Reisen zu machen! Zunächst natürlich die Hurtigrute, in memoriam, danach verschiedene Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Nach einigen Wochen in tiefster Verzweiflung begann ich Stellenanzeigen zu lesen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er allen Ernstes und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung. ‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘

„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen. „Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen … allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb ...

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der totschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos. „Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu. Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb für den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Liebhaber um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige der teuren Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto. „Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann. „Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“ – "Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“ Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:

„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr: „Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal. „Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich. „Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür. „Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi. „Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht. Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich: „Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 

Ciconia

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Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als zunächst ein paar schöne Reisen zu machen, Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Ich las Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er mit genüsslichem Lächeln und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung. ‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘

„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen. „Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen … allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb ...

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der totschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos. „Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu. Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb für den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Begleiter um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto. „Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann. „Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“ – "Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“ Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:

„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr: „Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal. „Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich. „Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür. „Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi. „Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht. Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich: „Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 

Ciconia

Mitglied
Lieber unzufriedener 3er-Bewerter,

wie soll ich denn nun wissen, was ich überarbeiten soll, wenn Du mir keinen Hinweis gibst? Gekürzt hatte ich nach KaGebs Kommentar ja schon an einigen Stellen, was hast Du denn noch für Verbesserungsvorschläge? Ein wenig Kooperation wäre schön!

Gruß Ciconia
 

Grauschimmel

Mitglied
Guten Morgen Ciconia, ja ein langer, aber schöner Text, weil nicht langatmig.
Es braucht schon seinen Platz, wenn man Prots und die Orte der Handlung
entwickeln will. Es ist Dir gelungen. Du zeichnest ja auch nachvollziehbar einen mehrjährigen Prozess.
Wo soll man da streichen? In keinem Fall an den schönen Schiffsbildern in der Landschaft.
Auch kann ich nicht feststellen, dass sich Dein „roter Faden“ irgendwo verknotet.
Wer in der Geschichte eine unvorhergesehene Wendung will, orientiert sich vielleicht zu sehr am „Detektivbild“. Aber ohne Spannung bleibt Deine Geschichte nicht und am Ende macht die Rosi ja auch noch etwas Phantasiepotential beim Leser…
Alles in Allem, so eine „8ung“, hätte die Geschichte schon verdient. Hätte, weil es Dir erst als 5. nützt, um die 3 zu kegeln, mein Korrekturwert ist zu schlecht.
Einen schönen Tag und weiter so, Grauschimmel!
 

Ciconia

Mitglied
Lieber Grauschimmel,

herzlichen Dank für Deine Wertschätzung! Ich freue mich, dass Dir dieser Text gefällt.

Manche Geschichten liegen einem ja mehr am Herzen als andere, obwohl man alle mit Herzblut geschrieben hat und gleich lieb haben sollte ... :D
Diese Geschichte hat sich während des Schreibens irgendwie verselbständigt und mich ganz woanders hingeführt, als ich eigentlich vorhatte. Eine Erfahrung, die ich zum ersten Mal in meiner kurzen Schreibpraxis gemacht habe, aber ich fand’s spannend.

Das mit der Bewertung ist schon in Ordnung. Ein paar freundliche Worte spornen doch mindestens ebenso gut an wie eine 8! ;)

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als zunächst ein paar schöne Reisen zu machen, Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Ich las Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch, Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er mit genüsslichem Lächeln und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung. ‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘

„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen. „Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen … allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb ...

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der todschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos. „Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu. Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb für den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Begleiter um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto. „Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann. „Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“ – "Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“ Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:

„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr: „Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal. „Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich. „Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür. „Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi. „Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht. Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich: „Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 

Ciconia

Mitglied
Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als zunächst ein paar schöne Reisen zu machen, Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Ich las Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch, Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er mit genüsslichem Lächeln und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung.
‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘
„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen.
„Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen … allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb ...

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der todschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos.
„Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu.
Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb für den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Begleiter um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto.
„Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann.
„Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“
"Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“
Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:

„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr:
„Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal.
„Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich.
„Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür.
„Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi.
„Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht.
Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich:
„Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 

Ciconia

Mitglied
Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als zunächst ein paar schöne Reisen zu machen, Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Ich las Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch, Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er mit genüsslichem Lächeln und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung.
‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘
„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen.
„Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen - allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb.

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der todschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos.
„Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu.
Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb für den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Begleiter um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto.
„Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann.
„Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“
"Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“
Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:

„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr:
„Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal.
„Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich.
„Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür.
„Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi.
„Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht.
Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich:
„Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 

Ciconia

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Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spätestens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfürchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Erstreisende verharren andächtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darüber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurück ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung für das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen Küstenlandschaft und der gemütlichen Atmosphäre auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im späten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder länger wurden, noch genügend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschäftigen, die einen Jüngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos überforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstützte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon früher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein würde.

Ein Käufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da näher, als zunächst ein paar schöne Reisen zu machen, Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspürte vorerst wenig Lust, über mein weiteres Leben nachzudenken.

Fünf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung für die Zeit zwischen den Reisen genügte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei Verständnis für mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage für unsere Partnerschaft und drängte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmäßig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunächst. Anfängliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein ständiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quälenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Ich las Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner Düsseldorfer Zentrale. Natürlich erwartete ich peinliche Fragen über meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafür. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzählte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschätzt, das konnte ich schon mal positiv für mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch, Dratge, da hätte ich doch gleich was für Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hübsche Frau?“, fragte er mit genüsslichem Lächeln und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung.
‚Wirklich hübsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen über vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘
„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrügt. Nicht dass ich ihr hinterher schnüffele ... aber neulich habe ich zufällig ihre Handyabrechnung gesehen, die läuft ja über die Firma“, grinste er hämisch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. Natürlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kürzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen.
„Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben würde“, schnaufte er wütend. Dann müsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geäußert, und das ärgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzügig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen - allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb.

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein würde, hätte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie väterliche Gefühle.

So ging ich also drei Wochen später an einem März-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffällig die gnädige Frau observieren und täglich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere würde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu übersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der todschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der überwiegend älteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe für heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem Frühstück nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik für einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. Während ich mit klammen Fingern an meiner Kameraausrüstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto für den alten Ankermann reichen.

Trotz der Kälte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemächlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort für diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten über die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurück, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos.
„Keine besonderen Vorkommnisse“, fügte ich hinzu.
Ankermann antwortete kurz und bündig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich überhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdächtigen, davon war ich mittlerweise überzeugt. Am Abend in Molde verspürte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie würde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

Für den nächsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim Frühstück, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb für den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und überwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnädigen Frau. Hatte ich etwas übersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? Während ich mir eine Begründung überlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen größeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dämlich aus der Wäsche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkündete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Begleiter um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu überlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich würde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber … Dann wäre der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir überhaupt nicht.

Variante 2: Ich würde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie käme ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen künftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beiläufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei … Die hübsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefährdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb beständig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tägliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefüllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige Landausflüge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sündhaft teure Kleidungsstücke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der südgehenden Strecke blieb das Wetter überwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nächsten Abend ein stärkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen für die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wäre, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgültig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hübsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die für die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto.
„Auftrag so gut wie erfüllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nächsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnädigen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrüßte, gehörte zu Rosi Ankermann.
„Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden später hatte ich mich wieder im Griff. Aus der Nähe sah Rosi Ankermann noch viel besser und jünger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brüchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“
"Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“
Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher …“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:
„Ab und zu besuche ich meinen Mann im Büro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ für Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon länger den Verdacht, dass ich ihn betrüge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgültig misstrauisch. Was lag da näher, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv für unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen größeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr:
„Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttäuschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm täglich Bericht erstattet über die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den Häfen gab es keine Probleme, über das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren früheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon überzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja täglich bestätigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann überraschte mich noch einmal.
„Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie für mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fünfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie künftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsächlich einen Fünfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wünschen.

Am nächsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in Düsseldorf an. Wieder begrüßte mich der Alte persönlich.
„Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der Tür.
„Hallo Schatz, ich wollte nur kurz … ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi.
„Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches Lächeln huschte über Rosis Gesicht.
Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich:
„Guten Morgen, gnädige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.
 

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