Der Exorzist

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Roger Izzy

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Ich bestieg eines Tages im Namen des Herrn in freudiger und missionarischer Erwartung den Zug ins Bistum Chur. Die Nonnen im Zug verhiessen mir als Nicht-Katholik den richtigen Weg in die heilige Stätte des Katholizismus. Ich hatte mal für dreissig Silberlinge zum Katholizismus konvertiert. Drei Monate war ich stolzes Mitglied in diesem sakralen Verein. Danach trat ich definitiv aus der Kirche aus. Die Reformierten und schliesslich die Kostgänger der anderen Müssiggänger gaben mir den Rest.

Ich hatte ziemlich Schlagseite. Am Abend zuvor war ich im Rotlichviertel zweimal abgezockt worden. Da war eine Frau im kurzen Röckchen an der Bar, die mich gegen einen Obulus verführte. Wir gingen zu ihr, sie zog sich aus, beugte sich rittlings über mich und zeigte mir ihren Arsch. Ich begann, geil wie ich war, ihre Möse zu lecken. Eine zweite Schlampe gesellte sich hinzu, griff mir in die Hosentasche, zog ein paar Scheinchen heraus und rannte davon. Die andere hielt mich mit einer Beinschere fest. Ich leckte mittlerweile nicht mehr… Schliesslich konnte ich mich aus dieser misslichen Situation befreien, warf die Hure aufs Bett und eilte der anderen nach.
Vergebens. Zwei Stunden später war ich bei einer anderen Schlampe, pennte ein, erwachte nur in meinem Schlüpfer, die Hose lag am Boden und die Kohle natürlich weg.

Den Nonnen gegenüber im Abteil wollte ich die Geschichte erzählen, liess es aber sein…
Ich war also auf dem Weg ins Bistum Chur. Ich hatte mit dem hiesigen und obersten Exorzisten der Schweiz zu einem lockeren Stelldichein mit einem lecker Gläschen Messwein abgemacht.
In Chur fragte ich zuerst nach dem Weg zur Kathdrale.
Es war ein weiter und schmerzhafter Pilgerweg. Ich war am Vorabend nicht nur ausgeraubt worden, sondern hatte mir beim Pissen auf einer Toilette in der Bar zusätzlich den kleinen Zeh gebrochen, als ich besoffen gegen die Tür fiel. Nun nahm ich unter Schmerzen den beschwerlichen Leidensweg auf mich.
Endlich stand ich ehrfurchtsvoll vor der Kirche und ging hinein. Es war still. Andächtig bedankte ich mich in einem stillen Gebet, dass ich hier sein durfte. Ich hätte ja auch unterwegs bei Maria Magdalena vorbeischauen können…
Später ging ich auf den Friedhof hinter der Kathdrale und sprach meine innigen Segensgebete für die Toten.

Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags. Die Unterredung mit dem Priester und Exorzisten durfte beginnen. Er kam mir wie abgemacht pünklich entgegen und lud mich in sein Besprechungszimmer ein.
Ich sass an einem Tisch, vor mir ein Konterfei von Jesus Christus, ein Fläschen Weihwasser, das Kruxifix und in der Ecke ein Heiligenbild des Paters Pio. Für nicht Gläubige, weltliche Könige, Heuchler und andere Idioten: Pater Pio war ein eindrucksvoller Geistlicher und Prophet. Stigmata pflasterten seinen mühseligen Weg des Glaubens und Zölibates. Ein guter Mann.
Der Exorzist war mir auf anhin sympathisch. Wir sprachen über die Notwendigkeit der ergänzenden Begleitung eines Menschen mit Befreiungsgebeten durch den Exorzisten, wenn die Psychiatrie bei Patienten an ihre Grenzen stösst und bei leidenden Menschen nur noch mehr geistige und seelische Wunden verursacht. Das ist leider meistens so. Ich denke, bei den meisten Seelenklempern müsste so oder so regelmässig ein Exorzismus vorgenommen werden, da diese meines Erachtens – ich spreche als Patient – einen an der Klatsche haben. Nur mit Medikamenten ist diesen Idioten – es gibt Ausnahmen – nicht beizukommen. Auch nicht mit Prügeln und Geisselungen…

Ein Exorzismus wird im allgemeinen vorgenommen, wenn sich ein Mensch dazu entscheidet. In einem Vorgespräch wird die geistige und seelische Befindlichkeit in einem beseelten Gespräch erörtert. Bei dieser Unterredung ist immer auch ein Psychiater zugegen, der die Therapieresistenz des Hilfesuchenden attestiert und zur Stelle ist, wenn sich das Verhalten eines Menschen bar jeglicher theologischer Vorstellung offenbart.
Die Segensgebete nach dem Rituale Romanum – dem Handbuch der Exorzisten – dienen zur Befreiung des besessenen Menschen.
Besessen vom Bösen.
Jeder soll natürlich entscheiden, ob er daran glaubt oder nicht. Dabei muss ich erwähnen, dass ein Exorzismus nichts Effekthascherisches hat, wie man es in Hollywoodstreifen sieht. In Ländern wie Afrika oder Haiti zum Beispiel pfeifen sich der Teufelsaustreiber oder die Teufelsaustreiberinnen und der Besessene zuerst einen rein – ein Halluzinogen –, zum Beispiel Meskalin wie die Indianer.
Mir reichen jeweils zwei Flaschen Gin…

Die Begegnung mit dem Exorzist war sehr inspirierend für ihn mit mir, ich mit ihm, er mit sich selbst und ich mit mir sowieso.
Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu. Wir verabschiedeten uns herzlich mit den Worten: „Auf Wiedersehen. Mit besten Segenswünschen.“
Zum Wiedersehen kommt es leider nicht. Der Exorzist verstarb wenige Monaten später.
Vielleicht ging ein Exorzismus in die Hose. Man weiss es nicht.

In Memoriam: „Herzlichen Dank, dass ich Sie kennenlernen durfte. Guter Mann.“
 
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