Der Fall Britta A.

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Ciconia

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1. Das Abschiedsgeschenk

Britta rauschte wie jeden Morgen ziemlich genervt um kurz vor neun ins Büro. Die lange Autofahrt und der übliche Stau stressten sie schon, bevor der Tag richtig angefangen hatte. Sie fragte sich, wie viele Notizzettel heute Morgen auf ihrem Schreibtisch liegen würden. Meistens waren es zwei bis drei, manchmal auch mehr. Nachrichten von Kunden, die früh anriefen und automatisch bei den Kollegen im Großraumbüro landeten. Die Kollegen schienen alle Frühaufsteher zu sein, sie kamen teilweise schon um 7 Uhr ins Büro, diese Schleimer. Aber keiner von ihnen hatte auch nur annähernd einen so langen Arbeitsweg wie Britta. Sie hatte sich vor einigen Monaten für ein kleines Häuschen auf dem Land entschieden und erlebte nun täglich auch die Nachteile des Landlebens.

Mit Brittas Produktbereich waren die lieben Kollegen nicht so vertraut. Sie waren am frühen Morgen auch mit ihren eigenen Kunden beschäftigt. Deshalb reichte es nur für kurze Kritzeleien, wenn sie denn überhaupt für Britta bestimmte Telefonate annahmen. „Buhse anrufen – dringend", las sie, und „Firma Sanderling moniert, bitte bei Spedition nachfragen“, (na immerhin ein „Bitte"!), und als letztes: „Bergson will Sie unbedingt gleich sprechen!!", mit zwei Ausrufungszeichen. Bergson, der Geschäftsführer der Niederlassung. 'Der kann mich mal kreuzweise', war ihr erster Gedanke. Zunächst musste sie sich um ihre Kunden kümmern und griff deshalb gleich zum Telefon.

Sie hatte das erste Telefonat fast beendet, als sich Bergson auch schon durch die Tür schob. 'Du fieses fettes Monster', schoss es ihr durch den Kopf, während sie Geschäftigkeit vortäuschte und gleich das zweite Telefongespräch begann, ohne aufzusehen.

„Frau Armknecht, würden Sie bitte mal in mein Büro kommen?", säuselte er. Sie nickte kurz und bedeutete ihm mit einem kurzen Handzeichen, dass sie noch einen Augenblick brauchen würde. Ihre ohnehin schon miese Laune sank weiter. Eine Weile sollte er schon noch warten. Britta begann ein drittes Telefonat, das sie sehr geschäftig auf mehr als eine Viertelstunde ausdehnte. Sie schluckte noch schnell eine ihrer kleinen rosa Lieblingspillen, dann war sie bereit für die Höhle des Löwen.

Leider sei Herr Bergson kurzfristig in eine dringende Besprechung gerufen worden, plapperte die neue junge Assistentin mit wichtiger Miene. Danach müsse er dann zu einem Mittagessen mit den Herren aus Brüssel, die seit einigen Tagen zu Gesprächen im Hause waren, verriet sie weiter. Britta war es sehr recht, so konnte sie ihren lange gehegten Plan vielleicht schon heute Nachmittag ausführen. Ihre Laune besserte sich schlagartig.

Bergson ließ sie gegen 15 Uhr rufen. „Nehmen Sie doch Platz", eröffnete er das Gespräch, von dem Britta wusste, dass es ebenso anstrengend wie sinnlos werden würde. „Ich hab mir noch einmal Ihr Verhalten in den letzten Wochen durch den Kopf gehen lassen", kam er gleich zur Sache, „und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum Sie unseren Verhaltenskodex nicht unterschreiben wollen. Sie sind wirklich die einzige, die sich geweigert hat. Wie steht unsere Niederlassung jetzt in Palo Alto da?"

'Wenn der wüsste, wie egal mir das ist', dachte Britta. Dieser Mensch war ihr in seiner ganzen schleimigen Art so zuwider und hatte ihr in den letzten Monaten dermaßen das Leben zur Hölle gemacht, dass es sie große Anstrengung kostete, freundlich zu bleiben.

„Herr Bergson, ich verstehe nicht, warum Sie mich immer wieder auf diese Angelegenheit ansprechen. Glauben Sie wirklich, dass ich meine Einstellung noch mal ändern könnte? Ich dachte, ich hätte mich neulich klipp und klar ausgedrückt. Ich unterschreibe diesen Verhaltenscodex nicht – und Sie wissen genau warum! Ich kann nicht unterschreiben, weil ich Informationen über interne Vorfälle habe, die diesem Codex in mehrfacher Weise widersprechen!"

Bergson wurde unruhig. Natürlich wusste er genau, dass eine Britta Armknecht, die seit sieben Jahren in diesem Unternehmen arbeitete, niemals ihre Meinung ändern würde. Aber seine Vorgesetzten in Palo Alto hatten ihn wahrscheinlich dazu verdonnert, noch ein letztes Mal auf Britta einzuwirken. Das Firmenimage musste nach außen einwandfrei sein: Mit ihrer Unterschrift bestätigten die Beschäftigten indirekt, dass niemand in diesem Unternehmen Dreck am Stecken hatte.

Britta wusste es besser. Schließlich hatte sie vor Jahren als Assistentin bei Bergson angefangen und kannte daher mehr Unternehmensinterna, als ihm lieb sein konnten. Sie hatte eine äußerst schnelle Auffassungsgabe und bekam mehr mit als mancher andere. Und sie konnte es, verdammt noch mal, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, diese krummen Sachen mit einer Unterschrift zu beschönigen. Die Kollegen, von denen mit Sicherheit einige eingeweiht waren, dachten da offensichtlich anders.

Bergson kam ins Schwitzen. „Wollen wir nicht erst einmal in Ruhe einen Kaffee miteinander trinken?", fragte er schließlich etwas hilflos. 'Er erwartet jetzt, dass ich als seine frühere Sekretärin losmarschiere und den Kaffee hole', dachte sie sich. Heute wollte sie ihm den Gefallen gern tun. Auf dem Weg über den Flur in die kleine Kaffeeküche vergewisserte sie sich, dass das Röhrchen mit dem Pulver, das sie schon vor geraumer Zeit besorgt hatte, noch in ihrer Jackentasche steckte. Die Küche war leer. Sie rührte den Inhalt seines Kaffeebechers in aller Ruhe mehrmals um, bevor sie sich mit zwei vollen Bechern wieder auf den Weg ins Chefzimmer machte.

Heute war ihr letzter Arbeitstag vor dem Urlaub, und in etwa einer Stunde konnte sie das Büro verlassen – auf jeden Fall lange bevor Bergson unerklärliche Beschwerden bekommen würde. Sie bezweifelte, dass er sich jemals wieder erholen konnte. Es spielte für sie auch keine Rolle mehr, denn ihre Kündigung würde morgen in der Post sein. Noch ein paar Tage Resturlaub und einige Krankentage - wenn ihre Pläne aufgingen, brauchte sie diese Firma nie wieder zu betreten. Das ruhige Landleben würde ihr guttun.

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2. Das Urteil

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:
Die Angeklagte Britta Armknecht wird wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Bei der Höhe des Strafmaßes hat das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten gelten lassen. Die Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Zur Begründung:
Das Gericht sieht es aufgrund von Indizienbeweisen sowie des umfänglichen Geständnisses der Angeklagten als erwiesen an, dass die Angeklagte am Nachmittag des 16. Juli diesen Jahres ihren Vorgesetzten, den Geschäftsführer Waldemar Bergson, mit einer Überdosis Parathion, gemeinhin auch als E 605 bekannt, vergiftet und seinen Tod billigend in Kauf genommen zu haben.

Zum Zeitpunkt der Tat befand sich die Angeklagte in einem erheblichen psychischen Ausnahmezustand, was während der Untersuchungshaft gutachterlich bestätigt werden konnte. Sie fühlte sich seit längerem von ihren ausschließlich jüngeren männlichen Kollegen gemobbt. Darüber hinaus wurde sie seit Jahren von ihrem Vorgesetzten, dem späteren Opfer, unter Druck gesetzt.

Die Angeklagte hatte während ihrer Zeit als Assistentin des Waldemar Bergson Kenntnis von Kartellabsprachen des Unternehmens erlangt und wusste auch von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Fertigungsbetrieb des Unternehmens auf den Philippinen. Getrieben von ihrem überaus stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn suchte sie in Folge ein Gespräch hierüber mit ihrem Vorgesetzten Waldemar Bergson. Dieser drohte daraufhin nach Aussage der Angeklagten immer wieder mit Sanktionen, sollte sie Firmeninterna nach außen tragen. Er beauftragte sie oftmals mit kurzfristig angesetzten Aushilfsarbeiten und Urlaubsvertretungen in anderen Bereichen des Unternehmens, die ihr nicht genügend Spielraum für ihre eigentlichen Aufgaben ließen. Eine erste Abmahnung aus nichtigem Grund war bereits erfolgt. Auf die Spitze getrieben wurde der Konflikt, als Waldemar Bergson die Angeklagte aufforderte, den weltweit geltenden Verhaltenskodex des Unternehmens zu unterschreiben, in dem jeder Mitarbeiter erklären sollte, keinerlei Kenntnis von irgendwelchen Absprachen mit anderen Unternehmen zu haben.

Warum die Angeklagte das für sie äußerst unbefriedigende Arbeitsverhältnis nicht früher auflöste, erklärte sie mit ihrem fortgeschrittenen Alter und der damit verbundenen Schwierigkeit, noch einmal eine adäquate Arbeitsstelle zu finden.

Wie die Angeklagte weiter ausführte, trug auch ihre private Situation dazu bei, dass sich ihr Gesundheitszustand in den Monaten vor der Tat zunehmend verschlechterte. So war Anfang des Jahres ihre Mutter nach monatelanger schwerer Krankheit verstorben, was bei der Angeklagten zu einer ernsthaften Depression führte. Nach ihren eigenen Aussagen, die von ihrem behandelnden Arzt bestätigt wurden, war die Angeklagte seit Monaten von Antidepressiva und Tranquilizern abhängig, um dem täglichen beruflichen Stress begegnen zu können.

Alle diese Gegebenheiten führten dazu, dass die Angeklagte in der Folgezeit zu der geradezu wahnhaften Vorstellung gelangte, ihr Vorgesetzter Waldemar Bergson sei für ihren Zustand verantwortlich. Seit seiner ersten Aufforderung, ihre Unterschrift unter den genannten Verhaltenskodex zu setzen, und der damit verbundenen Androhung einer zweiten Abmahnung und Versetzung auf einen weniger interessanten Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens litt sie immer häufiger unter Schlafstörungen und Angstattacken, was eine zunehmende Verschlechterung ihrer Arbeitsleistung zur Folge hatte und im Kollegenkreis zu weiteren Anfeindungen führte.

Sie fasste deshalb einige Wochen vor der Tat den Entschluss, ihren Vorgesetzten aus dem Weg zu räumen. Bei der Haushaltsauflösung im Haus ihrer verstorbenen Mutter hatte sie einen Rest E 605 gefunden, den ihr Vater früher als Pflanzenschutzmittel eingesetzt hatte. Obwohl sie sich über die Wirkungsweise dieses Giftes unsicher war, da es auf jeden Fall schon mehrere Jahre alt sein musste, nahm sie billigend in Kauf, dass die Wirkung tödlich sein könnte.

Am Nachmittag des 16. Juli nutzte sie die Gelegenheit, dieses Gift in den Kaffeebecher des Waldemar Bergson zu mischen, den dieser in ihrem Beisein austrank. Kurz darauf verließ sie das Büro und trat ihren Urlaub an. Warum sie noch am selben Tag ihr Arbeitsverhältnis aufkündigte, kann sich die Angeklagte nachträglich nur so erklären, dass sie nun endgültig mit diesem Unternehmen abschließen wollte. Über die juristischen Konsequenzen habe sie sich am Tag der Tat aufgrund ihres psychischen Ausnahmezustandes keinerlei Gedanken gemacht.

Das Opfer zeigte schon im Laufe desselben Nachmittags erste Krankheitserscheinungen, deren Ursachen jedoch zunächst nicht geklärt werden konnten. Erst als die Beschwerden im Laufe des Abends zunahmen und es zu Atemnot und Muskelkrämpfen kam, wurde ein Notarzt hinzugezogen, der die sofortige Einweisung in das nächste Krankenhaus veranlasste. Dort verstarb das Opfer am späten Abend an den Folgen des verabreichten Giftes.

Die Obduktion ergab eindeutig eine hohe Parathion-Konzentration im Körper des Opfers. Bei der anschließenden kriminaltechnischen Untersuchung der Büroräume wurden Rückstände dieses Giftes im Kaffeebecher gefunden, ferner wurden auf dem Becher Fingerabdrücke festgestellt, die eindeutig der Angeklagten zugeordnet werden konnten.

Die Angeklagte wurde drei Tage später an ihrem Wohnsitz festgenommen. Ihr sofortiges umfassendes Geständnis sowie die gutachterliche Bestätigung ihrer geschilderten psychischen Beschwerden haben das Gericht bewogen, eine Freiheitsstrafe im unteren Bereich des Strafrahmens auszusprechen.

Gegen dieses Urteil kann die Angeklagte das Rechtsmittel der Berufung einlegen.
Die ausführliche Urteilsbegründung wird dem Anwalt der Angeklagten in Kürze zugestellt.
Die Sitzung ist hiermit geschlossen."


Britta hatte seit der Verkündung des Strafmaßes völlig regungslos dagesessen. Sie bemühte sich sehr, ihre Tränen zu unterdrücken, Tränen der Scham und der Wut darüber, dass es ihr nicht gelungen war, die Angelegenheit Waldemar Bergson eleganter zu lösen.

Seit ihrer Verhaftung und der sukzessiven Absetzung der Psychopharmaka war es ihr wieder möglich geworden, klarer zu denken als noch vor einigen Monaten. Sie musste nun endlich erkennen, dass sie ihr Leben ruiniert hatte. Ob sie ihr geliebtes Häuschen behalten konnte, das sie vom geerbten Geld ihrer Mutter gekauft hatte, würde sich in den nächsten Monaten nach der endgültigen Begleichung der Anwalts- und Gerichtskosten zeigen.

Dass der fette Bergson es nicht besser verdient hatte, glaubte sie allerdings immer noch.

Aus Tageszeitungen, die sie während der U-Haft lesen durfte, wusste sie, dass der neue Geschäftsführer des Unternehmens die Geschäfte „im Sinne seines unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommenen Vorgängers Waldemar Bergson" weiterführen wolle. Was für sie nichts anderes hieß, als dass die Machenschaften weitergingen.

Fünf Jahre Haft – vielleicht gab es bei guter Führung eine Verkürzung der Haftdauer. Sie würde auf jeden Fall die Zeit nutzen, um sich zu überlegen, wie sie – mit Hilfe ihres Anwalts vielleicht sogar noch aus der Haft heraus – diesen Kriminellen mit den weißen Kragen das Handwerk legen konnte. Aufgeben würde sie noch nicht. Sie hatte jetzt viel Zeit zum Nachdenken und Lernen.

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3. Im Vollzug

Britta saß am Tisch ihrer Zelle und wartete auf die Schließerin. Draußen schien es endlich Frühling zu werden, und sie freute sich wie jeden Tag auf eine Stunde Hofgang am Nachmittag, die ihr wenigstens einen Hauch von freiem Leben vorgaukelte. Seltsamerweise konnte sie sich während dieser Stunde am besten konzentrieren und über vieles nachdenken, was ihr in der engen Zelle nicht oft gelang.

Seit fünf Monaten war sie jetzt schon in der JVA. Nach dem Weihnachtsfest und dem ersten Winter hinter Gittern war sie zuversichtlich, dass das Allerschlimmste erst einmal überstanden war. Ihr war es gelungen, Arbeit in der Anstaltsküche zu bekommen, eine anstrengende Arbeit, die ihr half, ohne großes Nachdenken über die längste Zeit des Tages zu kommen. Sie hatte sich relativ schnell an die einsamen Stunden in der Zelle gewöhnt und versucht, sich durch vieles Lesen abzulenken. Die Gefängnisbibliothek war erstaunlich umfangreich, da würde ihr der Lesestoff nicht so schnell ausgehen. Außerdem gab es immer noch Dr. Draweck, ihren Anwalt, der sie in den letzten Monaten mehrmals besucht und jedes Mal neue Bücher mitgebracht hatte. Er hatte erstaunlich schnell herausgefunden, womit er ihr eine Freude machen konnte. Ein Dreivierteljahr war er jetzt schon für sie tätig. Er hatte sie mit großem Sachverstand und viel Einfühlungsvermögen durch die U-Haft und den gesamten Prozess begleitet. Letztlich verdankte sie es ihm, dass ihre Strafe verhältnismäßig gering ausgefallen war, weil er ihr einen der besten psychiatrischen Gutachter Deutschlands beschafft hatte. Er war auch derjenige, der bei seinen Besuchen immer wieder betonte, wie wichtig es für sie sei, endlich von den Medikamenten loszukommen, wenn sie eine gute Prognose für die angestrebte Haftverkürzung haben wolle.

Während des Hofganges wollte sie noch einmal über das gestrige Gespräch mit Dr. Draweck nachdenken, das fast drei Stunden gedauert hatte. Allmählich beschlich sie das Gefühl, dass er sich mehr als nötig mit ihr und ihrem Fall beschäftigte. Auch diesmal hatte er ihr wieder ein Buch mitgebracht, einen aktuellen Bestseller. Sie hatte sich sehr gefreut, auch wenn Dr. Draweck diesmal keine guten Nachrichten für sie dabei hatte.

Die finanzielle Seite des Prozesses könne jetzt abgeschlossen werden, erklärte er ihr. Gerichtskosten, Gutachterkosten, seine Kostennoten, die erstaunlicherweise mehr als moderat ausgefallen waren – alles in allem eine Summe, die sie aus ihrem vorhandenen Barvermögen nicht würde begleichen können. Er bereitete sie schonend darauf vor, dass sie ihr Haus wahrscheinlich verkaufen müsse. Wenn sie einverstanden sei, könne er einen befreundeten Immobilienmakler bitten, sich das Haus einmal anzusehen. Vielleicht sei es möglich, einen guten Preis zu erzielen, bevor es zu einer Zwangsvollstreckung käme.

Britta verdrängte die Vorstellung vom Verkauf des Hauses seit Monaten. Solange die endgültigen Kosten des Prozesses nicht feststanden, hatte sie sich noch Illusionen machen können. Jetzt würde sie die Fakten endgültig akzeptieren müssen. Es war sehr schwer für sie, sich ein Leben nach der Haft ohne ihr Häuschen vorstellen zu können, das sie sich gerade erst sorgfältig eingerichtet hatte.

Nachdem die Beamtin sie in den Hof geführt hatte, begann Britta raschen Schrittes mit ihren Runden und dachte dabei schnell wieder an den Anwalt. Die Finanzen waren nämlich nicht das einzige Thema gewesen, das es zu besprechen gab.

Wie er schon bei einem früheren Besuch angedeutet hatte, sollte sie nun allmählich zu einem Entschluss kommen, ob sie wirklich gegen ihren früheren Arbeitgeber, die Firma Solfrutex, gerichtlich vorgehen wolle. Wie immer sprach er sehr einfühlsam, aber dennoch sachlich und eindringlich, mit ihr und machte ihr klar, was eine Klage in der von ihr beabsichtigten Form in der Praxis bedeuten würde:

„Liebe Frau Armknecht“, hatte er gesagt, „Sie wissen ja, ich selbst könnte Ihnen in seinem solchen Prozess auf keinen Fall beistehen. Ich bin seit Jahren auf Strafrecht spezialisiert und habe wenig Erfahrung im Bereich Wirtschaftsdelikte. Was ich allerdings auf jeden Fall machen könnte, wäre, Kontakt mit Dr. Breitschar aufzunehmen. Sie wissen ja, das ist derjenige, der im letzten Jahr den aufsehenerregenden Prozess gegen die Hubanex AG gewonnen hat. Eine wirkliche Koryphäe im Bereich Wirtschaftskriminalität. Ob er allerdings noch einmal einen Prozess in dieser Größenordnung führen kann, wage ich dennoch zu bezweifeln – er wird demnächst siebzig und wollte sich schon längst zurückziehen. Sie müssen bedenken, liebe Frau Armknecht, dass so ein Prozess Jahre dauern kann. Und vergessen Sie nie: Ihr Gegner beschäftigt brillante, international tätige Anwälte, das hat die Solfrutex in den USA ja schon im letzten Jahr vorgeführt. Sie erinnern sich an diese verworrene Fusionsgeschichte, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat?" Britta nickte.

„Ich müsste also erst einmal gründlich recherchieren, welcher Anwalt außer Dr. Breitschar noch in der Lage wäre, Sie würdig und fachkundig zu vertreten. Von den finanziellen Risiken, falls Sie den Prozess verlieren sollten, will ich noch gar nicht reden. Ich weiß im Moment beim besten Willen nicht, wozu ich Ihnen raten soll … und ob Sie gesundheitlich wirklich schon stabil genug wären, so einen Mammutprozess durchzustehen." Er schaute sie dabei eindringlich an, nahm für einen kurzen Moment ihre Hände und drückte sie beruhigend. Britta empfand dies nicht als unangenehm, ganz im Gegenteil...

Sie erbat sich noch ein letztes Mal Aufschub. Es kostete sie einige Überwindung, Dr. Draweck ihren Hausschlüssel aushändigen zu lassen. Diesen benötigte er, um mit dem Immobilienmakler eine Besichtigung des Hauses durchführen zu können. Vor allem aber sollte er ihr bei seinem nächsten Besuch Unterlagen aus ihrem Arbeitszimmer mitbringen: Kopien, die sie heimlich im Unternehmen angefertigt hatte, und vor allem ihre Tagebücher, in denen sie monatelang akribisch ihren Arbeitsalltag bei der Solfrutex aufgezeichnet hatte.

Vielleicht würde ihr die Durchsicht dieser Unterlagen jetzt, mit einigen Monaten Abstand zu den Vorkommnissen, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen erleichtern.

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4. Eine einfache Lösung

Britta hielt die Zeitung aufgeschlagen vor sich und konnte sich immer noch nicht sattsehen an der Schlagzeile:

„EU-Kommission verhängt wegen Kartellabsprachen € 35 Mio. Geldbuße gegen Solfrutex“.

Gestern war Dr. Draweck mit dieser Zeitung in der Hand auf sie zugestürmt. „Frau Armknecht, es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit!“ Einen Augenblick lang hatte es so ausgesehen, als wolle er ihr um den Hals fallen.

Zufrieden seufzend legte sie die Zeitung neben die Papiere, die sich seit Monaten auf dem kleinen Tisch in ihrer Zelle stapelten. Gedankenverloren wühlte sie noch einmal in den Unterlagen, die ihr Dr. Draweck vor Monaten aus ihrem Haus mitgebracht hatte. Britta blätterte durch das engbeschriebene Tagebuch der damaligen Jahre. Ihr Magen zog sich unwillkürlich zusammen, als sie hier und da einzelne Abschnitte überflog:

16.05.2003
Bin außer mir. Heute zufällig Bergsons Entwurf eines Schreibens an Hubanex gefunden. Wenn das so rausgeht, ist das eine klare Kartellabsprache!!!

03.07.2004
Gestern eine Fernsehdokumentation über unerträgliche Arbeitsbedingungen unseres Produktionsbetriebes auf den Philippinen gesehen. Heute Hektik bei Bergson. Ich finde bei ihm eine vertrauliche Mitteilung der Zentrale in Palo Alto, dass er dementieren solle. Bergson diktiert mir eine Gegendarstellung an den Fernsehsender. Er ist sehr wortkarg, als ich ihm detaillierte Fragen zur Sache stelle.

02.01.2005:
Ich habe endlich die lange erhoffte Position im Vertrieb übernommen und brauche nicht mehr für Bergson die Kaffeemamsell spielen. Bergson passt das gar nicht, er kann Frauen im Berufsleben allenfalls als Sekretärinnen akzeptieren. Aber der Vertriebsleiter hat sich sehr für mich eingesetzt.

20.01.2005:
Bergson will mich nötigen, den Verhaltenscodex zu unterzeichnen. Ich habe die Unterschrift verweigert. Angeblich haben alle (!!!) Mitarbeiter der Niederlassung außer mir unterschrieben. Diese Arschkriecher! Mir wird übel.

15.02.2005:
Bergson setzt die Daumenschrauben an. Mein Urlaub für April ist gestrichen, da ich Urlaubsvertretung für sein Fräulein Sekretärin machen soll. Angeblich hätte sie zuerst den Urlaub eingereicht. Stimmt definitiv nicht!!

Britta sah noch einmal die demütigende Situation vor sich, als Bergsons Sekretärin sich lächelnd in den Urlaub verabschiedete und ihr „Viel Spaß bei der Arbeit“ wünschte. Natürlich war Brittas eigene Arbeit im Vertrieb während dieser Zeit von niemandem übernommen worden. „Sie machen das schon, Frau Armknecht!“ hatte Bergson süffisant bemerkt, und Britta hatte jeden Abend noch zwei Stunden länger als üblich im Büro gesessen.

31.10.2005:
Die gesamte Abteilung durfte am Wochenende zum Vertriebs-Meeting nach Barcelona. Außer mir. Laut Bergson seien meine Produkte nicht Gegenstand dieses Meetings. Die Kollegen unterhalten sich den ganzen Tag ungeniert über ihre Erlebnisse, Puff-Besuch inbegriffen. Mir ist zum Kotzen! Ich habe mir ein starkes Schlafmittel besorgt.


Die Einträge der folgenden Monate überflog sie nur kurz: Notizen über Medikamente, um abends besser schlafen zu können und morgens wieder fit zu werden, die ersten groben Fehler, die ihr bei der Arbeit unterliefen, die ständige Alarmbereitschaft wegen der schweren Krankheit ihrer Mutter – ein Teufelskreis, den sie ohne Hilfe nicht mehr hatte durchbrechen können.

16.11.2005
Heute Mutti ins Pflegeheim gebracht. Sie ist sehr verstört. Ich muss mich jetzt um die Wohnungsauflösung kümmern.

15.01.2006
Mutti wieder im Krankenhaus. Die Ärzte machen mir nicht viel Hoffnung.

20.01.2006

Dieser Tag enthielt keinen Eintrag, nur ein großes schwarzes Kreuz.

Brittas Augen füllten sich mit Tränen, sie musste das Lesen eine Weile unterbrechen.

Danach mehrere Tage keine Einträge. Die Beisetzung, die Formalitäten nach einem Sterbefall, die ihr als einziger Tochter zufielen ... es waren so viele Dinge gewesen, die sie in kurzer Zeit allein bewältigen musste.

10.02.2006
Bergson droht mit Abmahnung, wenn ich in diesem Jahr den Verhaltungscodex wieder nicht unterzeichne. Ich verweigere auch diesmal und sage ihm, er könne mich nicht zwingen. Ich nehme jetzt auch tagsüber ständig Tabletten, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

15.02.2006
Bergson hat einen Grund für die Abmahnung gefunden. Angeblich hätte ich neulich grob fahrlässig eine Lieferung aufs Spiel gesetzt und großen Schaden für die Firma verursacht. Ich kann ihm nicht das Gegenteil beweisen. Meine Kollegen schweigen, obwohl sie genau wissen, dass Bergson im Unrecht ist. Frauen sind in dieser Branche nicht besonders angesehen.“


Britta erinnerte sich bitter an das letzte Gehaltsgespräch. Bergson hatte eine Gehaltserhöhung mit der lapidaren Ausrede abgelehnt: „Sie als Frau können doch nicht genauso viel verdienen wie ein Familienvater!“

Die Aufzeichnungen über die letzten Monate vor dem verhängnisvollen 16. Juli 2006 wollte sie sich nicht mehr antun. „Es ist vorbei, Britta“, sagte sie leise zu sich selbst und schob die Papiere beiseite.

Alles hatte sich plötzlich für sie zum Guten gewandelt. Schon während Dr. Draweck und sie vor Monaten über einen eventuellen Prozess nachdachten, gab es erste Gerüchte über Untersuchungen einer EU-Kommission gegen die Solfrutex. Die Information kam von Dr. Breitschar, dem renommierten Wirtschaftsanwalt, der immer überraschend viel wusste. Dr. Draweck riet Britta daraufhin nochmals dringend, nicht voreilig zu handeln und die Entwicklungen abzuwarten. Und er hatte Recht behalten! Die Kartellbehörden hatten schon seit zwei Jahren ermittelt, wie aus dem Zeitungsartikel hervorging.

Was konnte sie also noch mehr erreichen? Die kartellrechtliche Seite war mit dieser Strafzumessung abgeschlossen. Der Fertigungsbetrieb auf den Philippinen war kürzlich wegen schlechter Auftragslage geschlossen worden. Andere Unternehmen würden dort mit ähnlichen Arbeitsbedingungen weitermachen, da war sie sich allerdings sicher. Und Waldemar Bergson konnte kein Unheil mehr anrichten.

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5. Trautes Heim

Dreieinhalb Jahre später sitzt Britta auf der Terrasse ihres Hauses und blinzelt in die Frühjahrssonne. Sie fühlt sich so unbeschwert wie seit Jahren nicht mehr, auch ohne kleine bunte Pillen.

Seit einer Woche ist sie wieder daheim. Sie hat ihre Strafe verbüßt. Ein halbes Jahr Haftverkürzung wegen guter Führung hat man ihr zugestanden – das bedeutet für sie einen geschenkten Frühling und Sommer. Dr. Draweck hat dieses Haus vor drei Jahren gekauft, „als Kapitalanlage“, wie er ihr damals ein wenig verschämt mitteilte. Praktischerweise hat er gleich die gesamte finanzielle Abwicklung des Prozesses und die Anlage des verbliebenen Geldes aus dem Hausverkauf mit übernommen. Bis vor kurzem war das Haus vermietet. Eberhard Draweck hat es vor ihrer Rückkehr aufwendig renovieren lassen.

Zur Psychotherapie will Britta weiterhin gehen, dazu hat ihr der Gefängnispsychologe geraten. Es gibt noch genügend aufzuarbeiten. Einen Job wird sie wohl nicht mehr bekommen. Aber im nächsten Jahr kann sie eine vorgezogene Altersrente beantragen.

Britta hört ein Auto in die Einfahrt fahren. Mit schnellen, ungeduldigen Schritten nähert sich jemand. Britta steht auf und geht dem Besucher entgegen. „Schön, dass du schon da bist, Eberhard“, strahlt sie und nimmt den Blumenstrauß entgegen, den der Anwalt ihr überreicht. Mit einem Seufzer fügt sie hinzu: „Was hätte ich nur ohne dich getan!“
 

Ciconia

Mitglied
Es gab Leser, die fanden den 1. Teil dieser Geschichte, "Das Abschiedsgeschenk", gar nicht gut - wahrscheinlich zu Recht. Dann gab es Leser, die fanden den erläuternden 2. und 3. Teil gut und hofften auf eine Fortsetzung.

Neulich habe ich alles zusammengefügt und ein 4. und 5. Kapitel drangehängt - und alles schweigt. Schade!

Gruß Ciconia
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Gut, dann will (endlich) mal was sagen, damit du dich nicht umsonst abgemüht hast. Obwohl es ja nie umsonst ist, zu üben …


Das Kapitel mit dem Hofgang empfand ich als zu umständlich. Der wesentliche Inhalt hätte als direkte Handlung statt als so umfangreiche Rückblende(n) mehr "Drive".

Ich fand den Tagebuch-Teil langweilig. Nicht sprachlich, sondern weil es im Prinzip nur das erzählte, was oben in der Urteilsbegründung schon gesagt worden war.

Etwas verquer erscheint mir auch die Sache mit der Klage gegen die Firma. Unabhängig davon, dass ich nicht sicher bin, ob man als Person überhaupt so eine Klage anstrengen kann, finde ich es literarisch extrem verpufft, dass das im Sande verläuft.
Was hältst du davon, die Ermittler auf Britta (über den Anwalt) zugehen zu lassen, um sie als „Zeugin“ zu befragen? Vielleicht kann dann die Strafe auch höher (einem Mord angemessen) sein und die „vorzeitige Entlassung“ wird dann von den Wirtschaftsanwälten als Belohnung für die Unterlagen eingerührt. Das würde auch dem Anwalt eine größere (und bedeutendere als fast nur moralisch unterstützende) Bedeutung geben - er würde diese Verhandlungen führen, sozusagen. Zudem wäre die Genugtuung für Britta größer und du müsstest sie nicht zum braven Therapie-Hascherl „verkommen“ lassen.



Ein paar Details:


weniger interessanten Arbeitsplatz
Das ist in dem Zusammenhang albern. Jemand, der gemobbt wird, fürchtet sich nicht vor sowas, sondern vor einer minderwertigen Stelle, Lohneinbußen und noch mehr Mobbing. Auch vor Gericht ist „Drohung mit weniger interessantem Arbeitsplatz“ sicher kein Milderungsgrund (nicht mal anteilig). Im Gegenteil, das ist wahrscheinlich fast schon ein „niederer Beweggrund“.


Warum sie noch am selben Tag ihr Arbeitsverhältnis aufkündigte, kann sich die Angeklagte nachträglich nur so erklären, dass sie nun endgültig mit diesem Unternehmen abschließen wollte. Über die juristischen Konsequenzen habe sie sich am Tag der Tat aufgrund ihres psychischen Ausnahmezustandes keinerlei Gedanken gemacht.
Das verstehe ich nicht: Was für juristische Konsequenzen soll die Kündigung denn gehabt haben?


… ist eine Flüssigkeit, kein Pulver.

Den zweiten Absatz im 3. Kapitel würde ich nochmal teilen

hatte genickt


wie sie – mit Hilfe ihres Anwalts vielleicht sogar noch aus der Haft heraus – diesen Kriminellen mit den weißen Kragen das Handwerk legen konnte.
Es sind die sprichwörtlich weißen Westen, nicht die weißen Kragen …

„Sie machen das schon, Frau Armknecht!“ hatte Bergson süffisant bemerkt,
Komma nach der Rede
 

Ciconia

Mitglied
1. Das Abschiedsgeschenk

Britta rauschte wie jeden Morgen ziemlich genervt um kurz vor neun ins Büro. Die lange Autofahrt und der übliche Stau stressten sie schon, bevor der Tag richtig angefangen hatte. Sie fragte sich, wie viele Notizzettel heute Morgen auf ihrem Schreibtisch liegen würden. Meistens waren es zwei bis drei, manchmal auch mehr. Nachrichten von Kunden, die früh anriefen und automatisch bei den Kollegen im Großraumbüro landeten. Die Kollegen schienen alle Frühaufsteher zu sein, sie kamen teilweise schon um 7 Uhr ins Büro, diese Schleimer. Aber keiner von ihnen hatte auch nur annähernd einen so langen Arbeitsweg wie Britta. Sie hatte sich vor einigen Monaten für ein kleines Häuschen auf dem Land entschieden und erlebte nun täglich auch die Nachteile des Landlebens.

Mit Brittas Produktbereich waren die lieben Kollegen nicht so vertraut. Sie waren am frühen Morgen auch mit ihren eigenen Kunden beschäftigt. Deshalb reichte es nur für kurze Kritzeleien, wenn sie denn überhaupt für Britta bestimmte Telefonate annahmen. „Buhse anrufen – dringend", las sie, und „Firma Sanderling moniert, bitte bei Spedition nachfragen“, (na immerhin ein „Bitte"!), und als letztes: „Bergson will Sie unbedingt gleich sprechen!!", mit zwei Ausrufungszeichen. Bergson, der Geschäftsführer der Niederlassung. 'Der kann mich mal kreuzweise', war ihr erster Gedanke. Zunächst musste sie sich um ihre Kunden kümmern und griff deshalb gleich zum Telefon.

Sie hatte das erste Telefonat fast beendet, als sich Bergson auch schon durch die Tür schob. 'Du fieses fettes Monster', schoss es ihr durch den Kopf, während sie Geschäftigkeit vortäuschte und gleich das zweite Telefongespräch begann, ohne aufzusehen.

„Frau Armknecht, würden Sie bitte mal in mein Büro kommen?", säuselte er. Sie nickte kurz und bedeutete ihm mit einem kurzen Handzeichen, dass sie noch einen Augenblick brauchen würde. Ihre ohnehin schon miese Laune sank weiter. Eine Weile sollte er schon noch warten. Britta begann ein drittes Telefonat, das sie sehr geschäftig auf mehr als eine Viertelstunde ausdehnte. Sie schluckte noch schnell eine ihrer kleinen rosa Lieblingspillen, dann war sie bereit für die Höhle des Löwen.

Leider sei Herr Bergson kurzfristig in eine dringende Besprechung gerufen worden, plapperte die neue junge Assistentin mit wichtiger Miene. Danach müsse er dann zu einem Mittagessen mit den Herren aus Brüssel, die seit einigen Tagen zu Gesprächen im Hause waren, verriet sie weiter. Britta war es sehr recht, so konnte sie ihren lange gehegten Plan vielleicht schon heute Nachmittag ausführen. Ihre Laune besserte sich schlagartig.

Bergson ließ sie gegen 15 Uhr rufen. „Nehmen Sie doch Platz", eröffnete er das Gespräch, von dem Britta wusste, dass es ebenso anstrengend wie sinnlos werden würde. „Ich hab mir noch einmal Ihr Verhalten in den letzten Wochen durch den Kopf gehen lassen", kam er gleich zur Sache, „und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum Sie unseren Verhaltenskodex nicht unterschreiben wollen. Sie sind wirklich die einzige, die sich geweigert hat. Wie steht unsere Niederlassung jetzt in Palo Alto da?"

'Wenn der wüsste, wie egal mir das ist', dachte Britta. Dieser Mensch war ihr in seiner ganzen schleimigen Art so zuwider und hatte ihr in den letzten Monaten dermaßen das Leben zur Hölle gemacht, dass es sie große Anstrengung kostete, freundlich zu bleiben.

„Herr Bergson, ich verstehe nicht, warum Sie mich immer wieder auf diese Angelegenheit ansprechen. Glauben Sie wirklich, dass ich meine Einstellung noch mal ändern könnte? Ich dachte, ich hätte mich neulich klipp und klar ausgedrückt. Ich unterschreibe diesen Verhaltenscodex nicht – und Sie wissen genau warum! Ich kann nicht unterschreiben, weil ich Informationen über interne Vorfälle habe, die diesem Codex in mehrfacher Weise widersprechen!"

Bergson wurde unruhig. Natürlich wusste er genau, dass eine Britta Armknecht, die seit sieben Jahren in diesem Unternehmen arbeitete, niemals ihre Meinung ändern würde. Aber seine Vorgesetzten in Palo Alto hatten ihn wahrscheinlich dazu verdonnert, noch ein letztes Mal auf Britta einzuwirken. Das Firmenimage musste nach außen einwandfrei sein: Mit ihrer Unterschrift bestätigten die Beschäftigten indirekt, dass niemand in diesem Unternehmen Dreck am Stecken hatte.

Britta wusste es besser. Schließlich hatte sie vor Jahren als Assistentin bei Bergson angefangen und kannte daher mehr Unternehmensinterna, als ihm lieb sein konnten. Sie hatte eine äußerst schnelle Auffassungsgabe und bekam mehr mit als mancher andere. Und sie konnte es, verdammt noch mal, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, diese krummen Sachen mit einer Unterschrift zu beschönigen. Die Kollegen, von denen mit Sicherheit einige eingeweiht waren, dachten da offensichtlich anders.

Bergson kam ins Schwitzen. „Wollen wir nicht erst einmal in Ruhe einen Kaffee miteinander trinken?", fragte er schließlich etwas hilflos. 'Er erwartet jetzt, dass ich als seine frühere Sekretärin losmarschiere und den Kaffee hole', dachte sie sich. Heute wollte sie ihm den Gefallen gern tun. Auf dem Weg über den Flur in die kleine Kaffeeküche vergewisserte sie sich, dass das Röhrchen mit dem Pulver, das sie schon vor geraumer Zeit besorgt hatte, noch in ihrer Jackentasche steckte. Die Küche war leer. Sie rührte den Inhalt seines Kaffeebechers in aller Ruhe mehrmals um, bevor sie sich mit zwei vollen Bechern wieder auf den Weg ins Chefzimmer machte.

Heute war ihr letzter Arbeitstag vor dem Urlaub, und in etwa einer Stunde konnte sie das Büro verlassen – auf jeden Fall lange bevor Bergson unerklärliche Beschwerden bekommen würde. Sie bezweifelte, dass er sich jemals wieder erholen konnte. Es spielte für sie auch keine Rolle mehr, denn ihre Kündigung würde morgen in der Post sein. Noch ein paar Tage Resturlaub und einige Krankentage - wenn ihre Pläne aufgingen, brauchte sie diese Firma nie wieder zu betreten. Das ruhige Landleben würde ihr guttun.

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2. Das Urteil

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:
Die Angeklagte Britta Armknecht wird wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Bei der Höhe des Strafmaßes hat das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten gelten lassen. Die Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Zur Begründung:
Das Gericht sieht es aufgrund von Indizienbeweisen sowie des umfänglichen Geständnisses der Angeklagten als erwiesen an, dass die Angeklagte am Nachmittag des 16. Juli diesen Jahres ihren Vorgesetzten, den Geschäftsführer Waldemar Bergson, mit einer Überdosis Parathion, gemeinhin auch als E 605 bekannt, vergiftet und seinen Tod billigend in Kauf genommen zu haben.

Zum Zeitpunkt der Tat befand sich die Angeklagte in einem erheblichen psychischen Ausnahmezustand, was während der Untersuchungshaft gutachterlich bestätigt werden konnte. Sie fühlte sich seit längerem von ihren ausschließlich jüngeren männlichen Kollegen gemobbt. Darüber hinaus wurde sie seit Jahren von ihrem Vorgesetzten, dem späteren Opfer, unter Druck gesetzt.

Die Angeklagte hatte während ihrer Zeit als Assistentin des Waldemar Bergson Kenntnis von Kartellabsprachen des Unternehmens erlangt und wusste auch von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Fertigungsbetrieb des Unternehmens auf den Philippinen. Getrieben von ihrem überaus stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn suchte sie in Folge ein Gespräch hierüber mit ihrem Vorgesetzten Waldemar Bergson. Dieser drohte daraufhin nach Aussage der Angeklagten immer wieder mit Sanktionen, sollte sie Firmeninterna nach außen tragen. Er beauftragte sie oftmals mit kurzfristig angesetzten Aushilfsarbeiten und Urlaubsvertretungen in anderen Bereichen des Unternehmens, die ihr nicht genügend Spielraum für ihre eigentlichen Aufgaben ließen. Eine erste Abmahnung aus nichtigem Grund war bereits erfolgt. Auf die Spitze getrieben wurde der Konflikt, als Waldemar Bergson die Angeklagte aufforderte, den weltweit geltenden Verhaltenskodex des Unternehmens zu unterschreiben, in dem jeder Mitarbeiter erklären sollte, keinerlei Kenntnis von irgendwelchen Absprachen mit anderen Unternehmen zu haben.

Warum die Angeklagte das für sie äußerst unbefriedigende Arbeitsverhältnis nicht früher auflöste, erklärte sie mit ihrem fortgeschrittenen Alter und der damit verbundenen Schwierigkeit, noch einmal eine adäquate Arbeitsstelle zu finden.

Wie die Angeklagte weiter ausführte, trug auch ihre private Situation dazu bei, dass sich ihr Gesundheitszustand in den Monaten vor der Tat zunehmend verschlechterte. So war Anfang des Jahres ihre Mutter nach monatelanger schwerer Krankheit verstorben, was bei der Angeklagten zu einer ernsthaften Depression führte. Nach ihren eigenen Aussagen, die von ihrem behandelnden Arzt bestätigt wurden, war die Angeklagte seit Monaten von Antidepressiva und Tranquilizern abhängig, um dem täglichen beruflichen Stress begegnen zu können.

Alle diese Gegebenheiten führten dazu, dass die Angeklagte in der Folgezeit zu der geradezu wahnhaften Vorstellung gelangte, ihr Vorgesetzter Waldemar Bergson sei für ihren Zustand verantwortlich. Seit seiner ersten Aufforderung, ihre Unterschrift unter den genannten Verhaltenskodex zu setzen, und der damit verbundenen Androhung einer zweiten Abmahnung und Versetzung auf einen weniger interessanten und schlechter dotierten Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens litt sie immer häufiger unter Schlafstörungen und Angstattacken, was eine zunehmende Verschlechterung ihrer Arbeitsleistung zur Folge hatte und im Kollegenkreis zu weiteren Anfeindungen führte.

Sie fasste deshalb einige Wochen vor der Tat den Entschluss, ihren Vorgesetzten aus dem Weg zu räumen. Bei der Haushaltsauflösung im Haus ihrer verstorbenen Mutter hatte sie einen Rest E 605 gefunden, den ihr Vater früher als Pflanzenschutzmittel eingesetzt hatte. Obwohl sie sich über die Wirkungsweise dieses Giftes unsicher war, da es auf jeden Fall schon mehrere Jahre alt sein musste, nahm sie billigend in Kauf, dass die Wirkung tödlich sein könnte.

Am Nachmittag des 16. Juli nutzte sie die Gelegenheit, dieses Gift in den Kaffeebecher des Waldemar Bergson zu mischen, den dieser in ihrem Beisein austrank. Kurz darauf verließ sie das Büro und trat ihren Urlaub an. Warum sie noch am selben Tag ihr Arbeitsverhältnis aufkündigte, kann sich die Angeklagte nachträglich nur so erklären, dass sie nun endgültig mit diesem Unternehmen abschließen wollte. Über die juristischen Konsequenzen ihrer Tat habe sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund ihres psychischen Ausnahmezustandes keinerlei Gedanken gemacht.

Das Opfer zeigte schon im Laufe desselben Nachmittags erste Krankheitserscheinungen, deren Ursachen jedoch zunächst nicht geklärt werden konnten. Erst als die Beschwerden im Laufe des Abends zunahmen und es zu Atemnot und Muskelkrämpfen kam, wurde ein Notarzt hinzugezogen, der die sofortige Einweisung in das nächste Krankenhaus veranlasste. Dort verstarb das Opfer am späten Abend an den Folgen des verabreichten Giftes.

Die Obduktion ergab eindeutig eine hohe Parathion-Konzentration im Körper des Opfers. Bei der anschließenden kriminaltechnischen Untersuchung der Büroräume wurden Rückstände dieses Giftes im Kaffeebecher gefunden, ferner wurden auf dem Becher Fingerabdrücke festgestellt, die eindeutig der Angeklagten zugeordnet werden konnten.

Die Angeklagte wurde drei Tage später an ihrem Wohnsitz festgenommen. Ihr sofortiges umfassendes Geständnis sowie die gutachterliche Bestätigung ihrer geschilderten psychischen Beschwerden haben das Gericht bewogen, eine Freiheitsstrafe im unteren Bereich des Strafrahmens auszusprechen.

Gegen dieses Urteil kann die Angeklagte das Rechtsmittel der Berufung einlegen.
Die ausführliche Urteilsbegründung wird dem Anwalt der Angeklagten in Kürze zugestellt.
Die Sitzung ist hiermit geschlossen."


Britta hatte seit der Verkündung des Strafmaßes völlig regungslos dagesessen. Sie bemühte sich sehr, ihre Tränen zu unterdrücken, Tränen der Scham und der Wut darüber, dass es ihr nicht gelungen war, die Angelegenheit Waldemar Bergson eleganter zu lösen.

Seit ihrer Verhaftung und der sukzessiven Absetzung der Psychopharmaka war es ihr wieder möglich geworden, klarer zu denken als noch vor einigen Monaten. Sie musste nun endlich erkennen, dass sie ihr Leben ruiniert hatte. Ob sie ihr geliebtes Häuschen behalten konnte, das sie vom geerbten Geld ihrer Mutter gekauft hatte, würde sich in den nächsten Monaten nach der endgültigen Begleichung der Anwalts- und Gerichtskosten zeigen.

Dass der fette Bergson es nicht besser verdient hatte, glaubte sie allerdings immer noch.

Aus Tageszeitungen, die sie während der U-Haft lesen durfte, wusste sie, dass der neue Geschäftsführer des Unternehmens die Geschäfte „im Sinne seines unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommenen Vorgängers Waldemar Bergson" weiterführen wolle. Was für sie nichts anderes hieß, als dass die Machenschaften weitergingen.

Fünf Jahre Haft – vielleicht gab es bei guter Führung eine Verkürzung der Haftdauer. Sie würde auf jeden Fall die Zeit nutzen, um sich zu überlegen, wie sie – mit Hilfe ihres Anwalts vielleicht sogar noch aus der Haft heraus – diesen Kriminellen mit den weißen Kragen das Handwerk legen konnte. Aufgeben würde sie noch nicht. Sie hatte jetzt viel Zeit zum Nachdenken und Lernen.

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3. Im Vollzug

Britta saß am Tisch ihrer Zelle und wartete auf die Schließerin. Draußen schien es endlich Frühling zu werden, und sie freute sich wie jeden Tag auf eine Stunde Hofgang am Nachmittag, die ihr wenigstens einen Hauch von freiem Leben vorgaukelte. Seltsamerweise konnte sie sich während dieser Stunde am besten konzentrieren und über vieles nachdenken, was ihr in der engen Zelle nicht oft gelang.

Seit fünf Monaten war sie jetzt schon in der JVA. Nach dem Weihnachtsfest und dem ersten Winter hinter Gittern war sie zuversichtlich, dass das Allerschlimmste erst einmal überstanden war. Ihr war es gelungen, Arbeit in der Anstaltsküche zu bekommen, eine anstrengende Arbeit, die ihr half, ohne großes Nachdenken über die längste Zeit des Tages zu kommen. Sie hatte sich relativ schnell an die einsamen Stunden in der Zelle gewöhnt und versucht, sich durch vieles Lesen abzulenken. Die Gefängnisbibliothek war erstaunlich umfangreich, da würde ihr der Lesestoff nicht so schnell ausgehen.

Außerdem gab es immer noch Dr. Draweck, ihren Anwalt, der sie in den letzten Monaten mehrmals besucht und jedes Mal neue Bücher mitgebracht hatte. Er hatte erstaunlich schnell herausgefunden, womit er ihr eine Freude machen konnte. Ein Dreivierteljahr war er jetzt schon für sie tätig. Er hatte sie mit großem Sachverstand und viel Einfühlungsvermögen durch die U-Haft und den gesamten Prozess begleitet. Letztlich verdankte sie es ihm, dass ihre Strafe verhältnismäßig gering ausgefallen war, weil er ihr einen der besten psychiatrischen Gutachter Deutschlands beschafft hatte. Er war auch derjenige, der bei seinen Besuchen immer wieder betonte, wie wichtig es für sie sei, endlich von den Medikamenten loszukommen, wenn sie eine gute Prognose für die angestrebte Haftverkürzung haben wolle.

Während des Hofganges wollte sie noch einmal über das gestrige Gespräch mit Dr. Draweck nachdenken, das fast drei Stunden gedauert hatte. Allmählich beschlich sie das Gefühl, dass er sich mehr als nötig mit ihr und ihrem Fall beschäftigte. Auch diesmal hatte er ihr wieder ein Buch mitgebracht, einen aktuellen Bestseller. Sie hatte sich sehr gefreut, auch wenn Dr. Draweck diesmal keine guten Nachrichten für sie dabei hatte.

Die finanzielle Seite des Prozesses könne jetzt abgeschlossen werden, erklärte er ihr. Gerichtskosten, Gutachterkosten, seine Kostennoten, die erstaunlicherweise mehr als moderat ausgefallen waren – alles in allem eine Summe, die sie aus ihrem vorhandenen Barvermögen nicht würde begleichen können. Er bereitete sie schonend darauf vor, dass sie ihr Haus wahrscheinlich verkaufen müsse. Wenn sie einverstanden sei, könne er einen befreundeten Immobilienmakler bitten, sich das Haus einmal anzusehen. Vielleicht sei es möglich, einen guten Preis zu erzielen, bevor es zu einer Zwangsvollstreckung käme.

Britta verdrängte die Vorstellung vom Verkauf des Hauses seit Monaten. Solange die endgültigen Kosten des Prozesses nicht feststanden, hatte sie sich noch Illusionen machen können. Jetzt würde sie die Fakten endgültig akzeptieren müssen. Es war sehr schwer für sie, sich ein Leben nach der Haft ohne ihr Häuschen vorstellen zu können, das sie sich gerade erst sorgfältig eingerichtet hatte.

Nachdem die Beamtin sie in den Hof geführt hatte, begann Britta raschen Schrittes mit ihren Runden und dachte dabei schnell wieder an den Anwalt. Die Finanzen waren nämlich nicht das einzige Thema gewesen, das es zu besprechen gab.

Wie er schon bei einem früheren Besuch angedeutet hatte, sollte sie nun allmählich zu einem Entschluss kommen, ob sie wirklich gegen ihren früheren Arbeitgeber, die Firma Solfrutex, gerichtlich vorgehen wolle. Wie immer sprach er sehr einfühlsam, aber dennoch sachlich und eindringlich, mit ihr und machte ihr klar, was eine Klage in der von ihr beabsichtigten Form in der Praxis bedeuten würde:

„Liebe Frau Armknecht“, hatte er gesagt, „Sie wissen ja, ich selbst könnte Ihnen in seinem solchen Prozess auf keinen Fall beistehen. Ich bin seit Jahren auf Strafrecht spezialisiert und habe wenig Erfahrung im Bereich Wirtschaftsdelikte. Was ich allerdings auf jeden Fall machen könnte, wäre, Kontakt mit Dr. Breitschar aufzunehmen. Sie wissen ja, das ist derjenige, der im letzten Jahr den aufsehenerregenden Prozess gegen die Hubanex AG gewonnen hat. Eine wirkliche Koryphäe im Bereich Wirtschaftskriminalität. Ob er allerdings noch einmal einen Prozess in dieser Größenordnung führen kann, wage ich dennoch zu bezweifeln – er wird demnächst siebzig und wollte sich schon längst zurückziehen. Sie müssen bedenken, liebe Frau Armknecht, dass so ein Prozess Jahre dauern kann. Und vergessen Sie nie: Ihr Gegner beschäftigt brillante, international tätige Anwälte, das hat die Solfrutex in den USA ja schon im letzten Jahr vorgeführt. Sie erinnern sich an diese verworrene Fusionsgeschichte, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat?" Britta hatte genickt.

„Ich müsste also erst einmal gründlich recherchieren, welcher Anwalt außer Dr. Breitschar noch in der Lage wäre, Sie würdig und fachkundig zu vertreten. Von den finanziellen Risiken, falls Sie den Prozess verlieren sollten, will ich noch gar nicht reden. Ich weiß im Moment beim besten Willen nicht, wozu ich Ihnen raten soll … und ob Sie gesundheitlich wirklich schon stabil genug wären, so einen Mammutprozess durchzustehen." Er schaute sie dabei eindringlich an, nahm für einen kurzen Moment ihre Hände und drückte sie beruhigend. Britta empfand dies nicht als unangenehm, ganz im Gegenteil...

Sie erbat sich noch ein letztes Mal Aufschub. Es kostete sie einige Überwindung, Dr. Draweck ihren Hausschlüssel aushändigen zu lassen. Diesen benötigte er, um mit dem Immobilienmakler eine Besichtigung des Hauses durchführen zu können. Vor allem aber sollte er ihr bei seinem nächsten Besuch Unterlagen aus ihrem Arbeitszimmer mitbringen: Kopien, die sie heimlich im Unternehmen angefertigt hatte, und vor allem ihre Tagebücher, in denen sie monatelang akribisch ihren Arbeitsalltag bei der Solfrutex aufgezeichnet hatte.

Vielleicht würde ihr die Durchsicht dieser Unterlagen jetzt, mit einigen Monaten Abstand zu den Vorkommnissen, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen erleichtern.

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4. Eine einfache Lösung

Britta hielt die Zeitung aufgeschlagen vor sich und konnte sich immer noch nicht sattsehen an der Schlagzeile:

„EU-Kommission verhängt wegen Kartellabsprachen € 35 Mio. Geldbuße gegen Solfrutex“.

Gestern war Dr. Draweck mit dieser Zeitung in der Hand auf sie zugestürmt. „Frau Armknecht, es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit!“ Einen Augenblick lang hatte es so ausgesehen, als wolle er ihr um den Hals fallen.

Zufrieden seufzend legte sie die Zeitung neben die Papiere, die sich seit Monaten auf dem kleinen Tisch in ihrer Zelle stapelten. Gedankenverloren wühlte sie noch einmal in den Unterlagen, die ihr Dr. Draweck vor Monaten aus ihrem Haus mitgebracht hatte. Britta blätterte durch das engbeschriebene Tagebuch der damaligen Jahre. Ihr Magen zog sich unwillkürlich zusammen, als sie hier und da einzelne Abschnitte überflog:

16.05.2003
Bin außer mir. Heute zufällig Bergsons Entwurf eines Schreibens an Hubanex gefunden. Wenn das so rausgeht, ist das eine klare Kartellabsprache!!!

03.07.2004
Gestern eine Fernsehdokumentation über unerträgliche Arbeitsbedingungen unseres Produktionsbetriebes auf den Philippinen gesehen. Heute Hektik bei Bergson. Ich finde bei ihm eine vertrauliche Mitteilung der Zentrale in Palo Alto, dass er dementieren solle. Bergson diktiert mir eine Gegendarstellung an den Fernsehsender. Er ist sehr wortkarg, als ich ihm detaillierte Fragen zur Sache stelle.

02.01.2005:
Ich habe endlich die lange erhoffte Position im Vertrieb übernommen und brauche nicht mehr für Bergson die Kaffeemamsell spielen. Bergson passt das gar nicht, er kann Frauen im Berufsleben allenfalls als Sekretärinnen akzeptieren. Aber der Vertriebsleiter hat sich sehr für mich eingesetzt.

20.01.2005:
Bergson will mich nötigen, den Verhaltenscodex zu unterzeichnen. Ich habe die Unterschrift verweigert. Angeblich haben alle (!!!) Mitarbeiter der Niederlassung außer mir unterschrieben. Diese Arschkriecher! Mir wird übel.

15.02.2005:
Bergson setzt die Daumenschrauben an. Mein Urlaub für April ist gestrichen, da ich Urlaubsvertretung für sein Fräulein Sekretärin machen soll. Angeblich hätte sie zuerst den Urlaub eingereicht. Stimmt definitiv nicht!!

Britta sah noch einmal die demütigende Situation vor sich, als Bergsons Sekretärin sich lächelnd in den Urlaub verabschiedete und ihr „Viel Spaß bei der Arbeit“ wünschte. Natürlich war Brittas eigene Arbeit im Vertrieb während dieser Zeit von niemandem übernommen worden. „Sie machen das schon, Frau Armknecht!“, hatte Bergson süffisant bemerkt, und Britta hatte jeden Abend noch zwei Stunden länger als üblich im Büro gesessen.

31.10.2005:
Die gesamte Abteilung durfte am Wochenende zum Vertriebs-Meeting nach Barcelona. Außer mir. Laut Bergson seien meine Produkte nicht Gegenstand dieses Meetings. Die Kollegen unterhalten sich den ganzen Tag ungeniert über ihre Erlebnisse, Puff-Besuch inbegriffen. Mir ist zum Kotzen! Ich habe mir ein starkes Schlafmittel besorgt.


Die Einträge der folgenden Monate überflog sie nur kurz: Notizen über Medikamente, um abends besser schlafen zu können und morgens wieder fit zu werden, die ersten groben Fehler, die ihr bei der Arbeit unterliefen, die ständige Alarmbereitschaft wegen der schweren Krankheit ihrer Mutter – ein Teufelskreis, den sie ohne Hilfe nicht mehr hatte durchbrechen können.

16.11.2005
Heute Mutti ins Pflegeheim gebracht. Sie ist sehr verstört. Ich muss mich jetzt um die Wohnungsauflösung kümmern.

15.01.2006
Mutti wieder im Krankenhaus. Die Ärzte machen mir nicht viel Hoffnung.

20.01.2006

Dieser Tag enthielt keinen Eintrag, nur ein großes schwarzes Kreuz.

Brittas Augen füllten sich mit Tränen, sie musste das Lesen eine Weile unterbrechen.

Danach mehrere Tage keine Einträge. Die Beisetzung, die Formalitäten nach einem Sterbefall, die ihr als einziger Tochter zufielen ... es waren so viele Dinge gewesen, die sie in kurzer Zeit allein bewältigen musste.

10.02.2006
Bergson droht mit Abmahnung, wenn ich in diesem Jahr den Verhaltungscodex wieder nicht unterzeichne. Ich verweigere auch diesmal und sage ihm, er könne mich nicht zwingen. Ich nehme jetzt auch tagsüber ständig Tabletten, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

15.02.2006
Bergson hat einen Grund für die Abmahnung gefunden. Angeblich hätte ich neulich grob fahrlässig eine Lieferung aufs Spiel gesetzt und großen Schaden für die Firma verursacht. Ich kann ihm nicht das Gegenteil beweisen. Meine Kollegen schweigen, obwohl sie genau wissen, dass Bergson im Unrecht ist. Frauen sind in dieser Branche nicht besonders angesehen.“


Britta erinnerte sich bitter an das letzte Gehaltsgespräch. Bergson hatte eine Gehaltserhöhung mit der lapidaren Ausrede abgelehnt: „Sie als Frau können doch nicht genauso viel verdienen wie ein Familienvater!“

Die Aufzeichnungen über die letzten Monate vor dem verhängnisvollen 16. Juli 2006 wollte sie sich nicht mehr antun. „Es ist vorbei, Britta“, sagte sie leise zu sich selbst und schob die Papiere beiseite.

Alles hatte sich plötzlich für sie zum Guten gewandelt. Schon während Dr. Draweck und sie vor Monaten über einen eventuellen Prozess nachdachten, gab es erste Gerüchte über Untersuchungen einer EU-Kommission gegen die Solfrutex. Die Information kam von Dr. Breitschar, dem renommierten Wirtschaftsanwalt, der immer überraschend viel wusste. Dr. Draweck riet Britta daraufhin nochmals dringend, nicht voreilig zu handeln und die Entwicklungen abzuwarten. Und er hatte Recht behalten! Die Kartellbehörden hatten schon seit zwei Jahren ermittelt, wie aus dem Zeitungsartikel hervorging.

Was konnte sie also noch mehr erreichen? Die kartellrechtliche Seite war mit dieser Strafzumessung abgeschlossen. Der Fertigungsbetrieb auf den Philippinen war kürzlich wegen schlechter Auftragslage geschlossen worden. Andere Unternehmen würden dort mit ähnlichen Arbeitsbedingungen weitermachen, da war sie sich allerdings sicher. Und Waldemar Bergson konnte kein Unheil mehr anrichten.

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5. Trautes Heim

Dreieinhalb Jahre später sitzt Britta auf der Terrasse ihres Hauses und blinzelt in die Frühjahrssonne. Sie fühlt sich so unbeschwert wie seit Jahren nicht mehr, auch ohne kleine bunte Pillen.

Seit einer Woche ist sie wieder daheim. Sie hat ihre Strafe verbüßt. Ein halbes Jahr Haftverkürzung wegen guter Führung hat man ihr zugestanden – das bedeutet für sie einen geschenkten Frühling und Sommer. Dr. Draweck hat dieses Haus vor drei Jahren gekauft, „als Kapitalanlage“, wie er ihr damals ein wenig verschämt mitteilte. Praktischerweise hat er gleich die gesamte finanzielle Abwicklung des Prozesses und die Anlage des verbliebenen Geldes aus dem Hausverkauf mit übernommen. Bis vor kurzem war das Haus vermietet. Eberhard Draweck hat es vor ihrer Rückkehr aufwendig renovieren lassen.

Zur Psychotherapie will Britta weiterhin gehen, dazu hat ihr der Gefängnispsychologe geraten. Es gibt noch genügend aufzuarbeiten. Einen Job wird sie wohl nicht mehr bekommen. Aber im nächsten Jahr kann sie eine vorgezogene Altersrente beantragen.

Britta hört ein Auto in die Einfahrt fahren. Mit schnellen, ungeduldigen Schritten nähert sich jemand. Britta steht auf und geht dem Besucher entgegen. „Schön, dass du schon da bist, Eberhard“, strahlt sie und nimmt den Blumenstrauß entgegen, den der Anwalt ihr überreicht. Mit einem Seufzer fügt sie hinzu: „Was hätte ich nur ohne dich getan!“
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Jon,

danke, dass Du Dir diesen Text noch einmal vorgenommen hast!

Der Tagebuchteil mag einiges wiederholen, was schon im Urteil stand, aber eben nicht alles. Ich wollte damit noch einmal die Geschehnisse in Brittas Leben und ihren Zustand zum Zeitpunkt der Tat verdeutlichen, ebenso die Tatsache, dass sie sich nach einem Jahr schon wieder mit diesen Geschehnissen auseinandersetzen kann und sich auf dem Wege der Besserung befindet.

Deine Idee, Britta als Zeugin agieren zu lassen, hat was, und ich werde auch noch einmal darüber nachdenken. Ich befürchte nur, dass der Text dann endgültig zu lang wird.

Ein „weniger interessanter Arbeitsplatz“ hatte für mich impliziert, dass dieses natürlich auch mit Lohneinbußen verbunden sein würde. Habe ich ausgebessert.

Bei den juristischen Konsequenzen meinte ich natürlich die Konsequenzen ihrer Tat. Habe ich auch ausgebessert.

E605 ist übrigens auch ein Spritzpulver, kenne ich selbst :D , und es wird (zwar nicht bei Wikipedia) im Internet auch so beschrieben.

Der Begriff „Weiße-Kragen-Kriminalität“ wird auch im Deutschen als direkte Übersetzung des englischen „white collar crime“ für Wirtschaftskriminalität verwendet.

Für eine weitergehende Überarbeitung fehlt mir im Moment die Zeit – ich bleibe aber am Ball!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich Jons Idee, Britta als Zeugin auftreten zu lassen, noch einarbeite. Die Idee als solche hat mir zwar gefallen, aber letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Aussage einer unbedeutenden Mitarbeiterin vor einer EU-Kommission wenig zielführend sein würde. Eine solche Kommission ermittelt in Kartellrechtsfällen über Jahre in verschiedenen Unternehmen, die gewonnenen Erkenntnisse bedürfen meiner Ansicht nach keiner zusätzlichen Aussage einzelner kleiner Mitarbeiter mehr.

Britta A. wird bei mir also das gestrauchelte „Therapiehascherl“ bleiben. Trotzdem würde mich die Sicht weiterer Leser hierzu interessieren.

Gruß Ciconia
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe den gesamten Text ausgedruckt (!) gerne gelesen und handwerklich nichts daran auszusetzen. Den Kontrast der einzelnen Textteile fand ich eher reizvoll als ermüdend oder überflüssig.
Mich stört eher etwas anderes: Britta ist ein armes Therapiehascherl, richtig. Aber sie hat einen Menschen getötet, trotzdem erfährt ihre Tat im Text eine Rehabilitierung durch das Verhalten von Bergson und der Firma.
Britta hat aber die - moralisch - schlimmere Tat begangen. Dass sie am Ende zufrieden auf ihrer Terrasse sitzt und den Besuch ihres Anwalts, ihres zukunftigen Liebhabers? , erwartet, lässt das Ganze zumindest für mich schief enden.
Danke für die Unterhaltung sagt
Doc
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Doc,

welch eine Überraschung, dass eines meiner frühen Werke :D noch nach Monaten einen Kommentator gefunden hat! Es freut mich, dass ich Dich damit unterhalten konnte.

Natürlich ist Britta eine Mörderin, natürlich wird sie ihr Leben lang mit dieser Schuld leben müssen. Was die Moral anbelangt: Wer will da richten? Unser Rechtssystem lässt es nun einmal zu (und ich sage dies völlig wertfrei!), dass Brittas Strafmaß durchaus im Rahmen des Üblichen liegt. Bei eingeschränkter Schuldfähigkeit (gutachterlich festgestellt!) und günstiger Sozialprognose kann ein Mörder dann nach fünf Jahren zufrieden auf der Terrasse sitzen, auch wenn uns das noch so sehr empört.

Genau dieses schiefe Ende wollte ich herausstellen und dem Leser damit Stoff zum Nachdenken bieten. Vielleicht empfindet der eine oder andere Leser aber auch eine klammheimliche Freude, dass der alte Bergson dran glauben und seine Firma für so manche Machenschaften büßen musste – was ja nicht heißen muss, dass man im wirklichen Leben Mord gutheißen würde. In vielen Geschichten und Märchen bleiben Gräueltaten ungesühnt und man freut sich, wenn die böse Stiefmutter um die Ecke gebracht wurde, nicht wahr?

Danke fürs genaue Lesen und für Deine Überlegungen!

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
1. Das Abschiedsgeschenk

Britta rauschte wie jeden Morgen ziemlich genervt um kurz vor neun ins Büro. Die lange Autofahrt und der übliche Stau stressten sie schon, bevor der Tag richtig angefangen hatte. Sie fragte sich, wie viele Notizzettel heute Morgen auf ihrem Schreibtisch liegen würden. Meistens waren es zwei bis drei, manchmal auch mehr. Nachrichten von Kunden, die früh anriefen und automatisch bei den Kollegen im Großraumbüro landeten. Die Kollegen schienen alle Frühaufsteher zu sein, sie kamen teilweise schon um 7 Uhr ins Büro, diese Schleimer. Aber keiner von ihnen hatte auch nur annähernd einen so langen Arbeitsweg wie Britta. Sie hatte sich vor einigen Monaten für ein kleines Häuschen auf dem Land entschieden und erlebte nun täglich auch die Nachteile des Landlebens.

Mit Brittas Produktbereich waren die lieben Kollegen nicht so vertraut. Sie waren am frühen Morgen auch mit ihren eigenen Kunden beschäftigt. Deshalb reichte es nur für kurze Kritzeleien, wenn sie denn überhaupt für Britta bestimmte Telefonate annahmen. „Buhse anrufen – dringend", las sie, und „Firma Sanderling moniert, bitte bei Spedition nachfragen“, (na immerhin ein „Bitte"!), und als letztes: „Bergson will Sie unbedingt gleich sprechen!!", mit zwei Ausrufungszeichen. Bergson, der Geschäftsführer der Niederlassung. 'Der kann mich mal kreuzweise', war ihr erster Gedanke. Zunächst musste sie sich um ihre Kunden kümmern und griff deshalb gleich zum Telefon.

Sie hatte das erste Telefonat fast beendet, als sich Bergson auch schon durch die Tür schob. 'Du fieses fettes Monster', schoss es ihr durch den Kopf, während sie Geschäftigkeit vortäuschte und gleich das zweite Telefongespräch begann, ohne aufzusehen.

„Frau Armknecht, würden Sie bitte mal in mein Büro kommen?", säuselte er. Sie nickte kurz und bedeutete ihm mit einem kurzen Handzeichen, dass sie noch einen Augenblick brauchen würde. Ihre ohnehin schon miese Laune sank weiter. Eine Weile sollte er schon noch warten. Britta begann ein drittes Telefonat, das sie sehr geschäftig auf mehr als eine Viertelstunde ausdehnte. Sie schluckte noch schnell eine ihrer kleinen rosa Lieblingspillen, dann war sie bereit für die Höhle des Löwen.

Leider sei Herr Bergson kurzfristig in eine dringende Besprechung gerufen worden, plapperte die neue junge Assistentin mit wichtiger Miene. Danach müsse er dann zu einem Mittagessen mit den Herren aus Brüssel, die seit einigen Tagen zu Gesprächen im Hause waren, verriet sie weiter. Britta war es sehr recht, so konnte sie ihren lange gehegten Plan vielleicht schon heute Nachmittag ausführen. Ihre Laune besserte sich schlagartig.

Bergson ließ sie gegen 15 Uhr rufen. „Nehmen Sie doch Platz", eröffnete er das Gespräch, von dem Britta wusste, dass es ebenso anstrengend wie sinnlos werden würde. „Ich hab mir noch einmal Ihr Verhalten in den letzten Wochen durch den Kopf gehen lassen", kam er gleich zur Sache, „und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum Sie unseren Verhaltenskodex nicht unterschreiben wollen. Sie sind wirklich die einzige, die sich geweigert hat. Wie steht unsere Niederlassung jetzt in Palo Alto da?"

'Wenn der wüsste, wie egal mir das ist', dachte Britta. Dieser Mensch war ihr in seiner ganzen schleimigen Art so zuwider und hatte ihr in den letzten Monaten dermaßen das Leben zur Hölle gemacht, dass es sie große Anstrengung kostete, freundlich zu bleiben.

„Herr Bergson, ich verstehe nicht, warum Sie mich immer wieder auf diese Angelegenheit ansprechen. Glauben Sie wirklich, dass ich meine Einstellung noch mal ändern könnte? Ich dachte, ich hätte mich neulich klipp und klar ausgedrückt. Ich unterschreibe diesen Verhaltenscodex nicht – und Sie wissen genau warum! Ich kann nicht unterschreiben, weil ich Informationen über interne Vorfälle habe, die diesem Codex in mehrfacher Weise widersprechen!"

Bergson wurde unruhig. Natürlich wusste er genau, dass eine Britta Armknecht, die seit sieben Jahren in diesem Unternehmen arbeitete, niemals ihre Meinung ändern würde. Aber seine Vorgesetzten in Palo Alto hatten ihn wahrscheinlich dazu verdonnert, noch ein letztes Mal auf Britta einzuwirken. Das Firmenimage musste nach außen einwandfrei sein: Mit ihrer Unterschrift bestätigten die Beschäftigten indirekt, dass niemand in diesem Unternehmen Dreck am Stecken hatte.

Britta wusste es besser. Schließlich hatte sie vor Jahren als Assistentin bei Bergson angefangen und kannte daher mehr Unternehmensinterna, als ihm lieb sein konnten. Sie hatte eine äußerst schnelle Auffassungsgabe und bekam mehr mit als mancher andere. Und sie konnte es, verdammt noch mal, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, diese krummen Sachen mit einer Unterschrift zu beschönigen. Die Kollegen, von denen mit Sicherheit einige eingeweiht waren, dachten da offensichtlich anders.

Bergson kam ins Schwitzen. „Wollen wir nicht erst einmal in Ruhe einen Kaffee miteinander trinken?", fragte er schließlich etwas hilflos. 'Er erwartet jetzt, dass ich als seine frühere Sekretärin losmarschiere und den Kaffee hole', dachte sie sich. Heute wollte sie ihm den Gefallen gern tun. Auf dem Weg über den Flur in die kleine Kaffeeküche vergewisserte sie sich, dass das Röhrchen mit dem Pulver, das sie schon vor geraumer Zeit besorgt hatte, noch in ihrer Jackentasche steckte. Die Küche war leer. Sie rührte den Inhalt seines Kaffeebechers in aller Ruhe mehrmals um, bevor sie sich mit zwei vollen Bechern wieder auf den Weg ins Chefzimmer machte.

Heute war ihr letzter Arbeitstag vor dem Urlaub, und in etwa einer Stunde konnte sie das Büro verlassen – auf jeden Fall lange bevor Bergson unerklärliche Beschwerden bekommen würde. Sie bezweifelte, dass er sich jemals wieder erholen konnte. Es spielte für sie auch keine Rolle mehr, denn ihre Kündigung würde morgen in der Post sein. Noch ein paar Tage Resturlaub und einige Krankentage - wenn ihre Pläne aufgingen, brauchte sie diese Firma nie wieder zu betreten. Das ruhige Landleben würde ihr guttun.

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2. Das Urteil

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:
Die Angeklagte Britta Armknecht wird wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Bei der Höhe des Strafmaßes hat das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten gelten lassen. Die Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Zur Begründung:
Das Gericht sieht es aufgrund von Indizienbeweisen sowie des umfänglichen Geständnisses der Angeklagten als erwiesen an, dass die Angeklagte am Nachmittag des 16. Juli diesen Jahres ihren Vorgesetzten, den Geschäftsführer Waldemar Bergson, mit einer Überdosis Parathion, gemeinhin auch als E 605 bekannt, vergiftet und seinen Tod billigend in Kauf genommen zu haben.

Zum Zeitpunkt der Tat befand sich die Angeklagte in einem erheblichen psychischen Ausnahmezustand, was während der Untersuchungshaft gutachterlich bestätigt werden konnte. Sie fühlte sich seit längerem von ihren ausschließlich jüngeren männlichen Kollegen gemobbt. Darüber hinaus wurde sie seit Jahren von ihrem Vorgesetzten, dem späteren Opfer, unter Druck gesetzt.

Die Angeklagte hatte während ihrer Zeit als Assistentin des Waldemar Bergson Kenntnis von Kartellabsprachen des Unternehmens erlangt und wusste auch von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Fertigungsbetrieb des Unternehmens auf den Philippinen. Getrieben von ihrem überaus stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn suchte sie in Folge ein Gespräch hierüber mit ihrem Vorgesetzten Waldemar Bergson. Dieser drohte daraufhin nach Aussage der Angeklagten immer wieder mit Sanktionen, sollte sie Firmeninterna nach außen tragen. Er beauftragte sie oftmals mit kurzfristig angesetzten Aushilfsarbeiten und Urlaubsvertretungen in anderen Bereichen des Unternehmens, die ihr nicht genügend Spielraum für ihre eigentlichen Aufgaben ließen. Eine erste Abmahnung aus nichtigem Grund war bereits erfolgt. Auf die Spitze getrieben wurde der Konflikt, als Waldemar Bergson die Angeklagte aufforderte, den weltweit geltenden Verhaltenskodex des Unternehmens zu unterschreiben, in dem jeder Mitarbeiter erklären sollte, keinerlei Kenntnis von irgendwelchen Absprachen mit anderen Unternehmen zu haben.

Warum die Angeklagte das für sie äußerst unbefriedigende Arbeitsverhältnis nicht früher auflöste, erklärte sie mit ihrem fortgeschrittenen Alter und der damit verbundenen Schwierigkeit, noch einmal eine adäquate Arbeitsstelle zu finden.

Wie die Angeklagte weiter ausführte, trug auch ihre private Situation dazu bei, dass sich ihr Gesundheitszustand in den Monaten vor der Tat zunehmend verschlechterte. So war Anfang des Jahres ihre Mutter nach monatelanger schwerer Krankheit verstorben, was bei der Angeklagten zu einer ernsthaften Depression führte. Nach ihren eigenen Aussagen, die von ihrem behandelnden Arzt bestätigt wurden, war die Angeklagte seit Monaten von Antidepressiva und Tranquilizern abhängig, um dem täglichen beruflichen Stress begegnen zu können.

Alle diese Gegebenheiten führten dazu, dass die Angeklagte in der Folgezeit zu der geradezu wahnhaften Vorstellung gelangte, ihr Vorgesetzter Waldemar Bergson sei für ihren Zustand verantwortlich. Seit seiner ersten Aufforderung, ihre Unterschrift unter den genannten Verhaltenskodex zu setzen, und der damit verbundenen Androhung einer zweiten Abmahnung und Versetzung auf einen weniger interessanten und schlechter dotierten Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens litt sie immer häufiger unter Schlafstörungen und Angstattacken, was eine zunehmende Verschlechterung ihrer Arbeitsleistung zur Folge hatte und im Kollegenkreis zu weiteren Anfeindungen führte.

Sie fasste deshalb einige Wochen vor der Tat den Entschluss, ihren Vorgesetzten aus dem Weg zu räumen. Bei der Haushaltsauflösung im Haus ihrer verstorbenen Mutter hatte sie einen Rest E 605 gefunden, den ihr Vater früher als Pflanzenschutzmittel eingesetzt hatte. Obwohl sie sich über die Wirkungsweise dieses Giftes unsicher war, da es auf jeden Fall schon mehrere Jahre alt sein musste, nahm sie billigend in Kauf, dass die Wirkung tödlich sein könnte.

Am Nachmittag des 16. Juli nutzte sie die Gelegenheit, dieses Gift in den Kaffeebecher des Waldemar Bergson zu mischen, den dieser in ihrem Beisein austrank. Kurz darauf verließ sie das Büro und trat ihren Urlaub an. Warum sie noch am selben Tag ihr Arbeitsverhältnis aufkündigte, kann sich die Angeklagte nachträglich nur so erklären, dass sie nun endgültig mit diesem Unternehmen abschließen wollte. Über die juristischen Konsequenzen ihrer Tat habe sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund ihres psychischen Ausnahmezustandes keinerlei Gedanken gemacht.

Das Opfer zeigte schon im Laufe desselben Nachmittags erste Krankheitserscheinungen, deren Ursachen jedoch zunächst nicht geklärt werden konnten. Erst als die Beschwerden im Laufe des Abends zunahmen und es zu Atemnot und Muskelkrämpfen kam, wurde ein Notarzt hinzugezogen, der die sofortige Einweisung in das nächste Krankenhaus veranlasste. Dort verstarb das Opfer am späten Abend an den Folgen des verabreichten Giftes.

Die Obduktion ergab eindeutig eine hohe Parathion-Konzentration im Körper des Opfers. Bei der anschließenden kriminaltechnischen Untersuchung der Büroräume wurden Rückstände dieses Giftes im Kaffeebecher gefunden, ferner wurden auf dem Becher Fingerabdrücke festgestellt, die eindeutig der Angeklagten zugeordnet werden konnten.

Die Angeklagte wurde drei Tage später an ihrem Wohnsitz festgenommen. Ihr sofortiges umfassendes Geständnis sowie die gutachterliche Bestätigung ihrer geschilderten psychischen Beschwerden haben das Gericht bewogen, eine Freiheitsstrafe im unteren Bereich des Strafrahmens auszusprechen.

Gegen dieses Urteil kann die Angeklagte das Rechtsmittel der Berufung einlegen.
Die ausführliche Urteilsbegründung wird dem Anwalt der Angeklagten in Kürze zugestellt.
Die Sitzung ist hiermit geschlossen."


Britta hatte seit der Verkündung des Strafmaßes völlig regungslos dagesessen. Sie bemühte sich sehr, ihre Tränen zu unterdrücken, Tränen der Scham und der Wut darüber, dass es ihr nicht gelungen war, die Angelegenheit Waldemar Bergson eleganter zu lösen.

Seit ihrer Verhaftung und der sukzessiven Absetzung der Psychopharmaka war es ihr wieder möglich geworden, klarer zu denken als noch vor einigen Monaten. Sie musste nun endlich erkennen, dass sie ihr Leben ruiniert hatte. Ob sie ihr geliebtes Häuschen behalten konnte, das sie vom geerbten Geld ihrer Mutter gekauft hatte, würde sich in den nächsten Monaten nach der endgültigen Begleichung der Anwalts- und Gerichtskosten zeigen.

Dass der fette Bergson es nicht besser verdient hatte, glaubte sie allerdings immer noch.

Aus Tageszeitungen, die sie während der U-Haft lesen durfte, wusste sie, dass der neue Geschäftsführer des Unternehmens die Geschäfte „im Sinne seines unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommenen Vorgängers Waldemar Bergson" weiterführen wolle. Was für sie nichts anderes hieß, als dass die Machenschaften weitergingen.

Fünf Jahre Haft – vielleicht gab es bei guter Führung eine Verkürzung der Haftdauer. Sie würde auf jeden Fall die Zeit nutzen, um sich zu überlegen, wie sie – mit Hilfe ihres Anwalts vielleicht sogar noch aus der Haft heraus – diesen Kriminellen mit den weißen Kragen das Handwerk legen konnte. Aufgeben würde sie noch nicht. Sie hatte jetzt viel Zeit zum Nachdenken und Lernen.

***********************************​

3. Im Vollzug

Britta saß am Tisch ihrer Zelle und wartete auf die Schließerin. Draußen schien es endlich Frühling zu werden, und sie freute sich wie jeden Tag auf eine Stunde Hofgang am Nachmittag, die ihr wenigstens einen Hauch von freiem Leben vorgaukelte. Seltsamerweise konnte sie sich während dieser Stunde am besten konzentrieren und über vieles nachdenken, was ihr in der engen Zelle nicht oft gelang.

Seit fünf Monaten war sie jetzt schon in der JVA. Nach dem Weihnachtsfest und dem ersten Winter hinter Gittern war sie zuversichtlich, dass das Allerschlimmste erst einmal überstanden war. Ihr war es gelungen, Arbeit in der Anstaltsküche zu bekommen, eine anstrengende Arbeit, die ihr half, ohne großes Nachdenken über die längste Zeit des Tages zu kommen. Sie hatte sich relativ schnell an die einsamen Stunden in der Zelle gewöhnt und versucht, sich durch vieles Lesen abzulenken. Die Gefängnisbibliothek war erstaunlich umfangreich, da würde ihr der Lesestoff nicht so schnell ausgehen.

Außerdem gab es immer noch Dr. Draweck, ihren Anwalt, der sie in den letzten Monaten mehrmals besucht und jedes Mal neue Bücher mitgebracht hatte. Er hatte erstaunlich schnell herausgefunden, womit er ihr eine Freude machen konnte. Ein Dreivierteljahr war er jetzt schon für sie tätig. Er hatte sie mit großem Sachverstand und viel Einfühlungsvermögen durch die U-Haft und den gesamten Prozess begleitet. Letztlich verdankte sie es ihm, dass ihre Strafe verhältnismäßig gering ausgefallen war, weil er ihr einen der besten psychiatrischen Gutachter Deutschlands beschafft hatte. Er war auch derjenige, der bei seinen Besuchen immer wieder betonte, wie wichtig es für sie sei, endlich von den Medikamenten loszukommen, wenn sie eine gute Prognose für die angestrebte Haftverkürzung haben wolle.

Während des Hofganges wollte sie noch einmal über das gestrige Gespräch mit Dr. Draweck nachdenken, das fast drei Stunden gedauert hatte. Allmählich beschlich sie das Gefühl, dass er sich mehr als nötig mit ihr und ihrem Fall beschäftigte. Auch diesmal hatte er ihr wieder ein Buch mitgebracht, einen aktuellen Bestseller. Sie hatte sich sehr gefreut, auch wenn Dr. Draweck diesmal keine guten Nachrichten für sie dabei hatte.

Die finanzielle Seite des Prozesses könne jetzt abgeschlossen werden, erklärte er ihr. Gerichtskosten, Gutachterkosten, seine Kostennoten, die erstaunlicherweise mehr als moderat ausgefallen waren – alles in allem eine Summe, die sie aus ihrem vorhandenen Barvermögen nicht würde begleichen können. Er bereitete sie schonend darauf vor, dass sie ihr Haus wahrscheinlich verkaufen müsse. Wenn sie einverstanden sei, könne er einen befreundeten Immobilienmakler bitten, sich das Haus einmal anzusehen. Vielleicht sei es möglich, einen guten Preis zu erzielen, bevor es zu einer Zwangsvollstreckung käme.

Britta verdrängte die Vorstellung vom Verkauf des Hauses seit Monaten. Solange die endgültigen Kosten des Prozesses nicht feststanden, hatte sie sich noch Illusionen machen können. Jetzt würde sie die Fakten endgültig akzeptieren müssen. Es war sehr schwer für sie, sich ein Leben nach der Haft ohne ihr Häuschen vorstellen zu können, das sie sich gerade erst sorgfältig eingerichtet hatte.

Nachdem die Beamtin sie in den Hof geführt hatte, begann Britta raschen Schrittes mit ihren Runden und dachte dabei schnell wieder an den Anwalt. Die Finanzen waren nämlich nicht das einzige Thema gewesen, das es zu besprechen gab.

Wie er schon bei einem früheren Besuch angedeutet hatte, sollte sie nun allmählich zu einem Entschluss kommen, ob sie wirklich gegen ihren früheren Arbeitgeber, die Firma Solfrutex, gerichtlich vorgehen wolle. Wie immer sprach er sehr einfühlsam, aber dennoch sachlich und eindringlich, mit ihr und machte ihr klar, was eine Klage in der von ihr beabsichtigten Form in der Praxis bedeuten würde:

„Liebe Frau Armknecht“, hatte er gesagt, „Sie wissen ja, ich selbst könnte Ihnen in seinem solchen Prozess auf keinen Fall beistehen. Ich bin seit Jahren auf Strafrecht spezialisiert und habe wenig Erfahrung im Bereich Wirtschaftsdelikte. Was ich allerdings auf jeden Fall machen könnte, wäre, Kontakt mit Dr. Breitschar aufzunehmen. Sie wissen ja, das ist derjenige, der im letzten Jahr den aufsehenerregenden Prozess gegen die Hubanex AG gewonnen hat. Eine wirkliche Koryphäe im Bereich Wirtschaftskriminalität. Ob er allerdings noch einmal einen Prozess in dieser Größenordnung führen kann, wage ich dennoch zu bezweifeln – er wird demnächst siebzig und wollte sich schon längst zurückziehen. Sie müssen bedenken, liebe Frau Armknecht, dass so ein Prozess Jahre dauern kann. Und vergessen Sie nie: Ihr Gegner beschäftigt brillante, international tätige Anwälte, das hat die Solfrutex in den USA ja schon im letzten Jahr vorgeführt. Sie erinnern sich an diese verworrene Fusionsgeschichte, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat?" Britta hatte genickt.

„Ich müsste also erst einmal gründlich recherchieren, welcher Anwalt außer Dr. Breitschar noch in der Lage wäre, Sie würdig und fachkundig zu vertreten. Von den finanziellen Risiken, falls Sie den Prozess verlieren sollten, will ich noch gar nicht reden. Ich weiß im Moment beim besten Willen nicht, wozu ich Ihnen raten soll … und ob Sie gesundheitlich wirklich schon stabil genug wären, so einen Mammutprozess durchzustehen." Er schaute sie dabei eindringlich an, nahm für einen kurzen Moment ihre Hände und drückte sie beruhigend. Britta empfand dies nicht als unangenehm, ganz im Gegenteil...

Sie erbat sich noch ein letztes Mal Aufschub. Es kostete sie einige Überwindung, Dr. Draweck ihren Hausschlüssel aushändigen zu lassen. Diesen benötigte er, um mit dem Immobilienmakler eine Besichtigung des Hauses durchführen zu können. Vor allem aber sollte er ihr bei seinem nächsten Besuch Unterlagen aus ihrem Arbeitszimmer mitbringen: Kopien, die sie heimlich im Unternehmen angefertigt hatte, und vor allem ihre Tagebücher, in denen sie monatelang akribisch ihren Arbeitsalltag bei der Solfrutex aufgezeichnet hatte.

Vielleicht würde ihr die Durchsicht dieser Unterlagen jetzt, mit einigen Monaten Abstand zu den Vorkommnissen, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen erleichtern.

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4. Eine einfache Lösung

Britta hielt die Zeitung aufgeschlagen vor sich und konnte sich immer noch nicht sattsehen an der Schlagzeile:

„EU-Kommission verhängt wegen Kartellabsprachen € 35 Mio. Geldbuße gegen Solfrutex“.

Gestern war Dr. Draweck mit dieser Zeitung in der Hand auf sie zugestürmt. „Frau Armknecht, es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit!“ Einen Augenblick lang hatte es so ausgesehen, als wolle er ihr um den Hals fallen.

Zufrieden seufzend legte sie die Zeitung neben die Papiere, die sich seit Monaten auf dem kleinen Tisch in ihrer Zelle stapelten. Gedankenverloren wühlte sie noch einmal in den Unterlagen, die ihr Dr. Draweck vor Monaten aus ihrem Haus mitgebracht hatte. Britta blätterte durch das engbeschriebene Tagebuch der damaligen Jahre. Ihr Magen zog sich unwillkürlich zusammen, als sie hier und da einzelne Abschnitte überflog:

16.05.2003
Bin außer mir. Heute zufällig Bergsons Entwurf eines Schreibens an Hubanex gefunden. Wenn das so rausgeht, ist das eine klare Kartellabsprache!!!

03.07.2004
Gestern eine Fernsehdokumentation über unerträgliche Arbeitsbedingungen unseres Produktionsbetriebes auf den Philippinen gesehen. Heute Hektik bei Bergson. Ich finde bei ihm eine vertrauliche Mitteilung der Zentrale in Palo Alto, dass er dementieren solle. Bergson diktiert mir eine Gegendarstellung an den Fernsehsender. Er ist sehr wortkarg, als ich ihm detaillierte Fragen zur Sache stelle.

02.01.2005:
Ich habe endlich die lange erhoffte Position im Vertrieb übernommen und brauche nicht mehr für Bergson die Kaffeemamsell spielen. Bergson passt das gar nicht, er kann Frauen im Berufsleben allenfalls als Sekretärinnen akzeptieren. Aber der Vertriebsleiter hat sich sehr für mich eingesetzt.

20.01.2005:
Bergson will mich nötigen, den Verhaltenscodex zu unterzeichnen. Ich habe die Unterschrift verweigert. Angeblich haben alle (!!!) Mitarbeiter der Niederlassung außer mir unterschrieben. Diese Arschkriecher! Mir wird übel.

15.02.2005:
Bergson setzt die Daumenschrauben an. Mein Urlaub für April ist gestrichen, da ich Urlaubsvertretung für sein Fräulein Sekretärin machen soll. Angeblich hätte sie zuerst den Urlaub eingereicht. Stimmt definitiv nicht!!

Britta sah noch einmal die demütigende Situation vor sich, als Bergsons Sekretärin sich lächelnd in den Urlaub verabschiedete und ihr „Viel Spaß bei der Arbeit“ wünschte. Natürlich war Brittas eigene Arbeit im Vertrieb während dieser Zeit von niemandem übernommen worden. „Sie machen das schon, Frau Armknecht!“, hatte Bergson süffisant bemerkt, und Britta hatte jeden Abend noch zwei Stunden länger als üblich im Büro gesessen.

31.10.2005:
Die gesamte Abteilung durfte am Wochenende zum Vertriebs-Meeting nach Barcelona. Außer mir. Laut Bergson seien meine Produkte nicht Gegenstand dieses Meetings. Die Kollegen unterhalten sich den ganzen Tag ungeniert über ihre Erlebnisse, Puff-Besuch inbegriffen. Mir ist zum Kotzen! Ich habe mir ein starkes Schlafmittel besorgt.


Die Einträge der folgenden Monate überflog sie nur kurz: Notizen über Medikamente, um abends besser schlafen zu können und morgens wieder fit zu werden, die ersten groben Fehler, die ihr bei der Arbeit unterliefen, die ständige Alarmbereitschaft wegen der schweren Krankheit ihrer Mutter – ein Teufelskreis, den sie ohne Hilfe nicht mehr hatte durchbrechen können.

16.11.2005
Heute Mutti ins Pflegeheim gebracht. Sie ist sehr verstört. Ich muss mich jetzt um die Wohnungsauflösung kümmern.

15.01.2006
Mutti wieder im Krankenhaus. Die Ärzte machen mir nicht viel Hoffnung.

20.01.2006

Dieser Tag enthielt keinen Eintrag, nur ein großes schwarzes Kreuz.

Brittas Augen füllten sich mit Tränen, sie musste das Lesen eine Weile unterbrechen.

Danach mehrere Tage keine Einträge. Die Beisetzung, die Formalitäten nach einem Sterbefall, die ihr als einziger Tochter zufielen ... es waren so viele Dinge gewesen, die sie in kurzer Zeit allein bewältigen musste.

10.02.2006
Bergson droht mit Abmahnung, wenn ich in diesem Jahr den Verhaltungscodex wieder nicht unterzeichne. Ich verweigere auch diesmal und sage ihm, er könne mich nicht zwingen. Ich nehme jetzt auch tagsüber ständig Tabletten, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

15.02.2006
Bergson hat einen Grund für die Abmahnung gefunden. Angeblich hätte ich neulich grob fahrlässig eine Lieferung aufs Spiel gesetzt und großen Schaden für die Firma verursacht. Ich kann ihm nicht das Gegenteil beweisen. Meine Kollegen schweigen, obwohl sie genau wissen, dass Bergson im Unrecht ist. Frauen sind in dieser Branche nicht besonders angesehen.“


Britta erinnerte sich bitter an das letzte Gehaltsgespräch. Bergson hatte eine Gehaltserhöhung mit der lapidaren Ausrede abgelehnt: „Sie als Frau können doch nicht genauso viel verdienen wie ein Familienvater!“

Die Aufzeichnungen über die letzten Monate vor dem verhängnisvollen 16. Juli 2006 wollte sie sich nicht mehr antun. „Es ist vorbei, Britta“, sagte sie leise zu sich selbst und schob die Papiere beiseite.

Alles hatte sich plötzlich für sie zum Guten gewandelt. Schon während Dr. Draweck und sie vor Monaten über einen eventuellen Prozess nachdachten, gab es erste Gerüchte über Untersuchungen einer EU-Kommission gegen die Solfrutex. Die Information kam von Dr. Breitschar, dem renommierten Wirtschaftsanwalt, der immer überraschend viel wusste. Dr. Draweck riet Britta daraufhin nochmals dringend, nicht voreilig zu handeln und die Entwicklungen abzuwarten. Und er hatte Recht behalten! Die Kartellbehörden hatten schon seit zwei Jahren ermittelt, wie aus dem Zeitungsartikel hervorging.

Was konnte sie also noch mehr erreichen? Die kartellrechtliche Seite war mit dieser Strafzumessung abgeschlossen. Der Fertigungsbetrieb auf den Philippinen war kürzlich wegen schlechter Auftragslage geschlossen worden. Andere Unternehmen würden dort mit ähnlichen Arbeitsbedingungen weitermachen, da war sie sich allerdings sicher. Und Waldemar Bergson konnte kein Unheil mehr anrichten.

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5. Trautes Heim

Dreieinhalb Jahre später sitzt Britta auf der Terrasse ihres Hauses und blinzelt in die Frühjahrssonne. Sie fühlt sich so unbeschwert wie seit Jahren nicht mehr, auch ohne kleine bunte Pillen.

Seit einer Woche ist sie wieder daheim. Sie hat ihre Strafe verbüßt. Ein halbes Jahr Haftverkürzung wegen guter Führung hat man ihr zugestanden – das bedeutet für sie einen geschenkten Frühling und Sommer. Dr. Draweck hat dieses Haus vor drei Jahren gekauft, „als Kapitalanlage“, wie er ihr damals ein wenig verschämt mitteilte. Praktischerweise hat er gleich die gesamte finanzielle Abwicklung des Prozesses und die Anlage des verbliebenen Geldes aus dem Hausverkauf mit übernommen. Bis vor kurzem war das Haus vermietet. Eberhard Draweck hat es vor ihrer Rückkehr aufwendig renovieren lassen.

Zur Psychotherapie will Britta weiterhin gehen, dazu hat ihr der Gefängnispsychologe geraten. Es gibt noch genügend aufzuarbeiten. Einen Job wird sie wohl nicht mehr bekommen. Aber im nächsten Jahr kann sie eine vorgezogene Altersrente beantragen.

Britta hört ein Auto in die Einfahrt fahren. Mit schnellen, ungeduldigen Schritten nähert sich jemand. Britta steht auf und geht dem Besucher entgegen.
„Schön, dass du schon da bist, Eberhard“, strahlt sie und nimmt den Blumenstrauß entgegen, den der Anwalt ihr überreicht. Mit einem Seufzer fügt sie hinzu: „Was hätte ich nur ohne dich getan!“
 

Ciconia

Mitglied
1. Das Abschiedsgeschenk

Britta rauschte wie jeden Morgen ziemlich genervt um kurz vor neun ins Büro. Die lange Autofahrt und der übliche Stau stressten sie schon, bevor der Tag richtig angefangen hatte. Sie fragte sich, wie viele Notizzettel heute Morgen auf ihrem Schreibtisch liegen würden. Meistens waren es zwei bis drei, manchmal auch mehr. Nachrichten von Kunden, die früh anriefen und automatisch bei den Kollegen im Großraumbüro landeten. Die Kollegen schienen alle Frühaufsteher zu sein, sie kamen teilweise schon um 7 Uhr ins Büro, diese Schleimer. Aber keiner von ihnen hatte auch nur annähernd einen so langen Arbeitsweg wie Britta. Sie hatte sich vor einigen Monaten für ein kleines Häuschen auf dem Land entschieden und erlebte nun täglich auch die Nachteile des Landlebens.

Mit Brittas Produktbereich waren die lieben Kollegen nicht so vertraut. Sie waren am frühen Morgen auch mit ihren eigenen Kunden beschäftigt. Deshalb reichte es nur für kurze Kritzeleien, wenn sie denn überhaupt für Britta bestimmte Telefonate annahmen. „Buhse anrufen – dringend", las sie, und „Firma Sanderling moniert, bitte bei Spedition nachfragen“, (na immerhin ein „Bitte"!), und als letztes: „Bergson will Sie unbedingt gleich sprechen!!", mit zwei Ausrufungszeichen. Bergson, der Geschäftsführer der Niederlassung. 'Der kann mich mal kreuzweise', war ihr erster Gedanke. Zunächst musste sie sich um ihre Kunden kümmern und griff deshalb gleich zum Telefon.

Sie hatte das erste Telefonat fast beendet, als sich Bergson auch schon durch die Tür schob. 'Du fieses fettes Monster', schoss es ihr durch den Kopf, während sie Geschäftigkeit vortäuschte und gleich das zweite Telefongespräch begann, ohne aufzusehen.

„Frau Armknecht, würden Sie bitte mal in mein Büro kommen?", säuselte er. Sie nickte kurz und bedeutete ihm mit einem kurzen Handzeichen, dass sie noch einen Augenblick brauchen würde. Ihre ohnehin schon miese Laune sank weiter. Eine Weile sollte er schon noch warten. Britta begann ein drittes Telefonat, das sie sehr geschäftig auf mehr als eine Viertelstunde ausdehnte. Sie schluckte noch schnell eine ihrer kleinen rosa Lieblingspillen, dann war sie bereit für die Höhle des Löwen.

Leider sei Herr Bergson kurzfristig in eine dringende Besprechung gerufen worden, plapperte die neue junge Assistentin mit wichtiger Miene. Danach müsse er dann zu einem Mittagessen mit den Herren aus Brüssel, die seit einigen Tagen zu Gesprächen im Hause waren, verriet sie weiter. Britta war es sehr recht, so konnte sie ihren lange gehegten Plan vielleicht schon heute Nachmittag ausführen. Ihre Laune besserte sich schlagartig.

Bergson ließ sie gegen 15 Uhr rufen. „Nehmen Sie doch Platz", eröffnete er das Gespräch, von dem Britta wusste, dass es ebenso anstrengend wie sinnlos werden würde. „Ich hab mir noch einmal Ihr Verhalten in den letzten Wochen durch den Kopf gehen lassen", kam er gleich zur Sache, „und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum Sie unseren Verhaltenskodex nicht unterschreiben wollen. Sie sind wirklich die einzige, die sich geweigert hat. Wie steht unsere Niederlassung jetzt in Palo Alto da?"

'Wenn der wüsste, wie egal mir das ist', dachte Britta. Dieser Mensch war ihr in seiner ganzen schleimigen Art so zuwider und hatte ihr in den letzten Monaten dermaßen das Leben zur Hölle gemacht, dass es sie große Anstrengung kostete, freundlich zu bleiben.

„Herr Bergson, ich verstehe nicht, warum Sie mich immer wieder auf diese Angelegenheit ansprechen. Glauben Sie wirklich, dass ich meine Einstellung noch mal ändern könnte? Ich dachte, ich hätte mich neulich klipp und klar ausgedrückt. Ich unterschreibe diesen Verhaltenscodex nicht – und Sie wissen genau warum! Ich kann nicht unterschreiben, weil ich Informationen über interne Vorfälle habe, die diesem Codex in mehrfacher Weise widersprechen!"

Bergson wurde unruhig. Natürlich wusste er genau, dass eine Britta Armknecht, die seit sieben Jahren in diesem Unternehmen arbeitete, niemals ihre Meinung ändern würde. Aber seine Vorgesetzten in Palo Alto hatten ihn wahrscheinlich dazu verdonnert, noch ein letztes Mal auf Britta einzuwirken. Das Firmenimage musste nach außen einwandfrei sein: Mit ihrer Unterschrift bestätigten die Beschäftigten indirekt, dass niemand in diesem Unternehmen Dreck am Stecken hatte.

Britta wusste es besser. Schließlich hatte sie vor Jahren als Assistentin bei Bergson angefangen und kannte daher mehr Unternehmensinterna, als ihm lieb sein konnten. Sie hatte eine äußerst schnelle Auffassungsgabe und bekam mehr mit als mancher andere. Und sie konnte es, verdammt noch mal, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, diese krummen Sachen mit einer Unterschrift zu beschönigen. Die Kollegen, von denen mit Sicherheit einige eingeweiht waren, dachten da offensichtlich anders.

Bergson kam ins Schwitzen. „Wollen wir nicht erst einmal in Ruhe einen Kaffee miteinander trinken?", fragte er schließlich etwas hilflos. 'Er erwartet jetzt, dass ich als seine frühere Sekretärin losmarschiere und den Kaffee hole', dachte sie sich. Heute wollte sie ihm den Gefallen gern tun. Auf dem Weg über den Flur in die kleine Kaffeeküche vergewisserte sie sich, dass das Röhrchen mit dem Pulver, das sie schon vor geraumer Zeit besorgt hatte, noch in ihrer Jackentasche steckte. Die Küche war leer. Sie rührte den Inhalt seines Kaffeebechers in aller Ruhe mehrmals um, bevor sie sich mit zwei vollen Bechern wieder auf den Weg ins Chefzimmer machte.

Heute war ihr letzter Arbeitstag vor dem Urlaub, und in etwa einer Stunde konnte sie das Büro verlassen – auf jeden Fall lange bevor Bergson unerklärliche Beschwerden bekommen würde. Sie bezweifelte, dass er sich jemals wieder erholen konnte. Es spielte für sie auch keine Rolle mehr, denn ihre Kündigung würde morgen in der Post sein. Noch ein paar Tage Resturlaub und einige Krankentage - wenn ihre Pläne aufgingen, brauchte sie diese Firma nie wieder zu betreten. Das ruhige Landleben würde ihr guttun.

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2. Das Urteil

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:
Die Angeklagte Britta Armknecht wird wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Bei der Höhe des Strafmaßes hat das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten gelten lassen. Die Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Zur Begründung:
Das Gericht sieht es aufgrund von Indizienbeweisen sowie des umfänglichen Geständnisses der Angeklagten als erwiesen an, dass die Angeklagte am Nachmittag des 16. Juli diesen Jahres ihren Vorgesetzten, den Geschäftsführer Waldemar Bergson, mit einer Überdosis Parathion, gemeinhin auch als E 605 bekannt, vergiftet und seinen Tod billigend in Kauf genommen hat.

Zum Zeitpunkt der Tat befand sich die Angeklagte in einem erheblichen psychischen Ausnahmezustand, was während der Untersuchungshaft gutachterlich bestätigt werden konnte. Sie fühlte sich seit längerem von ihren ausschließlich jüngeren männlichen Kollegen gemobbt. Darüber hinaus wurde sie seit Jahren von ihrem Vorgesetzten, dem späteren Opfer, unter Druck gesetzt.

Die Angeklagte hatte während ihrer Zeit als Assistentin des Waldemar Bergson Kenntnis von Kartellabsprachen des Unternehmens erlangt und wusste auch von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Fertigungsbetrieb des Unternehmens auf den Philippinen. Getrieben von ihrem überaus stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn suchte sie in Folge ein Gespräch hierüber mit ihrem Vorgesetzten Waldemar Bergson. Dieser drohte daraufhin nach Aussage der Angeklagten immer wieder mit Sanktionen, sollte sie Firmeninterna nach außen tragen. Er beauftragte sie oftmals mit kurzfristig angesetzten Aushilfsarbeiten und Urlaubsvertretungen in anderen Bereichen des Unternehmens, die ihr nicht genügend Spielraum für ihre eigentlichen Aufgaben ließen. Eine erste Abmahnung aus nichtigem Grund war bereits erfolgt. Auf die Spitze getrieben wurde der Konflikt, als Waldemar Bergson die Angeklagte aufforderte, den weltweit geltenden Verhaltenskodex des Unternehmens zu unterschreiben, in dem jeder Mitarbeiter erklären sollte, keinerlei Kenntnis von irgendwelchen Absprachen mit anderen Unternehmen zu haben.

Warum die Angeklagte das für sie äußerst unbefriedigende Arbeitsverhältnis nicht früher auflöste, erklärte sie mit ihrem fortgeschrittenen Alter und der damit verbundenen Schwierigkeit, noch einmal eine adäquate Arbeitsstelle zu finden.

Wie die Angeklagte weiter ausführte, trug auch ihre private Situation dazu bei, dass sich ihr Gesundheitszustand in den Monaten vor der Tat zunehmend verschlechterte. So war Anfang des Jahres ihre Mutter nach monatelanger schwerer Krankheit verstorben, was bei der Angeklagten zu einer ernsthaften Depression führte. Nach ihren eigenen Aussagen, die von ihrem behandelnden Arzt bestätigt wurden, war die Angeklagte seit Monaten von Antidepressiva und Tranquilizern abhängig, um dem täglichen beruflichen Stress begegnen zu können.

Alle diese Gegebenheiten führten dazu, dass die Angeklagte in der Folgezeit zu der geradezu wahnhaften Vorstellung gelangte, ihr Vorgesetzter Waldemar Bergson sei für ihren Zustand verantwortlich. Seit seiner ersten Aufforderung, ihre Unterschrift unter den genannten Verhaltenskodex zu setzen, und der damit verbundenen Androhung einer zweiten Abmahnung und Versetzung auf einen weniger interessanten und schlechter dotierten Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens litt sie immer häufiger unter Schlafstörungen und Angstattacken, was eine zunehmende Verschlechterung ihrer Arbeitsleistung zur Folge hatte und im Kollegenkreis zu weiteren Anfeindungen führte.

Sie fasste deshalb einige Wochen vor der Tat den Entschluss, ihren Vorgesetzten aus dem Weg zu räumen. Bei der Haushaltsauflösung im Haus ihrer verstorbenen Mutter hatte sie einen Rest E 605 gefunden, den ihr Vater früher als Pflanzenschutzmittel eingesetzt hatte. Obwohl sie sich über die Wirkungsweise dieses Giftes unsicher war, da es auf jeden Fall schon mehrere Jahre alt sein musste, nahm sie billigend in Kauf, dass die Wirkung tödlich sein könnte.

Am Nachmittag des 16. Juli nutzte sie die Gelegenheit, dieses Gift in den Kaffeebecher des Waldemar Bergson zu mischen, den dieser in ihrem Beisein austrank. Kurz darauf verließ sie das Büro und trat ihren Urlaub an. Warum sie noch am selben Tag ihr Arbeitsverhältnis aufkündigte, kann sich die Angeklagte nachträglich nur so erklären, dass sie nun endgültig mit diesem Unternehmen abschließen wollte. Über die juristischen Konsequenzen ihrer Tat habe sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund ihres psychischen Ausnahmezustandes keinerlei Gedanken gemacht.

Das Opfer zeigte schon im Laufe desselben Nachmittags erste Krankheitserscheinungen, deren Ursachen jedoch zunächst nicht geklärt werden konnten. Erst als die Beschwerden im Laufe des Abends zunahmen und es zu Atemnot und Muskelkrämpfen kam, wurde ein Notarzt hinzugezogen, der die sofortige Einweisung in das nächste Krankenhaus veranlasste. Dort verstarb das Opfer am späten Abend an den Folgen des verabreichten Giftes.

Die Obduktion ergab eindeutig eine hohe Parathion-Konzentration im Körper des Opfers. Bei der anschließenden kriminaltechnischen Untersuchung der Büroräume wurden Rückstände dieses Giftes im Kaffeebecher gefunden, ferner wurden auf dem Becher Fingerabdrücke festgestellt, die eindeutig der Angeklagten zugeordnet werden konnten.

Die Angeklagte wurde drei Tage später an ihrem Wohnsitz festgenommen. Ihr sofortiges umfassendes Geständnis sowie die gutachterliche Bestätigung ihrer geschilderten psychischen Beschwerden haben das Gericht bewogen, eine Freiheitsstrafe im unteren Bereich des Strafrahmens auszusprechen.

Gegen dieses Urteil kann die Angeklagte das Rechtsmittel der Berufung einlegen.
Die ausführliche Urteilsbegründung wird dem Anwalt der Angeklagten in Kürze zugestellt.
Die Sitzung ist hiermit geschlossen."


Britta hatte seit der Verkündung des Strafmaßes völlig regungslos dagesessen. Sie bemühte sich sehr, ihre Tränen zu unterdrücken, Tränen der Scham und der Wut darüber, dass es ihr nicht gelungen war, die Angelegenheit Waldemar Bergson eleganter zu lösen.

Seit ihrer Verhaftung und der sukzessiven Absetzung der Psychopharmaka war es ihr wieder möglich geworden, klarer zu denken als noch vor einigen Monaten. Sie musste nun endlich erkennen, dass sie ihr Leben ruiniert hatte. Ob sie ihr geliebtes Häuschen behalten konnte, das sie vom geerbten Geld ihrer Mutter gekauft hatte, würde sich in den nächsten Monaten nach der endgültigen Begleichung der Anwalts- und Gerichtskosten zeigen.

Dass der fette Bergson es nicht besser verdient hatte, glaubte sie allerdings immer noch.

Aus Tageszeitungen, die sie während der U-Haft lesen durfte, wusste sie, dass der neue Geschäftsführer des Unternehmens die Geschäfte „im Sinne seines unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommenen Vorgängers Waldemar Bergson" weiterführen wolle. Was für sie nichts anderes hieß, als dass die Machenschaften weitergingen.

Fünf Jahre Haft – vielleicht gab es bei guter Führung eine Verkürzung der Haftdauer. Sie würde auf jeden Fall die Zeit nutzen, um sich zu überlegen, wie sie – mit Hilfe ihres Anwalts vielleicht sogar noch aus der Haft heraus – diesen Kriminellen mit den weißen Kragen das Handwerk legen konnte. Aufgeben würde sie noch nicht. Sie hatte jetzt viel Zeit zum Nachdenken und Lernen.

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3. Im Vollzug

Britta saß am Tisch ihrer Zelle und wartete auf die Schließerin. Draußen schien es endlich Frühling zu werden, und sie freute sich wie jeden Tag auf eine Stunde Hofgang am Nachmittag, die ihr wenigstens einen Hauch von freiem Leben vorgaukelte. Seltsamerweise konnte sie sich während dieser Stunde am besten konzentrieren und über vieles nachdenken, was ihr in der engen Zelle nicht oft gelang.

Seit fünf Monaten war sie jetzt schon in der JVA. Nach dem Weihnachtsfest und dem ersten Winter hinter Gittern war sie zuversichtlich, dass das Allerschlimmste erst einmal überstanden war. Ihr war es gelungen, Arbeit in der Anstaltsküche zu bekommen, eine anstrengende Arbeit, die ihr half, ohne großes Nachdenken über die längste Zeit des Tages zu kommen. Sie hatte sich relativ schnell an die einsamen Stunden in der Zelle gewöhnt und versucht, sich durch vieles Lesen abzulenken. Die Gefängnisbibliothek war erstaunlich umfangreich, da würde ihr der Lesestoff nicht so schnell ausgehen.

Außerdem gab es immer noch Dr. Draweck, ihren Anwalt, der sie in den letzten Monaten mehrmals besucht und jedes Mal neue Bücher mitgebracht hatte. Er hatte erstaunlich schnell herausgefunden, womit er ihr eine Freude machen konnte. Ein Dreivierteljahr war er jetzt schon für sie tätig. Er hatte sie mit großem Sachverstand und viel Einfühlungsvermögen durch die U-Haft und den gesamten Prozess begleitet. Letztlich verdankte sie es ihm, dass ihre Strafe verhältnismäßig gering ausgefallen war, weil er ihr einen der besten psychiatrischen Gutachter Deutschlands beschafft hatte. Er war auch derjenige, der bei seinen Besuchen immer wieder betonte, wie wichtig es für sie sei, endlich von den Medikamenten loszukommen, wenn sie eine gute Prognose für die angestrebte Haftverkürzung haben wolle.

Während des Hofganges wollte sie noch einmal über das gestrige Gespräch mit Dr. Draweck nachdenken, das fast drei Stunden gedauert hatte. Allmählich beschlich sie das Gefühl, dass er sich mehr als nötig mit ihr und ihrem Fall beschäftigte. Auch diesmal hatte er ihr wieder ein Buch mitgebracht, einen aktuellen Bestseller. Sie hatte sich sehr gefreut, auch wenn Dr. Draweck diesmal keine guten Nachrichten für sie dabei hatte.

Die finanzielle Seite des Prozesses könne jetzt abgeschlossen werden, erklärte er ihr. Gerichtskosten, Gutachterkosten, seine Kostennoten, die erstaunlicherweise mehr als moderat ausgefallen waren – alles in allem eine Summe, die sie aus ihrem vorhandenen Barvermögen nicht würde begleichen können. Er bereitete sie schonend darauf vor, dass sie ihr Haus wahrscheinlich verkaufen müsse. Wenn sie einverstanden sei, könne er einen befreundeten Immobilienmakler bitten, sich das Haus einmal anzusehen. Vielleicht sei es möglich, einen guten Preis zu erzielen, bevor es zu einer Zwangsvollstreckung käme.

Britta verdrängte die Vorstellung vom Verkauf des Hauses seit Monaten. Solange die endgültigen Kosten des Prozesses nicht feststanden, hatte sie sich noch Illusionen machen können. Jetzt würde sie die Fakten endgültig akzeptieren müssen. Es war sehr schwer für sie, sich ein Leben nach der Haft ohne ihr Häuschen vorstellen zu können, das sie sich gerade erst sorgfältig eingerichtet hatte.

Nachdem die Beamtin sie in den Hof geführt hatte, begann Britta raschen Schrittes mit ihren Runden und dachte dabei schnell wieder an den Anwalt. Die Finanzen waren nämlich nicht das einzige Thema gewesen, das es zu besprechen gab.

Wie er schon bei einem früheren Besuch angedeutet hatte, sollte sie nun allmählich zu einem Entschluss kommen, ob sie wirklich gegen ihren früheren Arbeitgeber, die Firma Solfrutex, gerichtlich vorgehen wolle. Wie immer sprach er sehr einfühlsam, aber dennoch sachlich und eindringlich, mit ihr und machte ihr klar, was eine Klage in der von ihr beabsichtigten Form in der Praxis bedeuten würde:

„Liebe Frau Armknecht“, hatte er gesagt, „Sie wissen ja, ich selbst könnte Ihnen in seinem solchen Prozess auf keinen Fall beistehen. Ich bin seit Jahren auf Strafrecht spezialisiert und habe wenig Erfahrung im Bereich Wirtschaftsdelikte. Was ich allerdings auf jeden Fall machen könnte, wäre, Kontakt mit Dr. Breitschar aufzunehmen. Sie wissen ja, das ist derjenige, der im letzten Jahr den aufsehenerregenden Prozess gegen die Hubanex AG gewonnen hat. Eine wirkliche Koryphäe im Bereich Wirtschaftskriminalität. Ob er allerdings noch einmal einen Prozess in dieser Größenordnung führen kann, wage ich dennoch zu bezweifeln – er wird demnächst siebzig und wollte sich schon längst zurückziehen. Sie müssen bedenken, liebe Frau Armknecht, dass so ein Prozess Jahre dauern kann. Und vergessen Sie nie: Ihr Gegner beschäftigt brillante, international tätige Anwälte, das hat die Solfrutex in den USA ja schon im letzten Jahr vorgeführt. Sie erinnern sich an diese verworrene Fusionsgeschichte, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat?" Britta hatte genickt.

„Ich müsste also erst einmal gründlich recherchieren, welcher Anwalt außer Dr. Breitschar noch in der Lage wäre, Sie würdig und fachkundig zu vertreten. Von den finanziellen Risiken, falls Sie den Prozess verlieren sollten, will ich noch gar nicht reden. Ich weiß im Moment beim besten Willen nicht, wozu ich Ihnen raten soll … und ob Sie gesundheitlich wirklich schon stabil genug wären, so einen Mammutprozess durchzustehen." Er schaute sie dabei eindringlich an, nahm für einen kurzen Moment ihre Hände und drückte sie beruhigend. Britta empfand dies nicht als unangenehm, ganz im Gegenteil ...

Sie erbat sich noch ein letztes Mal Aufschub. Es kostete sie einige Überwindung, Dr. Draweck ihren Hausschlüssel aushändigen zu lassen. Diesen benötigte er, um mit dem Immobilienmakler eine Besichtigung des Hauses durchführen zu können. Vor allem aber sollte er ihr bei seinem nächsten Besuch Unterlagen aus ihrem Arbeitszimmer mitbringen: Kopien, die sie heimlich im Unternehmen angefertigt hatte, und vor allem ihre Tagebücher, in denen sie monatelang akribisch ihren Arbeitsalltag bei der Solfrutex aufgezeichnet hatte.

Vielleicht würde ihr die Durchsicht dieser Unterlagen jetzt, mit einigen Monaten Abstand zu den Vorkommnissen, eine Entscheidung über das weitere Vorgehen erleichtern.

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4. Eine einfache Lösung

Britta hielt die Zeitung aufgeschlagen vor sich und konnte sich immer noch nicht sattsehen an der Schlagzeile:

„EU-Kommission verhängt wegen Kartellabsprachen € 35 Mio. Geldbuße gegen Solfrutex“.

Gestern war Dr. Draweck mit dieser Zeitung in der Hand auf sie zugestürmt. „Frau Armknecht, es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit!“ Einen Augenblick lang hatte es so ausgesehen, als wolle er ihr um den Hals fallen.

Zufrieden seufzend legte sie die Zeitung neben die Papiere, die sich seit Monaten auf dem kleinen Tisch in ihrer Zelle stapelten. Gedankenverloren wühlte sie noch einmal in den Unterlagen, die ihr Dr. Draweck vor Monaten aus ihrem Haus mitgebracht hatte. Britta blätterte durch das engbeschriebene Tagebuch der damaligen Jahre. Ihr Magen zog sich unwillkürlich zusammen, als sie hier und da einzelne Abschnitte überflog:

16.05.2003
Bin außer mir. Heute zufällig Bergsons Entwurf eines Schreibens an Hubanex gefunden. Wenn das so rausgeht, ist das eine klare Kartellabsprache!!!

03.07.2004
Gestern eine Fernsehdokumentation über unerträgliche Arbeitsbedingungen unseres Produktionsbetriebes auf den Philippinen gesehen. Heute Hektik bei Bergson. Ich finde bei ihm eine vertrauliche Mitteilung der Zentrale in Palo Alto, dass er dementieren solle. Bergson diktiert mir eine Gegendarstellung an den Fernsehsender. Er ist sehr wortkarg, als ich ihm detaillierte Fragen zur Sache stelle.

02.01.2005:
Ich habe endlich die lange erhoffte Position im Vertrieb übernommen und brauche nicht mehr für Bergson die Kaffeemamsell spielen. Bergson passt das gar nicht, er kann Frauen im Berufsleben allenfalls als Sekretärinnen akzeptieren. Aber der Vertriebsleiter hat sich sehr für mich eingesetzt.

20.01.2005:
Bergson will mich nötigen, den Verhaltenscodex zu unterzeichnen. Ich habe die Unterschrift verweigert. Angeblich haben alle (!!!) Mitarbeiter der Niederlassung außer mir unterschrieben. Diese Arschkriecher! Mir wird übel.

15.02.2005:
Bergson setzt die Daumenschrauben an. Mein Urlaub für April ist gestrichen, da ich Urlaubsvertretung für sein Fräulein Sekretärin machen soll. Angeblich hätte sie zuerst den Urlaub eingereicht. Stimmt definitiv nicht!!

Britta sah noch einmal die demütigende Situation vor sich, als Bergsons Sekretärin sich lächelnd in den Urlaub verabschiedete und ihr „Viel Spaß bei der Arbeit“ wünschte. Natürlich war Brittas eigene Arbeit im Vertrieb während dieser Zeit von niemandem übernommen worden. „Sie machen das schon, Frau Armknecht!“, hatte Bergson süffisant bemerkt, und Britta hatte jeden Abend noch zwei Stunden länger als üblich im Büro gesessen.

31.10.2005:
Die gesamte Abteilung durfte am Wochenende zum Vertriebs-Meeting nach Barcelona. Außer mir. Laut Bergson seien meine Produkte nicht Gegenstand dieses Meetings. Die Kollegen unterhalten sich den ganzen Tag ungeniert über ihre Erlebnisse, Puff-Besuch inbegriffen. Mir ist zum Kotzen! Ich habe mir ein starkes Schlafmittel besorgt.


Die Einträge der folgenden Monate überflog sie nur kurz: Notizen über Medikamente, um abends besser schlafen zu können und morgens wieder fit zu werden, die ersten groben Fehler, die ihr bei der Arbeit unterliefen, die ständige Alarmbereitschaft wegen der schweren Krankheit ihrer Mutter – ein Teufelskreis, den sie ohne Hilfe nicht mehr hatte durchbrechen können.

16.11.2005
Heute Mutti ins Pflegeheim gebracht. Sie ist sehr verstört. Ich muss mich jetzt um die Wohnungsauflösung kümmern.

15.01.2006
Mutti wieder im Krankenhaus. Die Ärzte machen mir nicht viel Hoffnung.

20.01.2006

Dieser Tag enthielt keinen Eintrag, nur ein großes schwarzes Kreuz.

Brittas Augen füllten sich mit Tränen, sie musste das Lesen eine Weile unterbrechen.

Danach mehrere Tage keine Einträge. Die Beisetzung, die Formalitäten nach einem Sterbefall, die ihr als einziger Tochter zufielen ... es waren so viele Dinge gewesen, die sie in kurzer Zeit allein bewältigen musste.

10.02.2006
Bergson droht mit Abmahnung, wenn ich in diesem Jahr den Verhaltungscodex wieder nicht unterzeichne. Ich verweigere auch diesmal und sage ihm, er könne mich nicht zwingen. Ich nehme jetzt auch tagsüber ständig Tabletten, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

15.02.2006
Bergson hat einen Grund für die Abmahnung gefunden. Angeblich hätte ich neulich grob fahrlässig eine Lieferung aufs Spiel gesetzt und großen Schaden für die Firma verursacht. Ich kann ihm nicht das Gegenteil beweisen. Meine Kollegen schweigen, obwohl sie genau wissen, dass Bergson im Unrecht ist. Frauen sind in dieser Branche nicht besonders angesehen.“


Britta erinnerte sich bitter an das letzte Gehaltsgespräch. Bergson hatte eine Gehaltserhöhung mit der lapidaren Ausrede abgelehnt: „Sie als Frau können doch nicht genauso viel verdienen wie ein Familienvater!“

Die Aufzeichnungen über die letzten Monate vor dem verhängnisvollen 16. Juli 2006 wollte sie sich nicht mehr antun. „Es ist vorbei, Britta“, sagte sie leise zu sich selbst und schob die Papiere beiseite.

Alles hatte sich plötzlich für sie zum Guten gewandelt. Schon während Dr. Draweck und sie vor Monaten über einen eventuellen Prozess nachdachten, gab es erste Gerüchte über Untersuchungen einer EU-Kommission gegen die Solfrutex. Die Information kam von Dr. Breitschar, dem renommierten Wirtschaftsanwalt, der immer überraschend viel wusste. Dr. Draweck riet Britta daraufhin nochmals dringend, nicht voreilig zu handeln und die Entwicklungen abzuwarten. Und er hatte Recht behalten! Die Kartellbehörden hatten schon seit zwei Jahren ermittelt, wie aus dem Zeitungsartikel hervorging.

Was konnte sie also noch mehr erreichen? Die kartellrechtliche Seite war mit dieser Strafzumessung abgeschlossen. Der Fertigungsbetrieb auf den Philippinen war kürzlich wegen schlechter Auftragslage geschlossen worden. Andere Unternehmen würden dort mit ähnlichen Arbeitsbedingungen weitermachen, da war sie sich allerdings sicher. Und Waldemar Bergson konnte kein Unheil mehr anrichten.

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5. Trautes Heim

Dreieinhalb Jahre später sitzt Britta auf der Terrasse ihres Hauses und blinzelt in die Frühjahrssonne. Sie fühlt sich so unbeschwert wie seit Jahren nicht mehr, auch ohne kleine bunte Pillen.

Seit einer Woche ist sie wieder daheim. Sie hat ihre Strafe verbüßt. Ein halbes Jahr Haftverkürzung wegen guter Führung hat man ihr zugestanden – das bedeutet für sie einen geschenkten Frühling und Sommer. Dr. Draweck hat dieses Haus vor drei Jahren gekauft, „als Kapitalanlage“, wie er ihr damals ein wenig verschämt mitteilte. Praktischerweise hat er gleich die gesamte finanzielle Abwicklung des Prozesses und die Anlage des verbliebenen Geldes aus dem Hausverkauf mit übernommen. Bis vor kurzem war das Haus vermietet. Eberhard Draweck hat es vor ihrer Rückkehr aufwendig renovieren lassen.

Zur Psychotherapie will Britta weiterhin gehen, dazu hat ihr der Gefängnispsychologe geraten. Es gibt noch genügend aufzuarbeiten. Einen Job wird sie wohl nicht mehr bekommen. Aber im nächsten Jahr kann sie eine vorgezogene Altersrente beantragen.

Britta hört ein Auto in die Einfahrt fahren. Mit schnellen, ungeduldigen Schritten nähert sich jemand. Britta steht auf und geht dem Besucher entgegen.
„Schön, dass du schon da bist, Eberhard“, strahlt sie und nimmt den Blumenstrauß entgegen, den der Anwalt ihr überreicht. Mit einem Seufzer fügt sie hinzu: „Was hätte ich nur ohne dich getan!“
 

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