Der feine Herr Gruber

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Ciconia

Mitglied
Hallo aligaga,

indem Du vorherige (unklare) Kommentare wiederholst, werden Deine Ausführungen nicht deutlicher, Du blähst diesen Thread nur unnötig auf.

Dass Dir der Begriff „lunatic“ nicht bekannt ist, kann ich nicht glauben. Du schriebst selbst, ich könne Dich für „gaga“ halten, da ist „lunatic“ in ähnlicher Wortbedeutung wohl nicht weit hergeholt.

Gruß Ciconia
 

Paloma

Mitglied
@ Paloma:
Ich hab dem Gruber noch eine nette Frau verpasst.

Hallo Ciconia,

ja, aber leider macht ihn das kein bisschen sympathischer, denn schon wundert sich jeder, wie er nur an die tolle Frau gekommen ist – das spricht doch wieder gegen ihn. Es soll ja mehr als einen Grund geben, warum Eheleute zusammenbleiben – das muss jetzt nicht zwingend etwas mit den guten Seiten des Herrn Gemahls zu tun haben. Auch wird oftmals der Schein gewahrt – des guten Rufes wegen. Und die Weihnachtskartenaktion ist eine durchaus gängige Werbekampagne vieler Firmen – dass die Karten nun einzeln, von wem auch immer, unterschrieben werden, zeigt eigentlich nur, dass es sich um eine kleine Firma handeln muss, die keinen großen Kundenstamm hat.

Eigentlich ist deiner Geschichte (leider!) so niemand wirklich nett. An Gruber selbst lässt der Erzähler kein gutes Haar. Die männlichen Angestellten sind entweder Duckmäuser oder Schleimer, die dazu auch noch schmierig grinsen. Die Damen ordnen sich unter, weil der Chef dann nett ist. Alle halten den Mund bis auf Theresa, die einmal etwas sagt und dann den Rest ihrer Firmenzugehörigkeit schweigend leidet. Als sie dann die Firma wechselt, atmet sie nicht etwas erleichtert durch, sondern meißelt sich in ihre Festplatte, den Gruber ja nie zu vergessen. Und dann Jahrzehnte später trifft sie auf ihn und erinnert sich an all die unschönen Dinge.

Nichts mit vergessen und schon gar nicht mit vergeben oder gar mit der Erkenntnis, dass das Arbeitsleben nun mal kein Ponyhof ist. Ich fürchte, sie hat sich damit ihr Leben unnötig schwer gemacht.

Liebe Grüße
Paloma
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Paloma,

da muss ich (leider) in einigen Punkten widersprechen.
zeigt eigentlich nur, dass es sich um eine kleine Firma handeln muss, die keinen großen Kundenstamm hat.
Eben nicht. Dass es sich um einen größeren Konzern handeln muss, geht ja hieraus
in der norwegischen Konzernzentrale
hervor. Und der Irrsinn ist ja gerade der, dass der große Kundenstamm mit Karten bedient wird, sonst wäre der Aufwand ja nicht so immens gewesen.
Eigentlich ist deiner Geschichte (leider!) so niemand wirklich nett.
Wo steht denn geschrieben, dass in einer Geschichte immer nur nette Leute vorkommen dürfen. Das gibt doch gar nichts her.
Als sie dann die Firma wechselt, atmet sie nicht etwas erleichtert durch, sondern meißelt sich in ihre Festplatte, den Gruber ja nie zu vergessen.
Einspruch. Ich schrieb:
Die Leidenszeit unter Gruber verblasste allmählich in der Erinnerung.
Und dann Jahrzehnte später trifft sie auf ihn und erinnert sich an all die unschönen Dinge.
Ich schrieb:
Bis es mehrere Jahre [blue](nicht Jahrzehnte!)[/blue] später an einem Freitagvormittag zu einer überraschenden Begegnung kam.
Natürlich erinnert man sich bei so einem Wiedersehen an unschöne Zeiten, auch wenn man sie nicht in „seine Festplatte gemeißelt“ hat. Erlebtes verschwindet doch nicht einfach aus der Erinnerung, es sei denn, man will es verdrängen.
Ich fürchte, sie hat sich damit ihr Leben unnötig schwer gemacht.
Das sehe ich nicht so. Sie fühlt sich doch offensichtlich wohl in ihrer neuen Firma und denkt nicht mehr an Gruber.

Ich fürchte, da bleiben unsere Ansichten zu unterschiedlich. Trotzdem danke fürs nochmalige Vorbeischauen.

Gruß Ciconia
 

Ann-Britt

Mitglied
Hallo Ciconia,
Einspruch! Etwas mit Gewalt zu verdrängen ist sehr schwierig. versuch mal drei Minuten lang nicht an einen Eisbären zu denken...

Schönen Restsonntag!
 

Paloma

Mitglied
Halllo noch mal ...

Eigentlich ist deiner Geschichte (leider!) so niemand wirklich nett.
Wo steht denn geschrieben, dass in einer Geschichte immer nur nette Leute vorkommen dürfen. Das gibt doch gar nichts her.
Keine Ahnung, ob das irgendwo steht, aber es macht eine Geschichte deutlich spannender, wenn es Kontrahenten gibt und verschiedene Charaktere. Hier bin ich wohl von falschen Voraussetzungen ausgegangen, ich dachte, du wolltest den Gruber amivalent darstellen.

Und dann Jahrzehnte später trifft sie auf ihn und erinnert sich an all die unschönen Dinge.
Bis es mehrere Jahre (nicht Jahrzehnte!) später an einem Freitagvormittag zu einer überraschenden Begegnung kam.
Sorry, da ist mir das „ein“ durchgegangen. Ich bin von der Jetztzeit ausgegangen. Den Euro gibt es 2002 und dort wird noch in DM gehandelt.

Ich fürchte, da bleiben unsere Ansichten zu unterschiedlich. Trotzdem danke fürs nochmalige Vorbeischauen.
Kein Problem – ist doch deine Geschichte.

Liebe Grüße
Paloma
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Paloma,
ich dachte, du wolltest den Gruber amivalent darstellen
Durchaus. Das kommt meines Erachtens auch an mehreren Stellen durch (z. B. Weihnachtskarten, Weihnachtsfeiern). Aber überwiegend sollte der Gruber eben nicht „nett“ sein.
Ich bin von der Jetztzeit ausgegangen. Den Euro gibt es 2002 und dort wird noch in DM gehandelt.
Es wird zum Zeitpunkt der Erzählung, der ja nicht in der Jetztzeit liegen muss, nicht „in DM gehandelt“. Ich schrieb:
Sie hätte damals etwa 6.000 DM gekostet.
Dieses Ereignis während der Beschäftigungszeit von Theresa kann also durchaus Jahre zurückliegen.

Gruß Ciconia
 
E

eisblume

Gast
Ja, „einen guten Schuss Tragik“ sollte die Geschichte schon haben,
sorry Ciconia,
aber das sehe ich nicht. Mir gelingt es hier leider gar nicht, in irgendeiner Form Zugang zu Herrn Gruber zu finden. Weder empfinde ich Mitleid mit ihm noch ist er mir unsympathisch noch ärgere mich über ihn. Seine „Verfehlungen“ lösen in mir rein gar nichts aus.
Theresa scheint ja sehr unter ihm gelitten zu haben, aber auch das rührt mich nicht. Ich empfinde kein Mitleid mit ihr. Das hat auch nichts damit zu tun, ob sie mir sympathisch ist oder nicht, es kommt (bei mir) einfach nichts rüber.

Für mich liegt das darin begründet, dass ich hier bzgl. Gruber leider keinen genau gezeichneten Charakter sehe, sondern vielmehr einen aufgelisteten „Meckerkatalog“.
Der Erzähler erzählt nur aus einem Blickwinkel, ich lerne also nur eine Seite kennen – woher weiß ich, dass es auch so war? Aus Grubers Sicht würde sich manches vielleicht anders darstellen. Okay, das ist in dem Fall nicht beabsichtigt, die Geschichte ist nicht so angelegt, muss es auch gar nicht sein, aber in dem Fall fehlt (mir) halt einfach etwas.
Daher finde es insgesamt sehr unbefriedigend, dass ich im Grunde nichts von Herrn Gruber, sondern nur über ihn erfahre, und zwar in der Form, wie man so hinter dem Rücken über jemanden lästert. Und das sagt dann nichts über Gruber, sondern eben über die Lästerer aus.

Ich für meinen Teil finde, dass die Geschichte mit der Wahl einer personalen Perspektive gewinnen würde. Das würde mehr Nähe schaffen, nicht zu distanziert daherkommen und somit mehr Bezug zu den Protas schaffen.

Sprachlich finde ich es stellenweise auch nicht so gelungen, z. B. gleich zu Beginn:
„Management by Staubsauger“
Sollte das ein bisserl einen humorigen Touch bringen? Finde ich unnötig.

… Blätter einer Topfpflanze in Theresas sogenanntem Großraumbüro, das sie mit neun Kollegen teilte.
Warum „sogenannt“?

Rechnete man alle elektronischen und elektrischen Gerätschaften dazu, blieb für den Einzelnen nicht viel Luft zum Atmen.
Könnte ersatzlos gestrichen werden.

Alles in allem ist diese Geschichte dieses Mal leider nicht mein Fall - was aber ja auch nicht sein muss ;)

wünsche dir noch einen schönen Sonntag
eisblume
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Ciconia, Du lässt dem Leser nur eine Chance: Herrn Gruber NICHT zu mögen. Das engt schon sehr ein.

Das "D" in seinem Namen rührt vermutlich daher, dass Herr Gruber keinen Doktortitel hat. Bei angestaubten Herren eine beliebte Methode, um künstlich so etwas Ähnliches zu erzeugen.

Dass eine gefeierte Silberhochzeit ein Hinweis auf besondere Qualitäten des Herrn Gruber sein kann, ist aber ein merkwürdiger Einfall. Als ob Ehe fast nur aus Sex besteht ... naja.

Wie auch schon in "Gundi und der Dunkelmann" ein negativ gezeichneter Chef. Kannst Du nicht mal einen positiven auferstehen lassen?!
:)

LG Doc
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Eisblume,

ja, wirklich schade. Aber eine Geschichte kann nicht jeden ansprechen, zumal wenn er vielleicht nicht dieselben Erfahrungen gemacht hat. Zu Deinen Fragen:

„Sogenanntes“ Großraumbüro, weil ein Raum, in dem zehn Mitarbeiter unter erschwerten Bedingungen arbeiten, eben kein wirkliches Großraumbüro ist, was sich auch hieraus ergibt:
Gruber, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung, residierte in einem fast ebenso großen Einzelbüro
Dass es erschwerte Bedingungen sind, wurde hier gesagt:
Rechnete man alle elektronischen und elektrischen Gerätschaften dazu, blieb für den Einzelnen nicht viel Luft zum Atmen.
Deshalb kann dieser Satz leider nicht entfallen.

Auch Dir einen schönen Sonntag.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Doc,

es ist ja nicht die Silberhochzeit per se, sondern die Tatsache, dass eine nette Frau es so lange mit Gruber ausgehalten hat. Und männliche Kollegen haben da manchmal merkwürdige Einfälle. Frauen würden sich so etwas bei ihrem Chef gar nicht vorstellen wollen.
Kannst Du nicht mal einen positiven auferstehen lassen?!
Nein, ich kannte keinen. :D Bin deshalb aber weder traumatisiert noch hat es mein Leben unnötig beschwert. ;)

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Ja,möglich ... :)
Mir ist gerade eingefallen, dass ich doch schon mal einen netten Chef (wenn auch nur in einer Nebenrolle) beschrieben habe: "Ein unbequemer Kollege" heißt die Kurzgeschichte. Aber die gefiel auch niemandem. :eek:

Gruß Ciconia
 
E

eisblume

Gast
Aber eine Geschichte kann nicht jeden ansprechen, zumal wenn er vielleicht nicht dieselben Erfahrungen gemacht hat.
Das sehe ich jetzt gerade anders herum:
Eben weil ich solche Erfahrungen auch schon gemacht habe, würde mich eine Geschichte, die solche Erfahrungen thematisiert, automatisch ansprechen, ein Wiedererkennen auslösen und auf alle Fälle irgendeine Form von (Mit)Gefühl erzeugen. Nur das ist hier halt nicht der Fall.

Wie schon gesagt, meine ich, dass es aber nicht am Plot an sich, sondern an der Erzählperspektive bzw. -stimme liegt.

Lieben Gruß
eisblume
 

Ciconia

Mitglied
Ferdinand D. Gruber zählte zu jenen Chefs, die „Management by Staubsauger“ betreiben: Den ganzen Tag herum surren und sich um jeden Dreck kümmern. Dazu gehörten schon mal die welken Blätter einer Topfpflanze in unserem sogenannten Großraumbüro, das ich mit neun Kollegen teilte. Rechnete man alle elektronischen und elektrischen Gerätschaften dazu, blieb für den Einzelnen nicht viel Luft zum Atmen. Gruber, Geschäftsführer unserer deutschen Niederlassung, residierte in einem fast ebenso großen Einzelbüro, befand sich allerdings mehr als die Hälfte des Jahres auf Geschäftsreisen. Die Bitte, in der Abteilung wegen der im Sommer unerträglichen Hitze eine Klimaanlage installieren zu lassen, lehnte er kategorisch ab. Er brauche schließlich auch keine. Sie hätte damals etwa 6.000 DM gekostet. Dagegen waren die knapp 600 DM für eine Flugumbuchung in letzter Minute, um etwas früher von einer Reise daheim zu sein, wirklich Peanuts.

Unter uns Kollegen herrschte trotz allem ein gutes Klima. An schlimmen Tagen nannten wir Gruber gern „Das kleine Arschloch“, in Anlehnung an den damals gerade aktuellen Comic. Sobald Gruber nach einer wichtigen Verlautbarung oder Durchhalteparole an das Team die Bürotür hinter sich schloss, kam es schon mal vor, dass der eine oder andere Kollege „Du mich auch“ murmelte.
Wofür das „D.“ in seinem Namen stand, wusste keiner so genau, die Vermutungen reichten von Dieter über Detlef zu Dussel. Letztere Variante stammte aus der Zeit, als Gruber nicht mehr verhindern konnte, endlich einen PC auf seinem Schreibtisch zu dulden. Seine Vorgesetzten und Kollegen in der Konzernzentrale und anderen europäischen Niederlassungen korrespondierten untereinander längst per e-mail, während sich Gruber jeden gemailten Text von seiner Sekretärin ausdrucken ließ und die Antworten diktierte. Der PC blieb lange ungenutzt, freundliche Einweisungsangebote wehrte er zunächst ab, angeblich aus Zeitmangel. Böse Zungen behaupteten, er habe den „Ein“-Schalter noch nicht gefunden. Wochen später überraschte er uns alle: Äußerst konzentriert bearbeitete er im Zwei-Finger-Suchsystem die Tastatur. Da er seine Zimmertür meistens geöffnet hielt, um die Bewegungen auf dem Gang überwachen zu können, bot er allen Vorübergehenden beste Unterhaltung.

Niemand wagte, offen gegen Gruber aufzumucken. Manche Kollegen profitierten durchaus davon, ihm nach dem Munde zu reden, denn er zahlte in unregelmäßigen Abständen Prämien an seine loyalsten Verkäufer, die nicht immer die besten sein mussten. Fast alle waren Familienväter, und alle hatten Angst um ihre Arbeitsplätze. Ich konnte ihnen ihre Einstellung nicht verübeln. Schnell war dank Flurfunk durchgesickert, dass Gruber für jede arbeitsrechtliche Unstimmigkeit einen der besten Anwälte der Stadt beauftragte und dafür enorme Summen hinblätterte. Besonders gut verdiente dieser Anwalt, als es zu einem von der Zentrale vorgegebenen Personalabbau zur „Gesundschrumpfung“ des Unternehmens kam. Gruber kündigte nicht nach Sozialauswahl, sondern nutzte die Gelegenheit, um missliebige Mitarbeiter loszuwerden. Dementsprechend liefen mehrere Kündigungsschutzprozesse, von denen er die meisten verlor und hohe Abfindungen zahlen musste.

Unsere Branche wurde von Männern dominiert. Grubers Vorgänger hatte mich eingestellt und große Stücke auf mich gehalten, doch Gruber bereitete es von Anfang an Probleme, mich als gleichwertige Mitarbeiterin unter männlichen Kollegen anzuerkennen. Er akzeptierte Frauen nur in wenigen Funktionen. Vertriebskauffrauen für technische Produkte gehörten nicht dazu, sondern vor allem Sekretärinnen. Aber keine hielt es längere Zeit bei ihm aus. Welche erwachsene Frau sah es gern, dass ihre Arbeiten grundsätzlich mit Rotstift korrigiert und mit Kommentaren von „sehr gut!“ bis „Ändern!!!“ versehen wurden. Selbst die entsprechenden Korrekturstriche am Rand fehlten nicht. Kaum eine schaffte es, seiner fast krankhaft pedantischen Art gerecht zu werden.

Solange man sich vollkommen unterordnete, konnte er erstaunlich höflich und zuvorkommend sein, ganz Kavalier der alten Schule, ein aufrechter Kaufmann. Viel Wert legte er zum Beispiel auf den Austausch von Geburtstagsgrüßen und guten Wünschen an die Kunden zu Weihnachten und Neujahr. Seine Adresslisten für den Versand der Weihnachtskarten waren legendär und brachten manche Sekretärin an den Rand der Verzweiflung. Er unterschied zwischen Karten, die je nach Wichtigkeit des Empfängers entweder nur von ihm unterzeichnet wurden, andere, bei denen die Abteilungsleiter mit unterzeichneten, jene, auf denen nur der jeweilige Kundenbetreuer … Blieben Unterschriftsmappen mit Karten längere Zeit bei einem Kollegen liegen, war sich Gruber nicht zu schade, die Weitergabe selbst voranzutreiben. Und wehe, jemand hatte die vorgegebene Ordnung durcheinandergebracht oder eine falsche Karte unterschrieben! Von Ende November bis kurz vor Weihnachten sorgte er damit im ganzen Unternehmen für reichlich zusätzliche Unruhe.

Auch Weihnachtsfeiern bedeuteten ihm viel, möglichst mit Partnern, das betonte er jedes Jahr wieder. Besonders wir weiblichen Angestellten fragten uns fassungslos, wie Gruber zu der herzlichen und sympathischen Frau gekommen war, die er auf solchen Feiern gern präsentierte. Zeigte er sich privat gänzlich anders als im Büro? Immerhin hatten Grubers schon längst die Silberhochzeit hinter sich, erzählte mir Frau Gruber einmal beiläufig. Während die Kolleginnen grübelten, lieferten die männlichen Kollegen schmierig grinsend eine einfache Erklärung: Gruber musste wohl in gewisser Hinsicht besondere Qualitäten haben.

Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Gruber und mir knickte vollends ein, als ich zum ersten Mal offen widersprach und eigene Vorstellungen zu meinem Aufgabengebiet äußerte. Von da an herrschte Kalter Krieg. Es gab keine laute Diskussion, nein, das entsprach nicht Grubers Art. Ich wurde ausgegrenzt und monatelang schikaniert. Die Abteilung arbeitete seit der Kündigungswelle leistungsmäßig sowieso am absoluten Limit. Trotzdem wies Gruber mir ständig neue Aufgaben zu, oft das Abtippen von Briefen, die er in gut leserlicher Handschrift vorzuschreiben pflegte. Weil seine wechselnden Sekretärinnen entweder in der Einarbeitungsphase oder sonst hoffnungslos überlastet waren, übertrug er mir irgendwann auch noch die Erstellung seitenlanger Statistiken, die mich pro Woche mindestens einen halben Tag kosteten. Ich wusste, welchen Stellenwert diese unendlich aufwändigen Tabellen für sein Wohlbefinden hatten, und erledigte diese Arbeit trotz des Zeitdrucks akribisch, um mich nicht weiteren Schikanen auszusetzen. Niemals hätte er einem männlichen Kollegen diese Arbeiten zugemutet.

Mein Überstundenkonto schwoll an. An Besprechungen durfte ich manches Mal nicht mehr teilnehmen, obwohl es um meinen Produktbereich ging. Grubers Sonderaufgaben hatten Vorrang. Bei der Genehmigung von Urlaub bevorzugte er immer öfter die Kollegen. Irgendwann zog ich die Reißleine und kündigte. Ich sah es als großes Glück an, mich an meinem letzten Arbeitstag nicht von Gruber verabschieden zu müssen, da er mal wieder auf Reisen war.

Den Vorgesetzten an meinem neuen Arbeitsplatz erlebte ich als das genaue Gegenteil von Gruber – kollegial und gerecht. Die Leidenszeit unter Gruber verblasste allmählich in der Erinnerung. Bis es mehrere Jahre später an einem Freitagvormittag zu einer überraschenden Begegnung kam.

Ich musste einen unangenehmen Untersuchungstermin in einer Facharztpraxis am anderen Ende der Stadt wahrnehmen. Angespannt betrat ich das vollbesetzte Wartezimmer. Einige Wartende erwiderten meinen Gruß leise brummelnd. Während ich den einzigen freien Platz ansteuerte, ertönte hinter mir ein lautes, fröhliches „Guten Morgen!“. Ich zuckte zusammen und sah mich irritiert um. Diese Stimme kannte ich. Tatsächlich, Gruber! Er kam auf mich zu, reichte mir freundlich die Hand und begann zu plaudern, als seien wir beste Freunde gewesen. Er sei mittlerweile im Ruhestand, berate das Unternehmen aber weiterhin. Das wusste ich bereits, denn ich telefonierte ab und zu mit einer früheren Kollegin, auch, dass er sich kurz vor seinem Ausscheiden noch einen neuen Firmenwagen genehmigt hatte, der ihm „selbstverständlich“ im Rahmen seiner beratenden Tätigkeit zustand.

Mir verschlug es erst einmal die Sprache. Ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend machte sich bemerkbar, genau wie früher, wenn ich mich über Gruber geärgert hatte. Bevor ich selbst zu Worte kam, wurde er aufgerufen. Leicht verwirrt setzte ich mich. Ein solcher Zufall in einer so großen Stadt! Zur Beruhigung atmete ich mehrmals tief durch. Und sofort stiegen Bilder aus der Vergangenheit in mir auf.

Ich erinnerte mich, wie Gruber stets mit einem Stapel Unterlagen und Unterschriftsmappen zu Abteilungsbesprechungen erschien und während der Diskussionen permanent darin blätterte. Man war nie sicher, ob er das aktuelle Thema wirklich verfolgte. Zum Schluss galt natürlich immer sein Wort, so gut die Gegenargumente im Kollegenkreis auch gewesen sein mochten.
Ich sah ihn in kerzengrader Haltung neben seinem Schreibtisch stehen, wenn er mit seinem Vorgesetzten in der norwegischen Konzernzentrale telefonierte, hörte sein devotes „Yes, Mr. Tygsen!“, „Certainly, Mr. Tygsen“.
Ich erinnerte mich, wie er an Freitagnachmittagen regelmäßig in jedes Büro lugte und sich mit den Worten „Ihnen allen ein schönes Wochenende!“ von uns verabschiedete. Meistens lagen dann noch zwei, drei Stunden Arbeit vor mir.

Tief in Gedanken versunken, wurde ich erst wieder auf meine Umgebung aufmerksam, als zum zweiten Mal an diesem Vormittag eine bekannte Stimme erklang, die durch die geöffnete Tür offenbar mich ansprach: „Wiedersehen, Frau Cormann, und ein schönes Wochenende.“
Ich hätte dem feinen Herrn Gruber gern ein „Du mich auch“ hinterhergeworfen, entschied mich aber im letzten Moment für ein knappes „Danke gleichfalls“. Zu soviel Höflichkeit war ich gerade noch in der Lage.
 

Ciconia

Mitglied
Ich habe die Geschichte jetzt umgeschrieben in die 1. Person und bin damit auf das zurückgekommen, was ich ursprünglich vorhatte. Doch weil es in der Vergangenheit immer wieder Vorwürfe gab, ich würde nur „Autobiografisches“ erzählen, wenn ich einmal die Ich-Form wählte, habe ich dann Theresa ins Spiel gebracht. Das hat offensichtlich nicht funktioniert.

Vielleicht fällt Euch der Zugang zur Geschichte jetzt leichter.
Nochmals danke für Eure Mitarbeit.

Gruß Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Die Erzählperspektiven sind hier eindimensional und flach.

Schade, dass Ciconia ihr gewidmete Zuschriften nicht wirklich zu lesen vermag. Vielleicht, weil sie nicht erkennen und zugeben will, dass ein Chef anders denken und anders ticken können muss als eine einfache Angestellte. Commandante Gruber ist allein dafür verantwortlich, dass sein Schiff nicht auf Grund läuft. Tut es das doch, hat er sofort ausgespielt.

Dabei ist unerheblich, ob er ein Sympath ist oder nicht. Francesco Schettino war kein Sympath, hat die Costa Concordia auf die Klippe gesetzt, ist feig abgehauen und hat sich am Ende herauslügen wollen. Bilanz: 32 Tote und eine halbe Milliarde Euro Schaden.

Der der feine Herr Gruber war auch kein Sympath, aber er hat offenbar keinen allzu groben Schnitzer gemacht, hat den Kahn durch alle Meerengen gebracht, obwohl ihn seine Leichtmatrosen für einen Deppen hielten.

Es gibt nur zwei wirklich einsame Figuren in der belletristischen Welt: Schiffskapitäne wie Queeg, Ahab, Hornblower, Christoph Columbus oder Herrn Gruber - und den Torwart vor dem Elfmeter.

In der "Caine", die ich dir ans Herz legen wollte, Ciconia, erkennen die Meuterer erst dann, was es heißt, ein Schiff zu kommandieren, als Queeg nicht mehr auf der Brücke steht und ein Kamikaze einschlägt. Das Buch wurde auch verfilmt (mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle), aber Film blieb an der Oberfläche. Sein Drehbuch war wie deine Geschichte: leider nur eindimensional.

Gruß

aligaga
 

Paloma

Mitglied
Hallo Ciconia,

durch den Perspektivenwechsel hat sich inhaltlich ja nichts geändert aber ich meine, so liest es sich deutlich besser.
Wenn ich gewusst hätte, dass deine Geschichte autobiografisch (ganz, teilweise, auszugsweise) ist, hätte ich kein Wort gesagt. Ich kommentiere nie Autobiografien, weil ich niemanden auf die Füße treten möchte und es immer nur zu Endlosdiskussionen führt, weil wirklich niemand es besser wissen kann, wie der, der es erlebt hat. Also entschuldige bitte – ich bin raus.

Liebe Grüße und einen schönen Abend
Paloma
 

Ciconia

Mitglied
Liebe Paloma,

da hast Du wohl etwas missverstanden:
Wenn ich gewusst hätte, dass deine Geschichte autobiografisch (ganz, teilweise, auszugsweise) ist, hätte ich kein Wort gesagt.
Gerade weil sie nicht autobiografisch ist, wollte ich sie nicht in der 1. Person erzählen, sonst hätte ich sie ja im Tagebuch veröffentlichen können.

Gruß Ciconia
 

Ciconia

Mitglied
Lieber aligaga,

verschone mich bitte mit weiteren angelesenen Weisheiten, die nichts mit der hier beschriebenen Welt zu tun haben. Deine Äußerungen lassen vermuten, dass Du niemals als Angestellter in einem Großkonzern gearbeitet hast, sonst würdest Du nicht solche Formulierungen verwenden:
Commmandante Gruber ist allein dafür verantwortlich, dass sein Schiff nicht auf Grund läuft.
hat den Kahn durch alle Meerengen gebracht
Glaub mir, es sind überwiegend Sklaven (oder Leichtmatrosen), die den Kahn rudern, und Leute wie Gruber, die die Leistungen dann als die ihre verkaufen. Und wenn es um Verantwortung geht, lässt sich manchmal auch ein Sklave finden, dessen Kopf dann rollt. Nicht immer, aber oft gesehen.

Ciconia
 
A

aligaga

Gast
Ja, du hast recht, Ciconia. Nur wer sich ganz lang als kleines Rädchen in einem ganz großen Konzern gedreht hat, weiß, wie man ihn verantwortlich führt. Jeder kann es, nicht wahr? Man muss ihn nur lassen. Es ist ja so einfach!

Heitere Grüße

aligaga
 

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