Der feine Herr Gruber

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Ciconia

Mitglied
Ferdinand D. Gruber zählte zu jenen Chefs, die „Management by Staubsauger“ betreiben: Den ganzen Tag herum surren und sich um jeden Dreck kümmern. Dazu gehörten schon mal die welken Blätter einer Topfpflanze in Theresas sogenanntem Großraumbüro, das sie mit neun Kollegen teilte. Rechnete man alle elektronischen und elektrischen Gerätschaften dazu, blieb für den Einzelnen nicht viel Luft zum Atmen. Gruber, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung, residierte in einem fast ebenso großen Einzelbüro, befand sich allerdings mehr als die Hälfte des Jahres auf Geschäftsreisen. Die Bitte, in der Abteilung wegen der im Sommer unerträglichen Hitze eine Klimaanlage installieren zu lassen, lehnte er kategorisch ab. Er brauche schließlich auch keine. Sie hätte damals etwa 6.000 DM gekostet. Dagegen waren die knapp 600 DM für eine Flugumbuchung in letzter Minute, um etwas früher von einer Reise daheim zu sein, wirklich Peanuts.

Unter den Kollegen herrschte trotz allem ein gutes Klima. An schlimmen Tagen nannten sie Gruber gern „Das kleine Arschloch“, in Anlehnung an den damals gerade aktuellen Comic. Sobald Gruber nach einer wichtigen Verlautbarung oder Durchhalteparole an das Team die Bürotür hinter sich schloss, kam es schon mal vor, dass der eine oder andere Kollege „Du mich auch“ murmelte.
Wofür das „D.“ in seinem Namen stand, wusste keiner so genau, die Vermutungen reichten von Dieter über Detlef zu Dussel. Letztere Variante stammte aus der Zeit, als Gruber nicht mehr verhindern konnte, endlich einen PC auf seinem Schreibtisch zu dulden. Seine Vorgesetzten und Kollegen in der Konzernzentrale und anderen europäischen Niederlassungen korrespondierten untereinander längst per e-mail, während sich Gruber jeden gemailten Text von seiner Sekretärin ausdrucken ließ und die Antworten diktierte. Der PC blieb lange ungenutzt, freundliche Einweisungsangebote wehrte er zunächst ab, angeblich aus Zeitmangel. Böse Zungen behaupteten, er habe den „Ein“-Schalter noch nicht gefunden. Wochen später überraschte er dann alle: Äußerst konzentriert bearbeitete er im Zwei-Finger-Suchsystem die Tastatur. Da er seine Zimmertür meistens geöffnet hielt, um die Bewegungen auf dem Gang überwachen zu können, bot er allen Vorübergehenden beste Unterhaltung.

Niemand wagte, offen gegen Gruber aufzumucken. Manche Kollegen profitierten durchaus davon, ihm nach dem Munde zu reden, denn er zahlte in unregelmäßigen Abständen Prämien an seine loyalsten Verkäufer, die nicht immer die besten sein mussten. Fast alle waren Familienväter, und alle hatten Angst um ihre Arbeitsplätze. Theresa konnte ihnen ihre Einstellung nicht verübeln. Schnell war dank Flurfunk durchgesickert, dass Gruber für jede arbeitsrechtliche Unstimmigkeit einen der besten Anwälte der Stadt beauftragte und dafür enorme Summen hinblätterte. Besonders gut verdiente dieser Anwalt, als es zu einem von der Zentrale vorgegebenen Personalabbau zur „Gesundschrumpfung“ des Unternehmens kam. Gruber kündigte nicht nach Sozialauswahl, sondern nutzte die Gelegenheit, um missliebige Mitarbeiter loszuwerden. Dementsprechend liefen mehrere Kündigungsschutzprozesse, von denen er die meisten verlor und hohe Abfindungen zahlen musste.

Es war eine von Männern dominierte Branche. Grubers Vorgänger hatte Theresa eingestellt und große Stücke auf sie gehalten, doch Gruber bereitete es von Anfang an Probleme, sie als gleichwertige Mitarbeiterin unter männlichen Kollegen anzuerkennen. Er akzeptierte Frauen nur in wenigen Funktionen. Vertriebskauffrauen für technische Produkte gehörten nicht dazu, sondern vor allem Sekretärinnen. Aber keine hielt es längere Zeit bei ihm aus. Welche erwachsene Frau sah es gern, dass ihre Arbeiten grundsätzlich mit Rotstift korrigiert und mit Kommentaren von „sehr gut!“ bis „Ändern!!!“ versehen wurden. Selbst die entsprechenden Korrekturstriche am Rand fehlten nicht. Kaum eine schaffte es, seiner fast krankhaft pedantischen Art gerecht zu werden.

Solange man sich vollkommen unterordnete, konnte er erstaunlich höflich und zuvorkommend sein, ganz Kavalier der alten Schule, ein aufrechter Kaufmann. Viel Wert legte er zum Beispiel auf den Austausch von Geburtstagsgrüßen und guten Wünschen an die Kunden zu Weihnachten und Neujahr. Seine Adresslisten für den Versand der Weihnachtskarten waren legendär und brachten manche Sekretärin an den Rand der Verzweiflung. Er unterschied zwischen Karten, die je nach Wichtigkeit des Empfängers entweder nur von ihm unterzeichnet wurden, andere, bei denen die Abteilungsleiter mit unterzeichneten, jene, auf denen nur der jeweilige Kundenbetreuer … Blieben Unterschriftsmappen mit Karten längere Zeit bei einem Kollegen liegen, war sich Gruber nicht zu schade, die Weitergabe selbst voranzutreiben. Und wehe, jemand hatte die vorgegebene Ordnung durcheinandergebracht oder eine falsche Karte unterschrieben! Von Ende November bis kurz vor Weihnachten sorgte er damit für reichlich zusätzliche Unruhe.

Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Gruber und Theresa knickte vollends ein, als sie zum ersten Mal offen widersprach und eigene Vorstellungen zu ihrem Aufgabengebiet äußerte. Von da an herrschte Kalter Krieg. Es gab keine laute Diskussion, nein, das entsprach nicht Grubers Art. Sie wurde ausgegrenzt und monatelang schikaniert. Die Abteilung arbeitete seit der Kündigungswelle leistungsmäßig sowieso am absoluten Limit. Trotzdem wies Gruber ihr ständig neue Aufgaben zu, oft das Abtippen von Briefen, die er in gut leserlicher Handschrift vorzuschreiben pflegte. Weil seine wechselnden Sekretärinnen entweder in der Einarbeitungsphase oder sonst hoffnungslos überlastet waren, übertrug er Theresa irgendwann auch noch die Erstellung seitenlanger Statistiken, die sie pro Woche mindestens einen halben Tag kosteten. Theresa wusste, welchen Stellenwert diese unendlich aufwändigen Tabellen für sein Wohlbefinden hatten, und erledigte diese Arbeit trotz des Zeitdrucks akribisch, um sich nicht weiteren Schikanen auszusetzen. Niemals hätte er einem männlichen Kollegen diese Arbeiten zugemutet.

Theresas Überstundenkonto schwoll an. An Besprechungen durfte sie manches Mal nicht mehr teilnehmen, obwohl es um ihren Produktbereich ging. Grubers Sonderaufgaben hatten Vorrang. Bei der Genehmigung von Urlaub bevorzugte er immer öfter die Kollegen. Theresa zog die Reißleine und kündigte. Sie sah es als großes Glück an, sich an ihrem letzten Arbeitstag nicht von Gruber verabschieden zu müssen, da er mal wieder auf Reisen war.

Den Vorgesetzten an ihrem neuen Arbeitsplatz erlebte Theresa als das genaue Gegenteil von Gruber – kollegial und gerecht. Die Leidenszeit unter Gruber verblasste allmählich in der Erinnerung. Bis es mehrere Jahre später an einem Freitagvormittag zu einer überraschenden Begegnung kam.

Theresa musste einen unangenehmen Untersuchungstermin in einer Facharztpraxis am anderen Ende der Stadt wahrnehmen. Ein wenig mürrisch betrat sie das vollbesetzte Wartezimmer. Einige Wartende erwiderten ihren Gruß leise brummelnd. Während sie den einzigen freien Platz ansteuerte, ertönte hinter ihr ein lautes, fröhliches „Guten Morgen!“. Sie zuckte zusammen und sah sich irritiert um. Diese Stimme kannte sie. Tatsächlich, Gruber! Er kam auf sie zu, reichte ihr freundlich die Hand und begann zu plaudern, als seien sie beste Freunde gewesen. Er sei mittlerweile im Ruhestand, berate das Unternehmen aber weiterhin. Das wusste Theresa bereits, denn sie telefonierte ab und zu mit einer früheren Kollegin, auch, dass er sich kurz vor seinem Ausscheiden noch einen neuen Firmenwagen genehmigt hatte, der ihm selbstverständlich im Rahmen seiner beratenden Tätigkeit zustand.

Theresa verschlug es erst einmal die Sprache. Ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend machte sich bemerkbar, genau wie früher, wenn sie sich über Gruber geärgert hatte. Bevor sie selbst zu Worte kam, wurde er aufgerufen. Leicht verwirrt setzte sie sich. Ein solcher Zufall in einer so großen Stadt! Zur Beruhigung atmete sie mehrmals tief durch. Und sofort stiegen Bilder aus der Vergangenheit in ihr auf.

Sie erinnerte sich, wie Gruber stets mit einem Stapel Unterlagen und Unterschriftsmappen zu Abteilungsbesprechungen erschien und während der Diskussionen permanent darin blätterte. Man war nie sicher, ob er das aktuelle Thema wirklich verfolgte. Zum Schluss galt natürlich immer sein Wort, so gut die Gegenargumente im Kollegenkreis auch gewesen sein mochten.
Sie sah ihn in kerzengrader Haltung neben seinem Schreibtisch stehen, wenn er mit seinem Vorgesetzten in der norwegischen Konzernzentrale telefonierte, hörte sein devotes „Yes, Mr. Tygsen!“, „Certainly, Mr. Tygsen“.
Sie erinnerte sich, wie er an Freitagnachmittagen regelmäßig in jedes Büro lugte und sich mit den Worten „Ihnen allen ein schönes Wochenende!“ verabschiedete. Meistens lagen dann noch zwei, drei Stunden Arbeit vor ihr.

Tief in Gedanken versunken, wurde Theresa erst wieder auf ihre Umgebung aufmerksam, als zum zweiten Mal an diesem Vormittag eine bekannte Stimme erklang, die durch die geöffnete Tür offenbar sie ansprach: „Wiedersehen, Frau Cormann, und ein schönes Wochenende.“
Theresa hätte dem feinen Herrn Gruber gern „Du mich auch“ geantwortet, entschied sich aber im letzten Moment für ein knappes „Danke gleichfalls“. Sie hoffte inständig, dass der Zufall ihr nicht noch einmal ein solches Treffen bescheren würde.
 
A

aligaga

Gast
Hallo Ciconia,

auch wenn du mich jetzt für gaga hältst: Dein feiner Herr Gruber dauert mich.

Er scheint mir vollkommen verlassen in einem System, für das er zwar an hoher Stelle verantwortlich ist, in dem ihm aber für das, was er draufhat und (zum Wohle des Geschäfts) offenbar richtig macht, kein Dank und keine Anerkennung wird. Im Gegenteil – wären seine Untergebenen nicht zu feig dazu, würden sie ihn mobben.

Gruber ist ein Geschäftsmann, der fast vollkommen funktioniert, und wird dafür von den Morlocks beneidet und gehasst. Wie muss dieser Mensch Zeit seines Geschäftslebens einsam gewesen sein! Ich seh in ihm einen tragischen Helden, keineswegs jemanden, an dem man nicht ein einziges gutes Haar lassen könnte wie die Protagonistin.

Vielleicht hast du schon mal von Herman Wouks „Die Caine war ihr Schicksal“ gehört? Wenn nicht: Es geht darin um einen unsympathischen Kriegsschiffkommandanten namens Queeg, der Schwächen zeigt und dafür von seiner Besatzung verachtet und verlacht und am Ende des Dienstes enthoben wird. Die Offiziere, die ihn von der Brücke geschickt haben, kommen vors Kriegsgericht und werden freigesprochen. Der Showdown des Romans ist die Szene, wo Barry Greenwald, der jüdische Anwalt der Angeklagten, zu deren Siegesfeier erscheint, sich aber nicht gratulieren lässt. Er schüttet vielmehr dem Rädelsführer der Meuterei, der im zivilen Leben Schriftsteller ist, den Sekt ins Gesicht und erklärt ihm, dass ein Fehlurteil gesprochen worden wäre. Für Typen wie Queeg wäre die Marine gemacht, und sie funktionierte nur mit ihnen, nicht mit smarten Schriftstellern an der Spitze.

Ein wunderschöner, gesellschaftskritischer Roman, für den Wouk 1952 den Pulitzer-Preis bekam.

Das ist mir alles wieder gekommen, als ich deinen Text gelesen und die Einsamkeit des feinen Herrn Gruber gesehen habe.

Gruß

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
Ach Aligaga, ist doch wurscht, wofür ich Dich halte, ob gaga oder lunatic, mich freut es, wenn Leute sehr belesen sind und hier zu jedem Text eine Brücke schlagen können. Deshalb erst einmal danke für Deine Überlegungen.

Wie immer im Leben kann man jede Geschichte von mindestens zwei Seiten betrachten: in diesem Fall von oben oder von unten. Du ziehst die Sichtweise von oben vor, für Dich ist Gruber
Ein Geschäftsmann, der fast vollkommen funktioniert
Dies mag aus der Sicht der Konzernleitung oberflächlich richtig sein, doch andererseits bedient sich dieser Gruber reichlich (teure Flüge, Firmenwagen, etc.) aus der Firmenkasse, wenn auch im Rahmen des Legalen, aber nicht immer „zum Wohle des Geschäfts“.
Aber wie sieht eine kleine Angestellte sein Verhalten? Er presst die Leute aus, er entlässt Mitarbeiter nach Gutdünken, er hat Vorurteile gegenüber weiblichen Mitarbeitern, die er in seiner Position eigentlich nicht haben dürfte – und so ein Mensch dauert Dich? Mir persönlich würden Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten, niemals leid tun. Und glaub mir: Einsam werden solche Chefs durch ihr Verhalten ganz von selbst.
Ich seh in ihm einen tragischen Helden
Wenn das so rüberkommt, habe ich bei dieser Geschichte etwas grundsätzlich falsch gemacht.

Gruß Ciconia
 

nachts

Mitglied
Nein - wenn es - auch - so rüberkommt hast du was richtg gemacht (vielleicht unabsichtlich)
Wenn du Typen darstellst, die du verabscheust und in der Eindimesionalität verharrst, wirds arg öd und und du reitest auf dem geschundenen Klischee in den Sonnenuntergang.
(Ich glaub die Macher von Batman haben Joker sehr gemocht ;-)
Von daher brauchen Unsympathen auch Biss, Ecken, Kanten und möglicherweise einen guten Schuß Tragik.
LG Nachts
 

Ciconia

Mitglied
Danke, nachts! Ja, „einen guten Schuss Tragik“ sollte die Geschichte schon haben, sonst wäre auch der Titel ein anderer geworden. Ich wollte durchaus die zwei Seiten des Herrn Gruber beleuchten. Nur schien mir, dass in aligagas Kommentar die Tragik und das Mitleid für diese Figur überwogen – deshalb mein Einwand.

Gruß Ciconia
 

Paloma

Mitglied
Guten Morgen Ciconia,

die Ambivalenz deines P. kommt mMn nicht genügend durch, sodass sie den Plot etwas schwach macht. Was bleibt ist ein fieser Chef, den es zu allen Zeiten immer und überall gab/gibt und eine sehr nachtragende Theresa.

Ich würde dir empfehlen im ersten Teil, bei all den miesen Machenschaften des Herrn Gruber eine wirklich positive Seite subtil einzubauen. Etwa so, dass es der Leser merkt/weiß aber die Mitarbeiter des Herrn Gruber nicht mitbekommen. Er könnte zum Beispiel ein Telefonat mit einem Pflegeheim führen und sich nach dem Befinden seines erkrankten Bruders/Freund usw. erkunden und sich für den Nachmittag anmelden. Halt irgendwas, das zeigt, dass Herr Gruber neben all den Fisimatenten noch ein Herz besitzt. Du musst ja nicht gleich einen Heiligen aus ihm machen.

Theresa musste einen unangenehmen Untersuchungstermin in einer Facharztpraxis am anderen Ende der Stadt wahrnehmen. Ein wenig mürrisch betrat sie das vollbesetzte Wartezimmer.
Bei unangenehm denke ich, als Frau, gleich an Gynäkologe – da wird der Gruber aber wohl nicht auftauchen. Ich meine, du könntest das weglassen oder definieren. Sie betritt mürrisch das Wartezimmer – hat also von vornherein schon schlechte Laune – eine Entschuldigung für ihr Nachtragen?

Den Schluss würde ich anderes gestalten. Ein leichtes Stauen stünde Theresa besser als das Wühlen in Vergangenem.

Um den Kreis zu schließen, könnte Theresa den Gruber bei einer wohltätigen Veranstaltung oder so wiedertreffen.

Soweit meine Gedanken zu deiner Geschichte – Es sind halt nur Gedanken.

Einen schönen Tag und liebe Grüße
Paloma
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Paloma,

vielen Dank, dass Du Dir so früh am Morgen schon Gedanken über meinen Text gemacht hast.

Zu den positiven Seiten des Herrn Gruber hatte ich in einer meiner Rohfassungen tatsächlich sein Engagement in einer gemeinnützigen Vereinigung beschrieben, diesen Punkt aber zugunsten der Weihnachtskartenaktion wieder gestrichen. Was ich auch wieder herausgenommen hatte, war seine sympathische Frau. Ich glaube, die werde ich wieder einbauen.

„Unangenehme“ Untersuchungstermine gibt es sicher nicht nur beim Gynäkologen – denk mal z. B. an jede Art von Spiegelung oder MRTs. Auch das könnte ich noch präzisieren.
Ein leichtes Stauen stünde Theresa besser als das Wühlen in Vergangenem.
Hier bin ich nicht so sicher. Wenn man ungute Erinnerungen an Vergangenes hat, wird so eine Begegnung mehr als ein Staunen hervorrufen.

Ich denke noch mal über Änderungen nach.

Schöne Wochenende!

Gruß Ciconia
 

Wipfel

Mitglied
Hi Ciconia,

Geschichten im Büro, an der Tankstelle, im Krankenhaus können funktionieren, wenn sie wie eine Geschichte funktionieren. Nicht erzählen, wie es ist - sondern wie es sein könnte. Bei deiner Geschichte funktioniert bei mir nichts. Nicht die Weihnachtskartenaktion, nicht sonstige Angewohnheiten, nicht das Treffen beim Arzt. Wo ist der Spannungsbogen? Warum soll ich Büroalltag lesen, den ich sowieso schon kenne? Aus meiner Sicht hältst du dich viel zu lange mit der Beschreibung des Chefs auf. Chef reicht. Jeder hat einen, jeder kennt einen. Muss man nicht nochmal erklären. Chef. Punkt.

Warum verliebt er sich nicht in sie - oder umgekehrt? Warum gibt es keinen Mord in der Abteilung? Warum wird dem Chef nicht das Toupet geklaut? Das wäre spannend. Und das fehlt in deiner Geschichte.

Nö, ich bin nicht zufrieden mit deinem Werk.

Grüße von wipfel
 

Ann-Britt

Mitglied
Hallo Ciconia,
der Text gefällt mir ausgesprochen gut. Und den Herrn Gruber gibt es sicher in tausendfacher Ausfertigung. So exakt, wie Du ihn beschreibst, scheinst Du ihn gut zu kennen.
Den Schluss finde ich jedoch, wie einige andere auch, nicht stimmig, wobei es natürlich sein könnte, dass G. sich an Theresa kaum erinnert, sondern nur noch ihren Namen kennt oder sie vielleicht verwechselt. Ich hatte auch erst gedacht, dass es eine Fortsetzung gibt.
Und bei dem Grund für den Arztbesuch habe ich sofort an Gastritis gedacht, einen Schlauch zu schlucken ist sehr unangenehm.

Schönen Sonntag!
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Wipfel,

wirklich schade, dass Du mehr erwartet hast als das, was wir alle schon kennen.

Warum wollen die Leser immer, dass sich jemand in den Chef verliebt? Eine ähnliche Diskussion gab es schon bei „Gundi und der Dunkelmann“. Nein, ich will keine Liebesgeschichte erzählen. Und ich will auch keinen Krimi schreiben, ich habe schon in „Der Fall Britta A.“ den Chef umbringen lassen. Und eine alberne Toupet-Geschichte möchte ich schon gar nicht schreiben, sondern ganz einfach vom ein wenig tragischen, ein wenig eigennützigen, ein wenig uneinsichtigen Vorgesetzten Gruber erzählen, der von seinen Mitarbeitern wegen all dieser Eigenschaften nicht geliebt wird. Da braucht es für mich nicht unbedingt Spannung, sondern es kommt mir auf eine genaue Zeichnung der Charaktere an. Die ist hier für die einen mehr, für die anderen weniger gelungen. Da kann man nichts machen.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Ann-Britt,

freut mich, dass Dir diese Geschichte gefällt.

Nein, den Herrn Gruber kenne ich nicht. Aber ich war lange genug berufstätig, um verschiedene ähnliche Exemplare erlebt (und überlebt) zu haben.

Über den Schluss werde ich vielleicht noch einmal nachdenken. Aber ich wollte die Geschichte ruhig ausklingen lassen, mit der Erkenntnis, dass Gruber sich in all den Jahren nicht geändert hat und die Menschen immer noch aus Vorgesetztensicht betrachtet.

Gruß Ciconia
 

Ann-Britt

Mitglied
Hallo Wipfel,
wir sind hier im Forum "Erzählungen", nicht bei "Krimis", und Ciconia erzählt etwas über den feinen Herrn Gruber, wobei ich das "fein" ironisch sehe im Sinne von: er hält sich dafür.
Und wenn Ciconia nichts in der Art dessen, was Du aufzählst, hier einflechten will, ist das ihre Sache, sie erzählt und zwar ausgesprochen gut. Den Spannungsbogen sehe ich durchaus, gerade die Weihnachtskartenaktion zeigt doch, was für ein armer Wicht der Chef im Grunde ist. Und wenn sie den Text ruhig ausklingen lassen will, ist das auch ihre Sache. Man würde dem Gruber ja gönnen, dass ihm das Toupet vom Kopf rutscht, aber wenn das nicht passiert, kann man nichts machen.
Ich finde, dass es zu weit geht, wenn jeder jeden Text hier umschreiben will. Man kann mitteilen, was irritiert, was man nicht versteht usw., aber grundsätzlich muss man den Text doch so nehmen, wie er veröffentlicht wurde. Jedesmal, wenn ich eine Aufführung von "Romeo und Julia" sehe, wünsche ich mir, dass es Rettung für die beiden gibt. Passiert nie...

Schönen Sonntag wünsche ich!
 

Wipfel

Mitglied
Weil du das Wort grundsätzlich verwendest: Grundsätzlich ist meine Kritik keine Aufforderung zum Handeln. Es ist meine Meinung. Mehr nicht. Und wenn auch alle klatschen, traue ich mich dennoch zu sagen: Der Text hat keine Kleider an.
 

Ciconia

Mitglied
Ferdinand D. Gruber zählte zu jenen Chefs, die „Management by Staubsauger“ betreiben: Den ganzen Tag herum surren und sich um jeden Dreck kümmern. Dazu gehörten schon mal die welken Blätter einer Topfpflanze in Theresas sogenanntem Großraumbüro, das sie mit neun Kollegen teilte. Rechnete man alle elektronischen und elektrischen Gerätschaften dazu, blieb für den Einzelnen nicht viel Luft zum Atmen. Gruber, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung, residierte in einem fast ebenso großen Einzelbüro, befand sich allerdings mehr als die Hälfte des Jahres auf Geschäftsreisen. Die Bitte, in der Abteilung wegen der im Sommer unerträglichen Hitze eine Klimaanlage installieren zu lassen, lehnte er kategorisch ab. Er brauche schließlich auch keine. Sie hätte damals etwa 6.000 DM gekostet. Dagegen waren die knapp 600 DM für eine Flugumbuchung in letzter Minute, um etwas früher von einer Reise daheim zu sein, wirklich Peanuts.

Unter den Kollegen herrschte trotz allem ein gutes Klima. An schlimmen Tagen nannten sie Gruber gern „Das kleine Arschloch“, in Anlehnung an den damals gerade aktuellen Comic. Sobald Gruber nach einer wichtigen Verlautbarung oder Durchhalteparole an das Team die Bürotür hinter sich schloss, kam es schon mal vor, dass der eine oder andere Kollege „Du mich auch“ murmelte.
Wofür das „D.“ in seinem Namen stand, wusste keiner so genau, die Vermutungen reichten von Dieter über Detlef zu Dussel. Letztere Variante stammte aus der Zeit, als Gruber nicht mehr verhindern konnte, endlich einen PC auf seinem Schreibtisch zu dulden. Seine Vorgesetzten und Kollegen in der Konzernzentrale und anderen europäischen Niederlassungen korrespondierten untereinander längst per e-mail, während sich Gruber jeden gemailten Text von seiner Sekretärin ausdrucken ließ und die Antworten diktierte. Der PC blieb lange ungenutzt, freundliche Einweisungsangebote wehrte er zunächst ab, angeblich aus Zeitmangel. Böse Zungen behaupteten, er habe den „Ein“-Schalter noch nicht gefunden. Wochen später überraschte er dann alle: Äußerst konzentriert bearbeitete er im Zwei-Finger-Suchsystem die Tastatur. Da er seine Zimmertür meistens geöffnet hielt, um die Bewegungen auf dem Gang überwachen zu können, bot er allen Vorübergehenden beste Unterhaltung.

Niemand wagte, offen gegen Gruber aufzumucken. Manche Kollegen profitierten durchaus davon, ihm nach dem Munde zu reden, denn er zahlte in unregelmäßigen Abständen Prämien an seine loyalsten Verkäufer, die nicht immer die besten sein mussten. Fast alle waren Familienväter, und alle hatten Angst um ihre Arbeitsplätze. Theresa konnte ihnen ihre Einstellung nicht verübeln. Schnell war dank Flurfunk durchgesickert, dass Gruber für jede arbeitsrechtliche Unstimmigkeit einen der besten Anwälte der Stadt beauftragte und dafür enorme Summen hinblätterte. Besonders gut verdiente dieser Anwalt, als es zu einem von der Zentrale vorgegebenen Personalabbau zur „Gesundschrumpfung“ des Unternehmens kam. Gruber kündigte nicht nach Sozialauswahl, sondern nutzte die Gelegenheit, um missliebige Mitarbeiter loszuwerden. Dementsprechend liefen mehrere Kündigungsschutzprozesse, von denen er die meisten verlor und hohe Abfindungen zahlen musste.

Es war eine von Männern dominierte Branche. Grubers Vorgänger hatte Theresa eingestellt und große Stücke auf sie gehalten, doch Gruber bereitete es von Anfang an Probleme, sie als gleichwertige Mitarbeiterin unter männlichen Kollegen anzuerkennen. Er akzeptierte Frauen nur in wenigen Funktionen. Vertriebskauffrauen für technische Produkte gehörten nicht dazu, sondern vor allem Sekretärinnen. Aber keine hielt es längere Zeit bei ihm aus. Welche erwachsene Frau sah es gern, dass ihre Arbeiten grundsätzlich mit Rotstift korrigiert und mit Kommentaren von „sehr gut!“ bis „Ändern!!!“ versehen wurden. Selbst die entsprechenden Korrekturstriche am Rand fehlten nicht. Kaum eine schaffte es, seiner fast krankhaft pedantischen Art gerecht zu werden.

Solange man sich vollkommen unterordnete, konnte er erstaunlich höflich und zuvorkommend sein, ganz Kavalier der alten Schule, ein aufrechter Kaufmann. Viel Wert legte er zum Beispiel auf den Austausch von Geburtstagsgrüßen und guten Wünschen an die Kunden zu Weihnachten und Neujahr. Seine Adresslisten für den Versand der Weihnachtskarten waren legendär und brachten manche Sekretärin an den Rand der Verzweiflung. Er unterschied zwischen Karten, die je nach Wichtigkeit des Empfängers entweder nur von ihm unterzeichnet wurden, andere, bei denen die Abteilungsleiter mit unterzeichneten, jene, auf denen nur der jeweilige Kundenbetreuer … Blieben Unterschriftsmappen mit Karten längere Zeit bei einem Kollegen liegen, war sich Gruber nicht zu schade, die Weitergabe selbst voranzutreiben. Und wehe, jemand hatte die vorgegebene Ordnung durcheinandergebracht oder eine falsche Karte unterschrieben! Von Ende November bis kurz vor Weihnachten sorgte er damit für reichlich zusätzliche Unruhe.

Auch Weihnachtsfeiern bedeuteten ihm viel, möglichst mit Partnern, darauf legte er Wert. Besonders die weiblichen Angestellten des Unternehmens fragten sich fassungslos, wie Gruber zu der herzlichen und sympathischen Frau gekommen war, die er auf solchen Feiern gern präsentierte. Zeigte er sich privat gänzlich anders als im Büro? Immerhin hatten Grubers schon längst die Silberhochzeit hinter sich, erwähnte Frau Gruber einmal beiläufig im Gespräch mit Theresa. Während die Kolleginnen grübelten, lieferten die männlichen Kollegen schmierig grinsend eine einfache Erklärung: Gruber musste wohl in gewisser Hinsicht besondere Qualitäten haben.

Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Gruber und Theresa knickte vollends ein, als sie zum ersten Mal offen widersprach und eigene Vorstellungen zu ihrem Aufgabengebiet äußerte. Von da an herrschte Kalter Krieg. Es gab keine laute Diskussion, nein, das entsprach nicht Grubers Art. Sie wurde ausgegrenzt und monatelang schikaniert. Die Abteilung arbeitete seit der Kündigungswelle leistungsmäßig sowieso am absoluten Limit. Trotzdem wies Gruber ihr ständig neue Aufgaben zu, oft das Abtippen von Briefen, die er in gut leserlicher Handschrift vorzuschreiben pflegte. Weil seine wechselnden Sekretärinnen entweder in der Einarbeitungsphase oder sonst hoffnungslos überlastet waren, übertrug er Theresa irgendwann auch noch die Erstellung seitenlanger Statistiken, die sie pro Woche mindestens einen halben Tag kosteten. Theresa wusste, welchen Stellenwert diese unendlich aufwändigen Tabellen für sein Wohlbefinden hatten, und erledigte diese Arbeit trotz des Zeitdrucks akribisch, um sich nicht weiteren Schikanen auszusetzen. Niemals hätte er einem männlichen Kollegen diese Arbeiten zugemutet.

Theresas Überstundenkonto schwoll an. An Besprechungen durfte sie manches Mal nicht mehr teilnehmen, obwohl es um ihren Produktbereich ging. Grubers Sonderaufgaben hatten Vorrang. Bei der Genehmigung von Urlaub bevorzugte er immer öfter die Kollegen. Theresa zog die Reißleine und kündigte. Sie sah es als großes Glück an, sich an ihrem letzten Arbeitstag nicht von Gruber verabschieden zu müssen, da er mal wieder auf Reisen war.

Den Vorgesetzten an ihrem neuen Arbeitsplatz erlebte Theresa als das genaue Gegenteil von Gruber – kollegial und gerecht. Die Leidenszeit unter Gruber verblasste allmählich in der Erinnerung. Bis es mehrere Jahre später an einem Freitagvormittag zu einer überraschenden Begegnung kam.

Theresa musste einen unangenehmen Untersuchungstermin in einer Facharztpraxis am anderen Ende der Stadt wahrnehmen. Ein wenig mürrisch betrat sie das vollbesetzte Wartezimmer. Einige Wartende erwiderten ihren Gruß leise brummelnd. Während sie den einzigen freien Platz ansteuerte, ertönte hinter ihr ein lautes, fröhliches „Guten Morgen!“. Sie zuckte zusammen und sah sich irritiert um. Diese Stimme kannte sie. Tatsächlich, Gruber! Er kam auf sie zu, reichte ihr freundlich die Hand und begann zu plaudern, als seien sie beste Freunde gewesen. Er sei mittlerweile im Ruhestand, berate das Unternehmen aber weiterhin. Das wusste Theresa bereits, denn sie telefonierte ab und zu mit einer früheren Kollegin, auch, dass er sich kurz vor seinem Ausscheiden noch einen neuen Firmenwagen genehmigt hatte, der ihm selbstverständlich im Rahmen seiner beratenden Tätigkeit zustand.

Theresa verschlug es erst einmal die Sprache. Ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend machte sich bemerkbar, genau wie früher, wenn sie sich über Gruber geärgert hatte. Bevor sie selbst zu Worte kam, wurde er aufgerufen. Leicht verwirrt setzte sie sich. Ein solcher Zufall in einer so großen Stadt! Zur Beruhigung atmete sie mehrmals tief durch. Und sofort stiegen Bilder aus der Vergangenheit in ihr auf.

Sie erinnerte sich, wie Gruber stets mit einem Stapel Unterlagen und Unterschriftsmappen zu Abteilungsbesprechungen erschien und während der Diskussionen permanent darin blätterte. Man war nie sicher, ob er das aktuelle Thema wirklich verfolgte. Zum Schluss galt natürlich immer sein Wort, so gut die Gegenargumente im Kollegenkreis auch gewesen sein mochten.
Sie sah ihn in kerzengrader Haltung neben seinem Schreibtisch stehen, wenn er mit seinem Vorgesetzten in der norwegischen Konzernzentrale telefonierte, hörte sein devotes „Yes, Mr. Tygsen!“, „Certainly, Mr. Tygsen“.
Sie erinnerte sich, wie er an Freitagnachmittagen regelmäßig in jedes Büro lugte und sich mit den Worten „Ihnen allen ein schönes Wochenende!“ verabschiedete. Meistens lagen dann noch zwei, drei Stunden Arbeit vor ihr.

Tief in Gedanken versunken, wurde Theresa erst wieder auf ihre Umgebung aufmerksam, als zum zweiten Mal an diesem Vormittag eine bekannte Stimme erklang, die durch die geöffnete Tür offenbar sie ansprach: „Wiedersehen, Frau Cormann, und ein schönes Wochenende.“
Theresa hätte dem feinen Herrn Gruber gern „Du mich auch“ geantwortet, entschied sich aber im letzten Moment für ein knappes „Danke gleichfalls“. Sie hoffte inständig, dass der Zufall ihr nicht noch einmal ein solches Treffen bescheren würde.
 

Ciconia

Mitglied
Danke, Ann-Britt!

@ Wipfel:
Ja, man muss auch mal gegen den Strom schwimmen können.

@ Paloma:
Ich hab dem Gruber noch eine nette Frau verpasst.

Euch allen einen schönen Sonntag!
Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Und wenn auch alle klatschen, traue ich mich dennoch zu sagen: Der Text hat keine Kleider an.
Ebendas hab ich weiter oben auch zu bemerken gewagt. In dem Maße, wie der "feine" Herr Gruber in billigst kaschiertes Tuch gewickelt wird, entblößt sich die Protagonistin und zeigt dabei alle Merkmale tief gründenden Sozialneides.

Da Letzeres nach dem Bekunden der Autorin offenbar gar nicht beabsichtig war, muss der Text auch von daher als missglückt bezeichnet werden.

Gruß

aligaga
 

Ciconia

Mitglied
entblößt sich die Protagonistin und zeigt dabei alle Merkmale tief gründenden Sozialneides.
Hallo aligaga,

so ein Schmarrn! Wo siehst Du denn da Sozialneid?? Und missglückt ist der Text, weil ich dies nicht beabsichtigt habe?
Dies ist nun Dein vierter Beitrag zu meinem Text, und immer noch kommt für mich nicht klar rüber, was Du eigentlich kritisierst. Gefällt Dir mein Stil nicht, sind zu viele Fehler enthalten, schildere ich unwirkliche Begebenheiten, ist die Figur zu unklar gezeichnet? Kannst Du das vielleicht mal in einer einfachen, klaren Sprache ausdrücken, damit ich es auch verstehe? Ich bin gern zu Änderungen bereit, nur muss ich wissen, wo ich überhaupt ansetzen soll.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Ich schrieb:
Hallo Ciconia,

auch wenn du mich jetzt für gaga hältst: Dein feiner Herr Gruber dauert mich.

Er scheint mir vollkommen verlassen in einem System, für das er zwar an hoher Stelle verantwortlich ist, in dem ihm aber für das, was er draufhat und (zum Wohle des Geschäfts) offenbar richtig macht, kein Dank und keine Anerkennung wird. Im Gegenteil – wären seine Untergebenen nicht zu feig dazu, würden sie ihn mobben.

Gruber ist ein Geschäftsmann, der fast vollkommen funktioniert, und wird dafür von den Morlocks beneidet und gehasst. Wie muss dieser Mensch Zeit seines Geschäftslebens einsam gewesen sein! Ich seh in ihm einen tragischen Helden, keineswegs jemanden, an dem man nicht ein einziges gutes Haar lassen könnte wie die Protagonistin.

Vielleicht hast du schon mal von Herman Wouks „Die Caine war ihr Schicksal“ gehört? Wenn nicht: Es geht darin um einen unsympathischen Kriegsschiffkommandanten namens Queeg, der Schwächen zeigt und dafür von seiner Besatzung verachtet und verlacht und am Ende des Dienstes enthoben wird. Die Offiziere, die ihn von der Brücke geschickt haben, kommen vors Kriegsgericht und werden freigesprochen. Der Showdown des Romans ist die Szene, wo Barry Greenwald, der jüdische Anwalt der Angeklagten, zu deren Siegesfeier erscheint, sich aber nicht gratulieren lässt. Er schüttet vielmehr dem Rädelsführer der Meuterei, der im zivilen Leben Schriftsteller ist, den Sekt ins Gesicht und erklärt ihm, dass ein Fehlurteil gesprochen worden wäre. Für Typen wie Queeg wäre die Marine gemacht, und sie funktionierte nur mit ihnen, nicht mit smarten Schriftstellern an der Spitze.

Ein wunderschöner, gesellschaftskritischer Roman, für den Wouk 1952 den Pulitzer-Preis bekam.

Das ist mir alles wieder gekommen, als ich deinen Text gelesen und die Einsamkeit des feinen Herrn Gruber gesehen habe.

Gruß

aligaga

Du antwortetest:
Ach Aligaga, ist doch wurscht, wofür ich Dich halte, ob gaga oder lunatic, mich freut es, wenn Leute sehr belesen sind und hier zu jedem Text eine Brücke schlagen können. Deshalb erst einmal danke für Deine Überlegungen.

Wie immer im Leben kann man jede Geschichte von mindestens zwei Seiten betrachten: in diesem Fall von oben oder von unten. Du ziehst die Sichtweise von oben vor, für Dich ist Gruber
Ein Geschäftsmann, der fast vollkommen funktioniert
Dies mag aus der Sicht der Konzernleitung oberflächlich richtig sein, doch andererseits bedient sich dieser Gruber reichlich (teure Flüge, Firmenwagen, etc.) aus der Firmenkasse, wenn auch im Rahmen des Legalen, aber nicht immer „zum Wohle des Geschäfts“.
Aber wie sieht eine kleine Angestellte sein Verhalten? Er presst die Leute aus, er entlässt Mitarbeiter nach Gutdünken, er hat Vorurteile gegenüber weiblichen Mitarbeitern, die er in seiner Position eigentlich nicht haben dürfte – und so ein Mensch dauert Dich? Mir persönlich würden Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten, niemals leid tun. Und glaub mir: Einsam werden solche Chefs durch ihr Verhalten ganz von selbst.
quote:
Ich seh in ihm einen tragischen Helden
Wenn das so rüberkommt, habe ich bei dieser Geschichte etwas grundsätzlich falsch gemacht.

Gruß Ciconia
So what?

Was oder wen du mit "lunatic" meinst, weiß ich nicht.

Gruß

aligaga
 

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